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                                                                                                                                                                    23.02.2001
          Nullnummer in Ankara
          Wechselkurs der Währung freigegeben. Türkische Lira sackt in den Keller. Von Wolfgang Pomrehn

          In der Türkei werden wohl demnächst ein paar zusätzliche Nullen an die Geldscheine angeklebt werden müssen.
          Um fast ein Drittel ihres Wertes sackte die Türkische Lira am Donnerstag bis Redaktionsschluß ab. Für einen
          einzigen der langweiligen grau-grünen Ein-Dollar-Scheine mußte man zuletzt 880 000 Lira auf den Tisch legen.

          Der Einbruch folgte unmittelbar auf die Freigabe der Wechselkurse und war offensichtlich mit dem Internationalen
          Währungsfonds (IWF) abgesprochen, unter dessen Kuratel sich die Türkei aufgrund einer schweren Finanzkrise
          befindet. Ausgelaugt durch hohe Ausgaben für den Krieg gegen die kurdische Bevölkerung und die weit verbreitete
          mafiose Kriegswirtschaft hängt das Land seit längerem am Tropf der internationalen Finanzinstitutionen, die
          Ankara wiederholt mit Krediten über akute Zahlungsschwierigkeiten hinweggeholfen haben. Erst im Dezember gab
          es zeitgleich mit der Erstürmung der Gefängnisse, bei der Dutzende politische Gefangene umgebracht wurden, ein
          Hilfspaket in Höhe von umgerechnet etwa 28 Milliarden DM. Man kann davon ausgehen, daß dies auch eine Art
          Belohnung der deutschen und US- amerikanischen Bündnispartner, die im IWF das Sagen haben, für die
          politischen Morde war.

          Mit der jetzigen Freigabe der Währung hat die Regierung nach eigenem Bekunden die Abwertung bewußt
          herbeigeführt, um höhere Einnahmen aus der Exportwirtschaft und dem Tourismus zu erzielen. Während sie hofft,
          auf diesem Wege die Zahlungsbilanz zu verbessern, um der Auslandsverschuldung Herr zu werden, werden die
          einheimischen Verbraucher das mit drastisch steigenden Preisen für Importgüter bezahlen müssen. Auch IWF-Chef
          Horst Köhler geht davon aus, daß die schon zuvor grassierende Inflation kurzfristig weiter angeheizt wird. Woher er
          die Hoffnung nimmt, sie könnte mittelfristig durch die freien Wechselkurse eher gebremst werden, bleibt allerdings
          sein Geheimnis.

          Während Verbraucher sinkenden Lebensstandard und Arbeiter weiteren Druck auf ihre Löhne zu befürchten haben,
          reagierte die Börse euphorisch. Um mehr als zehn Prozent kletterten die Kurse nach dem Absturz der Lira. Am
          Vortag hatten sie inmitten eines international unsicheren Klimas, aber vor allem aufgrund einer befürchteten
          innenpolitischen Krise 18 Prozent verloren.

          Zur Zufriedenheit der Börsenmakler dürfte auch beigetragen haben, daß sich Ankara beeilte zu versichern, man
          werde die IWF-Auflagen auf jeden Fall erfüllen. Der weiteren Ausplünderung des öffentlichen Dienstes steht also
          nichts im Wege. Als nächstes sollen die staatliche Fluggesellschaft und das Telekom-Unternehmen an die Reihe
          kommen.

          Passend zum wirtschaftlichen Crashkurs wird die Repressionsschraube weiter angezogen. Bereits im Januar sind
          zwei Funktionäre der kurdischen Partei HADEP spurlos verschwunden. Ihre politischen Freunde gehen davon aus,
          daß sie von staatlichen Organen verschleppt wurden. Damit würde erstmals seit über zwei Jahren eine früher
          gängige und zwischenzeitlich auf internationalen Druck hin eingestellte Praxis wieder aufgenommen. In der
          Vergangenheit sind die Leichname der Opfer zumeist Wochen nach ihrem Verschwinden mit Spuren schwerer Folter
          aufgefunden worden.

          Derweil wurde bekannt, daß die Staatsanwaltschaft in Ankara das Verbot des Menschenrechtsvereins IHD fordert.
          Die Organisation ist seit Jahren schweren staatlichen Repressalien ausgesetzt, die bis zur Folter einzelner
          Mitglieder und Inhaftierungen reicht. Der IHD versucht immer wieder, die internationale Öffentlichkeit gegen die
          politische Unterdrückung in der Türkei und die barbarischen Zustände auf türkischen Polizeiwachen zu mobilisieren.
          Zu den neuen Vorwürfen der Staatsanwaltschaft sagte IHD-Chef Hüsnü Öndül, die Ankläger bezögen sich vor allem
          auf die Proteste des IHD gegen die umstrittene Gefängnisreform in der Türkei.
 
 
 

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