Schwellenländer
im Banne der Türkei-Krise
Verschuldete
Länder unter Druck
nrü.
Die Reaktion der Finanzmärkte der Schwellenländer auf die Krise
in der Türkei kam umgehend. Die Renditen der Anleihen von Schwellenländern,
die in den letzten zwei Monaten mit der Lockerung der Geldpolitik in den
USA deutlich zurückgekommen waren, zogen in den jüngsten Tagen
erneut an. Der Emerging Market Bond Index der Investmentbank J. P. Morgan
(Embi+), der die Kursentwicklung von Anleihen der wichtigsten Schwellenländer
aufzeigt, gab in der ersten Wochenhälfte 2,3% nach. Spiegelbildlich
dazu hat sich die Renditedifferenz zu Staatsanleihen der Industrieländer
- der Risikoaufschlag, den Anleger im Vergleich zu sichereren Staatspapieren
einfordern - um 41 Basispunkte (Bp) ausgeweitet. Betroffen waren vor allem
russische und bulgarische Anleihen, aber auch die argentinischen Märkte
gerieten unter Druck. Die entsprechenden Emerging-Market-Bonds verloren
in den ersten Wochentagen zwischen 3,6% und 5,0% an Wert. Besonders vergleichsweise
liquide Titel - wie die 30-jährigen russischen Bonds - litten unter
der Nervosität und dem schwindenden Risiko-Appetit der Anleger. Auch
die Aktienmärkte von Russland, Bulgarien und Argentinien verbuchten
im Wochenverlauf deutliche Verluste.
Beruhigung
der Lage
Obwohl
die Märkte weiterhin auch in der zweiten Wochenhälfte volatil
blieben, hat sich die Situation seit Mittwoch, nachdem die Türkei
ihre Währung freigegeben hatte und sowohl der Internationale Währungsfonds
(IMF) als auch US-Staatssekretär Paul O' Neill dem Land ihre Unterstützung
zugesagt hatten, in den Schwellenländern bereits wieder stabilisiert.
Die wenigsten Marktteilnehmer rechnen damit, dass sich die Ereignisse in
der Türkei zu einer neuen Emerging-Market-Krise ausweiten könnten.
Es ist allerdings bezeichnend, dass vor allem hochverschuldete, problembehaftete
Länder von den politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen der Türkei
am stärksten tangiert wurden.
Gemäss
Emerging-Market-Experten ist Argentinien das Land, das am ehesten in den
Türkei-Strudel hineingerissen werden könnte. Der argentinische
Peso ist, ähnlich wie die türkische Lira noch vor ein paar Tagen,
an einen fixen Wechselkurs gebunden. Allerdings handelt es sich im Falle
von Argentinien nicht um eine einfache Bindung an einen definierten Korb
von Währungen, sondern um ein Currency Board, wo die Dollar-Reserven
der Notenbank die gesamte inländische Geldmenge abdecken. Die Auslandverschuldung
des Landes beläuft sich auf 145 Mrd. $. Die ausländischen Verpflichtungen
der Türkei liegen nur geringfügig darunter (106,5 Mrd. $). Auch
dem südamerikanischen Staat musste der IMF im letzten Jahr mit einem
Kredit zu Hilfe eilen. Nicht weniger angeschlagen als die türkische
Regierung ist auch die Mannschaft von Präsident De la Rúa.
Einen wichtigen Unterschied zur Türkei stellt allerdings der relativ
gesunde Bankensektor des Landes dar. Das argentinische Bankensystem wurde
bereits in den neunziger Jahren saniert und weist seither eine relative
hohe Eigenmittelbasis auf. Dieser Faktor dürfte dazu beitragen, eine
«Ansteckung» durch die Türkei und eine weitere Verschärfung
der Krise zu verhindern.
Wird
alles gut?
Die
Emerging-Markets-Spezialisten schliessen Parallelen mit früheren Schwellenländerkrisen
aus verschiedenen Gründen aus. Einerseits handle es sich bei den Turbulenzen
in der Türkei um eine isolierte, hausgemachte Situation eines einzelnen
Schwellenlandes, das mit einem hohen Reformbedarf konfrontiert ist. Die
Asien-Krise, die 1997 in Thailand begann, war demgegenüber das Produkt
der Strukturkrise einer gesamten Region. Andrerseits kam die Krise in der
Türkei nicht völlig überraschend. Die meisten Investoren
haben bereits im Zuge der letzten Finanzmarktturbulenzen im November ihre
Engagements in der Türkei deutlich zurückgefahren. Die Schwierigkeiten
der Türkei wurden an den Finanzmärkten der Schwellenländer
zumindest teilweise bereits eskomptiert, und die Zahl der aufgeschreckten
Investoren, die ihre Gelder aus den übrigen Emerging Markets abzogen,
hielt sich deshalb in Grenzen. Ein weiterer Faktor, der eine Ausbreitung
der Krise verhindern dürfte, ist die geringe Handelsverflechtung der
Türkei mit anderen Schwellenländern. Die Importe des Landes stammen
zum grössten Teil aus europäischen Industrieländern.
Hohe
Volatilitäten
Ob
die Schwellenländer allerdings bereits das Schlimmste überstanden
haben, ist umstritten. Die Ausweitung einer Krise auf andere Emerging Markets
lässt sich praktisch nie definitiv ausschliessen. Eine Erholung der
wirtschaftlichen Situation in der Türkei zeichnet sich nicht ab, und
die notwendige Sanierung des Bankensektors wird einige Zeit in Anspruch
nehmen. Auch der Flächenbrand in Asien und das anschliessende Schuldenmoratorium
Russlands waren von den wenigsten Marktteilnehmern im Voraus erwartet worden.
Es darf somit davon ausgegangen werden, dass die Unsicherheit und die hohe
Volatilität an den Finanzmärkten der Schwellenländer noch
einige Zeit andauern werden.
Neue Zürcher
Zeitung, Ressort Börsen und Märkte, 26. Februar 2001, Nr.47,
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