Die Türkei
als Testfall für die Regierung Bush
Würde
Washington einen «Bailout» unterstützen?
Die
Administration Bush hat den türkischen Behörden, ohne zu zögern,
Rückendeckung für den Entschluss zugesichert, die Lira floaten
zu lassen. Ob die «volle Unterstützung» auch eine Beteiligung
an einer vielleicht notwendig werdenden internationalen Rettungsaktion
einschliessen werde, steht aber nicht fest. Bis jetzt hat sich die neue
Mannschaft in Washington überaus kritisch über solche «Bailouts»
geäussert.
Cls.
Washington, 25. Februar
Namhafte
Exponenten der Administration Bush haben sich in den vergangenen Wochen
sehr ungnädig zur Arbeit des Internationalen Währungsfonds (IMF)
geäussert und dabei besonders das Krisenmanagement während der
globalen Finanzmarktturbulenzen scharf kritisiert. Bushs wirtschaftspolitischer
Koordinator und Berater, Lawrence Lindsey , ist internationalen Rettungsaktionen
für in Finanzkrisen geratene Länder grundsätzlich abgeneigt.
Nach seiner Meinung müssen die verantwortlichen Behörden und
die internationalen Anleger und Geldgeber die Verantwortung für ihr
Handeln selbst tragen. Von IMF-orchestrierten «Bailouts», welche
die Marktteilnehmer in seinem Urteil nur zu noch leichtsinnigerem Agieren
verleiten, hält Lindsey nichts. Schatzsekretär Paul O'Neill hat
sich verschiedentlich ähnlich geäussert, wobei er allerdings
den Fall Mexiko von seiner Kritik ausnimmt, und zwar mit der Begründung,
dass die Hilfeleistung dort erfolgreich gewesen sei. Mit der Gewährung
von massiven Krediten des IMF und der Administration Clinton sei 1995 die
Lage in Mexiko rasch stabilisiert worden, und Mexiko habe seine Schulden
frühzeitig zurückbezahlt.
Ratschläge
an den IMF
Dasselbe
sagt O'Neill von den konzertierten Aktionen in Südostasien nicht.
Dort hätte der Währungsfonds aggressiver handeln müssen,
um die Krisen zu verhindern. Besonders scharf verurteilt der neue Schatzsekretär
das Vorgehen in Indonesien sowie die Hilfeleistung an Russland im Sommer
1998. In beiden Fällen, ganz besonders aber in Russland, habe man
einen Fehlschlag voraussehen können. O'Neill setzt sich dafür
ein, dass der IMF über Probleme in spezifischen Ländern offener
spricht und so die Behörden zwingt, frühzeitig Schritte zu unternehmen.
Beim Währungsfonds hält man dies für kontraproduktiv; öffentliche
Kritik an einem Land könne eine Kapitalflucht auslösen und zu
einer Liquiditäts- und Vertrauenskrise führen, die sonst vielleicht
nicht eintreten würde.
Keine
Brüskierung
Im
Falle der Türkei hat O'Neill letzte Woche keine Minute gezögert,
den Behörden volle Rückendeckung für den Entschluss zuzusichern,
die Lira floaten zu lassen, und Präsident Bush tat das Gleiche in
einem Telefongespräch mit Premierminister Ecevit. Ob die Sympathiekundgebung,
die in erster Linie zur Beruhigung der Märkte gedacht war, eine Beteiligung
an einer allfällig nötig werdenden internationalen Rettungsaktion
einschliessen werde, ist aber nicht sicher. An den Finanzmärkten wartet
man gespannt auf Signale, wie sich die Administration Bush bei einer Zuspitzung
der Lage verhalten wird. Beobachter halten es allerdings für eher
unwahrscheinlich, dass ausgerechnet im Falle der Türkei die von Bushs
Mannschaft in Aussicht gestellte «grössere Zurückhaltung»
oder gar Lindseys «Laisser-faire» exerziert wird. Nicht von
ungefähr hat O'Neill in seiner Stellungnahme die Türkei einen
wichtigen Verbündeten und guten Freund der USA genannt. Ausserdem
dürfte das State Department grösstes Interesse daran haben, die
Türkei nicht vor den Kopf zu stossen. Sicherheits- und Wirtschaftsfragen
sollen ohnehin in der neuen Administration besser koordiniert werden.
Unbesetzte
Positionen
Grosse
Kursänderungen in der internationalen Finanzpolitik dürften wohl
auch deshalb nicht unmittelbar bevorstehen, weil die wichtigen Posten im
Schatzamt noch gar nicht besetzt sind bzw. zum Teil noch von der alten
Garde gehalten werden. Dies gilt vor allem für den Unterschatzsekretär
für internationale Angelegenheiten. Sollte dieser Job allerdings an
den Mann gehen, der am meisten im Gespräch steht, nämlich den
Geldtheoretiker John Taylor von der Stanford-Universität, dann könnten
mittelfristig auf der internationalen Finanzbühne neue Töne angeschlagen
werden. Taylor ist einer der schärfsten Kritiker des IMF und hat vor
zwei Jahren in einem Interview sogar für dessen Abschaffung plädiert.
Er teilt Lindseys Meinung, dass das Kreditpaket für Mexiko dem Land
wirtschaftlich nicht geholfen, sondern lediglich die internationalen Anleger
gerettet habe. Diese hätten umso leichtfertiger in Asien investiert
und die dortige Krise ausgelöst. Als Unterschatzsekretär für
internationale Fragen könnte Taylor enormen Einfluss auf den Währungsfonds
und die Weltbank ausüben.
Neue Zürcher
Zeitung, Ressort Wirtschaft, 26. Februar 2001, Nr.47, Seite 15