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InformationskapitalismusDer informationstechnologische Angriff auf das Soziale am Beispiel des Internets.Ein Informationsdiebstahl von N. Laway aus Göttingen (ca. 80 Seiten bei Schriftgrösse 12; der Text ist auf drei Dateien verteilt - Kapitel 1-3, Kapitel 4 und Kapitel 5, bitte im Inhaltsverzeichnis anklicken) 2. Netzwerktechnologie und Internet 2.1 Die Geschichte des Internet3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus 3.1 New Economy4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles 4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten5. Die informationstechnologische Durchdringung des Sozialen 5.1 Die Reorganisation des privaten und öffentlichen Raums durch die Netzwerktechnologie
Die informationstechnologische Durchdringung des Sozialen durch die Angliederung des virtuellen Raums an den privaten und öffentlichen Raum hat unmittelbare Folgen für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf dem Arbeitsmarkt und im Reproduktionsbereich. Die Reproduktionsökonomie basiert auf bezahlte und unbezahlte Reproduktionsarbeit durch informationstechnologische Netzwerke, mit dem Ziel die gesellschaftliche Fabrik durch die Industrialisierung der sozialen Beziehungen als Modernisierungsprojekt fortzuführen. Soziale Enteignung und sozialer Diebstahl durch das Informationskapital sind an der Tagesordnung. Das informationstechnologisches Netzwerk ist der Transmissionsriemen für den virtuellen Raum.Gemeinsam sind sie die neue Maschinenfabrik in der Metropolenwirklichkeit, die die kostenlose Reproduktionsarbeit tendenziell in informationstechnologische Massenarbeit industrialisieren und ein neues Akkumulationsmodell einer gesellschaftlich umfassenden Reproduktionsökonomie entwickeln wird. Einher geht die schleppende schöpferische gesellschaftliche Zerstörung des privaten und öffentlichen Raums durch den virtuellen Raum. In der Tat wird dieser gesellschaftliche und ökonomische Penetrationsprozess noch einige Jahre dauern, doch gegenwärtig werden mit protoinformationstechnologischen Wohnfabrikseinheiten die Voraussetzungen für dieses Wertschöpfungsvorhaben geschaffen. Die Einbindung der Reproduktionsarbeit erfolgt über Bedienungsportale oder Computer, die dem informationstechnologischen Netzwerk angeschlossen sind. Jedes Bedienungsportal und jeder PC wird zum kostenlosen Arbeitsplatz für das Informationskapital, weil der / die NetuserIn im privaten oder öffentlichen Raum Tätigkeiten zur Wertschöpfung ausführt, für die in vergangenen Zeit bezahlte Arbeitskräfte notwendig waren (z. B. Das Abheben von Geld mit einer Plastikkarte bei einer Bank). Jede Anbindung eines PC in die Netzwerktechnologie ist der erste Schritt zur Industrialisierung des Haushalts und damit der Reproduktionsarbeit zu kostenloser Massenarbeit in der Reproduktionsökonomie. Virtualität ist der technischer Begriff zur Beschreibung einen neuen Form der Unterdrückung und Ausbeutung, mit der die Taylorisierung der Seele der Menschen beginnt. Wenn Abläufe und Strukturen in einem digitalen Informations- und Kommunikationssystem nicht mehr nur physikalisch, sondern für den NetuserIn in einem geschlossenen konsistenten System vorhanden sind, das immer mehr "reale" und "bildhafte" Komponenten hat, bewegt er sich bereits im "virtuellen Raum". Durch ein Verknüpfungssystem der Zeiger und Links werden digitale Daten abgerufen, die durch ein menschennahes Darstellungs- und Anwendungssystem für die NetuserInnen an vorhandene Metaphern der Realität im privaten und öffentlichen Raum gebunden werden. Links, Verknüpfungen und Darstellungsmetaphern sind in diesem stereorealen Raum genauso wichtig, wie die Information und Kommunikation selbst. Damit wird der virtuelle Raum zum Schatten des privaten und öffentlichen Raums - die Verknüpfung von beidem ergibt den stereorealen Raum, der den Menschen in seiner abstrakten Ganzheit und die menschliche Seele im Besonderen für den Informationskapitalismus taylorisiert und einen völlig neuartigen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont für das Soziale kreiert. 5.1 Die Reorganisation des privaten und öffentlichen Raums durch die Netzwerktechnologie Schätzungen gehen davon aus, dass in zehn Jahren 5 Mrd. Internetzugänge vom Mobiltelefon angefangen über die PC -Anwendung im privaten und öffentlichen Raum und über die Vernetzung von Maschinen und Automobilen zur Anwendung kommen. Die globale Maschinenfabrik des virtuellen Raumes wird die sozialen Beziehungen radikal verändern. Bereits heute werden in den USA durch die Netzwerktechnologie Entwicklungen sichtbar, die in einiger Zeit auch im europäischen Wirtschaftsraum zum Tragen kommen: ein Drittel aller Kosten im amerikanischen Gesundheitswesen fallen auf die Erfassung, Speicherung, Verarbeitung und Wiederabrufung von Informationen an. Der Arbeitsaufwand lässt sich nur mit Netzwerktechnologie bewältigen. Der Entwicklungsschub der Netzwerktechnologie macht nicht vor dem europäischen Sozialsystem halt: seit Mitte der neunziger Jahre werden in einem Parallelprozess die sozialen Leistungen und die Sozialadminstration in der BRD mit einem gewaltigen Rationalisierungsangriff radikal verändert um das Gesundheitswesen zu digitalisieren. Die Einführung der Pflegeversicherung hat mehrere Millionen alte und pflegebedürftige Menschen mit und ohne Behinderungen erfasst und durch die Datenverarbeitung in eine messbare Größe verwandelt. Damit wurden die Sozialkosten für die Pflege zum Teil aus der Zuständigkeit der Sozialämter genommen und in einem Deregulierungsprozess auf private Pflegeunternehmen und Pflegeheime sowie Privatpersonen übertragen. Die Messbarkeit der Pflegeleistung durch die Einführung von Pflegestufen stand im Vordergrund dieser Rationalisierung. Die Erfahrungen aus diesem Rationalisierungsvorhaben werden in einer zweiten Stufe auf Menschen mit seelischen und geistigen Behinderungen und auf Körperbehinderte übertragen: bis Anfang 2002 wird in stationären Einrichtungen und Heimen ein ähnliches Rationalisierungssystem eingeführt, dass die Menschen in Hilfebedarfsgruppen einstuft und diese in Geld umrechnet. Die Leistungserbringung wird ähnlich wie durch die Pflegeversicherung in Zeiteinheiten erfasst und in Geldwerte umgesetzt. Nur durch Netzwerktechnologie ist der damit verbundene gewaltige administrative Aufwand zu bewältigen. Eine digitale Vernetzung zwischen Sozialadminstration und den Einrichtungsträgern wird durch das hohe Datenaufkommen notwendig und ermöglicht das Anlegen von Behinderungs-, Krankeits- und Pflegeprofile. Gleichzeitig erleben wir seit 1990 eine Neuauflage der Diskussion um die Eugenik Ein weiterer Schritt zur Digitalisierung des Gesundheitswesens dürfte das digitale Krankenhaus sein. Die Umwälzung des Gesundheitssystems durch die Gentechnologie in Form von neuer scharfsichtiger Diagnosen und der Biotechnologie durch bessere Medikamente und von Ingenieuren und Ärzten, die mit neuen Operationstechniken arbeiten (z. B. vollautomatische Herzoperationen durch rechnergesteuerte Roboter) zeugen nicht nur von einer informationstechnologiefreundlichen Einstellung, sie sind auch als Rationalisierungsangriff auf das überteuerte Gesundheitssystem in der BRD zu werten. Die Informationstechnologie hat dazu geführt, dass sich der Markt Gesundheit verändert und gleichzeitig der Konkurrenzkampf zwischen den Kliniken eine Neuorientierung notwenig macht: Patienten als Kunden und Ware in Doppelfunktion werden zum knappen Gut für Kliniken und Arztpraxen. Ähnlich den Leistungserbringungssystemen in der Pflegeversicherung und Sozialhilfe ist das Abrechnungssystem der Krankenhäuser gerade im Umbruch und wird bis 2003 komplett umgestellt: der Krankenhausarzt muss nun der Krankenkasse eine Art Rechnung schreiben und die erbrachten medizinischen Leistungen durch eine sechsstellige Codenummer plus eines Buchstaben verschlüsseln. Ohne die Netzwerktechnologie sind diese ärztlichen Nebentätigkeiten kaum noch zu bewältigen. Zum "digitales Krankenhaus" gehört wie in allen Geschäftszweigen des digitalen Gesundheitswesens das Qualitätsmanagement, das nicht nur hausinterne Prozesse rationalisiert und optimiert, sondern auch "nach außen" wirkt: "Wenn es sich immer weniger lohnt, mit Patienten Aufwändiges anzustellen und sie möglichst lange im Haus zu halten, weil die Kassen ohnehin noch nur Pauschalen zahlen, muss ein ökonomisch denkender Klinikbetrieb den Durchsatz erhöhen. Das bedeutet Wettbewerb, genauer: Verdrängungswettbewerb. Hunderte Kliniken werden in den nächsten Jahren schließen. Krankenhäuser, die noch Hoffnung haben, polieren ihr Image, trommeln mit dem Dienstleistungsangebot. Die Unfallchirurgie Bonn stellt ihre "Leistungsdaten" schon ins Internet." (vgl. DIE ZEIT 47/2000) Gesundheitsportale im Internet könnten für Arztpraxen bei weiterer Deregulierung des Gesundheitswesens zu ernsthaften Konkurrenzunternehmen werden: "Mehr als zwei Drittel der US-Ärzte berichten, dass ihre Patienten mit Informationen aus dem Internet ins Sprechzimmer kommen. So genannte Gesundheitsportale bieten im Netz immer ausgeklügeltere Dienste an. Bei America's Doctor kann der Hilfesuchende mit einem angeblichen Arzt chatten. Cancerfacts hat sich auf Krebs spezialisiert. Wer Krankheitsdaten wie Biopsieergebnisse und Laborwerte eingibt, bekommt individuelle Therapievorschläge."(vgl. DIE ZEIT 47/2000) Ob das Internet den praktizierenden Arzt ersetzen wird, ist sehr fraglich. Im Vergleich zu den USA ist der deutsche Gesundheitsmarkt für virtuelle Medizininformationen aus dem Internet noch im Aufbau begriffen. Immerhin ist in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Portalen mit Namen wie Netdoktor, DrHealthy, Almeda, Gesundheitscout24 oder Lifeline ans Netz gegangen. Da keines dieser Unternehmen bislang schwarze Zahlen schreibt, wird es Jahre dauern, bis die medizinischen Informationen aus dem virtuellen Raum das Gesundheitswesen verändern. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen der rotgrünen Bundesregierung , die Arbeits- und Sozialämter miteinander zu verzahnen und Aufgaben Leistungen des Arbeitsamtes an die Sozialämter in den Kommunen zu verlagern. Damit soll der Daten- und Informationsaustausch zwischen beiden Verwaltungen verbessert werden. Einerseits sollen doppelte Zuständigkeiten als interner Rationalisierungsprozess vermieden, andererseits soll das Kommando über die Arbeit zentralisiert werden. Allerdings bietet erst ein Drittel aller deutschen Städte über 50000 Einwohner kommunale Dienstleistungen über das Internet an, meistens jedoch nur statistische Informationen auf einer Homepage. Der Technologiesprung zur Kontrolle des Sozialen über ein interaktives "Virtuelles Rathaus" ist bereits in Planung und verschiedene Städte und Kommunen arbeiten an diesem Problem (vgl. FR vom 13.10.2000 / Nr. 238). In der Schweiz wurde am erstmalig in Europa "e-census" , d.h.eine Volkszählung per Internet am 5. Dezember 2000 durchgeführt. Beim Bundesamt für Statistik in der Schweiz hofft man auf eine Internet-Quote von 20 Prozent, um Kosten durch das elektronische Bearbeiten des Fragebogens einzusparen. Betroffen von der Volkszählung waren rund 3,3 Millionen Haushalte mit über 7 Millionen Personen. Weltweit haben bisher nur Singapur und die USA das Internet bei einer Volkszählung eingesetzt, allerdings nur bei einer Stichprobe beziehungsweise als Test. "Vor allem eröffnet ´e-censusª die Möglichkeit erheblicher Kosteneinsparungen, da die manuelle Aufbereitung (Einlesen und Codieren) der Daten entfällt. Schon bei einem Internet-Anteil von 5 Prozent sind die ´e-censusª-Projektkosten von 4,5 Millionen Franken laut Projektleiter Urs Germann vom BfS gedeckt." . (Nzz, 28.09.2000, Nr. 226, Seite 14) Bei einem Anteil von 50 bis 60 Prozent werden die Einsparungen auf 40 bis 50 Millionen Franken geschätzt. Das ´e-censusª war ferner ein Test für die Akzeptanz der neuen elektronischen Medien in der Bevölkerung und lieferte Hinweise für künftige Projekte im Zusammenhang mit ´E-Government, beispielsweise für das elektronische Abstimmen (´E-Voting). 5.1.1 Soziale Kontrolle im öffentlichen und privaten Raum und die Angst vor dem unkontrollierbaren sozialen Subjekt im virtuellen Raum Die Digitalisierung des Gesundheitswesens und die Digitalisierung der Administration erfolgen aus dem Hintergrund des virtuellen Raums und werden im Allgemeinen von der Masse der Menschen nicht als Bedrohung aufgefasst. Die Überwachung des öffentlichen Raums mit Videokameras und einer Datenverarbeitung durch Netzwerktechnologie wird dagegen schon kritisch von der Bevölkerung betrachtet. Bereits heute sind in Großbritannien mehr als eine Millionen Videokameras im öffentlichen Raum installiert. Die soziale Kontrolle der NetuserInnen durch die Netzwerktechnologie ist für die Verwertungsinteressen des Kapitals von großer Bedeutung und technisch relativ leicht zu vollziehen. Die Kontrollmöglichkeiten sind vielfältig und informationstechnechnologisch relativ einfach durch die Netzwerktechnologie uumzusetzen. Einige Beispiele sollen dies unterstreichen:
