it. Istanbul, 11. April
Bei den Massenprotesten von Händlern und Kleinunternehmern gegen die schwere Wirtschaftskrise in der Türkei ist es am Mittwoch in der Hauptstadt Ankara zu schweren Ausschreitungen gekommen. Sie wurden ausgelöst, als die Demonstranten bis zum Parlament marschieren wollten und die Polizei dies zu verhindern suchte. Dabei ging sie mit gepanzerten Wagen, mit Wasserwerfern und Tränengas vor, um die Kundgebung aufzulösen. Aufgebrachte Demonstranten warfen mit Holzlatten und Steinen. Laut ersten Berichten wurden mehr als 100 Personen verletzt, unter ihnen auch 10 Journalisten.
Kleinunternehmer und Händler sind in der Türkei traditionell ausgesprochen konservativ orientiert. Dass sie jetzt wütende Strassenproteste anführen, zeigt das Ausmass der Wirtschaftskrise. Sie hat eine Abwertung der nationalen Währung um über 50 Prozent, astronomische Zinsen und schätzungsweise eine halbe Million Konkurse von Kleingeschäften ausgelöst. Die Arbeitslosigkeit grassiert in dieser Schicht, welche nun den Verlust ihres Lebensstandards und ihres sozialen Ansehens hinnehmen muss. Der renommierte Journalist Cengiz Candar bezeichnet die Proteste als die «Intifada der Kleinunternehmer» der Türkei.
Die türkische Armeeführung steckt in einem Dilemma. Die Drei-Parteien-Koalition unter der Führung Ecevits hat zwar die Hoffnungen, wonach sie wegen ihrer überwältigenden Mehrheit im Parlament die dringenden politischen und wirtschaftlichen Reformen hätte durchbringen können, enttäuscht. Die Bildung einer «Nationalen Regierung» würde aber den Einbezug der Islamisten bedeuten, was die Generäle entschieden ablehnen. Eine andere Alternative innerhalb des demokratischen Rahmens gibt es nicht. Aus Angst vor Neuwahlen lehnt auch der einflussreiche Industriellenverband Tüsiad den Rücktritt der Regierung ab und fordert lediglich eine Kabinettsumbildung.
Noch ist unklar, wie der Druck der Strassenproteste sich auf Ankara auswirken wird. Für nächsten Samstag haben die grösseren Gewerkschaften ihre Mitglieder zu landesweiten Streiks und Protesten aufgerufen. Die Regierung warnt inzwischen vor Provokationen. Wie Innenminister Tantan am Mittwoch verkündete, seien die Zusammenstösse in Ankara von «eintausend Personen unbekannter Herkunft», die die Polizei provoziert hätten, ausgelöst worden. Dabei verkündete er, dass der Staat strenge Sicherheitsmassnahmen für die meisten grossen Städte der Türkei ergreifen werde.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 12. April 2001, Nr.86, Seite 1