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Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 24. Mai 2002, Nr.117, Seite 9

Perspektiven einer Offensive der USA gegen den Irak

Evaluationen aus der Sicht türkischer Militärs

Von Lothar Rühl
(Der Autor ist freier Publizist und lebt in Bonn. Er war früher Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium. )
Ungeachtet der gegenwärtigen politischen und medialen Konzentration auf den israelisch-palästinensischen Konflikt neigen hohe türkische Militärs und militärische Beobachter in Europa zu der Ansicht, dass die Administration Bush früher oder später gewaltsame Schritte zur Entmachtung von Saddam Hussein im Irak unternehmen werde.

Die blutige Pattsituation im stationären Besatzungskrieg Israels gegen die Palästinenser hat die auf der amerikanischen Nahostpolitik und auf der amerikanischen Strategie gegenüber dem Irak liegenden Risiken kritisch gesteigert. Im Gegensatz zu der Mitte April in Riad öffentlich geäusserten Ansicht des saudischen Aussenministers Saud al-Feisal, dass keine Eskalation der Konflikte im Mittleren Osten durch einen amerikanischen Krieg gegen den Irak drohe, rechnet der türkische Generalstab mit einem Schlag der USA gegen Bagdad und schwer absehbaren Folgen einer länger dauernden militärischen Aktion mit dem Ziel, den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen, sollte eine Intervention nicht im Handstreich gelingen.

 Kein neues Unternehmen «Wüstensturm»
Hohe türkische Militärs sind wie europäische militärische Beobachter im Mittleren Osten überzeugt, dass die Bush-Administration früher oder später gegen Bagdad zuschlagen werde, auch ohne Zustimmung ihrer Verbündeten, notfalls im Alleingang, wahrscheinlich aber begleitet von Briten und Kanadiern. Mehrere Zeichen deuten auf umfangreich für den gesamten Raum des «Wider Middle East» angelegte Vorbereitungen für den Aufbau eines flexiblen Kräfteansatzes mit Flugzeugträgern, seegestützten Marschflugkörpern (Cruise Missiles) auf amerikanischen Schiffen aus dem Golf und Kommandotruppen hin. Ob Truppenverstärkungen in die Region eingeflogen und teilweise von amerikanischen Transportschiffen in der Arabischen See angelandet wurden, bleibt in den Überlegungen, die in Ankara, Kairo, Riad und Amman über die vermutlichen Absichten der USA gegenüber dem Irak angestellt werden, offen.
 Aber die Verlegung der zentralen militärischen Führungsfähigkeit des amerikanischen Kommandos für die Kriegführung in Afghanistan aus der Prinz-Sultan-Basis in Saudiarabien in ein weniger exponiertes Hauptquartier nach Qatar an der Golfküste und der Ausbau der amerikanischen Stützpunktanteile in den kleineren Golfstaaten zwischen Kuwait und Oman sind eine erste Voraussetzung für politische Handlungsfreiheit der Amerikaner. Zugleich wird damit das Verhältnis zu Saudiarabien geschont und das Königshaus Saud für den Fall eines amerikanischen Schlags gegen den Irak politisch entlastet.

 Das Problem für eine militärische Grossaktion der USA am Golf gegen den Irak ist weniger der Kräfteansatz und damit der Umfang der Operationen als der Mangel an frei verfügbaren Stützpunkten, an Aufmarschgebiet und offenem Luftraum in Einsatznähe zum Zielgebiet Irak. Die Alliierten der USA halten übereinstimmend eine Neuauflage des Unternehmens «Wüstensturm» von 1991 für ausgeschlossen. Auch eine exklusive Luftkriegführung nach dem Beispiel der «air campaign» vor «Desert Storm» am Boden über mehrere Wochen durch Luftangriffe auf Infrastruktur und Rüstungspotenzial des Iraks wird nicht als die wahrscheinliche amerikanische Angriffsart angesehen, obwohl Luftangriffe stattfinden würden, schon um Kommandoaktionen luftbeweglicher Kräfte abzuschirmen und militärischen Widerstand grösseren Ausmasses zu unterdrücken. Hohe Militärs in verschiedenen Ländern des Mittleren Ostens rechnen mit amerikanischen Kommandounternehmen und Luftangriffen mit dem Ziel, die politische und militärische Führung des Iraks durch elektronische Kampfführung fernmelde- und informationstechnisch handlungsunfähig zu machen und den gesamten Staatsapparat durch Totalstörung aller Funkfrequenzen aus der Distanz zu lähmen.

