Informationskapitalismus

Der informationstechnologische Angriff auf das Soziale am Beispiel des Internets.
Ein Informationsdiebstahl von N. Laway aus Göttingen
(ca. 80 Seiten bei Schriftgrösse 12; der Text ist auf drei Dateien verteilt - Kapitel 1-3, Kapitel 4 und Kapitel 5, bitte im Inhaltsverzeichnis anklicken)

1. Einleitung

2. Netzwerktechnologie und Internet

2.1 Die Geschichte des Internet
2.2 Der Aufbau von Netzwerkbeziehungen
2.2.1 Freeware-Computering und Peer-to-Peer-Computering im virtuellen Raum
2.2.2 Copyleft statt Copyright - das Unbehagen gegen den Software-Imperialismus

3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus

3.1 New Economy
3.2 Planstaatliche Aufgaben und Regulationstechniken
3.3 Der Trikont und das Internet - ein Überblick

4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles

4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten

4.2 Digitale Wertschöpfung durch Netzwerkerwartungen

4.3 Der Krisenzyklus, der Zwang zur Fusion und die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne
4.3.1.Die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors
4.3.2 Die Neuordnung von Telekommunikationsunternehmen im europäischen Wirtschaftsraum
4.3.3 Der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft
4.3.4 Biotechnologie, Gentechnologie und Life Sciences

4.4 Wertschöpfungsketten durch Netzwerktechnologie im virtuellen Raum / Intranet
4.4.1 Business-Netzwerke für den elektronischen Handel der Unternehmen (B-Web)
4.4.2 Die Krise der Wertschöpfungsketten in der Chipindustrie
4.4.3 Electronic-Supply-Chain-Management am Beispiel von Wal-Mart
4.4.4 Die Automobilindustrie und Intranet
4.4.5 Kartellbildung durch virtuelle Marktplätze, Börsen und Auktionen
4.4.6 E-Business und E-Commerce

4.5 Netzwerke im öffentlichen und privaten Raum
4.5.1 Netzwerkzugang über ISDN-Technologie im Telekommunikationssektor
4.5.2 Netzwerkzugang über die Breitbandtechnologie im Mediensektor
4.5.3 Internet- und Telefonzugang über das Stromnetz der Energieversorgungsunternehmen
4.5.4 Internetzugang über Funknetze von Mobilfunkkonzerne
4.5.5 Netzwerke über Richtfunktechnologie

4.6 Digitale Netzwerke für eine neue Kriegsökonomie

5. Die informationstechnologische Durchdringung des Sozialen

5.1 Die Reorganisation des privaten und öffentlichen Raums durch die Netzwerktechnologie
5.1.1 Soziale Kontrolle im öffentlichen und privaten Raum und die Angst vor dem unkontrollierbaren sozialen Subjekt im virtuellen Raum

5.2 Die Bedeutung der NetuserInnen für die Wertschöpfung
5.2.1 Taylorisierung des NetusersIn - ein Beispiel
5.2.3 Die Steuerung des Konsums durch den virtuellen Raum
5.2.4 Verhalten und Verweigerung von NetuserInnen
 

5. 3 Die Neuordnung der Arbeit durch die Netzwerktechnologie
5.3.1 Arbeit unter den Bedingungen der Netzwerktechnologie
5.3.2 Die Neuordnung der Arbeit durch den virtuellen Raum
5.3.3 Die Herausbildung einer neuen Reproduktionsökonomie
5.3.4 Die Entstehung neuer Klassen durch die Netzwerktechnologie?

5.4 Der politische Widerstand in den Zeiten der Netzwerktechnologie
5.4.1 Die Bedeutung des Internets für die politische Linke
5.4.2 Guerilla und Befreiungsbewegungen politische oppositionelle Bewegungen
 
 
 

4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles                                  Seitenanfang

