it van Gent A.
Ringen um Vertrauen in der Türkei /Erste Massnahmen eines umfangreichen Notprogramms
Der neue Wirtschaftsminister der Türkei, Kemal Dervis, hat die Sanierung des maroden Bankensystems zum Kernstück seines Wirtschaftsprogramms gemacht. Die defizitären staatlichen Banken sollen teilweise fusioniert und unter einem gemeinsamen Vorstand zusammengelegt werden. Die Märkte reagierten skeptisch auf die Ankündigung.
it. Istanbul, 15. März
Der neue, mit umfassenden
Kompetenzen ausgestattete Wirtschaftsminister
derTürkei, Kemal Dervis,
hat am späten Mittwochabend sein erstes Massnahmenpaket zur Bekämpfung
der schweren Finanzkrise vorgestellt (vgl. NZZ vom 15. 3. 01). Kernstück
seiner Rettungsaktion sei die Sanierung des verschuldeten Bankenwesens,
sagte Dervis vor Journalisten. Dabei sollen drei der insgesamt vier stark
defizitären staatlichen Banken unter einem gemeinsamen Vorstand zusammengelegt
werden. Ferner werde die Zentralbank durch eine forcierte Intervention
auf dem Devisenmarkt die kurzfristigen Schwankungen
der türkischen
Währung auszugleichen versuchen. Dervis kündigte auch an, dass
Engin Akcakoca zum Vorsitzenden des Banken-Aufsichtsrates und Faik Öztrak
zum Chef des Schatzamtes ernannt wird.
Schmerzhafte Notmassnahmen
Wie der Wirtschaftsminister
ausführte, handelt es sich bei diesem Paket um die ersten Notmassnahmen
und nicht um das eigentliche, von der Wirtschaft erwartete makroökonomische
Sanierungsprogramm. Dieses solle in der kommenden Woche vorgelegt werden.
Erst dann wolle die Regierung darlegen, wie sie Wachstum, Inflation und
Zahlungsbilanzdefizit künftig in Einklang zu bringen gedenke. Dervis
unterstrich aber, dass der Erfolg dieses Wirtschaftsprogrammes vom Gelingen
der Notmassnahmen abhänge. Wenn das Bankensystem nicht saniert werden
könne, drohe dem Land eine Wirtschaftsschrumpfung von 4% bis 5%. In
einem ersten Schritt will er deshalb die Liquiditätsengpässe
der
staatlichen Banken beseitigen. Damit die betroffenen Banken wieder funktionieren
können, müssten freilich rund 13 Mrd. $ in das System gepumpt
werden. Ein Teil dieses Geldes soll mit Staatsanleihen aufgebracht werden.
Ein weiterer Teil der benötigten Mittel wird wohl auf den internationalen
Finanzmärkten gesucht werden müssen. Der durch Kreditvergabe
und Subventionen auf Grund rein parteipolitischer Überlegungen entstandene
Schaden wird für die vier betroffenen staatlichen Banken auf insgesamt
20 Mrd. $ geschätzt.
In der türkischen Finanzwelt
wird die angekündigte Bildung eines Direktoriums für die krisengeschüttelten
Banken als sehr wichtig eingestuft. Dieses Direktorium soll mit Fachleuten
besetzt werden und frei von politischem Druck sein. Dervis will damit verhindern,
dass die staatliche Kontrolle erneut in die Bedienung von Partikularinteressen
der
politischen Parteien ausufert. Neben den verschuldeten Staatsbanken sollen
auch die Privatbanken genauer unter die Lupe genommen werden. Am Donnerstag
wurde die Iktisat Bankasi unter Bankenaufsicht gestellt. Die Bank steht
auf der rund 80 Banken umfassenden Rangliste
der türkischen Banken
an 19. Stelle. Dervis betonte, dass der Staat die Einlagen
der Gläubiger
weiterhin garantiere; das Wichtigste sei schliesslich, "jetzt das Vertrauen
in die türkischen Banken wiederherzustellen".
Diese Wiederherstellung des
Vertrauens dürfte für den Minister auch deshalb ein primäres
Ziel sein, weil bereits in der kommenden Woche Verbindlichkeiten in Höhe
von mehr als 3 Mrd. $ fällig werden. Neue Kredite aus dem Ausland
sind dringend. Die Unterstützung des Auslandes indessen hängt
massgeblich davon ab, ob das erwartete Sanierungsprogramm
der Regierung
überzeugt. Die Gesamtkosten für die Sanierung der Wirtschaft
nach der Krise vom letzten Februar werden von Bankenexperten inzwischen
auf 15 bis 20 Mrd. $ geschätzt.
Skeptisch reagierende Märkte
Aus dem alten, gescheiterten
Stabilisierungsprogramm, das auch vom IWF unterstützt wurde, hat Dervis
die Notwendigkeit umfassender Privatisierungen übernommen. Neben dem
staatlichen Telefonkonzern Türk Telekom und der nationalen Fluggesellschaft
Turkish Airlines sollen bald auch eine Reihe von staatlichen Zucker-, Alkohol-
und Tabak-Monopolen privatisiert werden. Von der türkischen Finanzwelt
wurden die Ankündigungen von Dervis bisher mit Zurückhaltung
quittiert. Kritisiert wird beispielsweise der Umstand, dass Dervis bei
der Verkündung seiner Notmassnahmen im Unklaren liess, wie die Bedienung
von inländischen Verbindlichkeiten in Höhe von rund 5 Mrd. $
bis Ende März geregelt werden soll. Das vorgelegte Massnahmenpaket
offenbare, so wurde von kompetenter Seite moniert, dass es für radikale
Reformen nach wie vor am politischen Willen fehle.
Die Istanbuler Börse
reagierte in der Tat kaum auf die angekündigten Massnahmen, unter
anderem auch angesichts
der allgemein erwarteten Erhöhung der Zinssätze
bis Ende Monat. Die türkische Lira büsste erneut an Wert ein,
wobei die psychologisch wichtige Marke von einer Million Lira zum Dollar
durchbrochen wurde.