 Der Fächer der Optionen ist in Washington weit aufgeschlagen. Die amerikanischen Konzeptionen von «cyber warfare» oder Informationskrieg und «strategischer Raumkontrolle» um den Konfliktschauplatz könnten gegen den Irak zum ersten Mal umfassend und tief eingreifend angewendet werden. Zweifel werden dabei an dem Erfolg solcher Aktionen gegen die Person Saddam Husseins selber angemeldet. Dieser könnte sich verbergen und unerkannt, auch aus der Distanz aufklärungstechnisch nicht überall und ständig verfolgbar, für längere Zeit ausweichen wie die Taliban- und Al-Kaida-Führer in unwegsamem Berggelände Afghanistans oder Pakistans. Das Bagdader Regime hat seit Jahren wohlausgestattete, sichere Verstecke für den Diktator und den engsten Führungskreis vorbereitet.

 Doch die Amerikaner könnten den Regierungsapparat desorganisieren und eine Lage herbeiführen, in der nichts mehr funktionierte, was Elektrizität und allgemein Energie braucht, in der auch die technische Kontrolle des Regimes und damit die Herrschaftsstruktur sich auflösen würde und als Folge die ohnehin vor allem als Fassade dargestellte Unterstützung der Diktatur durch die Bevölkerung zusammen mit den Organisationen der Einheitspartei Baath und der Sicherheit einbrechen könnte. Man kennt in der Türkei diese Strukturen und deren Funktionen samt der ihnen dienenden technischen Organisationen sehr wohl, was auch für die anderen Nachbarn, Iran und Syrien, gilt.

 In jedem Fall sind die Amerikaner auch nach türkischer Ansicht bei entsprechendem Kräfteansatz und technischem Mitteleinsatz fähig, in jedem dieser grossen Länder des Mittleren Ostens ein technisches Chaos zu produzieren und jede zentrale Kontrolle seitens der Regierungen für lange Wochen auszublenden. Damit würde eine nationale Krise auch ohne Massenverluste von Armee und Bevölkerung mit einer politischen Regimekrise der Isolierung und der Reaktionsunfähigkeit bei schweren materiellen Substanzverlusten für das Land herbeigeführt, in der weder «Solidarität mit der Führung» in Massendemonstrationen noch organisierter Widerstand gegen eine fremde Interventionsmacht wirksam werden könnten. Die amerikanische Eskalationsfähigkeit und die Freiheit von Streitkräften, gegen den Irak zu operieren, wären nicht begrenzt wie diejenige Israels in Palästina, obwohl auch die USA politische Rücksichten zu nehmen hätten und auf bestimmte Basen und Zugänge, damit auf andere Staaten der Region angewiesen wären, um gegen den Irak Krieg zu führen.

