Rahmenabkommen
zwischen Türkei und IMF
Ausmass
des benötigten Hilfspakets noch ungewiss
Der
Internationale Währungsfonds und die Türkei haben sich auf den
Rahmen eines Stabilisierungsprogramms geeinigt. Hilfe der internationalen
Finanzwelt ist dringend nötig, will das Land seine schwere Finanz-
und Wirtschaftskrise überwinden.
it.
Istanbul, 19. März
Der
Internationale Währungsfonds (IWF) und die türkische Regierung
haben sich am Montag auf ein neues Rahmenabkommen zur Sanierung der Wirtschaft
geeinigt. Laut dem Europa-Direktor des IMF, Michael Deppler, handelt es
sich dabei um den Versuch, das antiinflationäre Stabilisierungsprogramm
von 1999 wieder zu beleben. Dieses Programm war vergangenen Februar nach
den heftigen Finanzturbulenzen, die vom schwer verschuldeten staatlichen
Bankensektor ausgelöst wurden, faktisch zugrunde gerichtet worden.
Die türkischen Behörden und der IMF seien diesmal besonders darum
bemüht, das Bankensystem des Landes so zu wappnen, dass es künftig
gegenüber Krisen unempfindlicher sein werde als bisher, sagte Michael
Deppler während einer Pressekonferenz in Ankara. Deppler liess durchblicken,
dass die Türkei über 6 Mrd. $ aus einem zurzeit eingefrorenen
Darlehen vorzeitig erhalten könne. Details wollte der IMF-Direktor
vorerst aber nicht preisgeben. Er sicherte dem neuen türkischen Wirtschaftsminister,
Kemal Dervis, seine volle Unterstützung zu.
Hilfe
vom Ausland dringend nötig
Der
mit umfassenden Kompetenzen ausgestattete Wirtschaftsminister wurde aus
Washington in die Türkei geholt, um die Wogen der schweren Februar-Krise
zu glätten. Seit seinem Amtsantritt Anfang März überrascht
er die Öffentlichkeit durch seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz
immer wieder. Am Wochenende hat er mit den Experten des IMF und mit türkischen
Beamten das Rahmenabkommen ausgearbeitet. Am späten Sonntag hielt
er dann mit den Botschaftern der G-7 ein Arbeitsessen. Wie er am frühen
Montagvormittag der Presse erklärte, sei er nun zuversichtlich, dass
die Türkei nach diesem Rahmenabkommen Hilfe vom Ausland erhalten könne.
Diese Hilfe von «ausländischen Freunden» werde benötigt,
und zwar dringend, unterstrich Dervis.
Wie
hoch die benötigte Hilfe sein soll, ist noch umstritten. Der Regierungschef,
Ecevit, sprach noch von einem Hilfspaket im Ausmass von 25 Mrd. $. Wirtschaftsminister
Dervis hat mittlerweile derartige Spekulationen heruntergespielt. Neue
Kredite zu finden, sei kein Allheilmittel, sagte er. Ein so grosses Hilfspaket
würde der Türkei kurzfristig zwar eine Atempause geben, gleichzeitig
aber auch die bereits sehr grosse Aussenverschuldung weiter in die Höhe
treiben.
Unklarheit
über das Hilfspaket
Auch
der IMF-Europa-Direktor beantwortete Fragen nach dem Ausmass der benötigten
Hilfe nicht. Michael Deppler erklärte am Montag, dass der Fonds bereit
sei, ein im vorigen Stabilisierungsprogramm garantiertes, heute blockiertes
Darlehen von 6 Mrd. $ der Türkei beschleunigt zu geben und Ankara
zu erlauben, diese Hilfsgelder teils für die Bedienung des Schulddienstes
und teils für den Haushalt einzusetzen. Wann diese Gelder Ankara zur
Verfügung gestellt werden könnten, liess er aber offen. Deppler
forderte die Regierung lediglich auf, die notwendigen Reformen diesmal
endlich zu verwirklichen.
Wirtschaftsminister
Dervis hatte letzte Woche eine radikale Rettungsaktion für die türkische
Wirtschaft angekündigt. Kernstück seines Programms war dabei
die Sanierung der verschuldeten staatlichen Banken, die von den politischen
Parteien zur Bedienung ihre Klientel missbraucht worden waren. Um die betroffenen
Banken wieder funktionsfähig zu machen, müssten rund 13 Mrd.
$ in das System gepumpt werden. Ein Direktorium, dem diese Banken unterstellt
werden, soll künftig deren Unabhängigkeit von politischen Eingriffen
sichern. Auch der Zentralbank soll durch Reformen zu Unabhängigkeit
verholfen werden. Die Rettungsaktion des Wirtschaftsministers sieht ferner
die Privatisierung des türkischen Telefonkonzerns Türk Telekom,
der nationalen Fluggesellschaft sowie der Alkohol- und Tabakmonopole vor.
Das Parlament muss diese Reformen noch gutheissen.
Ausländische
Hilfe hänge stark vom Willen der Regierung ab, das Programm umzusetzen,
meinte noch vor kurzem Dervis warnend. Dieses Programm könnte aber
garantieren, dass die Wirtschaftslage in der zweiten Jahreshälfte
verbessert werden könne. Wie Dervis erklärte, erwartet er für
dieses Jahr eine Teuerung bis zu 45%. Die Inflationsrate soll aber bereits
2002 auf 20% gedrückt werden. Das Wachstum werde in diesem Jahr um
2 Punkte schrumpfen und nächstes Jahr wieder eine Rate um 5% erreichen.
Dervis erklärte, dass die Regierung bis Mitte April dem IMF eine Absichtserklärung
mit Details über die geplanten Reformen vorlegen und kurz danach das
Stabilisierungsprogramm vorstellen werde.
Konsens
gefragt
Noch
muss die Regierung Ecevit die Märkte und internationale Gläubiger
von ihrer Entschlossenheit überzeugen, dass sie jetzt die bitteren
Massnahmen vor allem im Bankensektor auch treffen wird. Die drei Koalitionspartner
müssen ferner garantieren, dass sie sozialen Konsens für das
Stabilisierungsprogramm erreichen können.
Sozialen
Konsens wollte offenbar die Armeeführung signalisieren, als sie in
einer öffentlichen Erklärung die Kürzung ihres Etats mitteilte.
Projekte ohne Priorität würden storniert oder für später
aufgeschoben, verlautete aus dem Generalstab. Dabei wurde offen gelassen,
ob von dieser Massnahme der Kauf von Kampf-Helikoptern oder der von 1000
Kampfpanzern betroffen werde. Gegen das Stabilisierungsprojekt des IMF
haben sich hingegen linke Gewerkschaften ausgesprochen. Sie kündigten
eine Reihe von Streiks an.
Wie
dringend die Hilfe für die Türkei ist, signalisierte die amerikanische
Regierung. Die Türkei sei fähig, Massnahmen zur Überwindung
ihrer wirtschaftlichen Krise zu ergreifen, erklärte der amerikanische
Botschafter in Ankara, Robert Pearson. Dabei machte er klar, dass die USA
bereit seien, der Türkei zu helfen. In diese Richtung geht auch der
Vizepräsident der Weltbank, Nicolas Stern. Er will am Montag in Ankara
den Regierungschef treffen, offenbar um die Bedingungen eines neuen Weltbank-Kredits
zu besprechen.
Neue
Zürcher Zeitung, Ressort Wirtschaft, 20. März 2001, Nr.66, Seite
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