Die Errichtung eines Netzwerkes ist ohne eine vorhandene Infrastruktur (Stromkabel, Telefonkabel = Festnetz und Mobilnetz) Hardware (Produktionsmittel) und Software (Werkzeuge für das Produktionsmittel) nicht möglich. Die Software ist für die Rechnersteuerung unerlässlich. Werden verschiedene Rechner miteinander in Unternehmen oder Universitäten verbunden, entstehen lokale Netzwerke, die eine Wertschöpfung im auf betrieblicher oder institutioneller Ebene erlauben. Die Verknüpfung von kleineren, mittleren und großen Netzwerken erlaubt den Zugriff auf Wertschöpfungsketten, wenn die partizipierenden Kapitale oder Universitäten ihre Einwilligung dafür geben. Die Verknüpfung von Wertschöpfungsketten und den einzelnen NetuserInnen über das Internet erweitert den Wertschöpfungsprozess zu einem neuen Akkumulationsmodell, in dem Handels,- Kunden,- und Kommerzbeziehungen den sozialen Alltag völlig neu zusammensetzen und neu gestalten. Wertschöpfung und Netzwerkerwartungen verschmelzen in einem Kreislauf, der nur durch moderne Software gesteuert werden kann.

4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten

Mit dem Betriebssystem Windows und dem Officepaket hatte der Sofwarekonzern Microsoft zu Beginn der neunziger Jahre die Monopolstellung auf dem Weltmarkt für Betriebssysteme und Anwenderprogramme erlangt. Um die Monopolstellung im sich entwickelnden Internet zu sichern entwickelte Microsoft den Internetexplorer, der kostenlos mit dem neuen Betriebssystem Windows 95 an die Besitzer von Computer ausgeliefert wurde. Mit dem kapitalstrategischen Schachzug gelang es innerhalb von kurzer Zeit andere Browser zu verdrängen.

Die Software für den Internetzugang ist das Hirn für die Verknüpfung von Wertschöpfungsketten auf der einen Seite und die Verknüpfung der NetuserInnen auf der anderen Seite. Dabei soll das E-Commerce und E-Business mit den Wertschöpfungsketten der Unternehmen verknüpft werden. Darüber hinaus gibt es mit der fortschreitenden Entwicklung des Internets Bestrebungen, eine Master-Software als Universalwerkzeug zu entwickeln, die die unterschiedlichen Netzwerke - auch Mobiltelefon - miteinander kommunizieren lässt und Web- und Bedienungsportale ohne Probleme bedienen kann.

Um die Monopolstellung von Microsoft anzutasten, unterbreiten Softwareunternehmen den Betrieben und NetuserInnen Angebote zur Kundenbindung über das Internet an:

So kündigte Microsoft als Reaktion auf den Softwarekonkurrenten Sun Microsystems an, dass demnächst die Standardprogramme von Microsoft Office, aus dem Internet geladen werden könnten. Sun Microsystems hatte im September 1999 die deutsche Star Division gekauft und damit begonnen, das Büropaket Star-Office unter dem Namen .com-Office im Internet gratis anzubieten. Ein spezielle Portal-Version, für Netzwerkcomputer (NC) gedacht ist, erlaubt es, kleinste Softwaremodule nach Bedarf zu laden. Diese Distributionstechnik erlaubt den von teurer Software abgespeckten Netzwerkcomputer - der wird Personalcomputer überflüssig - und tastet natürlich die Monopolstellung von Microsoft an. Je nach Bedarf kann eine Anwendung auf Mietbasis mit verschiedenen Modulen zum NetuserIn oder Unternehmen digital gesendet werden und neues Verwertungsmodell mit der Software kreiert werden. (vgl. Nzz, 10. September 1999)

Dieses Softwareverwertungsmodell zielt auf neue Abhängigkeitsverhältnisse. Geht es nach den großen Softwarekonzernen sollen Unternehmen in Zukunft weder Server noch Software kaufen, sondern informationstechnologische Leistungen direkt aus der Steckdose beziehen. Die Anwender sollen von reduzierten Support- und Wartungskosten profitieren und gleichzeitig vom Direktzugriff auf neuste Softwareversionen umständliche Nachrüstungen unterbleiben. Alle großen Soft- und Hardwarehersteller von Microsoft, Oracle und SAP bis hin zu IBM, Dell und Compaq versprechen derzeit den Unternehmen und NetuserInnen, dass skalierbare Applikationen aus den Bereichen Finanz- und Rechnungswesen, Customer-Relationship Management, E-Commerce und E-Mail sowie die gesamte Systemintegration aus einer Hand über so genanntes Application Service Providing (ASP) zur Verfügung gestellt werden. ASP ist als Antwort der Industrie und von Dienstleistungsunternehmen auf das Betriebssystem Windows zu werten, mit dem die einseitige Monostruktur der Software - die an vielen Betriebsabläufen vorbei geht - gebrochen werden soll. Wichtigstes Argument für ASP ist die Möglichkeit, die Software zu mieten und das die Wartung entfällt. Auf der anderen Seite entstehen neue Abhängigkeitsverhältnisse zu den Softwarevermietern. Es wird geschätzt, das der Markt für Mietsoftware von 100 Millionen Dollar bis zum Jahr 2003 auf 20 Milliarden Dollar weltweit steigen wird. (vgl. FR vom 29.11.2000 / 278)

