NZZ 14.07.2005

PKK-Rebellen stellen die Türkei vor neue Zerreissprobe

   Bombenexplosionen und intensivierte Militäroperationen

   Auf neue Bombenanschläge der kurdischen PKK-Guerilla antwortet die türkische Armee mit verstärkten Militäroperationen im Südosten des Landes. Es droht erneut eine gesellschaftliche Zerreissprobe, welche die Öffentlichkeit hinter sich glaubte.

  it. Istanbul, 13. Juli

   Tausende von türkischen Soldaten, unterstützt von Kampfhelikoptern und Sondereinheiten, haben am Mittwoch in der abgeschotteten zentralanatolischen Provinz Tunceli eine grössere Suchoperation begonnen, um in den Höhlen des gebirgigen Pulumur-Tals Rebellen der Arbeiterpartei (PKK) aufzuspüren. Diese hatten einen Tag zuvor auf einer Strasse nach Tunceli laut Berichten der türkischen Presse Dutzende von Autos angehalten, Reisende ausgeraubt und einen Soldaten entführt. Es handelte sich um die erste Entführung der PKK seit 1998.

Diskussion über Ziele und Strategien

   Intensive Militäroperationen werden auch aus der nordöstlichen Provinz Kars gemeldet, wo Rebellen in der Nacht auf Mittwoch eine Militärkaserne beschossen haben sollen, sowie aus der südöstlichen Region um Bingöl. Da waren Anfang Juli drei Güterzüge von ferngesteuerten Sprengsätzen zum Entgleisen gebracht worden. 6 Sicherheitsleute kamen dabei ums Leben. 114 Soldaten hätten ihr Leben verloren, 54 von ihnen durch Sprengsätze, seitdem die PKK im Juni 2004 ihren einseitigen Waffenstillstand gekündigt habe, meldete die armeenahe Tageszeitung «Hürriyet». Das Fernsehen zeigt wieder Bilder von Soldatensärgen und weinenden Eltern.

   Die Rebellen beschränken ihre Aktionen indessen nicht mehr nur auf den wirtschaftlich rückständigen, hauptsächlich von Kurden bewohnten Südosten der Türkei. Letzten Sonntag explodierte eine Bombe der offensichtlich PKK-nahen Organisation «Befreiungsfalken Kurdistans» im Touristenzentrum Cesme an der Ägäis. 22 Touristen wurden verletzt. Entsetzt sieht die Öffentlichkeit sich wieder mit der gleichen Situation wie in den neunziger Jahren konfrontiert, die sie nach der Festnahme des PKK-Führers Abdullah Öcalan 1999 überwunden zu haben glaubte.

   Fachleute stellen mittlerweile aber mehr Unterschiede als Parallelen zu den neunziger Jahren fest. In den neunziger Jahren habe die PKK die Unabhängigkeit der Kurden propagiert und bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit türkischen Sicherheitskräften einen militärischen Sieg gesucht, sagte der Terrorexperte Nihat Ali Özcan am Mittwoch gegenüber der Tageszeitung «Cumhuriyet». Nach dem Irak-Krieg habe die PKK ihre Ziele und ihre Strategie aber geändert. Nun fordere sie eine Generalamnestie für ihre Rebellen, sie wolle Ankara zu Verhandlungen über die Kurdenfrage zwingen. Die PKK-Angriffe, hauptsächlich ausgeführt mit Minen und ferngesteuerten Bomben, sollten Ankara unter Druck setzen.

Moralische Niederlage der PKK?

   Von «Kriegsspielen der PKK» spricht der kurdische Intellektuelle Enver Sezgin. Die Rebellen seien militärisch geschlagen, übten auf die kurdische Bevölkerung aber grossen politischen Einfluss aus, sagte er gegenüber der liberalen Zeitung «Radikal». Mit ihren jüngsten Angriffen auf zivile Ziele riskiere sie nun allerdings auch eine moralische Niederlage. Die Kurden wünschten keine Rückkehr zu den Zuständen der neunziger Jahre. Sie hätten auch kein Interesse daran, mit neuem Krieg die EU-Perspektive der Türkei zu gefährden. Die PKK suche den Frieden, erklärte am Dienstag der Militärchef der Rebellen, Murat Karayilan, gegenüber Associated Press. Die Türkei fordere aber ihre Kapitulation. Deshalb werde der Widerstand der Kurden fortgesetzt.