FAZ 01.12.00
Türkei
Krise
spitzt sich zu
1. Dez. 2000 Auch wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) bereit ist, die Türkei bei ihrem Kampf gegen die aktuelle Liquiditätskrise durch weitere Zahlungen zu unterstützen, scheint die Krise noch nicht vorbei zu sein. So sind am Freitag nicht nur die Beamten für einen Tag in Streik getreten, auch die kurzfristigen Zinsen stiegen vorübergehend auf die exorbitante Höhe von 1.700 Prozent. Händler sprachen von einer nachhaltigen Störung des Kreditgeschäftes zwischen den Banken, da es Unsicherheiten über den finanziellen Zustand der jeweiligen Gegenpartei gebe. Dadurch werde die Lira zusätzlich verknappt. Daneben setzen die hohen Zinsen aber einige ohnehin angeschlagene Banken weiter unter Druck. Aufgrund ihrer verzweifelten Suche nach Liquidität seien sie bereit, nahezu jeden Zins zu zahlen, sagte ein Marktteilnehmer. Der hohe Zins steht auch einem Wiederaufschwung der Börse entgegen. Diese gab auch am Freitag wieder massiv nach. Beruhigt haben sich dagegen die Kurse von türkischen Eurobonds, in denen nahezu kein Handel mehr stattfindet. Bis Anfang der Woche hatten die Kurse um 200 Basispunkte nachgegeben.
Der IWF begrüßte
die Entscheidung der Zentralbank, eine Erhöhung der Kurzfristzinsen
herbeizuführen. Der Fonds will die Verhandlungen mit der Regierung
über die Bereitstellung eines zusätzlichen Überbrückungskredits
über mehrere Milliarden Dollar vorantreiben. Dazu würden an diesem
Wochenende zwei Delegationen in die Türkei reisen, hieß es vom
IWF.
Beamte streiken
Eine strikte Einhaltung der
Vereinbarungen könnte aber problematischer werden, als es sich der
Fonds vorstellt. Zehntausende türkische Beamte sind am Freitag für
einen Tag in den Streik getreten und haben damit das öffentliche Leben
weitgehend lahm gelegt. So gingen in Ankara und anderen Städten die
Beamten auf die Straßen, obwohl ihnen das Gesetz die Beteiligung
an Streiks verbietet. Sie riefen
"IWF raus" und forderten die Regierung
zum Rücktritt auf. Das Innenministerium erwägt, Geldstrafen gegen
die Streikenden zu verhängen.Eine Dachorganisation von 15 Gewerkschaften
hatte zur Arbeitsniederlegung aufgerufen, nachdem die Regierung eine Lohnerhöhung
von zehn Prozent für das erste Halbjahr 2001 angeboten hatte. Das
Angebot entspricht dem strengen Programm des IWF zur Inflationsbekämpfung.
Die Inflationsrate in der Türkei liegt zurzeit bei etwa 50 Prozent.Ein
finanzielles Engagement ist unter diesen Umständen in diesem Markt
vorerst nicht anzuraten.
IWF bleibt hart
Gleichzeitig machte der Währungsfonds
aber deutlich, dass der IWF eine zusätzliche Unterstützung des
Landes von der Einhaltung der in der Kreditvereinbarung über vier
Milliarden Dollar getroffenen Absprachen zu Geld- und Bankenpolitik abhängig
machen wird. Nur im Vertrauen auf eine harte Linie der Regierung sei er
gewillt, dem Exekutivausschuss des IWF die Bereitstellung weiterer Mittel
zu empfehlen, sagte IWF-Generaldirektor Horst Köhler.