Flexible Betriebsabläufe und die Vernetzung der Wertschöpfungsketten benötigen moderne leicht bedienbare Software, die oft nur kleine Softwareunternehmen, wie die Stuttgarter Firma Abaxx bieten können (vgl. FR vom 22.11.2000 / 272). Wegen der Komplexität der Microsoft-Produkte sind Kosten in vielen Betrieben überproportional gestiegen und viele NetuserInnen wünschen die DOS-Zeit zurück, in der die Software-Infrastruktur einfach, robust und bedienbar war. So versuchen immer mehr kleine Softwareunternehmen Programme für Bedienungsportale im Bank- und Telekommunikationssektor zu schreiben, die nach dem Baukastenprinzip eine Standardbedienung für den ungeübten Anwender erlauben.

Microsoft hat auf die Softwareunternehmen reagiert, die ihr als Konkurrenten den Softwaremarkt für Unternehmen streitig machen möchten, die die Wertschöpfungsketten rationalisieren wollen: mit der Software wurde BizTalk wurde die plattformunabhängige Metasprache XML geschrieben. Unternehmensinformationen werden in XML-Schemata beschrieben, die auf vorhandenen Industrienormen, auf traditionellen Datenformen - unter anderem ANSI X.12 und Edifact - oder auf neu entwickelten Beschreibungen für Produktkataloge, Angebote, Werbekampagnen und anderen Daten basieren.

"In Großbritannien setzt Marks & Spencer - mit über 500 Warenhäusern weltweit und einem Jahresumsatz von rund 13 Milliarden Dollar der größte Einzelhändler des Landes - BizTalk-Technologie ein, um seine heterogenen Warenwirtschafts- und Buchhaltungssysteme unternehmensintern zu integrieren. Die US-Regierung baut auf der Basis von BizTalk die heutige Procurement-Lösung ihres Verteidigungsministeriums, mit der die Warenbeschaffung für Armee, Luftwaffe und Marine bewältigt wird, zu einem E-Procurement-System aus. Ohne die Standardisierung der einzelnen Produktdatenbanken zu forcieren, wird auf diese Weise ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Applikationen und Plattformen erzielt. Der Fluss von Tausenden von Regierungsdokumenten kann automatisiert werden, und die Zulieferkette innerhalb der beteiligten Organisationen, zwischen ihnen sowie zu Dritten lässt sich wesentlich effizienter gestalten." (Nzz 26.9.2000, Nr. 224, Seite 90) Microsoft will die Software BizTalk als weltweite Norm durchsetzen. Aus diesem Grund hat der Softwarekonzern Initiative ergriffen und diversen Industrie-Gruppierungen, Technologie- und Service-Anbietern sowie den internationalen Konzernen der Netzwerktechnologie die Zusammenarbeit angeboten: Konzerne und Unternehmen aus über 100 Branchen - unter ihnen führende Unternehmen wie Ariba, SAP, Peoplesoft, Commerce One und J. D. Edwards - unterstützen die Initiative und entwickeln bereits BizTalk-Schemata.