Diese Aufzählung ist unvollständig. Abgesehen davon, dass staatliche Dienste schon immer maschinenlesbare digitale Profile (z. B. die Rasterfahndung) über seine Untertanen erstellten, ist das neue an den Benutzer- und Persönlichkeitsprofilen, dass sie nun durch digitale Datenverarbeitung auf Grundlage der Netzwerktechnologie in Masse in der gesamten gesellschaftlichen Breite von kapitalistischen Unternehmen erfolgen und dass sie von hoher Aussagequalität für die Wertschöpfungsketten sind. Intel und Microsoft begründeten die soziale Kontrolle der NetuserInnen damit, dass eine Seriennummer notwendig sei, um E-Commerce sicher zu machen. Damit hat sich ein multinationaler Konzern erstmals staatliche Aufgaben angemaßt, indem die Seriennummer des Prozessors als digitaler Ausweis für NetuserInnen eingeführt wurde. Damit wurde eine imperialistische Entwicklung offengelegt, die Identität von Internet-Teilnehmern weltweit von Konzernen zu beglaubigen, die keiner öffentlichen Kontrolle unterliegen. (Vgl. Nzz, 19. März 1999) Dabei spielt der Datenschutz der NetuserInnen und für die Unternehmen eine große Rolle. Zu diesem Zweck wurde als Selbstkontrolle des Kapitals zwar mit Truste eine Nonprofit-Organisation geschaffen, die die Datenschutzrichtlinien von Firmen bewertet und mit einem zweifelhaften Gütesiegel auszeichnet. Dieses Siegel hat aber an Güte verloren, weil die Unternehmen regelmäßige gegen die Datenschutzbestimmungen verstoßen haben. Der Sofwarekonzern Microsoft, der zu den wichtigsten Sponsoren von Truste gehört, zeichnet Websites mit diesem Siegel aus. Dem Konzern wurde das Vergaberecht nicht entzogen als es gegen die Vorgaben von Truste verstieß und auch die konzerninternen Datenschutzrichtlinien unterlief, als ohne Wissen der Betroffenen sehr persönliche Daten von Windows-AnwenderInnen gesammelt wurden. Mittlerweile kann zu dieser Entwicklung gesagt werden: "Sie verfolgen nicht nur, was wir tun; sie verfolgen, was wir denken." (vgl. Nzz, 21. Mai 1999) Computer- und Netzwerkgestützte Analysensysteme aus dem Hintergrund, mit denen die Gedanken von Arbeitnehmern und Konsumenten ausgespäht werden können, sollen schon bald zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz eingesetzt werden - und zu einem effizienteren und profitorientierten Marketing beitragen. Die Anwendungsmöglichkeiten solcher Analysensysteme sind in der Tat gewaltig: Hersteller von Autos, Maschinen und Haushaltsgeräten könnten die Akzeptanz und Handhabbarkeit ihrer Produkte mit objektiven Methoden ermitteln und diese somit laufend verbessern. Auch in den USA laufen an der Harvard Universität schon ähnliche Forschungen zu Marketingzwecken, die von Großkonzernen wie Coca-Cola und Kodak gesponsert werden. (Vgl. Der Spiegel Nr. 49 / 1999 9.12.99) Darüber hinaus erfolgt in den USA die soziale Kontrolle der netzwerkgestützten Arbeitsplätze in Unternehmen, um das Surfverhalten zu messen. Zu diesem Zweck wurde der Einbau von Filtersoftware in viele Rechner veranlasst. Eine Studie der American Management Association (AMA) kam zum Ergebnis, dass 45 Prozent aller US-Unternehmen ihre Arbeitskräfte an Computern überwachen. (vgl. vom Spiegel 22.12.1999) Im Gegensatz dazu steht Surfen im Intranet nicht unter Kontrolle, sondern die im Netz zur Verfügung gestellten Informationen werden als soziale Fürsorgeleistung durch Unternehmen markiert. In der BRD sind bislang noch keine Abmahnungen und Kündigungen wegen unerlaubter Surftätigkeiten publik geworden. In der BRD werden im Rahmen der inneren Sicherheit Gendatenprofile von straffällig gewordenen Menschen anlegt, die digital nur mit Netzwerktechnologie zu bearbeiten sind. So hat das Bundeskriminalamt (BKA) seit 1997 über das DNA-Identitätsfeststellungsgesetz von mindestens 72354 Straftätern die genetischen "Fingerabdrücke" (Identifizierungsmuster) gespeichert, mit der Tendenz steigend. Bis Frühjahr 2001 sollen bereits 100000 Personen erfasst sein. (vgl. FR vom 19.01.2001 / Nr. 18) Diese Datenbank lässt sich, so es der politische Wille ist, durchaus auch auf andere Personengruppen, die politischer Straftaten verdächtigt werden oder auf die Protagonisten linker politischer Organisationen ausdehnen. Solange derartige Datenbanken (noch) nicht bestehen, hilft sich die Staatsgewalt mit dem Durchmessen des öffentlichen Raums, um Straftäter die Fluchtwege abzuschneiden. So wurde in Göttingen im Frühjahr 2000 von der Polizei eine Software präsentiert, mit der sich über Funk und Netzwerktechnologie das Bewegungsverhalten von flüchtenden Personen berechnen lässt (alle Seitenwege und mögliche Unterschlupfe wurden eingegeben) und Festnahmen dadurch erleichtert werden. Wenn es nach dem Wunsch der Konferenz der Innenminister in der BRD geht, sollen darüber hinaus Datenreisen von politischen Menschen und Gruppen und der so genannten "organisierten Kriminalität über einen so genannten digitalen Fingerabdruck nachvollzogen werden. Sie verlangen von Bundesregierung, "dass den Providern und Betreibern von Servern eine Protokollierungspflicht hinsichtlich der IP-Adresse und des Nutzungszeitraums sowie eine angemessene Aufbewahrungszeit der Daten vorgeschrieben wird". (Fr vom 23.01.2001 / Nr. 19) Bereits seit einiger Zeit werden Fingerabdrücke von Flüchtlingen oder MigrantInnen digital über die Netzwerktechnologie abgeglichen, um den so genannten Missbrauch von Sozialhilfe zu unterbinden. Neue Technologien der Bildbearbeitung und spezielle Software erlaubt es zukünftig, einen Abglich von Fotos im Internet mit lebenden Personen zu machen. Sollte das BKA eine derartige Technologie einsetzten und mit der digitalen Netzwerktechnologie bearbeiten, ist "big brother" tatsächlich nicht mehr fern. 5.2 Die Bedeutung der NetuserInnen für die Wertschöpfung Seitenanfang Der öffentliche und private Raum ist seit Beginn der neunziger Jahre durch den virtuellen Raum über das Internet einem schöpferischen Zerstörungsprozess ausgesetzt, dessen Folgen noch nicht übersehbar sind. Im Mittelpunkt der Wertschöpfung in der Reproduktionsökonomie steht das soziale Subjekt, der / die NetuserIn. Um den /die NetuserIn optimal einer Verwertung zu unterziehen werden Persönlichkeits- oder Benutzerprofile auf direktem Weg mit Einwilligung und Wissen und indirekt ohne die Einwilligung und Wissen der Personen erstellt. Im ersten Fall handelt es sich um legalen und im zweiten Fall um illegalen Diebstahl von Persönlichkeitsrechten. Die Infrastruktur und privater Raum wird für den digitalen Handel mit Informationswaren über NetuserInnen schamlos ausgenutzt. Adressendiebstahl durch die Deutsche Post World Net gehört zum Alltag und wird von den meisten Menschen ohne Widerstand hingenommen: täglich schwärmen 63000 StammbriefträgerInnen in der BRD aus und sorgen für die Datenpflege von Adressen. (vgl. hierzu FR vom 28.10.2000 Nr. 251) Die neuen Datensätze werden als Ware an Unternehmen verkauft. Jede Beschaffung von Daten ohne das Wissen und die Einwilligung der Personen ist jedoch Adressendiebstahl. Genauso ist es mit der Erstellung und Beschaffung von Persönlichkeitsprofilen. Das E-Business und E-Commerce leben davon: Akkumulation und Wertschöpfung beruhen auf Diebstahl. Wie wertvoll Kundendateien sind, zeigt das pleitegegangene Internet- und Dienstleistungsunternehmen Gigabell für dessen Kundenkartei Millionenbeträge gezahlt wurden (vgl. FR vom 31.10.2000 Nr. 253) Der Terror zur Beschaffung von Persönlichkeitsprofilen im Internet gilt dem NetuserInnenverhalten und dessen Umsetzung durch die Erstellung von Benutzerprofilen messbar zu machen. Der virtuelle Raum basiert auf einer dynamischen Handelsbeziehungen, die nicht nur neue Angebote ermöglichen, sondern auch neue Methoden der Marktforschung etablieren. Die Größe des Internets als riesiger, weltumspannender Informations- und Kommunikations- und Umschlagplatz hat das Kapitalinteresse nach kommerziellen Markt- und Nutzungsstudien geweckt. Zu Beginn der neunziger Jahre wurden die ersten Forschungsstudien über das Internet als virtuellem Raum durchgeführt. "Die Studien, die vorwiegend von wissenschaftlichen Instituten initiiert wurden, waren relativ einfache quantitative Datenerhebungen. Der Schwerpunkt der Forschung lag zu dieser Zeit auf der Internet-Infrastruktur. Unter anderem wurde versucht, die Anzahl der Server zu erfassen, die ans Internet angeschlossen waren. Ziel war es, ein besseres Verständnis über die Größe des Internets zu gewinnen. Man versprach sich davon, den Bedarf an Server- und Datenleitungskapazitäten besser bestimmen zu können." (Nzz, 13.10.2000, Nr. 239, Seite 81) Kurze Zeit danach wurden erste einfache soziodemographische Analysen durchgeführt. "Bestrebungen, die Internetnutzung nach soziodemographischen Merkmalen aufzuschlüsseln, wurden mit der Absicht durchgeführt, Publikumstrends zu eruieren und Zielgruppen genauer zu definieren. Die wohl bekannteste Studie jener Zeit stammte von der Technischen Universität Georgia. Bei dieser Studie hatten Surfer einen Fragenkatalog online auszufüllen. Zum ersten Mal waren Zahlen erhältlich über Alter, Geschlecht und Einkommen von Internetnutzern. Parallel zu den Georgia-Tech-Umfragen begannen auch Privatunternehmen mit ersten Studien zur Nutzung des Internets. Die Erhebungen waren vorwiegend intern durchgeführte Projekte von Technologiekonzernen und jungen Internetfirmen, die früh den Stellenwert des Internets als kommerziellen Absatzkanal erkannten. Die Analyse von Netuserdaten stand auch hier im Zentrum der Studien". (Nzz, 13.10.2000, Nr. 239, Seite 81) In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre verlagerte sich das soziale Vermessen der NetuserInnen auf kommerzielle Marktforschungsunternehmen wie Nielsen Media Research, Media-Metrix und NPD, die ihre Erhebungsmethoden zu standardisieren begannen, um die Websites bezüglich Publikumszuspruchs besser vergleichen zu können.Die Standardisierung führte zu ersten systematischen und repräsentativen Erhebungen über NetuserInnen und deren Verhalten im Internet. Die Studien sind Reichweitenerhebungen, wie sie in der Presse-, Fernseh- und Radioforschung zum Einsatz gelangen. In den USA dienen die Reichweitenstudien von Nielsen und Media-Metrix als Aussagefaktoren über die Internetindustrie. Die monatliche Reichweite ("reach") sowie die Anzahl abgerufener Web-Seiten ("Pageviews") gehen als statistische Werte über die Unternehmen ein und gelten als Gradmesser für den Erfolg von Anbietern im Internet. Sie dienen oft als Grundlage bei der Bewertung von Unternehmen an der Börse: steigende oder fallende Reichweitenergebnisse wird mit viel Interesse verfolgt und haben Auswirkungen auf die Börsenkurse. Anhand dieser Erhebungen wird der Unternehmenswert von Internetfirmen festgelegt. Wertschwankungen wegen wechselnder Reichweitenerhebungen sind daher nichts ungewöhnliches - inwieweit sie den wahren Wert eines Unternehmens widerspiegeln sei dahingestellt. Es gibt jedoch einen Eindruck davon, wie schwer es ist, virtuelle Unternehmen in einem virtuellen Raum ohne großes fixes Kapital zu messen. Repräsentative Resultate und aussagekräftige Nutzeranalysen wurden durch die Verfeinerung der Erhebungsmethoden und eine ausgeklügelte Methodik in den letzten Jahren erreicht.. Parallel zu den Reichweitenstudien begannen einige Marktforschungsunternehmen, sich auf das Gebiet der Internet-Prognoseforschung zu konzentrieren. Firmen wie Forrester und Jupiter Communications publizieren seither in regelmäßigen Abständen Trendberichte zum globalen Netzwerk. "Diese Berichte befassen sich hauptsächlich mit Internet-Wachstum, Online-Umsatzentwicklungen und Verbreitung neuer Technologien wie Breitband oder Multimedia. Die zahlreichen Unternehmen decken verschiedenste Dienstleistungen im Bereich digitaler Marktforschung ab. Kaum ein Gebiet scheint außer Acht gelassen zu werden. Was sich technisch messen lässt, wird erfasst: Von Marketingerfolgsstudien (´return of investment-analysisª) über Informationsflussstudien (´click-through-path-checksª) bis hin zu Datenbankanalysen (´data miningª) gibt es alles." (Nzz, 13.10.2000, Nr. 239, Seite 81) Zusammenfassend lassen sich die Studien zur sozialen Vermessung der NetuserInnen in drei Bereiche einteilen:
