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Harte Kritik an Ankaras EU-Reformprogramm

Heftige Vorwürfe der türkischen Medien an die Regierung

Das Reformprogramm der türkischen Regierung zur EU-Kandidatur ist von der Presse als Ausdruck fehlenden politischen Willens bezeichnet worden. Die im Programm vorgesehenen politischen Reformen decken sich kaum mit den von der EU gestellten Bedingungen. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist nun wieder in die Ferne gerückt.
it. Istanbul, 20. März
Die Reaktionen der türkischen Medien auf das am Montag in Ankara vorgelegte sogenannte nationale Programm - ein Paket von Reformen zur Ermöglichung eines EU-Beitritts - sind von Enttäuschung und bitterer Selbstironie gezeichnet gewesen. Mit diesem Programm werde die EU-Vollmitgliedschaft der Türkei zu einem fernen Traum, schreibt die liberale Tageszeitung «Milliyet». Die den Islamisten nahe stehende Tageszeitung «Yeni Safak» spricht gar von einem Programm des Betrugs. Von enttäuschten Erwartungen ist im linksliberalen Blatt «Radikal» die Rede, während die konservative «Hürriyet» sich über die im Programm nicht näher definierten «Dialekte», gemeint ist die kurdische Sprache, lustig macht. Das Fazit der Presse lautet, dass die Regierung die wichtigsten politischen Reformen erneut aufgeschoben hat, indem sie diese im Programm zu mittelfristigen Zielen erklärt. Das bedeutet, dass die Beitrittsverhandlungen mit der EU nicht in einem Jahr, wie die Regierung dies versprochen hatte, sondern erst nach 2004 aufgenommen werden können.
 Unerfüllte Kriterien
Der stellvertretende Regierungschef Mesut Yilmaz bezeichnete am Montag das Programm als ein riesiges Transformations-Projekt, das die politische, soziale und administrative Struktur der Türkei fundamental verändern werde. Die Türkei sowie das türkische Volk würden mit den Kriterien und den Standards der modernen Zivilisation vereinigt, behauptete Yilmaz. Tatsächlich sind die vorgesehenen Reformen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich einschneidend. Der politische Teil lässt hingegen viel zu wünschen übrig. Allzu vage behandelt werden die heikle Frage der Minderheiten, die Rolle der Armee im politischen Geschehen des Landes und das Recht auf Meinungsfreiheit. Die im nationalen Programm vorgeschlagenen Massnahmen erfüllen nicht die Kriterien, welche die Europäische Kommission in ihrem Bericht im vergangenen November als Bedingung für die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gestellt hatte. Im kommenden November soll die Kommission einen Fortschrittsbericht vorlegen, in dem sie das nationale Programm der Türkei genau unter die Lupe nehmen wird. In Ankara werden keine grossen Einwände aus Brüssel erwartet. Die EU-Kommission hatte Ankara klargemacht, dass die Kriterien zur Erfüllung des Beitrittsgesuchs nicht verhandelbar seien. Wann genau diese Kriterien erfüllt und die Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden sollen, kann aber die Türkei selbst bestimmen.
 Ratlosigkeit kurz vor dem Ziel
Die Presse wirft nun der Regierung Ecevit vor, die nötigen Reformen nicht wirklich durchführen zu wollen. Europa sei in zwei Fragen besonders empfindlich: in der Kurdenfrage sowie bezüglich der dominierenden Rolle der türkischen Armee, schreibt «Milliyet». Die Regierung habe den politischen Willen zu mutigen Schritten nicht, obwohl die Gesellschaft die Verwirklichung von radikalen Reformen längst fordere. Während 200 Jahren habe die Türkei den Traum einer Annäherung an Europa gehegt, schreibt auch der den Islamisten nahe stehende Kolumnist Fehmi Koru. Vor den Toren dieses Ziels, der EU, angelangt, wisse die Türkei aber auf einmal nicht mehr, was sie wirklich wolle.
 Kritik aus Zypern
Nikosia, 20. März. (dpa) Die Regierung Zyperns hat am Dienstag das EU-Reformprogramm der Türkei kritisiert. Der Teil des am Vortag präsentierten türkischen Reformprogramms, der die Lösung der Zypernfrage betrifft, entspreche nicht den Forderungen, wie sie beim EU-Gipfel in Helsinki zum Ausdruck gekommen seien, hiess es in einer Erklärung des zypriotischen Regierungssprechers Papapetrou. Die EU habe die Türkei aufgerufen, den Dialog zwischen Inselgriechen und Inseltürken unter Uno-Schirmherrschaft ohne Bedingungen zu fördern, sagte Papapetrou. Die Resolutionen des Uno-Sicherheitsrates sprächen von einem Staat und einer Souveränität auf der Insel. Dagegen sei im türkischen Reformprogramm die Rede von zwei Souveränitäten, eine für die Griechischzyprioten und eine für die Türkischzyprioten. Hinter diesem Satz verbärgen sich die Ambitionen Ankaras zur Bildung von zwei Staaten auf Zypern, sagte Papapetrou.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 21. März 2001, Nr.67, Seite 3