Um die bereits dürftige Konkurrenz unter Kontrolle zu halten, strebt Microsoft danach, weitere Schlüsselpositionen auf dem Weltmarkt der Software zu erobern. Es handelt sich um Software für Dienstleistungsunternehmen, die mit dem Internet die Verwertungsketten für die allgemeine Wertschöpfung bis hin zum NetuserIn transportieren wollen. Die im Februar 2000 angekündigte Fusion von Checkfree und Transpoint ließ in den USA ein Unternehmen entstehen, das in der Lage ist, den weltweiten Internet-Zahlungsverkehr für Transaktionen ab rund 500 Dollar zu dominieren. Mitbesitzer von Checkfree ist Microsoft, die damit endgültig im Finanzsektor der Zukunft Fuß gefasst hat. Die Fusionsabsicht schreckte den europäischen Finanzsektor auf, weil sich ein amerikanisches Dienstleistungsunternehmen in die weltweit dominierende Rolle bei der elektronischen Rechnungsunterbreitung und beim Zahlungsverkehr (electronic bill presentment and payment; EBPP) zwischen Konsumenten und den Einzelhandel sowie zwischen den Unternehmen gedrängelt hatte. Mit diesem Coup hat sich Microsoft als Softwarekonzern an die Spitze des weltweiten Internet-Zahlungsverkehrsgeschäftes gesetzt und einen neuen Maßstab für die Kontrolle des Softwaremarktes aufgestellt. Über die Verbindung zum global operierenden Zahlungsvermittler First Data wird Checkfree Zugriff auf das Netzwerk der Western Union haben, an das als 82 000 Niederlassungen in 176 Ländern angeschlossen sind und außerdem bestehen hervorragende Verbindungen zu nationalen Post-Zahlungssystemen. (vgl. Nzz, 25. Februar 2000)

An ein Softwareprogramm, das die Wertschöpfungskette zum Konsumenten profitabel gestalten soll, arbeitet Microsoft zur Zeit. Das Programm hat den Arbeitstitel dot.Net (.Net) Mit diesem Softwareprogramm wird versucht, einen Softwarestandard durchsetzen: ".Net ist eine Technik, die alle Geräte, die Zugang zum Internet haben, auf eine gemeinsame Plattform stellt. Es ist eine Software, die auf einem PC genauso funktioniert wie auf einem Handy oder einem Taschencomputer und die sogar auf einem Internet-Server laufen kann. Mit .Net können alle Web-Anwendungen lückenlos verbunden werden, weil sie eine standardisierte Technologie gemeinsam haben." (Der Spiegel vom 2.11.2000 ) Das Softwareprogramm unterstützt beispielsweise die NetuserInnen beim Buchen eines Fluges, es unterrichtet das Hotel am Zielort der Flug Verspätung hat. Gleichzeitig veranlasst es, dass die Post beim Postamt für den NetuserIn zurückgehalten wird und das die Zeitung ab- oder umbestellt wird usw. Diese geplanten tiefgreifenden Einschnitte der sozialen Kontrolle, in der eine Software über Satellitennavigationssystem den Standort des NetuserIn ermittelt und Aufgaben aus dem privaten Raum regelt, würde in der Tat eine Wertschöpfungskette aktivieren, die in Verbindung mit der Vielzahl von Wertschöpfungsketten in ein neues Akkumulationsmodell einmündet - in das des Informationskapitalismus. Zur Zeit scheitert das Schreiben einer derartigen Web-Präsenz an den technischen Grenzen der Mobiltelefone und an den Internetsites - z. B. der Fluggesellschaft - die besucht werden müssen. Geplant ist, diese Software zu verkaufen bzw. sie zu vermieten. Gleichzeitig sollen die NetuserInnen an den Zustand gewöhnt werden, eine Software als verkaufte Dienstleistung zu betrachten.

4.2 Digitale Wertschöpfung durch Netzwerkerwartungen
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Das Internet wird für eine Reihe von Unternehmen enorme Profiterwartungen mit sich bringen. Nach einer Konsolidierungsphase die eng am Krisenverlauf gebunden ist, werden ausgewählte Online-Einzelhändler, Software-Unternehmen, Medien, Web-Portale oder Suchmaschinen die Blue Chips der Zukunft sein. Neue Marktmechanismen oder die schwindelerregenden Börsenkurse bestimmter Unternehmen in der New Economy lassen sich nur noch psychologisch erklären: die Spekulationsblase ist im März 2000 geplatzt und hat neben den üblichen Spekulanten, Fonds und Banken als Gewinner viele Kleinanleger an Börse als Verlierer in den Ruin getrieben.