Die weitere Kommerzialisierung des Internets für die Wertschöpfung trägt wesentlich zum Erfolg der digitalen Medienforschung bei. Unternehmen die Websites ins Netz stellen, E-Commerce-Unternehmen und Werbetreibende verlassen sich im Zuge von Profiterwartungen zunehmend auf digitale Medienanalysen. Das soziale Durchmessen des NetuserInnenverhaltens ist Grundlage dafür, neue Warenangebote zu produzieren, den Absatz und die Kundenzufriedenheit zu steigern. Zur sozialen
Vermessung gehören arbeitswissenschaftliche Methoden, die dem Taylorismus
entliehen sind. Die informationstechnologische Massenanbindung der NetuserInnen
in den virtuellen Raum führt dazu, dass die Verwertung seines Tuns und Verhaltens
möglichst standardisiert werden muss. Zu diesem Zwecke wird geforscht:
5.2.1 Taylorisierung des NetusersIn - ein Beispiel "Auge um Auge - Multimedia-Nutzung im Blickpunkt der ForscherDie Analyse von textorientierten Webseiten ist relativ einfach. Schwieriger ist die Erforschung von multimedialen Internet-Angeboten wie digitalen Videos oder komplexen, multimedialen Präsentationen. Bisher wurden Analysen von multimedialen Internet-Angeboten erst von wenigen Marktforschungsfirmen angeboten.Die Popularität von Audio und Video im globalen Netzwerk hat zu einer völlig neuen Generation von Untersuchungsinstrumenten geführt. Neben der Analyse der Radio- und Fernsehnutzung im Internet wird zunehmend auch die Verwendung von Online-Video-Games und virtuellen 3D-Shopping-Welten untersucht. Dabei gelangen zahlreiche Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung und Artificial Intelligence zum Einsatz. Kein Wunder, dass die meisten neueren digitalen Marktforschungs-Instrumente in Zusammenarbeit mit führenden akademischen Instituten entwickelt wurden. Das trifft auf Anbieter wie Eyetracking.com (San Diego State University), Eyetools.com (Stanford University) und Media-Analyzer.com (California Institute of Technology) zu, um nur einige Beispiele zu nennen. Das Web als Objekt und InstrumentIm Wesentlichen gilt es innerhalb der neuen Generation von Marktforschungs-Instrumenten zwei Typen zu unterscheiden:- Bei den nutzergestützten Analyse-Instrumenten wird Feedback von Nutzern gesammelt und analysiert. - Verschiedenste Webangebote wie Webseiten, Werbebanner und Videos können Gegenstand der Untersuchung sein. Ziel ist herauszufinden, wie Nutzer verschiedene digitale Inhalte wahrnehmen, einsetzen und beurteilen. - Bei Simulations-Instrumenten werden rechnergestützte Programme eingesetzt, die das Verhalten von Nutzern simulieren. Häufig kommen solche Instrumente zum Einsatz, um Prognosen anzustellen und mögliche Szenarien durchzuspielen. Die meisten nutzergestützten Untersuchungen konzentrieren sich auf die Messung von Augenbewegungen, wie das bereits von der traditionellen Marktforschung her bekannt ist. Diese Untersuchungsmethode ist vergleichsweise kostspielig und personalintensiv. Zum einen ist man auf Testpersonen angewiesen, die in einem Testlabor untersucht werden. Zudem benötigt man ein ausgefeiltes Testinstrumentarium. Einige Firmen bieten mittlerweile effizientere Untersuchungsmethoden an. Media-Analyzer hat zum Beispiel eine Messmethode entwickelt, bei der Nutzerfeedback via Mausklicks anstatt Augenkamera erhoben wird. Die Erhebung läuft zudem via Web ab. Testpersonen können also von zu Hause oder vom Arbeitsplatz aus an der Untersuchung teilnehmen, womit Zeit und Geld gespart werden kann. Das Angebot von Media-Analyzer zielt besonders auf Marktforschungsunternehmen ab, die über ein Web-Panel verfügen. Ganze Tests - von der Rekrutierung der Testgruppe bis zur Resultatanalyse - können einfach und effizient via Internet abgewickelt werden. Bei den Simulations-Instrumenten übernehmen Softwareprogramme sozusagen die Funktion von Testpersonen. Damit lassen sich Kosten sparen. Mit dem Media-Analyzer können zum Beispiel so genannte ´Heatmapsª von Webseiten produziert werden, mit denen verlässlich vorausgesagt werden kann, welche Bestandteile der Webseite bei den Nutzern auf Aufmerksamkeit stossen. Einige Erhebungsinstrumente beziehen Lernfunktionen in ihre Simulationen mit ein. Mit diesen Funktionen wird versucht, Lernprozesse von Nutzern widerzuspiegeln. Resultate aus Artificial Intelligence und Kognitionsforschung deuten darauf hin, dass Simulationsmodelle mit Lernfunktionen genauere Vorhersagen produzieren als solche ohne Lernoptionen. Bereits gibt es auch die ersten Marktforschungsprodukte, mit denen sich sowohl einzelne Webseiten als auch ganze Abfolgen von Webseiten analysieren lassen. Die Erhebung ganzer Abfolgen ist realitätsgetreuer, denn Internetnutzer besuchen gewöhnlich mehrere Webseiten pro Besuch im Internet. Die meisten im Markt erhältlichen Produkte erlauben interessante Analysen von textbasierten Webseiten, indem etwa Augenbewegungen oder Mausklicks verschiedener Testpersonen registriert werden. Die Resultate zeigen, dass die untersuchten Nutzer dem oberen Bereich in der Mitte der Webseite die größte Beachtung schenken. Die Resultate verschiedener Studien deuten darauf hin, dass dieser Bereich überdurchschnittlich häufig und lange betrachtet wird. Dies im Unterschied zur Zeitung, wo gewöhnlich die rechte obere Hälfte am häufigsten angeschaut wird. Beobachtete ZuschauerDie Analyse von textorientierten Webseiten ist relativ einfach. Schwieriger ist die Erforschung von multimedialen Internetangeboten wie digitalen Videos oder komplexen multimedialen Präsentationen. Bisher werden Analysen von multimedialen Internetangeboten erst von wenigen Marktforschungsfirmen angeboten. Marktforschungsinstrumente wie der Media-Analyzer bieten die Möglichkeit, die Nutzung von laufenden Bildern im Internet zu untersuchen. Media-Analyzer gestattet auch zeitübergreifende Analysen; die Augenbewegungen bzw. Mausklicks einer beliebigen Anzahl von Bildsequenzen können gespeichert und analysiert werden (´Multiple Framesª). Das ist besonders hilfreich, um herauszufinden, wie Nutzer längere Sequenzen von Videobildern wahrnehmen und beurteilen.Ein weiteres Anwendungsfeld digitaler Marktforschung ist die Analyse von Fernsehsendungen und Filmen. Unter anderem lässt sich untersuchen, wie verschiedene soziodemographische Gruppen auf spezifische Inhalte reagieren. Bei einem Ausschnitt des Films ´Bugs Lifeª beispielsweise zeigte es sich, dass bei einer erwachsenen Testperson das Augenmerk auf einem Schriftzug im oberen linken Bildbereich liegt, während die Aufmerksamkeit der jugendlichen Testperson auf die Gesichtszüge eines der Insektendarsteller am rechten Bildrand in der Mitte gerichtet ist. Andere Analysen versuchen die Frage zu klären, wie die Sendungen von Nutzern verstanden und interpretiert werden. Auch Aufmerksamkeitsverläufe und Lerneffekte sind populäre Themen von Forschungsarbeiten. Des weiteren werden auch Inhaltsanalysen durchgeführt, um herauszufinden, ob Konsumenten den Ablauf spezifischer Fernsehsendungen und Filme mögen. Solche Forschungen entscheiden mitunter über den kommerziellen Erfolg oder Misserfolg von TV-Sendungen und Spielfilmen. Erst ein perfektes ´Hollywood-Endeª garantiert den Kassenerfolg. Balz Wyss * www.mediaanalyzer.com, www.eyetracking.com, www.eyetools.com; www.noldus.com Nzz, Ressort Medien und Informatik, 13. 10. 2000, Nr. 239, Seite 81" 5.2.2 NetuserInnen und privater und öffentlicher Raum Aufgrund dieser eigentlich zu verschmähenden ersten Profilstudien von NetuserInnen wissen wir, dass das Internet ein Medium für den gehobenen Mittelstand in der BRD ist. Einkommen und Bildung entscheiden darüber, wie PC und Internet genutzt werden. Danach benutzen von 100 Personen 6 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen von unter 2000 DM, 9 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen 2000-2999 DM, 15 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen von 3000-3999 DM, 15 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen von 4000-4999 DM, 13 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen von 5000-5999 DM und 26 Personen mit 15 Personen mit einem Nettohaushaltseinkommen von 6000 DM. Damit ist eine "digitale" und soziale Spaltung der Gesellschaft von NetuserInnen und Nicht-UserInnen vorhanden, ein großer Teil der Bevölkerung geht dem Wertschöpfungssytem verloren. Der überwiegende Teil dieser "Netuser" hat Abitur und einen Hochschulabschluss, Haupt- und Realschulabsolventen machen eine deutliche Minderheit aus. Da insgesamt nur 20 Prozent der Bevölkerung in der BRD im Internet surft, gehört sie zu den Schlusslichtern in Europa (vgl. FR vom 24.10.2000 / Nr. 247). Eine Profilstudie für die Jahre 1998 bzw. 1999 in der BRD umfasste 7500 Haushalte und erlaubt eine erste detaillierte Analysen zur Nutzung von PC und Internet. Im Jahre 1998 besaßen knapp 13,5 Mill. Haushalte (35 %) in der BRD mindestens einen PC, im Jahr 2000 lag die Ausstattung bei ca. 50 %. Über einen Internetzugang verfügten 6,4 Mill. Haushalte (17 %). Der private Raum wurde durch einen Zugang zum Internet in den letzten Jahren dem virtuellen Raum mehr und mehr angebunden: bis August 2000 waren 7,7 Millionen Privathaushalte dem Internet angeschlossen. In der Regel sind in der BRD wöchentlich mehr als 20 Millionen jungeNetuserInnen in ihrer Freizeit im Netz der Netze am surfen: "In der Gruppe der 16- bis 20-Jährigen benutzen 60 % einen PC, 15 % sogar täglich. Bei den 20- bis 30-Jährigen sinkt der Nutzungsanteil nur wenig ab - auf 55 % -, und auch bei den 30- bis 45-Jährigen ist der Anteil mit 47 % noch beachtlich hoch. Erst bei den 45- bis 60-Jährigen geht der Nutzungsanteil deutlich - auf etwa 28 % - zurück. Bei den über 65-Jährigen beträgt der Anteil derjenigen, die einen PC anwenden, nur noch 5 %." (Fr vom 20.10.2000) Der geschlechtsspezifische Unterschied zwischen Frauen und Männern lässt sich am Verhalten derNetuserInnen beobachten. Männer verbringen mehr als doppelt so häufig ihre Freizeit am PC zu Hause wie Frauen. Die Schulbildung und Ausbildung an Hochschulen ist maßgebend dafür, wie viel Zeit der / dieNetuserIn im virtuellen Raum verbringt. Frauen und Männer mit hochwertigen Bildungsabschlüssen verweilen wesentlich länger im Internet als HauptschülerInnen. Im Jahre 1999 arbeiteten etwa 52 Prozent der Erwerbstätigen in der BRD mit einem PC. Etwa 20 Prozent dieser NetuserInnen verfügte am