 Ungewisse Folgen einer Militäroffensive
In diesem Punkte aber setzt die Frage nach den Folgen der Kosten für die Region jenseits der Grenzen des Iraks oder von Iran ein. Man fürchtet in Ankara nicht so sehr die Eskalation des Konflikts der USA mit dem Irak als militärisches Ereignis, sondern vielmehr die weiteren politischen Folgen für die Stabilität und territoriale Integrität der benachbarten Länder, in erster Linie des Iraks selber: im Norden eine Abtrennung der irakischen Kurden an der türkischen Südgrenze, im Süden eine Abtrennung der irakischen Schiiten im Gebiet um Basrah mit einem Anschluss an Iran. Weder die türkische Armeeführung noch das aussenpolitische Establishment der Türkei, geschweige denn die (schwache und stets gefährdete) Regierung in Ankara nehmen eine Beteiligung der Türkei an einer Militäraktion gegen den Irak (oder Iran) in Aussicht.
 Aber man sieht sehr wohl, dass im Kriegsfall als Resultat einer Eskalation am Golf die Türkei gezwungen werden könnte, militärisch aktiv zu werden, um ihre Interessen zu schützen (zum Beispiel einen Abfall der irakischen Kurden vom Irak für ein «freies Kurdistan» zwischen beiden Ländern zu verhindern). Auch deshalb hat der türkische Generalstabschef dem amerikanischen Vizepräsidenten nach dem Verteidigungsminister eindringlich die negativen Folgen einer amerikanischen Militäraktion gegen den Irak erläutert. In Ankara ist man sich darüber im Klaren, dass mit dem wahrscheinlichen Schlag der USA gegen den Irak eine Lage entstehen kann, in der die Türkei nolens volens dem amerikanischen Verbündeten für Angriffe auf den Irak ihren Luftraum öffnen und die Benutzung der Stützpunkte freigeben müsste. Sie könnte sich nicht so einfach aus der Affäre ziehen wie etwa Saudiarabien.

 In dieser Frage hält man sich nach aussen sorgsam zurück. Auch vermeidet man jede Beteiligung an der öffentlichen Diskussion im Lande über das Verhältnis zu den USA und die Eventualitäten einer militärischen Eskalation am Golf. Auch Präsident Bushs öffentliche Warnung an die Adresse Teherans Anfang Februar, «Konsequenzen zu gewärtigen», falls Iran sich in Afghanistan einmischen und die provisorische Regierung Karzai «destabilisieren» würde, wird diskret behandelt, obwohl die Türkei gegenüber Iran derzeit vor allem ein Interesse an Ruhe an der Grenze und störungsfreiem Handel hat. Immerhin erklärte der Sicherheitsberater des türkischen Staatspräsidenten, General a. D. Nezihi Caka, im April an der 12. Internationalen Antalya-Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit, dass «mit der zweiten Phase der Krieg gegen den Terror erweitert wird, um nicht nur Terroristen und diejenigen, die sie unterstützen, als Ziele zu treffen, sondern auch feindliche Regime, die Massenvernichtungswaffen entwickeln, als mögliche Ziele einzubeziehen». Es werde sich dabei um «eine nachhaltige, unermüdliche und nicht nachlassende Kampagne mit dem Ziel handeln, Terroristen, die freie Nationen überall auf der Welt bedrohten, sichere Zuflucht zu verwehren und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern».

 Die Türkei im «Weiteren Mittleren Osten»
Die Türkei sieht sich nach den Worten ihres Verteidigungsministers Cakmakoglu gegenüber dieser potenziellen Bedrohung durchaus als ein mögliches Ziel irakischer oder eines Tages auch iranischer Waffen zur Massenvernichtung - zum einen als Verbündeter der USA und Mitglied der Nato, zum anderen «wegen ihrer geostrategischen, geopolitischen und geoökonomischen Position». Es handelt sich um eine Umschreibung der zentralen strategischen Stellung der Türkei in einer konfliktreichen Grossregion, dem «Weiteren Mittleren Osten», in dem man sich als eine regionale Macht sieht, die ihre eigenen Interessen verfolgt, aber im Ernstfall neben der verbündeten amerikanischen Führungsmacht steht, solange diese Interessen beachtet werden. Dies gilt auch für die in Ankara gefürchtete, aber doch schon fest ins Auge gefasste Eventualität eines Krieges der USA gegen den Irak. Einen solchen Krieg möchte die Türkei durch Abschreckung und internationalen Druck auf Bagdad in Sachen ABC-Waffen zwar vermieden sehen, doch rechnet man mit ihm gleichzeitig als Wahrscheinlichkeit.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 24. Mai 2002, Nr.117, Seite 9