Der Schlüssel für die Profiterwartungen der Unternehmen leitet sich aus den so genannten Netzwerkeffekten ab. Netzwerkeffekte können vielfältig sein und haben unmittelbare Auswirkungen auf das Wertgesetz und die virtuelle Wertschöpfung. Doch nicht alle Internetunternehmen sind auch "Netzwerk-Unternehmen". So dürften Unternehmen, die Internet-Auftritte gestalten, so genannte Web- Agenturen, oder Internetstrategieberatungsunternehmen zwar auch weiterhin vom rasanten Wachstum des Internets profitieren, nicht aber von Netzeffekten. Bei Anbietern von Kommunikationsleistungen im weitesten Sinne, wie beispielsweise Chatrooms oder Diskussionsforen, zeigen sich tatsächlich positive externe Effekte: je mehr NetuserInnen an der Unterhaltung im virtuellen Raum teilnehmen, desto interessanter wird diese für die anderen TeilnehmerInnen. Auch bei Internet-Auktionen und virtuellen Börsen und Marktplätze steigt der "Wert" des Handels- und Versteigerungsnetzwerkes für jedeN NetuserIn mit jedem zusätzlichen NetuserIn und für jedes Unternehmen mit jedem zusätzlichen Unternehmen ó schließlich werden so theoretisch mehr virtuelle Händler, Kunden und Verkäufer angezogen und damit das Angebot an gekauften und verkauften Waren erhöht.

Von Netzwerkeffekten werden nur einige wenige Unternehmen profitieren. Was nutzt es einem auf Wertschöpfung ausgelegten Unternehmen, dass zum Beispiel ein Chatforum betreibt, wenn es immer mehr Diskussionsfreudige anlocken kann und es dadurch immer attraktiver für weitere Teilnehmer wird, aber die Angelockten nicht bereit sind, für die angebotenen virtuelle Leistung einen Geldbetrag zu bezahlen? Der Wert des Netzwerkes steigt in diesem Fall nur theoretisch, aber nicht faktisch als Informationswarenwert. Derartige Unternehmen setzen zur Verwertung ihrer Informationswaren in der Regel auf Werbe- oder Transaktionserlöse: je mehr NetuserInnen sie nachweisen können, desto mehr sind Werbekunden bereit, für einen Werbeplatz auf der Chathomepage zu bezahlen.

Unternehmen, die ihre Waren über das Internet verkaufen, erreichen über die Netzwerktechnologie eine potentielle Käuferschaft und beteiligen beispielsweise im Gegenzug den Anbieter des Chatforums an ihren Umsätzen. Doch welchen Wert hat ein virtuelles Unternehmen für die Profiterwartungren, wenn es eines unter vielen ist? Die Konkurrenz der Unternehmen und die Unübersichtlichkeit des Netzwerkes führt dazu, dass nur wenige bekannte Marken aus dem öffentlichen Raum sich im virtuellen Raum durchsetzen werden. Gegenwärtig setzt ein Großteil der Internetfirmen als Akkumulationsmodell auf die Einnahmequelle Werbung - und zwar von Onlinebanken bis hin zu Einzelhändlern. Auch viele Unternehmen der "old economy" setzen mit ihren Websites auf Werbeeinnahmen: in der ´alten Wirtschaftª wären sie wohl niemals auf die Idee gekommen, sich als Werbeträger zu verdingen. Erfolg werden im Informationskapitalismus nur solchen Unternehmen haben, die die richtige Kapitalstrategie haben und sich den Wertschöpfungsgesetzen im virtuellen Raum anpassen können, um die Netzwerkeffekte für die Akkumulation spielen zu lassen. So wird das kapitalstrategische Handeln der Internetunternehmen vor allem durch Geschwindigkeit im virtuellen Raum und von den konkurrierenden Unternehmen geprägt.

Für die Verwertung und Akkumulation von Urheberrechten kommt so genannten Verwertungsgesellschaften - sie sind gewissermaßen Treuhänder der Autoren - eine besondere Rolle zu. Die Verwertungsgesellschaften haben erkannt, dass die Bewirtschaftung der Urheberrechte durch den Einzelnen nicht zu bewältigen ist. Die Netzwerkerwartungen der Verwertungsgesellschaften zielen darauf, möglichst viele Rechte aus dem Medienbereich zu akkumulieren, um sie den NetuserInnen möglichst zentral anbieten zu können. Zielvorstellung ist der so genannte "one-stop shop": Der / die NetuserIn soll alle Rechte in einem einzigen Akt bei einer zentralen Stelle einkaufen können. Die Vernetzung mit Urheberrechtsgesellschaften rund um den Erdball ist eine Stärke dieses Wertschöpfungssystems. Für den einzelnen NetuserIn wäre es ein immenser Aufwand, wenn er bei Verwertungsgesellschaften in verschiedenen Staaten vorstellig werden müsste. Durch die mehr oder minder institutionalisierte Zusammenarbeit der Urheberrechtsgesellschaften wird die Lizenzierung vereinfacht. Das setzt natürlich voraus, dass die Gesellschaften die digitalen Rechte überhaupt innehaben. (vgl. Nzz, 19. März 1999)