Arbeitsplatz über einen Internetzugang. Auch hier gab es geschlechtsspezifische Unterschiede: mit 17 Prozent hatten Frauen einen unterdurchschnittlichen Zugang in den virtuellen Raum. "Vier von fünf Erwerbstätigen mit Hochschulreife arbeiteten 1999 am Computer, bei den Hauptschulabsolventen nur wenig mehr als ein Drittel (36 %). Noch deutlicher wird der Bildungseinfluss, wenn die Erwerbstätigen nach den Anforderungen für ihren Beruf gegliedert werden. Berufe, für die ein Universitätsdiplom erforderlich ist, sind inzwischen zu über 90 % mit der Nutzung von Computern verbunden. Dagegen ist bei den Beschäftigten ohne Abschluss nur in knapp 28 % der Fälle die Arbeit mit einer Computernutzung verbunden." (Fr vom 20.10.2000) Die Größe des Betriebes ist entscheidend dafür, ob Arbeitskräfte mit informationstechnologischen Netzwerken und PC zu tun haben. In Kleinbetrieben sind PCs gegenwärtig noch nicht so häufig anzutreffen. (vgl. Fr vom 20.10.2000) Interessant ist ein Vergleich mit der Schweiz, mit dem unterstrichen wird, dass Einkommen und Bildung im europäischen Wirtschaftsraum die entscheidenden Voraussetzungen für die Durchsetzung des Internets sind: "Aktuelle Studien (1999) zeigen, dass rund 1,7 Millionen Schweizer im Internet surfen, davon rund 750 000 täglich. Gegenüber 1997 hat sich die letzte Zahl um den Faktor drei erhöht. Der typische Schweizer Internetnutzer ist nach wie vor männlich, erwerbstätig, gut gebildet und gut verdienend. Gerade das letzte Attribut widerspiegelt sich in einer anderen Statistik über den E-Commerce in der Schweiz. Laut einer Prognose von Pro Active International werden im laufenden Jahr die Schweizer Internetnutzer pro Kopf rund 475 Euro ausgeben, das ist rund drei Mal so viel wie der europäische Durchschnitt. Auch bei den Prognosen für die kommenden Jahre liegen die Pro-Kopf-Umsatzzahlen für die Schweiz um den Faktor zwei über dem europäischen Mittel und sprechen von über 9000 Euro für das Jahr 2004. Ein weiterer Indikator für die E-Business-Verbreitung ist die Ausstattung mit der Technologie, welche für den Internetzugang benötigt wird. In der Schweiz entfallen auf 100 Einwohner 50 PC, eine Zahl, die in Europa nur von Schweden (58) übertroffen wird und nicht weit hinter den USA mit 61 PC pro 100 Einwohner zurückliegt." (Nzz, 26. 09. 2000, Nr. 224, Seite 137) Kinder als die jüngsten NetuserInnen sind gegenwärtig im Visier von E-Commerce-Unternehmen als Zielgruppe für die Wertschöpfung geraten: inzwischen surfen Hunderttausende von Kindern im privaten Raum (Zuhause) oder im öffentlichen Raum (in der Schule) im Internet. Nach einer Profilstudie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest besaßen im vergangenen Jahr 13 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen Netzwerkerfahrung, vier Prozent aller Kinder surfen mindestens einmal wöchentlich im Internet. In den privaten Haushalten und in den Schulen stehen heute mehr PCs als vor einem Jahr zum surfen zur Verfügung. Fast 75 Prozent der jungen NetuserInnen sind Mädchen ("Jungs spielen lieber, Mädchen wollen chatten und sich informieren"), die nach den Profilstudien ein hohes Interesse an Kommunikation haben. Internetseiten von Medienkonzernen, die Programmangebote für Kinder unterhalten, setzen auf die Aufmerksamkeit und den Wiedererkennungswert. So soll Super RTL rund drei Millionen Seitenaufrufen pro Monat durch junge NetuserInnen haben. Das hohe Abrufen der Website von Super RTL ist profitabel, da es für den kommerziellen Kinder-TV-Sender zumindest einen Teil der Kosten für sein Online-Engagement über Bannerwerbung von BOL oder Lego wieder hereinholt. Kinder als profitable Werbekunden kennen und schätzen ihren Fernsehsender als Marke. Der Sender nicht mehr nur eine TV-Plattform, sondern Unterhaltungsangebot für Kinder durch unterschiedliche Medienangebote: ab 2001 will Super RTL auch eine Zeitschrift herausbringen und dann den "Ping-Pong-Effekt" nutzen: "Wer gerne Super RTL sieht, wird auch im Internet dorthin surfen; wer Super RTL liest, wird auch vor der Glotze dahin zappen. Die Netzseiten von Super RTL sind aber keineswegs nur plumper Kommerz. Sie beherbergen neben Zeichentrickfilmen (teilweise zum selbst gestalten) auch einen Internetkurs für junge Netzeinsteiger und Sicherheitstipps für Eltern." (Fr vom 20.11.2000) 5.2.3 Die Steuerung des Konsums durch den virtuellen Raum Die Netzwerktechnologie bestimmt in großen Zügen mittlerweile den privaten und öffentlichen Raum: der virtuelle Raum ist die automatische Maschinenfabrik, mit der sich der Wandel von der Industriegesellschaft in die Informationsgesellschaft vollzieht. Wenn Zeit gleich Geld auch im virtuellen Raum ist, dann ist die Geschwindigkeit in unmittelbarer Echtzeit ökonomische Macht, die nicht nur die Wertschöpfung beeinflusst sondern als Zerstörungsprozess des Sozialen durch den Cyber-Konsum wirkt. Der "Cyber-Shopper" als soziales Subjekt gerät in die virtuelle Maschine der auf individuelle Konsumentenbedürfnisse abgestimmten Verkaufsumfelder. Die neuesten Netzwerktechnologien und entsprechende Softwarepakete, die aus dem Hintergrund des virtuellen Raums das Konsumverhalten registrieren und analysieren, haben zum Ziel, den Kunden umgehend spezifische Angebote und Waren auf den Websites zu präsentieren. Auf diese Weise kann den rasch wechselnden Bedürfnissen des Kunden schnell Rechnung getragen werden. Ferner werden von Zeit zu Zeit auf die jeweiligen Kundenpräferenzen ausgerichtete Aktionen feilgeboten. Zielgerechte Verkaufsumfelder und subtil abgestimmte Angebote auf mediendesignten Websites und Benutzerportalen, die mit hilfreiche Tipps unterlegt sind, stimulieren das Konsumverhalten durch die Vermittlung relevanter Informationen und fördern die Loyalität gegen über dem virtuellen Anbieter von Waren oder seiner bevorzugten Marke. Revolutionär an den individuell gestalteten Verkaufsumfeldern im Internet ist, dass die Datenauswertungen sowie die daraus folgenden Marketing-Maßnahmen automatisch durch Maschinen und in Echtzeit ablaufen und den Wertschöpfungsprozess beschleunigen: die unmittelbaren Umsetzung der Datenanalysen dient der Zurichtung auf "Real-Time-Marketing" und bestimmt das Konsumverhalten des sozialen Subjekts im privaten und öffentlichen Raum. Real-Time-Marketing ist eine der modernen Anwendungen des computer- und netzwerkgestützten Kundenmanagements (Customer Relationship Management). Mit dem Ziel, den Absatz zu steigern, speichern und analysieren die virtuellen Anbieter elektronisch die Kundendaten. Dieses Sammeln und Auswerten von Daten wird "Data Mining" genannt. Es eröffnet tiefreichende Einblicke in die Entscheidungsprozesse der Kunden: Filtersoftware hilft den Kundenstamm zu segmentieren und aus den Daten Vorhersagen über das zukünftige Konsumverhalten abzuleiten. Daraus lässt sich eine detaillierte Analyse des Kaufverhaltens und der Vorlieben, der differenzierten Kundenansprache, die Produktion zielgruppengerechter Produkte oder die Prognose zukünftigen Einkaufsverhaltens durch das Anlegen großer Datenbanken erzielen. Hohe Datenverarbeitsgeschwindigkeiten führen zu neuen Kommunikations- und Verwertungszyklen. Die ökonomische Macht durch das Real-Time-Marketing und Customer Relationship erfolgt aus dem Hintergrund des virtuellen Raums: während Konsumenten auf den Websites das Produkt- und Dienstleistungsangebot studieren verrichten Großrechner die Arbeit des Datensammelns und der Auswertung. Die Ergebnisse dieser Durchleuchtung des Konsumenten können ohne größeren Aufwand in profitable Wertschöpfung umgewandelt werden. Daher haben führende Technologiekonzerne wie IBM, Oracle und das deutsche Technologie-Vorzeigeunternehmen SAP die Bedeutung elektronischer Marketing-Instrumente analysiert und entwickeln für diesen Bereich die Software. Mittlerweile bieten diese Konzerne eine ganze Reihe von Marketing- unterstützenden Produkten für Betreiber von Websites an. Elektronisches Real-Time-Marketing und Customer Relationship Management gehören zum Standard im amerikanischen Internetökonomie. Sie haben einen wesentlichen Beitrag zum Durchbruch des Web-Einzelhandels in den USA geleistet. (vgl. Nzz, 9. Februar 1999) Für den europäischen Wirtschaftsraum lässt sich im Rahmen des ungleichzeitigen Penetrationsprozess eine ähnliche Entwicklung - nur zeitversetzt - prognostizieren. Das Internetunternehmen Lifeminders zeigt modellhaft, wie eine derartige E-Commerce-Strategie durchsetzt wird: mit einem Gratisangebot werden NetuserInnen mit dem Ziel geködert, sie dazu zu bringen, möglichst viele Informationen über sich preiszugeben, und sie dann mit individuell zugeschnittener Werbung zu beliefern. ´Die Daten unserer Kundenª, sagt der Firmengründer, ´sind unser wertvollstes Gut.ª (Nzz, 25. Juni 1999) Nach wie vor gehen führende Betreiber von mobilen Telefondiensten davon aus, dass das Telefonieren auch in absehbarer Zeit die größte Wertschöpfung bringen wird, und weniger die so genannten neuen Dienste wie der viel beschworene Restaurant-Finder oder das Abrufen kompletter Videos übers Handy. Für die Mehrwertschöpfung sehen die Telefonanbieter in der Regel in Dienstleistungen, die sich die Vorteile des Handys zunutze machen. Auf Grundlage der Satellitenortung kennen die Telefondienstleister den Ort, an dem sich der / die NetuserIn befindet und sein Benutzerprofil. Vorstellbar ist deshalb, dem / der NetuserIn eine Liste mit Sonderangeboten von Läden in seiner Nähe aufs Display zu senden und bei Interesse auch gleich die Bezahlung der Produkte übers Handy abzuwickeln. Allerdings stoßen diese Dienstleistungen bisher noch an technologische Grenzen: Mit ähnlichen Versprechungen sind die Gerätehersteller bereits für die Handys der ersten Generation, die mit dem Wireless Application Protocol (WAP) ausgerüstet waren, gescheitert. Bis heute macht nur ein Bruchteil der Mobiltelefonierer von den neuen Möglichkeiten Gebrauch. Zwar sollen GPRS und später UMTS deutlich höhere Bandbreiten ermöglichen, doch ob diese die informationstechnologischen Hürden bewältigen werden, wird derzeit bezweifelt. Einfache Dienste, wie das SMS, sind sehr erfolgreich. "So lieben es die fernöstlichen I-Mode-Fans, sich übers Handy E-Mails zu schicken und Klingeltöne oder Bildchen fürs Display aus dem Netz zu laden. Das Interesse am Austausch von Textbotschaft korrespondiert mit dem unerwarteten Erfolg, den das Short Message System (SMS) in Europa erlebt hat: Rund eine Milliarde SMS-Botschaften tippen vorwiegend jugendliche Anwender in Deutschland monatlich in ihr Handy." (Nzz, 29. September 2000, Nr. 227, Seite 81) 5.2.4 Verhalten und Verweigerung von NetuserInnen Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass die "Netuser sich anders verhalten als in den Wissenschaftliche Profilstudien vorgesehen ist:
