Aufstand in der Türkei: Polizei verletzt
hunderte Demonstranten
von pQ - 11.04.2001 17:48
Seit einigen Wochen gibt es in der Türkei massenhaft Proteste
gegen die
Politik der Regierung, die von ihr und IWF/WTO verursachten
Wirtschaftskrise. Der Türkische Staat geht mit Andersdenkenden
jedoch
nicht zimperlich um.
Die Informationen, die hier in Deutschland ankommen, waren
besonders in der ersten Zeit ziemlich spärlich. Inwieweit die
bürgerliche Presse die Wahrheit schreibt, ist schwer
nachzuvollziehen.
Bei den Gefangenenaufständen (Infos
dazu bei Libertad ) vor einigen Wochen haben die deutschen Medien
die Propaganda des türkischen Staates weitestgehend
übernommen.
Landesweit waren am Mittwoch mehrere Hunderttausend Menschen auf
der Straße, allein in Ankara zwischen 70000 und 100000. Etwa 4000
Polizisten haben verhindern können, daß das Parlament
gestürmt wurde.
Dabei wurden auch Hubschrauber und gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt. So
beschränkten sich die Aufständischen zunächst darauf,
die S-Bahn
lahmzulegen und Geschäfte zu plündern.
Die Türkische Regierung hat mittlerweile alle Demonstrationen
verboten. Trotzdem haben jetzt die Gewerkschaften für Samstag zu
Protestaktionen aufgerufen. Zeitgleich mit den von der Gewerkschaft
geplanten Protesten will die Regierung ein neues Wirtschaftskonzept
vorstellen, in der Hoffnung wieder die Kontrolle zu bekommen.
In einigen europäischen Staaten gab es in Solidarität mit den
Menschen
in der Türkei Besetzungen und kleinere Demonstrationen.
Mehrere Hunderttausend Menschen, überwiegend Kleinhändler,
die die
Opfer der IWF-Politik sind, sind in mehreren Städten auf die
Straße
gegangen. Die Polzei griff meist ohne Vorwahnung an und setzte neben
Tränengas und Schlagstöcken auch scharfe Munition ein. Mit
gepanzerten
Fahrzeugen fuhr sie in die Menge. Die Demonstranten wehrten sich mit
Stöcken und Steinen. In Ankara wurden Barrikaden errichtet.
Eine Forderung der Demonstranten ist ein Rücktritt von Ecevit, in
dessen Kabinett übrigens einige Mitlieder der rechtsextremen
"Grauwölfe" sind.
Die bürgerliche Nachrichtenagentur AP schreibt: "Die Polizei ging
mit gepanzerten Fahrzeugen, Wasserwerfern, Schlagstöcken und
Tränengas gegen die Menge vor. Die Polizisten gaben auch
Warnschüsse in die Luft ab. Rund 100 Demonstranten wurden den
Angaben zufolge in Ankara, etwa 50 in Konya festgenommen. Insgesamt
hatten sich im ganzen Land schätzungsweise mehr als 200 000
Händler und Kleinunternehmer den Protesten angeschlossen. In
Ankara hatten etwa 70 000 Kleinunternehmer demonstriert, in Konya rund
50 000. Im westtürkischen Izmir protestierten 40 000, im
südtürkischen Mersin rund 50 000 und im westanatolischen
Denizli etwa 10 000 Händler. Tausende weitere Menschen
demonstrierten unter anderem in Istanbul, in Gölcük im
Nordwesten und in Gaziantep im Südosten. Die Demonstranten
forderten erneut den Rücktritt der Regierung von
Ministerpräsident Bülent Ecevit. Auf Plakaten stand
«Hau ab IWF - das ist unser Land», «Wir haben
Hunger», «Jetzt reicht es» und «Die Regierung
ist am Ende». Ecevit forderte ein Ende der seit Tagen andauernden
Demonstrationen. Er warnte davor, dass die Proteste negative
Auswirkungen auf die Tourismusbranche haben könnten."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2001,
Nr. 89 / Seite 17
Sechs neue
Gesetze für die staatlichen Banken und öffentliche Verwaltung
sollen die Möglichkeiten der Korruption einschränken; das
soll
beispielsweise durch ein neues Gesetz für öffentliche
Ausschreibungen
und der Beseitigung des Zugriffs von Politikern auf Staatsbanken
geschehen.
Ein neues Gesetz wird der Zentralbank Autonomie gewähren und damit
den Spielraum für die Inflationsbekämpfung erweitern; zudem
sollen
die privaten Geschäftsbanken durch Änderungen im Bankengesetz
in die Lage versetzt werden, sich von der Finanzierung der Staatsschuld
abzuwenden und sich auf die Finanzierung der realen Wirtschaft
auszurichten,
sagte Dervis.
Frankfurter
Rundschau , 17.04.2001
Im
öffentlichen Dienst wird es einen Einstellungsstopp
geben, und die Staatsunternehmen sollen ihre Personalkosten senken. Im
Klartext heißt das: Lohnerhöhungen wird es vermutlich nicht
einmal in Höhe der erwarteten Inflationsrate geben. "Wir alle
müssen
jetzt den Gürtel enger schnallen", mahnt Dervisch.
Das ist keine
erfreuliche
Botschaft für die Kleinunternehmer und Händler, denen das
Wasser
wegen der sprunghaft gestiegenen Zinsen und der Konjunkturflaute
bereits
bis zum Halse steht, sowie für die rund 500 000 Arbeitnehmer, die
seit Beginn der Krise vor sieben Wochen bereits ihre Jobs verloren.
Schon
jetzt leben rund zehn Millionen Türken unterhalb der Armutsgrenze.
Während Dervisch
am
Samstag in der Hauptstadt Ankara sein Reformprogramm erläuterte,
zogen
in der Wirtschaftsmetropole Istanbul etwa 40 000 Arbeiter, Angestellte
und Gewerbetreibende durch die Straßen. Ihre Sprechchöre und
Transparente richteten sich in erster Linie gegen die Auflagen des IWF.
Aber vereinzelt ertönte auch der Ruf "Dervisch, geh zurück
nach
Amerika." Der vor kurzem in den heimischen Medien noch als Retter
gefeierte
frühere Weltbank-Vizepräsident beginnt offenbar bereits in
Ungnade
zu fallen.