Abschied
vom alten Stabilisierungsprogramm
Übergang
der Türkei zum Floating
Die
dramatischen Kursstürze der Istanbuler Börse Anfang dieser Woche
haben die türkische Regierung dazu gezwungen, am Donnerstag den Wechselkurs
der Landeswährung freizugeben. Damit hat Ankara den Weg für eine
deutlich tiefere Notierung der Lira geebnet und Abschied vom bisherigen
Stabilisierungsprogramm genommen.
it.
Istanbul, 22. Februar
Nach
einer stürmischen, 12-stündigen Krisensitzung hat die Regierung
Ecevit in der Nacht auf Donnerstag den Wechselkurs der türkischen
Lira freigegeben. Ziel dieser Massnahme sei es, über eine schwächere
Valuta höhere Einnahmen aus dem Export und dem Tourismus zu erzielen,
hiess es in einer Erklärung. Die Regierung versicherte ferner, das
mit dem Internationalen Währungsfonds (IMF) vereinbarte Programm zur
Stabilisierung der Wirtschaft weiterhin strikt verfolgen und die Privatisierung
der staatlichen Flug- und Telefongesellschaft vorantreiben zu wollen.
Massive
Tieferbewertung
Die
Wechselkursfreigabe hatte schon bei Beginn des Handels am Donnerstag eine
Tieferbewertung der Lira gegenüber den wichtigsten Währungen
um rund 30% zur Folge gehabt. So stieg der US-Dollar von 685,391 Lir. auf
957,615 Lir. Laut Schätzungen internationaler Beobachter soll sich
die Lira nach einem Terrainverlust von 20% bis 30% mittelfristig wieder
stabilisieren können. Türkische Marktanalytiker hingegen rechnen
mit einer «Abwertung» in der Grössenordnung von 40% bis
45%.
Mit
dem Übergang zum Floating nimmt die Türkei faktisch Abschied
von ihrem bisherigen Stabilisierungsprogramm. Schlüsselelement dieses
mit dem IMF vereinbarten Programms war nämlich, die türkische
Valuta an einen Währungskorb, bestehend aus dem Dollar und dem Euro,
zu binden und so eine der Inflation angepasste Kursentwicklung zu erlauben.
Damit und mit einer über drei Jahre laufenden Kreditzusage des IMF
in Höhe von rund 11 Mrd. $ hoffte Ankara, die chronisch hohe Inflationsrate
im Staat drücken zu können.
Die
Freigabe des Kurses wird nun zwar die Bedienung der in Landeswährung
denominierten Auslandschulden von umgerechnet 4 Mrd. $ erleichtern, die
nächsten Monat fällig wird. Sie wird aber zugleich die Inflation
anheizen. Zudem könnte es für das türkische Bankensystem
schwierig werden, seine Verpflichtungen in ausländischer Währung
von schätzungsweise 15 Mrd. $ zurückzuzahlen. Zumindest einige
kleinere Banken werden vermutlich zu den Opfern des Floating gehören.
Unerwarteter
Streit als Auslöser der Krise
Die
Wechselkursfreigabe in der Nacht auf Donnerstag war für die Regierung
offenbar das einzige Mittel, um dem Einbruch der Finanzmärkte Einhalt
zu gebieten. Letzten Mittwoch sackte der Aktienindex der Istanbuler Börse
um 18%; dies war der grösste je registrierte Tagesverlust. Seit Beginn
der Woche ist der Index um insgesamt rund 33% eingebrochen. Als Reaktion
auf die drohende Liquiditätskrise kletterten die Interbank-Geldsätze
auf sage und schreibe 6200%. Nachdem die Zentralbank Devisen im Wert von
7,6 Mrd. $ auf den Markt geworfen hatte, stellte sie am Mittwoch laut Experten
ihre Devisenmarktinterventionen ein.
Die
Turbulenzen an den Finanzmärkten waren letzten Montag durch den unerwarteten
Streit zwischen dem Staatsoberhaupt Sezer und dem Regierungschef Ecevit
ausgelöst worden. Bei einer Sitzung des einflussreichen Nationalen
Sicherheitsrates warf der Staatschef dem Premierminister vor, zu wenig
gegen die gravierende Korruption im Lande zu tun. Der 75-jährige Ecevit,
dem, ganz im Gegensatz zu zahlreichen Mitgliedern seines Kabinetts, Korruption
wirklich nicht vorgeworfen werden kann, empfand die Kritik Sezers als persönliche
Beleidigung, rannte zornig aus der Sitzung und sprach von einer «schweren
Krise in der türkischen Staatsspitze». Allein die Vermutung,
der Sturz der Regierung Ecevit und Neuwahlen stünden bevor, löste
in den Märkten Aufruhr aus.
Versäumte
Strukturreformen
Im
Streben nach Schadensbegrenzung hat Ecevit am Donnerstag nochmals öffentlich
beteuert, dass seine Regierung im Amt bleiben werde. Dabei rief er die
Märkte auf, Ruhe zu bewahren, um das Reformprogramm und die damit
verbundenen Kredite des IMF nicht zu gefährden. Die Notenbank kündigte
zudem eine straffe, stabilitätsorientierte Geldpolitik an. Ob aber
mit solchen Erklärungen das verlorene Vertrauen des Marktes wiederhergestellt
werden kann, ist fraglich.
Die
dramatischen Ereignisse Anfang der Woche zeigten, wie volatil die Finanzmärkte
sind und wie verwundbar die Wirtschaft der Türkei ist. Die verantwortlichen
Politiker haben allzu lange gezögert, die eigentlich überfälligen
strukturellen Reformen anzupacken und der Bevölkerung klarzumachen,
wie nötig das Stabilisierungsprogramm für einen Anschluss der
Türkei an die westliche Welt ist. Nun werden für die Sanierung
der Wirtschaft zusätzliche Massnahmen benötigt, was aber für
einen Grossteil der Bevölkerung eine bittere Pille ist. Politische
Beobachter schliessen am Donnerstag nicht mehr aus, dass Ankara deshalb
zu einer autoritäreren Regierungsform übergehen könnte.
Vgl.
Bericht auf Seite 2
Neue
Zürcher Zeitung, Ressort Wirtschaft, 23. Februar 2001, Nr.45, Seite
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