Die Unfähigkeit der Menschen die neuen modernen Technologien zu beherrschen, führt dazu Dienstleistungen anzubieten, die diesen Benutzerdefiziten abhelfen. Im Jahre 1999 waren bereits 9000 Beschäftigte in so genannten Call-Center-Dienstleistungen beschäftigt und Prognosen gehen davon aus, dass diese Branche am Neuen Markt innerhalb von drei Jahren auf 100000 Beschäftigte anwachsen könnte. "Als Motor dieser rasanten Entwicklung gelten neben E-und M-Commerce die wachsende Komplexität und damit Erklärungsbedürftigkeit moderner Konsumgüter, wobei die Möglichkeiten der künftigen UMTS-Handys nur ein Beispiel sind. Diesen Anforderungen könne das herkömmliche Call-Center nicht mehr gerecht werden. Der Trend gehe hin zu, wie es neudeutsch heißt, Customer Relation Management (CRM). Solche Center sind multimedial vernetzt, können also Anfragen per Telefon, Fax, E-mail, WAP oder SMS entgegennehmen und bearbeiten". (vgl. FR vom 21.10.2000 / Nr. 245). Grundlage dieser Profitstrategie ist das Monopol von Wissen und die Macht dieses Wissens zielgerichtet über die Verfügbarkeit von Datenbanken an den Kunden weiterzuleiten oder bei Bedarf gegen Entgelt Wissen an den unwissenden Kunden zu verkaufen. Wer einmal mit einem Call-Center zu tun hatte, weiß das der Informationswert nicht sehr hoch ist, weil die schlecht geschulten MitarbeiterInnen meistens StudentInnen sind. Jede Minute im Customer Relation Management kann daher eine teure Angelegenheit werden, an der der Netzbetreiber und der Anbieter einer Call-Center-Dienstleistung Geld verdienen. Hier wird aus Wertschöpfungsinteressen geistiges Eigentum der Öffentlichkeit entzogen, insbesondere weil es heute für das Nutzen eines PCs keine Handbücher mehr gibt. Analog dieser Entwicklung stellen die Filialbanken ein gesteigertes Interesse ihrer Kundschaft an Beratung fest. Im Gegensatz zu den Online-Banken, wie der Direkt Anlage Bank, die der Meinung ist, Beratung sei für das Anlegen und Handeln von Wertpapieren oder das Sparen nicht nötig, wurde von der Citibank ein hoher Beratungsbedarf festgestellt und entsprechend 500 neue Stellen in diesem Bereich geschaffen. Begründet wird dieses veränderte Angebot mit den komplizierten Bankgeschäften, da es für die besserverdienende Kundschaft eine undurchschaubare Palette an Aktien, Fonds und anderen Produkten im In- und Ausland gäbe. Eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte kam zum Ergebnis, dass "die große Mehrheit der Bankkunden Geldgeschäften per Mausklick nach wie vor distanziert gegenübersteht. (...) 60 Prozent aller in Deutschland befragten schwörten darauf auch in Zukunft auf Finanztransfers via Internet zu verzichten"(FR vom 27.10.2000 / Nr. 250). Dies ist vor allen Dingen für die Oneline-Banken ein Schlag ins Kontor, weil sie für ihre Oneline-Services Milliarden Mark investiert haben. So wurden bereits sechs Call-Center von der Citi Bank 1998 geschlossen und zu einem Call-Center zentralisiert. Dabei wurden 1000 Beschäftigte entlassen. Die günstigen Konditionen der Direktbanken sind unter anderen darin begründet, dass es keine ordentlichen Tarifverträge für die MitarbeiterInnen gibt. (vgl. FR vom 26.10.2000 / Nr. 249) Um dem Kundenverhalten entgegen zu kommen, hat beispielsweise die Direkt Anlage Bank neue Anlage-Center eröffnet, um den Interessierten den Umgang mit den virtuellen Möglichkeiten nahe zu bringen. Unter dem Motto "Oneline meets Offline" kommt es zu einer Vermengung von Angeboten traditioneller Filialbanken und Internetbanken, allerdings werden von der Citibank "die Leistungen einer Filialbank zu den Konditionen einer Direktbank" angeboten. (FR vom 27.10.2000 / Nr. 250). Die Direktbanken haben festgestellt, das das Kundenverhalten nicht mit der Kapitalstrategie in Einklang zu bringen ist. Deshalb wurden Call-Center geschlossen und Beratungscenter eröffnet. Sollte es der Citibank gelingen, aus dem Tarifsystem auszusteigen, hätte dies Folgen für die gesamte Bankwirtschaft. Gleichzeitig ist jedoch der Trend zu beobachten, die Kundschaft auf das Bankgeschäft durch Standardisierung der Abläufe zuzurichten. So sagte der Vorstandssprecher Albrecht Schmidt der Hypobank: "Zum einen werde sich die Bank spezieller auf die Immobilienprofis einstellen und diesen neue Finanzierungsinstrumente bieten. Außerdem wolle man auf diesem Gebiet die Auslandsaktivitäten ausbauen. Für die Privatkunden seien Angebote mit niedrigen Kosten geplant, die durch Standardisierung im Stile einer Fabrik ermöglicht werden sollen." (FR vom 27.10.2000 / Nr. 250). Die Umsetzung des Oneline-Banking ist mit Hürden behaftet, weil die Kunden die Nutzung verweigern. Im Gegensatz zur propagierten und teilweise schon umgesetzten Unternehmensstrategie der Banken, Kunden den Tag- und Nachtzugang über das Oneline-Banking zu gewähren, werden diese Dienste trotz Milliardeninvestitionen nicht im gewünschten Umfang angenommen. Die Kunden haben eher ein Interesse an Beratung in einem breiten Filialnetz und möchten in ihren Anliegen ernst genommen werden. (vgl. FR vom 5.10.2000 / 231) Die Einführung von digitalen Bedienungsportalen stellt(e) einen gewaltigen Rationalisierungsangriff gegen die bezahlte Arbeitskraft und die allgemeine Reproduktionsarbeit dar. Der Rationalisierungsangriff gegen den NetuserInnen erfolgt über intelligente Software und bedienungsfreundliche Hardware. Eine Verwertung der Reproduktionsarbeit ergibt sich aus der Tatsache, das zum einen für die Dienstleistung eines Anbieters von Waren in der Reproduktionsökonomie (z. B. eine gebuchte Reise bei einem Touristikunternehmen) inclusive des Mehrwerts gezahlt wird, zum zweiten durch die kostenlose Bedienung des Portals und die Verfügungstellung von Personendaten und zum dritten durch das bezahlte Surfen im Internet selbst. Das Abschöpfen von kostenloser Reproduktionszeit in der Reproduktionsökonomie verwandelt diese in verwertbare Zeit mit steigender Tendenz, denn NetuserInnenzeit ist Zeit im Internet und wird damit zu verwertbarer Zeit ob eine Information gesucht oder zur Verfügung gestellt oder einfach nur eine Dienstleistung abgerufen wird. Das Ganze funktioniert dann nicht, wenn die Netzwerktechnologie unverlässlich ist: als wegen einer Computerpanne der bargeldlose Zahlungsverkehr in der gesamten Schweiz an Weihnachten 2000 zusammenbrach waren davon 58000 Terminals und 5000 Bargeldautomaten betroffen - viele Kunden, die kein Bargeld mit sich führten mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. (vgl FR vom 27.12.2000 / Nr. 300) 5. 3 Die Neuordnung der Arbeit durch die Netzwerktechnologie Die Arbeit wurde im 20. Jahrhundert aus dem privaten Raum in den öffentlichen Raum verlagert. Bis auf die unbezahlte Reproduktionsarbeit verlagerte sich die Heimarbeit aus dem häuslichen und privaten Leben als eine Form des Akkumulationszugriffs in den öffentlichen Raum. Die Hausarbeit mit ihren sozialen Regeln, den Normen und Werten, löste sich in einem Prozess der Differenzierung auf, die Gebote der privaten Arbeitsordnung wurden zum Beispiel durch Tarifverträge im öffentlichen Raum ersetzt, die das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital regelten. Die Verlagerung der Arbeit in den öffentlichen Raum war mit der Proletarisierung von Arbeitskraft verbunden. Die Fabrik - zunächst nur als Verbundsystem von Werkstätten auf dem Betriebsgelände - wurde zum Sinnbild des Moderniserungsprozesses in der Gesellschaft. Diese neuen Arbeitsstätten waren anfangs noch nicht der Logik eines rationellen Produktionskreislaufes angelegt. Dies änderte sich mit der Einführung des Taylorismus / Fordismus zwischen den beiden Weltkriegen und vor allem während des 2. Weltkrieges. Damit setzte sich die Differenzierung am Arbeitsplatz in der Fabrik durch und die ungenügende Organisation des Produktionsbereiches wurde in einem massiven Reorganisationsprozess für die moderne Wertschöpfung zugänglich. Dieser Modernisierungsprozess wurde von wissenschaftlichen Methoden der Arbeitsplanung begleitet, die Entwicklung in diesem öffentlichen Raum der Fabrik spezialisierte den Raum der Arbeit; die Fabrik wurde zum Zweck einer bestimmten Produktion, der Ausbeutung von Arbeitskraft und zum kompakten Ordnungssystem strukturiert. Die moderne Stadtplanung stand im Einklang mit diesem Modernisierungsprozess. Der private Raum wurde dem kompakten Ordnungssystems von Fabrik und Gesellschaft angepasst. Fabrikmäßige Quartiere und Wohnungen sind nur ein Merkmal dieser Entwicklung. Die Vernetzung der Wohnungen, der Stadtteile, der Städte und Regionen erfolgte durch moderne Transportwege, Telekommunikationseinrichtungen und Stromleitungen. Der Ausbau der Infrastruktur war neben anderen Faktoren eine Modernisierungskomponente, die die Differenz zwischen Stadt und Land partiell auflöste und für das technologische Ordnungssystem öffnete. Die Gesellschaft wurde in der Metropole mehr und mehr der modernen Fabrik nachempfunden, konnte sie jedoch nie technologisch nachahmen, weil die technologischen Hürden offensichtlich zu hoch waren. Erst das Internet erlaubt die Prozess auf hohem Technologieniveau ansatzweise der Fabrik nachzueifern. Die fabrikmäßige Organisation der Arbeit wird durch die fabrikmäßige Durchdringung des Haushaltes via Internet auf eine neue Stufe möglicher Wertschöpfung gestellt. Der Virtuelle Raum führt über die Infrastruktur der Netzwerktechnologie nach fast 100 Jahren den öffentlichen Raum und den privaten Raum zusammen: die Industrialisierung von beidem hebt die Trennung auf und in einem Prozess der Wechselwirkung werden beide durch den virtuellen Raum vereint. Die Gesellschaft als Fabrik ist nun kein Mythos mehr, sie wird zur Metroplenwirklichkeit. Die Synchronisierung des öffentliche und privaten Raums über die Geschwindigkeit des virtuellen Raums bestimmt die sozialen Beziehungen, sie hat Auswirkungen auf die sozialen Auseinandersetzungen und die sozialen und politischen Kämpfe. In diesem Sinne konstituiert sich ein stereorealer Raum, der die aktuelle Realität der materiellen Welt mit der virtuellen Realität, die auf digitale Medien beruht, vermengt, und in einem schöpferischen Umbruch die sozialen Beziehungen in einem Beschleunigungsakt so zurichtet, dass sie in ein neues Akkumulationsmodell auf Basis eines segmentierten Arbeitsmarktes und der Ökonomisierung der Reproduktionsarbeit aufgehen. Der stereoreale Raum verwischt die Gegensätzlichkeit des sozialen und ökonomischen Antagonismus und verdichtet die Ausbeutungsbeziehungen zwischen Informationskapital und den segmentierten Arbeitskräften. Neue soziale Rituale zwischen Kapital und Arbeit werden durch den stereorealen Raum kreiert und kultiviert. Mit ihnen wird die soziale, politische und ökonomische Hegemonie einer neuen herrschenden Klasse manifestiert. Wenn der virtuelle Raum durch die globalen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten auf Grundlage der Geschwindigkeit aus dem Hintergrund sich als audiovisuelle Macht präsentiert, dann konstituiert sich mit dem Massen-Netuser ein soziales Subjekt, das den virtuellen Raum zum Technologiekult erhebt. Wo aus der Ferne und dem Hintergrund gehandelt, gesteuert und manipuliert wird, kann die herrschende Klasse durch Informations- und Kommunikationsenteignungen dem NetuserIn sämtliche Kommunikationsmittel blockieren. Am Beispiel des NATO-Krieges gegen Jugoslawien wurde deutlich, wie Fälschungen von Bildern und gezielte Propaganda über die Netzwerktechnologie eingesetzt werden, um das Herrschaftsverhältnis zu untermauern. In diesem Szenario wurde der / die NetuserIn auf den Medienoutput des virtuellen Raumes konditioniert. Deshalb kann die virtuelle Macht des Informationskapitals nur durch das Abschalten des Stroms oder durch die (Teilnahme-)Verweigerung der NetuserInnen gebrochen werden - damit sind die politischen Parallelen zur Anti-Akw-Bewegung seit 1975 ff. im Übrigen wieder gegeben. Soziale Kontrolle und Yoyourismus sind die zwei Seiten der informationstechnologischen Revolution. Wo die optische Denunziation durch Videokameras mit der mündlichen und schriftlichen Denunziation im virtuellen Raum als informationstechnologische Konterrevolution zum Tragen kommt, vermischen sich soziale Kontrolle und Yoyourismus.Vernetzter Arbeitsplatz und vernetzter Haushalt projizieren sich gegenseitig. Bilder, Töne und Visionen aus dem virtuellen Raum erzeugen ein Gemengelage von Realität und deren Umkehrung. Die Projektion auf die Realität verwandelt sich zu einer Introjektion (Einbeziehung fremder Anschauungen) durch den virtuellen Raum und es wird immer schwieriger die Welt in der wir leben, als soziale Ökonomie richtig zu interpretieren. Die Gewöhnung an die totale Verfügbarkeit von Masseninformationen wird dazu führen, dass der Aufenthaltsort zwischen öffentlichem und privatem Raum verwischt. Die soziale Verortung im privaten und öffentlichen Raum wird durch den virtuellen Raum zum Problem, das Bedürfnis des Wechsels wird mit der Erschließung neuer Netzwerke und Datenautobahnen ein Abgleiten in die Passivität fördern. Das neue Hegemoniemodell der sozialen Kontrolle wird sich als Zentrum des persönlichen Stillstands der Masse neu definieren. Die Einbindung in die Wertschöpfungsketten des privaten und öffentlichen Raums wird Zentrum der sozialen Welt - die Welt selbst wird durch die in Echtzeit übertragenen audiovisuellen Daten aus Nah und Fern zum goldenen Käfig des Eingeschlossensein. Der virtuelle Raum hebt den sozialen Antagonismus nicht auf, doch wo die soziale Verortung verschwimmt ist der Absturz in das Schwarze Loch der Herrschaftstechniken nur eine Frage der Zeit und der Geschwindigkeit. Der Prozess der informationstechnologischen Durchdringung der Gesellschaft ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt gekennzeichnet
