NZZ 25.06.04

Attentate in der Türkei vor dem Nato-Gipfel

Umfassende Sicherheitsmassnahmen am Bosporus

   Bei zwei Bombenanschlägen in Istanbul und Ankara sind mehrere Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden. Die Explosionen vier Tage vor dem Nato-Gipfel haben die Sicherheitsbehörden alarmiert. Istanbul gleicht schon jetzt einer Festung.

  it. Istanbul, 24. Juni

   In der türkischen Wirtschafts- und Kulturmetropole Istanbul hat am Donnerstagmittag eine Bombe das zentrale Stadtviertel Fatih erschüttert, das als Hochburg der islamistischen Bewegung bekannt ist. Wie der Nachrichtensender NTV berichtete, habe eine junge Täterin die Bombe in einem öffentlichen Bus explodieren lassen, als dieser an einem Blutspendezentrum des türkischen Roten Halbmonds vorbeigefahren sei. 4 Personen sind dabei ums Leben gekommen, 21 weitere wurden verletzt. Nur wenige Stunden zuvor war in unmittelbarer Nähe des Hilton-Hotels in Ankara, wo am Samstag der amerikanische Präsident erwartet wird, bereits ein Sprengsatz detoniert. Die Urheberschaft für dieses Attentat, bei welchem ein Polizist und ein Passant schwer verletzt wurden, hat offenbar eine kleine marxistisch-leninistische Gruppe übernommen. Wie der Provinzgouverneur von Istanbul, Muammer Güler, erklärte, sollen auch die Täter in Istanbul aus einer marxistischen Gruppierung stammen.

Massive Sicherheitsvorkehrungen

   Die Regierung hat inzwischen versucht, die öffentliche Meinung im In- und Ausland zu beschwichtigen. Die Türkei sei ein sicheres Land, erklärte Aussenminister Abdullah Gül vor der Presse. Solche Unfälle könnten «in London, in Paris, überall» passieren. Dass aber Bomben nur vier Tage vor dem wichtigen Nato-Gipfel an so zentralen Stellen detonierten, hat die Sicherheitsbehörden dennoch in Alarm versetzt. Die Frage, wie in Istanbul, einer Metropole mit einer Bevölkerung von über 13 Millionen, die Sicherheit für so viele hochgestellte Gäste gewährleistet werden könne, steht erneut im Mittelpunkt. Für den Gipfel nächsten Montag und Dienstag werden in Istanbul 40 Staatsführer und Regierungschefs erwartet. Sie werden von fast 2000 Delegierten begleitet. Zudem werden über 1000 Presseleute erwartet. Im Hotel Hilton soll laut Presseberichten das ganze Hotelpersonal ausgewechselt werden.

   Dabei hoffte der Istanbuler Provinzgouverneur, die umfassenden Sicherheitsmassnahmen könnten die Stadt vor bösen Überraschungen verschonen. Er stellte diese Mitte Monat vor. Zur Abwehr von möglichen Anschlägen werden die Streitkräfte die Kontrolle aus der Luft und vom Meer aus übernehmen. Die Meerenge des Bosporus, die quer durch Istanbul Asien von Europa teilt, wird streng überwacht und an den Gipfeltagen für Tanker und Frachter mit Gefahrengütern gänzlich gesperrt. Gesperrt werden auch die Küstenstrasse vom Flughafen in die Innenstadt sowie 184 Strassen, die auf diese Uferstrasse zulaufen. Die Stadt wird in Sicherheitszonen eingeteilt. In der Sicherheitszone eins, in weitem Umkreis um das Tagungszentrum und die angrenzenden Hotels, soll niemand ohne gültigen Ausweis frei verkehren dürfen. Der Autoverkehr wird hier gänzlich eingestellt, und noch ist nicht klar, ob etwa Nahrungsmittelgeschäfte offen bleiben dürfen. Für den Verkehr geschlossen ist die erste Bosporus-Brücke, die Europa und Asien verbindet und das Logo für dieses Gipfeltreffen bildet.

Starke Einschränkungen
      «Das Herz Istanbuls wird drei Tage lang stillstehen», umschrieb die liberale Tageszeitung «Milliyet» die Massnahmen der Sicherheitsbehörden. Die Einwohner sind indessen bemüht, die Folgen der Sicherheitsmassnahmen auf ihren Alltag abzuschätzen. Für Abertausende, die in der Sicherheitszone eins arbeiten oder wohnen, bedeutet der Gipfel eine starke Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Die Hunderttausende, die täglich zwischen der europäischen und der asiatischen Seite pendeln, müssen ihren Lebensrhythmus verändern, wenn sie die Bosporus-Brücke nicht mehr benützen können. Betroffen sind auch die Flugpassagiere. Der Flugverkehr soll laut Presse drei Stunden vor und drei Stunden nach der Ankunft des amerikanischen Präsidenten lahmgelegt werden. Flugzeuge, die dennoch in Istanbul landen wollen, werden zum Flughafen Sabiha Gökcen geleitet, der rund 40 Kilometer östlich des Stadtzentrums auf der asiatischen Seite der Metropole liegt.