Hilfe von
IMF und Weltbank für die Türkei
Die Regierung
Bush verweigert eine direkte Beteiligung
Der
Währungsfonds und die Weltbank sind bereit, der Türkei zur Überwindung
der Wirtschafts- und Finanzkrise mit einer zusätzlichen Finanzhilfe
in Höhe von 10 Mrd. $ beizustehen. Entgegen den Erwartungen kamen
bilaterale Kredite nicht zustande, weil die USA eine direkte Beteiligung
ablehnten.
Cls.
Washington, 27. April
Unmittelbar
vor der Frühjahrstagung der Bretton-Woods-Institutionen, die in einem
stark verdüsterten globalen Umfeld stattfindet, haben der Internationale
Währungsfonds (IMF) und die Weltbank grundsätzlich ihre Bereitschaft
bekundet, der Türkei zur Überwindung der akuten Schwierigkeiten
zusätzliche Finanzhilfe in Höhe von 10 Mrd. $ angedeihen zu lassen.
IMF-Chef Horst Köhler bestätigte am Freitag das Volumen des Kreditpakets,
das am Vortag bereits vom türkischen Wirtschaftsminister Kemal Dervis
verkündet worden war. Nach Köhler ist der Betrag angesichts des
strengen neuen Wirtschaftsprogramms gerechtfertigt. Dieses sei zwar noch
nicht in allen Einzelheiten bereinigt, aber das Exekutivdirektorium habe
an einer Sitzung am Donnerstagabend seine klare Unterstützung bekundet.
Normalerweise kommt ein Kreditbegehren nicht vor den Exekutivrat, wenn
nicht zuvor ein Konsens besteht bzw. wenn nicht sichergestellt ist, dass
von keiner Seite Opposition gemacht wird.
Zögernde
Haltung der USA
Von
dem neuen Finanzpaket übernimmt der IMF 8,5 Mrd. $, die Weltbank 1,5
Mrd. $. Die Kredite dürften innerhalb von zwei Wochen gutgeheissen
werden. Der IMF hatte der Türkei Ende letzten Jahres vor dem Hintergrund
der Bankenkrise bereits Kredite von 11,5 Mrd. $ eingeräumt. Davon
stehen jetzt noch 6,25 Mrd. $ zur Verfügung, die offenbar abgerufen
werden können, obwohl das zugrunde liegende Wirtschaftsprogramm mit
der Freigabe der Lira im Februar aufgegeben wurde. Bei der Weltbank verfügt
die Türkei noch über ungenutzte Kredite von 5 Mrd. $. Wirtschaftsminister
Dervis hatte den zusätzlichen Bedarf auf 10 Mrd. bis 12 Mrd. $ veranschlagt.
Wie er in Washington erklärte, sollen weitere Geldquellen, meist in
Form von Projektfinanzierungen, erschlossen werden. Eigentlich hatte man
erwartet, dass sich bilaterale Gläubiger an einem neuen Hilfepaket
beteiligen würden. Die Europäer, einschliesslich der Schweiz,
waren dazu jedenfalls bereit. Aber eine Vereinbarung ist offenbar am Widerstand
der Administration Bush gescheitert. Namhafte Exponenten der Administration,
wie Schatzsekretär O'Neill und der Hauptwirtschaftsberater Lindsey,
haben sich wiederholt sehr skeptisch zu grossen, vom IMF orchestrierten
Rettungsübungen geäussert. Da es sich bei der Türkei um
einen wichtigen Alliierten handelt, konnte sich Bush allerdings nicht gut
gegen ein IMF-finanziertes Paket stellen.
Weitere
Problemfälle
Laut
dem IMF dürfte die türkische Wirtschaft in diesem Jahr um 2,6%
schrumpfen, aber im nächsten Jahr wird bereits wieder mit einem soliden
Wachstum von 4,9% gerechnet. Der Währungsfonds prognostiziert ferner
eine Teuerung von 48,4% (nach 54,9% im letzten und 64,9% im vorletzten
Jahr), die 2002 auf 28,4% sinken könnte. Gegen den Wunsch des IMF
hatten die türkischen Behörden Ende letzten Jahres auf einem
festen Wechselkurssystem beharrt. Seit im Februar der Lira-Kurs freigegeben
wurde, ist der Aussenwert um fast die Hälfte gesunken.
Die
Türkei ist nicht das einzige Land in der Krise. Zu reden geben wird
an der Frühjahrstagung auch die Lage in Argentinien, das mit drückenden
Finanzproblemen und einer Rezession konfrontiert ist. Beobachter erwarten
eine baldige Abwertung des Pesos, der an den Dollar gekoppelt ist, oder
eine Freigabe des Kurses und eine neue Umschuldungsrunde. Argentiniens
Probleme haben sich bereits negativ auf Brasilien ausgewirkt, das zu Zinserhöhungen
gezwungen war, um einer Flucht aus dem Real vorzubeugen. IMF-Chef Köhler
zeigte sich am Freitag zuversichtlich, dass Brasilien den Sturm meistern
kann. Ebenso meinte er, man sei nahe an einer Lösung für Argentiniens
Probleme. Was Indonesien angeht, so erklärte Köhler, die Voraussetzung
für die Auszahlung neuer Gelder sei eine stabile Politik. Köhler
wie auch Weltbank-Präsident Wolfensohn zeigten sich am Freitag tief
besorgt über die gegenwärtige Lage der Weltwirtschaft. Die neusten,
günstigen Wirtschaftszahlen für die USA widerlegen nach Köhler
nicht die Tatsache, dass sich die USA und die ganze Welt in einer Wachstumsverlangsamung
befinden. Er forderte die Europäische Zentralbank erneut auf, die
Zinsen zu senken und so ihren Teil zur Stimulierung des Weltwirtschaftswachstums
zu leisten.
Neue Zürcher
Zeitung, Ressort Wirtschaft, 28. April 2001, Nr.98, Seite 23