5.3.1 Arbeit unter den Bedingungen der Netzwerktechnologie Seitenanfang Die Organisation von Arbeit im Netzwerk über die zentrale Anbindung von Computern, sei es nur im Reihennetz oder im sternförmigen Netz, dient der Rationalisierung des Produktionsprozesses. Das Fließband scheint Pate für die Entwicklung gewesen zu sein. Die Organisation von Arbeit im Netzwerk dient der modernen Administration in Betrieben, den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in Betrieben, der Steuerung von Arbeitsabläufen, der Verwaltung von Arbeitskraft in den Betrieben und der Steuerung von und Erfassung von Menschen und Verwaltungsabläufen in der Gesellschaft etc. Sie schafft Kooperation und Teamarbeit im Arbeitsprozess mit dem Ziel, dass die NetuserInnen sich nicht mehr selbst gehören. Marx analysierte in seinem berühmten 11. Kapitel über die Kooperation in seinem Hauptwerk "Das Kapital" für die Arbeiter diesen Prozess. In seiner modernen Ausprägung lässt er sich durchaus auf die Arbeit im Netzwerk übertragen: "Die Form der Arbeit vieler, die in demselben Produktionsprozess oder in verschiedenen, aber zusammenhängenden Produktionsprozessen planmäßig neben- und miteinander arbeiten, heißt Kooperation". (MEW Bd 23, S. 344) Ziel des Informationskapitals ist es, über die Organisation der Arbeit im Netzwerk neue Strukturen zu schaffen und sie im Arbeitsprozess zusammenzubringen und zusammenzuhalten. Die Arbeitskräfte begreifen diesen Prozess als Entfremdung. EDV-Maschinen befreien den NetuserIn nicht von der Arbeit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Treffen Arbeitsprozess und Verwertungsprozess im Informationskapitalismus zusammen bestimmt nicht die NetuserInnen die Arbeitsbedingungen, sondern beherrschen die Arbeitsbedingungen sie als soziales Subjekt. In der NetuserInnen-Wirklichkeit beherrscht der Computer, die Maschine, das soziale Subjekt. Die lebendige Arbeit wird durch die tote Arbeit der Maschinen ausgesaugt. Die NetuserInnen begreifen diesen Prozess nicht als persönliche Verelendung, gegen die sie Widerstand leisten müssen, da sie sich nicht mehr selbst gehören. "Ihre Kooperation beginnt erst im Arbeitsprozess, aber im Arbeitsprozess haben sie bereits aufgehört, sich selbst zu gehören. Mit dem Eintritt in denselben sind sie dem Kapital einverleibt. Als kooperierende, als Glieder eines werktätigen Organismus, sind sie selbst nur eine besondere Existenzweise des Kapitals. Die Produktivkraft, die der Arbeiter als gesellschaftlicher Arbeiter entwickelt, ist daher Produktivkraft des Kapitals. Die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit entwickelt sich unentgeltlich, sobald der Arbeiter bestimmte Bedingungen gestellt sind, und das Kapital stellt sie unter diese Bedingungen. Weil die gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit dem Kapital nichts kostet, weil sie andrerseits nicht von dem Arbeiter entwickelt wird, bevor seine Arbeit selbst dem Kapital gehört, erscheint sie als Produktivkraft, die das Kapital von Natur besitzt, als seine immanente Produktivkraft". (MEW Bd. 23, S. 352f) Damit wird deutlich gesagt, dass sich jeder Arbeitsprozess nicht zur Selbstverwirklichung unter den Bedingungen des Kapitals eignet.( Auch die Entwicklung von Software im Internet, wie das Betriebssystem Linux, an dem weltweit Programmier in ihrer Freizeit im Netzwerk kostenlos als Hobby arbeiten, fällt darunter, denn das Internet gehört nicht allen.) Die moderne Kooperation mit der Netzwerktechnologie stellt die Neuorganisation der Arbeit dar. Sie hat sich zur modernen Grundform der kapitalistischen Produktionsweise entwickelt, weil sie unter anderen Bedingungen die weitere Subsumtion der Arbeit unter das Kapital absichert. Die Anwendung der Netzwerktechnologie leitet die Veränderung der sozialen Verhältnisse ein und führt zur Ausweitung der Herrschaft des Kapitals. Der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit wird nicht aufgehoben, er wird durch das "Making" einer NetuserInnenklasse als ein neues (soziales und revolutionäres?) Subjekt im Informationskapitalismus seine Fortsetzung finden. Das Netzwerk schafft eine neue Arbeitsdiziplin, mit der Raum und Zeit sich aufheben. Das Netzwerk als neues Fließbandregime schafft mit der elektronischen Datenverarbeitung eine neue Form der "gesellschaftlichen Massenarbeit" (MEW Bd. 23, S. 446). Allerdings wird im Gegensatz zur Fabrik, die immer anfällig für Klassenkampf ist, die Masse der gleichzeitig im Netzwerk kooperierenden NetuserInnen durch die Vereinzelung / Isolation wegen der eingeschränkten Zugriffsrechte für wenig Widerstand sorgen können, insbesondere je weitmaschiger das Netzwerk durch die Auslagerung von Arbeitsplätzen in der privaten Raum wird. Die Erfahrung aus den sozialen und politischen Kämpfen in der Fabrik in den sechziger und siebziger Jahre in der Metropole hat das Kapital bei der Erweiterung des Fließbandes durch die Netzwerktechnologie berücksichtigt. Damals Mario Tronti schrieb zu diesem Problem, indem er sich auf die Arbeiterklasse bezog: "Der Kampf der Arbeiterklasse hat den Kapitalisten gezwungen, die Formseiner Herrschaft zu verändern. Das bedeutet, dass der Druck der Arbeitskraft das Kapital dazu zwingen kann, seine eigene innere Zusammensetzung zu ändern; er wirkt innerhalb als wesentliche Komponente der kapitalistischen Entwicklung; er treibt von innen heraus die die kapitalistische Produktion voran, bis sie auf alle äußeren Beziehungen des sozialen Lebens übergegangen ist". (Mario Tronti, Arbeiter und Kapital, Frankfurt 1974, S. 26) Die Kooperation im Arbeitsprozess vertieft den Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit, die Zusammenführung der Arbeit im Netzwerk und wirkt als Neuzusammensetzung für die NetuserInnen. Sie wird organisiert und als Plan für die Mehrwertschöpfung angelegt: Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft". (MEW Bd. 23, S. 351) Die "Funktion der Leitung" sowie "die Überwachung und Vermittlung" im Arbeitsprozess gewinnt zentrale Bedeutung für das Kapital im Arbeitsprozess und bei der Aufrechterhaltung der Netzwerktechnologie. Die Unterhaltung des Netzwerkes wird zur wichtigen Funktion des Kapitals, zum leitenden Produktionsprozess selbst, welcher einerseits gesellschaftlicher Arbeitsprozess zur Herstellung von Informationswaren wird, andererseits aber Verwertungsprozess des Kapitals bleibt und der Form nach selbstverständlich politisch ist. Arbeit im Netzwerk heißt Differenzierung und Detailverrichtung sowie die unbedingte Unterordnung des /der NetusersIn unter das Informationskapitals. Fabrikmäßige Organisation der Arbeit ist bis an den einzelnen Arbeitsplatz in den Unternehmen möglich, indem die Arbeitskräfte im Netzwerk nur definierte Benutzerrechte haben. Ihre Aufgabe ist es, in zerlegten Arbeitsprozessen analog des Fließbandes in der Fabrik Arbeitsaufgaben zu bewältigen. Auf das Internet übertragen, kann jedeR NetuserIn des Netzwerkes von externen Unternehmen oder Auftraggebern mit Arbeitsaufgaben bedacht werden, kommerziell oder nicht. Das Kommando über diese Arbeit haben die Auftraggeber. Mit den Netzwerken ist es gelungen, das Kommando der Arbeit, wie es seit Ende der sechziger Jahre in den Fabriken entwickelt wurde, auf den Dienstleistungssektor zu übertragen und darüber hinaus durch globale Netzwerke an den NetuserIn im Privathaushalt in den ersten Anfängen zu transportieren. Damit kann wahrlich zum ersten Mal von Arbeit oder Nutzung der Informationen und Kommunikation als gesellschaftliche Fabrik gesprochen werden. Zur Zeit geht es um die massenhafte Einbindung von Benutzern durch das Internet, um diesen Prozess weiträumig zu gestalten und die punktuelle Lokalität aufzubrechen. Dann kann erst von einer Globalisierung des Kommandos über die Arbeit und über die Rechte der Benutzer gesprochen werden. Im Bereich Telekommunikation, Hardware, Software und Dienstleistungen waren Ende 2000 in Deutschland 794000 Arbeitskräfte mit wachsender Tendenz beschäftigt. Damit hat sich die Branche in kürzester Zeit zum größten deutschen Wirtschaftssektor entwickelt. (vgl. FR vom 14.10.2000 / Nr. 239). Dennoch fehlen gutausgebildete Arbeitskräfte. Mit einer Green Card für gutausgebildete Computerfachleute und Programmierer wird der Arbeitsmarkt in der BRD geöffnet. Angesichts der Propaganda die betrieben wurde, war das Rekrutierungsergebnis eher mager: bis Ende 2000 konnten 2500 Computerspezialisten angeworben werden. (vgl. Fr vom 19.10.2000 / Nr. 243) Gleichzeitig erfolgen Ausbildungsoffensiven an Schulen und Universitäten um dem Verwertungsinteresses des Kapitals gerecht zu werden. Dagegen steht die große Masse der Beschäftigten, die als Spätanwender erstmals mit informationstechnologischen Maschinen konfrontiert werden und sich in das System der Kooperation einarbeiten müssen. Arbeit am Rechner läuft in den meisten Unternehmen fast überall nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Die Arbeitskräfte bedienen ihre PC ohne betriebliche Fortbildung in der Regel nicht besonders geschickt. Sie lernen durch Fortbildung in ihren Unternehmen gerade einmal, ihre Aufgaben zu erfüllen. Die wenigsten verstehen technische Zusammenhänge, und Ahnungs- und Arglosigkeit ist folglich eine typische Schwachstelle in der Bedienung. Datensicherung erfolgt oft aus Unkenntnis nicht, Unachtsamkeit und Fehler sind trotz Qualitätsmanagement an der Tagesordnung. Dass für eine bessere Datensicherung das Problembewusstsein in den großen Unternehmen wächst, unterstreicht der Chemiekonzern BASF, indem er seine Angestellten heutzutage E-Mails mit Geheimformeln verschlüsseln lässt. Sogar der interne Datenaustausch läuft über codierte Nachrichten. Mit dieser Datensicherung sollen vertrauliche Arbeitsergebnisse vor Verlust und Industriespionage gesichert werden. (vgl Fr 04.11.2000) E-mail und Internet verändern die Arbeitsanforderungen. Der Druck, die Informationsflut zu bewältigen, führt auch zu neuartigem Stress. Viele Arbeitsplätze ersticken mittlerweile in digitalem Datenmüll und sabotieren Arbeitsabläufe. Die schnelle Kommunikation per E-Mail macht scheinbar vieles einfacher. Termine lassen sich leichter klären, die Absprache von Details wird in den Unternehmen oder in den Kundenbeziehungen beschleunigt und wichtige elektronische Unterlagen können mühelos hin- und hergemailt werden - die Datenflut ist jedoch kaum noch zu bewältigen. Durch die schnelle Kommunikation steigt das Arbeitstempo und damit der Druck, schnell zu entscheiden. Oft fehlt die Zeit, alle Nachrichten sorgfältig zu lesen; manche werden gar nicht mehr geöffnet. Die Folge sind Wissenslücken, Missverständnisse und Flüchtigkeitsfehler, wobei Rechtschreibung noch das geringste Problem ist. Je mehr Zeit mit der Maschine verbracht wird, desto isolierter wird der Mensch durch den virtuellen Raum und menschlicher Kontakte werden durch die Geschwindigkeit des Netzwerkes, kurz der Maschinenorganisation gesteuert. Das gilt auch für NetuserInnen, wenn Recherchen im World Wide Web zu ihrem Arbeitsalltag gehören. Das Internet erlaubt, vom Schreibtisch aus mittels Rechner weltweit in Archiven, Katalogen oder auch Tageszeitungen zu stöbern. Wer von den Datenbanken profitieren will, braucht mehr als nur die technischen Apparate. Die Informationsvielfalt verlangt Vielseitigkeit um nicht vom virtuellen Raum beherrscht zu werden und um nicht in einem verwirrenden digitalen Datenchaos zu ersticken. Die Fachkräfte, die beruflich mit dem virtuellen Raum zu tun haben, brauchen dafür professionelle Strategien, Hilfsmittel und Kompetenzen. Auf der anderen Seite hat die Arbeit im Internet attraktive Aspekte sofern die NetuserInnen nicht im Mythos des technologischen Kultes gefangen sind: Sie ermöglicht dem NetuserIn mehr Selbständigkeit, fördert schnellen Wissenserwerb und befriedigt Neugier und erfordert eine ständig hohe Konzentration. Die Datenfülle und ihre chaotische Struktur erfordert in ihrem Umgang Erfahrung und Schulung, ansonsten wirkt sie kontraproduktiv durch gestresste und möglicherweise nervöse NetuserInnen. Häufig sind Hardware- und Softwarevoraussetzungen für die Arbeit im Internet zu schwach ausgelegt oder nicht kompatibel und der / die NetuserIn muss darauf warten, dass sein Rechner neue Dateien aus dem virtuellen Raum lädt. Ungeduld, Stress und fehlende Bedienungvoraussetzungen können krank machen. Psychische Störungen in Folge von Arbeitsbelastungen haben laut Welthandelsorganisation Ilo in Deutschland und anderen metropolitanen Industrieländern stark zugenommen. Bei depressiven Verstimmungen und Angstzuständen spiele auch die Revolution der Informationstechnologie eine Rolle. Vielen NetuserInnen fällt es im Übrigen schwer mit dem unerbittlichen Anstieg der Produktivität und der hohen Geschwindigkeit Schritt zu halten. (vgl. Fr 19.10.2000) Die Ausweitung der Netzwerktechnologie kann in der Zukunft jeden Haushalt in einen ausgelagerten Arbeitsplatz mit Zugriff auf die Reproduktionsarbeit umwandeln. Das Netzwerk wird durch die Penetration in den öffentlichen und privaten Raum die Unterwerfung unter das Kommando des Kapitals gewährleisten, und Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse in der Metropolenwirklichkeit schaffen, die das Bekannte in den Schatten stellen wird. Die Arglosigkeit und Unbefangenheit, mit der heute im Netzwerk gearbeitet und gesurft wird, zeugt davon, dass die NetuserInnen noch nicht begriffen haben, das mit der Entwicklung der Kooperation auf größeren Maßstab neue Formen des Depotismus des Kapitals durchsetzen oder bereits durchgesetzt haben. 5.3.2 Die Neuordnung der Arbeit durch den virtuellen Raum Mit der Veränderung der Arbeit durch den virtuellen Raum vollzieht sich die Neuordnung des Arbeitsmarktes im Allgemeinen. Dieser Neuordnungprozess verläuft in der nordamerikanischen Metropole und im europäischen Wirtschaftsraum ungleichzeitig und mit unterschiedlicher Qualität. Ursache hierfür sind die unterschiedlichen Sozialsysteme. Die Deregulation der Arbeitsmärkte erfolgt daher auch mit unterschiedlicher Härte und mit mehr oder weniger sozialer Abfederung. Um sozial- und arbeitspolitische Trends und Entwicklungen für den europäischen Wirtschaftsraum aufzeigen zu können, ist ein Blick auf informationstechnologische Arbeit der US-Ökonomie notwendig, da dort die Internetrevolution Anfang der neunziger Jahre begann und den Arbeitsmarkt veränderte. Neben der neuen Internetökonomie existiert ein großer Teil der "alten" Branchen auf modernem netzwerktechnologischem Niveau weiter. Die Durchdringung der Arbeit mit der Netzwerktechnologie hat in der Industrie, der Chemie oder Landwirtschaft für einen Modernisierungsschub gesorgt und die Berufe dem technologischen Wandel angepasst. Die Netzwerktechnologie sorgt für eine weitere Tertiarisierung der Ökonomie und für die Modernisierung der neuen internationalen Arbeitsteilung. Um Verluste in der Handy-Sparte auszugleichen verlagerte der schwedische Konzern Ericsson ein Teil seiner Produktion in Weltmarktfabriken nach Asien, Lateinamerika und Osteuropa (vgl. FR vom 21.10.2000 / Nr. 245). Dort in den Weltmarktfabriken hat sich seit den achtziger Jahren in Bezug auf die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung wenig geändert. Geändert hat sich nur die Produktionspalette für den informationstechnologischen Sektor: Hardware, audiovisuelle Geräte oder elektronische Haushaltsgeräte werden dort in Massenfertigung produziert. Die Arbeitskraft in der Weltmarktfabrik ist durch den informationstechnologischen Wandel nicht aufgewertet worden, sondern ist lediglich ein Baustein in den Wertschöpfungsketten der Konzerne. "In der "New Economy" sind feste Beschäftigungsverhältnisse passe und gleiches gilt im Prinzip auch für das feste Gehalt, den Jahresurlaub, die auskömmliche Alterssicherung und in einigen Ländern (insbesondere in den USA) auch für die Krankensicherung." (WSI-Mitteilungen Nr. 12/2000, S. 776) Die Arbeitsmöglichkeiten in der digitalen Wirtschaft sind vielfältig: Im Konsum- und Informationsbereich durch die Netzwerktechnologie mit dem Making eines NetusersIn. Die NetuserInnen sind bereits der Marktforschung unterworfen. Ihr gilt zunächst die Aufmerksamkeit des tayloristischen Verwertungsinteresse. Die NetuserInnen sind Besitzer von PCs und damit von selbstbeschafften Produktionsmitteln und Informationstechnologie-Kleinkapitalisten auf der einen Seite, falls sie dem Internet "Informationswaren" zur Verfügung stellen. Im Unternehmensbereich die Anteilseigner, die Vermögensanteile in Form Aktien und Optionen - häufig als Gehaltsbestandteil - in die Firmen eingebracht haben und mit den Kursschwankungen an der Börse schnell Gewinner oder Verlierer werden können. Beispiel dafür sind Amanzon.com in den USA, Nokia in Finnland, mittelständische Firmen wie Bintec, Gedys, Intershop oder Metabox in der BRD (vgl. FR vom 2.12.2000) Gerade diese Konstruktion führt dazu, dass die Arbeitskräfte nur wenige Arbeitsrechte wahrnehmen: als Miteigentümer sind sie an das Kapital gebunden und damit werden die kleinsten Arbeitsschutzbestimmungen ausgehebelt. An der Schnittstelle zwischen Handel und Konsumenten befinden sich prekäre Arbeitsverhältnisse: in der Regel sind das schlechtbezahlte Verpackungsjobs oder Transportjobs. Der "Technology-Worker" ist für das Aufbauen und die Wartung von digitalen Netzwerken und die PCs oder Großrechner zuständig. (vgl. Fr. vom 1.12.2000). "Ganz am unteren Ende der "high-tech"-Welt der "new economy", in den Montagefabriken der Elektronikindustrie, den "backoffices" der Banken und in der Heimarbeit, auf die diese sich stützen, oder in den Call-Centers der Marketingfirmen gibt es eine dritte "Klasse" von Arbeitskräften. Im "low tech underbelly" herrschen Arbeitsverhältnisse, die "modern" nur insofern sind, als Techniken des ausgehenden 20. Jahrhunderts zum Einsatz gelangen. In den Telefonzentralen verrichten befristet Beschäftigte für wenig Geld extrem monotone und einseitig belastende Tätigkeiten; dabei müssen sie Leistungs- und Verhaltenskontrollen hinnehmen, die um vieles genauer und auch perfider sind als die Kontrollen am tayloristisch-fordistischen Fließband. Auch die Arbeitsverhältnisse in reinen Fertigungsunternehmen, die selbst keinen Markennamen haben, aber für "namhafte" Unternehmen der Elektronikbranche Audio/Video, Handys, Computer und Haushaltselektronik produzieren und vertreiben, kontrastieren scharf mit dem Bild einer (in mehrfacher Hinsicht) "sauberen", auf Ideenreichtum und Kreativität gegründeten "new economy": Extrem repetitive, körperlich belastende und überaus langweilige Arbeiten bilden das tayloristische Fundament des "low tech-Unterbaus" der "high tech"-Wirtschaft."(Frankfurter Rundschau 14.12.2000) Die Arbeitsbedingungen in der digitalen Wirtschaft sind hart: die 80-Stunden-Woche in vielen Unternehmen der Normalfall. Der Verschleiß an Arbeitskraft und die hohe Fluktuation sorgen dafür, dass sie nach fünf Jahren Tätigkeit Veteran in einem Unternehmen ist. Mit Beginn des Krisenszenario Ende des Jahres 2000 wurden in den USA mehr als 36000 Arbeitskräfte aus der Internetbranche entlassen. Bis ende Januar 2001 stiegen die Entlaasungen auf mehr als 54000. (vgl. FR vom 31.1.2001 Nr. 26) In der Regel betraf die Entlassungswelle Webunternehmen aus den Bereichen Consulting, Information, Finanzen und den Einzelhandel. Ob die schlechten Arbeitsbedingungen und -verhältnisse eine "High-Tech-Worker-Bewegung" hervorbringen, wird selbst in den USA als kritisch eingeschätzt, weil gutbezahlte Programmierer oder Webdesigner die typischen VertreterInnen der Mittelschichten sind (auch wenn sie sich selbst als Netslaves bezeichnen), die sich selten mit dem sozialen Antagonismus auseinandersetzen und oft schnell wieder Arbeitsplätze in anderen Unternehmen finden. (vgl. FR vom 6.1.2001 / Nr. 5) Die Arbeitsbedingungen im modernen Dienstleistungssektor im europäischen Wirtschaftsraum sind äußerst unterschiedlich und sind Ausdruck eines segmentierten Arbeitsmarktes und einer Deregulierungspolitik, die Anfang der achtziger Jahre begann. In der BRD sind gegenwärtig die Lohnunterschiede zwischen dem Dienstleistungssektor und dem verarbeitenden Sektor (Industrie, Massenfertigungsunternehmen) erheblich. Niedriglohnsektor sind Teile des Einzelhandels, der Gastronomie und die Reinigungsdienste. Dort werden Lohntarife, wenn überhaupt welche gelten, oft nicht respektiert. Der Softwarebereich, die Medien und in Teilen des Kredit- und Versicherungsgewerbes wird sehr hoch gezahlt. Doch auch dort sind die Arbeitsplätze durch den informationstechnologischen Umbruch nicht sicher. Denn die neue Informationstechnologien machen in den kommenden zehn Jahren etwa jeden fünften Job in der Versicherungswirtschaft überflüssig. Betroffen davon sind in der Branche rund 50 000 Beschäftigte. In der Vergangenheit gab es klare Regelungen, was Bank und was Versicherungsgeschäfte waren. Heute überschneiden sich die Finanzgeschäfte beider Branchen zunehmend. Wissenschaftler der Universitäten Hannover und Karlsruhe gehen deshalb davon aus, dass Versicherungskonzerne im Jahre 2002 rund sieben Millionen Kunden im Internet betreuen werden. Der Vertragsabschluss im Netz der Netze wird Stellen im Innen- wie auch im Außendienst entbehrlich machen. "Die Vertreter haben weniger Arbeit, wenn die Kundschaft am heimischen Computer die Policen ausfüllt. Dann erhält der Innendienst alle Daten in elektronischer Form. Deshalb entfallen auch dort, intelligent programmierte Systeme vorausgesetzt, aufwendige Datenerfassung und Plausibilitätskontrollen. Schäden kann der Außendienst über mobile Rechnersysteme direkt bearbeiten - das macht in den Zentralen weitere Stellen überflüssig." (Fr 27.10.2000) Bei Banken sowie anderen Dienstleistungs- und Handelsunternehmen ist ein ähnlich starker Stellenabbau aufgrund der Informationstechnologie zu befürchten und weil die Kunden, die unbezahlte Arbeit im privaten Raum übernehmen die einige Zeit vorher noch im öffentlichen Raum vergütet wurde. Inwieweit die Assekuranz oder Banken diesem arbeitsmarktpolitischen Trend durch sozialpolitische Programme zur Frühpensionierung und Umschulung und Weiterbildung begegnen, ist offen. In den sozialpolitisch und tariflich abgesicherten Bereichen des Dienstleistungssektors ist Die Fluktuation von Mitarbeitern sehr gering. Dies gilt gegenwärtig für den öffentlichen Dienst oder das Kredit- und Versicherungsgewerbe für die zentralen informationstechnologischen Verwaltungstätigkeiten, während sie in anderen Bereichen wie Supermärkten (Schwerarbeit an scannergesteuerten Kassen) oder Call-Center die 100- Prozent-Marke erreicht, also die Belegschaft dort aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen einmal im Jahr ausgetauscht wird. "In einzelnen Bereichen, wie dem Lebensmitteleinzelhandel, vielen Call Centers und der Gebäudereinigung sind die Vollzeitbeschäftigten inzwischen in der Minderheit. In anderen Bereichen wird heute ohne Ende gearbeitet. Gerade die Arbeitszeiten der Höherqualifizierten haben sich in den letzten Jahren entgegen dem allgemeinen Trend ausgedehnt. Sie stieg von 45,3 Wochenstunden 1984 auf 46,2 Wochenstunden 1998. 50 und mehr Wochenstunden sind für viele von ihnen - etwa im Softwarebereich - selbstverständlich." (Fr 15.09.2000) Nach wie vor ist der Dienstleistungssektor durch geschlechtsspezifische Arbeitsformen gekennzeichnet. Mehr als 52 Prozent aller Beschäftigten des Dienstleistungssektors sind in der BRD Frauen. Sie arbeiten überwiegend in den schlechtbezahlten Berufen oder in angelernten Tätigkeiten (z. B. Gebäudereinigung). Viele der Frauen stehen dem Arbeitsmarkt weiterhin zeitlich nur begrenzt zur Verfügung, da auf ihnen die Verantwortung für die Hausarbeit und die Kindererziehung ruht. Viele der Frauen, die in den letzten Jahrzehnten in den Arbeitsmarkt kamen, wollten und konnten nicht Vollzeit arbeiten und verspielten ihre Chance auf einen festen Arbeitsplatz oder eine Karriere durch ihr vorübergehendes Ausscheiden aus dem Beruf. Im deutschen Sozialsystem mit seinem konservativen Familienbild, werden Frauen nach einer Familienphase in die Nischen des Arbeitsmarktes abgedrängt. Darüber hinaus sind viele alleinerziehende Frauen Sozialhilfeempfängerin, die sich in diesen Nischen oft in Form von Schwarzarbeit ein informelles Einkommen verschaffen. Die Beschäftigungsquote der Frauen im Dienstleistungssektor steigt und vor allem die jüngeren gut ausgebildeten Frauen akzeptieren die unterbrochenen Erwerbsbiografien ihrer Mütter immer weniger. Wenn Beruf und Familie nicht zu vereinbaren sind, verzichtet man oft eher auf Kinder als auf den Job. (vgl. Fr 15.09.2000) Allerdings spielt die schulische und universitäre Bildung für den informationstechnologischen Sektor eine große Rolle. Geschlechtsspezifische Rollenbilder sollen z. B. in der Schweiz durch Bildungsprogramme aufgebrochen werden. Dort sollen junge Frauen für die neuen Berufsfelder der Computer- und Informatikbranche gewonnen werden. Über Internet und E-Mail als Appetitanreger soll ein Mädchenanteil von 20 Prozent als Ziel für die Informatik gewonnen werden. In einer Umfrage der ZLI bei zwanzig jungen Frauen, die sich in der Ausbildung zur Informatikerin befinden, gab rund die Hälfte als Hauptgrund für den tiefen Frauenanteil im Informatikbereich ein mangelndes Selbstvertrauen möglicher Interessentinnen an, bedingt beispielsweise durch Angst vor dem Eindringen in eine Männerdomäne, vor dem Ausgelachtwerden oder vor weiblicher Unterlegenheit in technischen Belangen. dass nicht zuletzt kommunikative Fähigkeiten - gemeinhin eher als Stärke der Frauen angesehen - eine Schlüsselqualifikation in diesem Berufsfeld darstellen. (vgl. Nzz, 3. 10. 2000, Nr. 230, Seite 51) Ein wachsender Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor arbeitet in teilautonomen Arbeitsgruppen in Form von Teamarbeit mit wachsenden Gestaltungsspielräumen hinsichtlich der Organisation der Arbeitszeit oder der Verteilung der Arbeitsaufgaben. Eine solche Delegation von Verantwortlichkeit wird im Übergang von traditionell bürokratischen zu kundenorientierten Organisationsformen notwendig. Beschäftigten, die flexibel auf Kundenbedürfnisse eingehen sollen, kann man nicht mehr wie in der Vergangenheit jeden Arbeitsschritt vorgeben. Auslagerungen, wie die der EDV- und Softwarebereiche aus den großen Industrieunternehmen, sollten verstreute Aktivitäten bündeln, um so genannte Synergieeffekte zu erzielen und neue Warenmärkte zu erschließen. Dennoch sind die Hierarchien durch die Netzwerktechnologie festgelegt: Benutzerprofile werden durch Systemadminstratoren festgelegt und schränken den Handlungsspielraum auf das Notwendigste ein. In diesem Fall kann nicht von einer Demokratisierung der Arbeit gesprochen werden, sondern das Kommando über die Arbeit wird durch die Netzwerkzugangsrechte genau geregelt. Dies gilt im Übrigen für alle Computerarbeitsplätze, die einem Netzwerk angeschlossen sind. Ausgelagerte Arbeitsplätze aus den öffentlichen in den privaten Raum spielen in diesem arbeitspolitischen Konzept eine große Rolle, die allerdings nach diversen Hackerangriffen ihre extreme Anfälligkeit bewiesen haben: so haben große Unternehmen jahrelang ausgelagerte Arbeitsplätze als Zukunft der Arbeit gepriesen und als Reaktion auf Hackerangriffe global ihre externen Mitarbeiter ausgesperrt. Das Risiko für Betriebsspionage durch Hackerinnen oder andere Unternehmen ist im Zeitalter mobiler Netzwerktechnologie und aus dem Festnetz bei der Anwendung von Computern ist hoch gleichzeitig werden dadurch die ökonomischen Vorteile der Teilzeitarbeit aus dem privaten Raum des Zuhauses oder beim Einwählen von unterwegs erheblich eingeschränkt. Die Konzerne der informationstechnologischen Zukunft wollen alle virtuell über "Virtuelle Private Netzwerke (VPNs)" sein: was "diese Firmen jedoch tun, ist die Auslagerung ihrer Verletzbarkeit in das Wohnzimmer der Angestellten." (DIE ZEIT 45/2000) Virtuelle Private Netzwerke werden u. a. von einem neuen Typus von Arbeitskraft besetzt: den so genannten Arbeitskraft-Unternehmer oder Selbständigen ohne Beschäftigte. "Als dessen wichtigste Merkmale gelten die erweiterte Selbstkontrolle, die flexible Ausrichtung an den sich schnell wandelnden Arbeits- und Einsatzbedingungen und eine damit verbundene Tendenz zur "Verbetrieblichung" der alltäglichen Lebensführung. Damit verbunden ist eine Aufspaltung der Arbeits- und Lebenslage der abhängig Beschäftigten: auf der einen Seite jene hochqualifizierten Beschäftigten, die aufgrund ihrer vielfältigen und ausreichenden Ressourcen zu einer sehr selbstbestimmten Gestaltung ihrer Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Lage sind." (Fr vom 13.11.2000) Arbeitskraft-Unternehmer üben im Dienstleistungssektor ihre Tätigkeit überwiegen mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien aus: "Die hierdurch gestützte zeitliche und räumliche Unabhängigkeit in der Gestaltung von Arbeitsprozesse begünstigt sowohl die projektorientierte Auftragsvergabe von Unternehmen an frei zirkulierende Experten (Wissenschaftler, Ingenieure, Designer, wirtschaftliche Berater, Computerfachleute etc.) als auch Routinearbeiten (Schreibarbeiten, Sachbearbeitung usw.) an eine mehr oder weniger dezentralisierte Randbelegschaft. Mit zunehmender Auslagerung bislang innerbetrieblich erbrachter Leistungen und bei wachsender Informatisierung wandert somit ein Teil der Erwerbsarbeit in Richtung wohnnaher Telearbeit, aber auch aus der abhängigen Beschäftigung in Richtung Selbständigkeit". (WSI-Mitteilungen Nr. 12/2000 S. 784) Dieser neue Typus von Arbeitskraft verkörpert sozusagen die aktive Flexibilisierung, Deregulierung und Individualisierung als Ware auf der einen Seite und auf der anderen steht dieser Neuordungsprozess für die Autonomie unter extrem unsicheren sozialen Verhältnissen. Weil viele Unternehmen sich zunehmend auf ihr "Kerngeschäft" konzentrieren, lagern sie andere betriebsorganisatorische Funktionen aus. Einer der wichtigsten Gründe für die Auslagerung vieler Dienstleistungen ist das Gefälle zwischen niedrigeren und hohen Lohntarifen in anderen Branchen. Durch die Auslagerung fast aller Gastronomie- und Reinigungsfunktionen aus den großen Unternehmen wurden die Arbeitskosten reduziert. Auf der anderen Seite sind Entwicklungstendenzen zu beobachten, die sowohl im Produktions- als auch im Dienstleistungssektor zum Tragen kommen. Durch die Neuordnung der Arbeit in der Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Multimedia-Branche konnten sich bislang aufgrund der hohen Geschwindigkeit keine eigenständige Berufsmuster entwickeln, obgleich in diesen Sektoren der Anteil hochqualifizierter Arbeitskräfte hoch ist. Über deren Tätigkeitsformen und Beschäftigtenstruktur ist noch wenig bekannt, offenbar finden sich hier viele unkonventionelle Arbeitsformen, Berufsbiographien und Karrieremuster. Die Vermittlung der computergestützten Anwendungsprogramme oder von allgemeiner Software erfolgt durch staatliche, betriebliche oder privatwirtschaftliche Weiterbildungsprogramme und in der Regel durch billige Fortbildungsarbeitskräfte (Bildungsarbeiter). In der BRD gibt es nach Schätzungen der GEW in der Weiterbildung bei 100000 Festangestellten rund eine Million Honorarkräfte die in der Regel für einen Stundenlohn von 30 bis 45 DM inklusive aller Nebenkosten (Lohnsteuer, Krankenversicherung, Rentenversicherung) bei freien Bildungsträgern arbeiten. Viele der Honorarkräfte arbeiten für mehrere Bildungsträger, weil eine Stelle für die Bestreitung des Lebensunterhalts nicht ausreicht. Mit billiger Arbeitskraft wird auf diesem Wege die betriebliche und private Fortbildung im Bereich der Anwendung von Computern durchgesetzt. (vgl. FR vom 02.01.2001 / Nr.1) Dagegen stehen Tagelöhnertätigkeiten frühkapitalistischen Zuschnitts mit äußerst restriktiven Arbeits- und Lebensbedingungen, etwa im Bereich der haushalts- und personenorientierten Dienste. In den Dienstleistungsbetrieben von Fastfoodketten, die mittlerweile den informationstechnologischen Wertschöpfungsketten angeschlossen sind oder es beabsichtigen, werden tayloristische Arbeitsabläufe genau vorgegeben und standardisiert. Diese "McDonaldisierung" der der fabrikmäßigen Arbeitsorganisation geht weit über McDonald's hinaus. Im Lebensmitteleinzelhandel wurden z.B. in den letzten Jahren die Tätigkeiten Beraten, Bedienen, Kassieren und Regalauffüllen wegen kleiner Lohndifferenzen zunehmend aufgeteilt und der modernen Lagerorganisation angepasst. Diese Aufteilung ist nur möglich, wenn man die Arbeit in kleinen Zeiteinheiten abrufen kann, möglichst durch Teilzeitkräfte just-in-time und im Stundentakt geordert wird. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten in der BRD ist von 13,2 Prozent im Jahre 1980 auf 20,9 Prozent im Jahre 1999 gestiegen, wobei die geringfügig Beschäftigten nicht voll erfasst sind. Von den 6,5 Mio. geringfügig Beschäftigten sind mehr als 90 Prozent im Dienstleistungssektor beschäftigt, davon allein 1,2 Millionen im Handel. Eine geringfügige Beschäftigung wird unter den Bedingungen der Neuorganisation der Arbeit im Tertiären Sektor für Frauen nur attraktiv, wenn sie über den Ehemann mitversichert sind und vom Ehegattensplitting mit profitieren. Ferner existiert der Dienstleistungssektor durch die rund 2 Millionen Schüler und Studenten, die gelegentlich beschäftigt werden. In den Sektoren, wo die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen am schlechtesten sind, werden überdurchschnittlich viele Arbeitskräfte beschäftigt, die nur eine Nebentätigkeit anstreben und sich daher mit solchen Arbeitsbedingungen arrangieren. Durch die Umstrukturierung des Dienstleistungssektors sind in den vergangenen zwanzig Jahren neue Branchen entstanden, die gegenwärtig nicht durch Tarifverträge erfasst sind und die erst durch eine Dot-Gewerkschaft wie ver.di die tarifpolitische Würdigung erhalten. Gleichzeitig werden die traditionellen Branchengrenzen im Dienstleistungssektor immer unklarer durch Privatisierung und Deregulierung, neue Technologien und Outsourcing: Durch diese Deregulierungsangriffe ist die soziale Sicherheit als keynesianisches Regulativ erheblich gefährdet. Prognosen gehen davon aus, dass die Neuordnung der Arbeit die festen sozialen Strukturen auflösen werden. In absehbarer Zeit wird die Netzwerktechnologie das soziale Subjekt als so genannte Patchwork-Biografie definieren, in der es zwischen Beschäftigung, Jobs, Bildung, Arbeitslosigkeit und Privatleben in chaotischer Reihenfolge wechseln wird. Erste Ansätze finden sich heute bei vielen in die Armut getriebenen Menschen. 5.3.3 Die Herausbildung einer neuen Reproduktionsökonomie Seitenanfang Arbeit ist durch den virtuellen Raum im Wandel und ist einem Veränderungsprozess unterworfen. Mit dem Beginn von computergesteuerten Werkzeugmaschinen und Fe |