Am Beispiel der Schallplattenindustrie kann die Krise der Urheberrechte verdeutlicht werden. Digitale Musik droht den bekannten Speichermedien und den herkömmlichen Vertriebskanälen im der audiovisuellen Mediensektor zu entfliehen, sich durch den unkontrollierbaren NetuserIn auf wundersame Weise zu vervielfältigen und den Regulierungsmaßnahmen der Urheberrechtsinhaber zu entwischen. Auf Veranlassung der Recording Industry Association of America (RIAA) und der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) wurde 1999 die Secure Digital Music Initiative (SDMI) als Kontrollinstitution gegründet. Unter den mehr als 200 Firmen oder Organisationen, die SDMI unterstützen, finden sich neben den großen Schallplattenfirmen bekannte Unternehmen der Computerindustrie (Compaq, Microsoft), der Telekommunikationsbranche (America Online, Deutsche Telekom, AT&T, Nokia) und der Unterhaltungselektronik (Philips, Sony).

Man stellt sich bei SDMI den Musikmarkt der Zukunft als eine verteilte, durch Internet-Verbindungen zusammengehaltene, heterogene Informatikumgebung vor, mit der durch die Netzwerktechnologie ein geschlossene Kreislauf eingerichtet wird, der die Verwertungsinteressen schützt, in dem ein Stück Musik stets weiß, wer sein Urheber ist und wer der berechtigte Hörer, wie viele Kopien für den privaten Gebrauch bereits hergestellt wurden und wie viele noch gemacht werden dürfen. Der Medienindustrie schwebt vor, dass künftig alle digitale Musik, Videos und Filme mit Codes versehen sind, die über ihre Herkunft informieren und ihre Benutzung regeln. Derart codierte Musik heißt SDMI-geschützt (SDMI protected content). Wo immer solche Musik kopiert oder transferiert wird, soll Software, licensed compliant module (LCM) genannt, darüber wachen, dass die jeweilige abgerufenen Daten den vom Urheber festgelegten Regeln entsprechen und dass sie protokolliert werden. Mit großer Sicherheit soll diese LCM ein hierarchisch gegliedertes Netzwerk bilden, das mit Hilfe von digitalen Zertifikaten unehrliche Mitglieder ausschließt. Solange Musikaufnahmen nur innerhalb dieses Netzwerks verschoben werden und digitale Zertifikate nicht gefälscht werden können, wird sichergestellt, dass es keine illegale Kopien geben kann. Mit der Portable Device Specification wird nun so etwas wie ein geschlossenen Netzwerksystem etabliert, um sicherzustellen, dass Musik dieses Netzwerk nicht unbemerkt verlassen und dass Musik mit gefälschten Herkunftsbezeichnungen nicht in das Netz eingeschmuggelt werden kann. (Vgl. Nzz, 23. Juli 1999)

In diesem netzwerkbezogenen Konkurrenzverhältnis werden einzelne Unternehmen und Konzerne nach einiger Zeit monopolartige Stellungen, die sie im öffentlichen Raum inne hatten auch auf den virtuellen Raum übertragen: Da sich mit jedem zusätzlichen Unternehmen und NetuserIn der Wert des Netzwerkes für jedes bisherige Unternehmen und den einzelnen NetuserIn akkumuliert, wird der Vorsprung des Unternehmens irgendwann so groß, dass es die Konkurrenten verdrängt und zum Totengräber des Informationskapitals im Krisenzyklus wird. Die im Netzwerk angebotene Ware wird zum Monopolstandard wie beispielsweise das Betriebssystem Windows von Microsoft oder die Computerchips von Intel. Unternehmen von Internet-Technologie bzw. -software dürften gegenwärtig am stärksten von diesen Netzwerkeffekten profitieren, wie zum Beispiel Software-Unternehmen die Bedienungsportale einrichten. Aber auch Anbieter von Internet-Infrastruktur sind typische Netzwerkeffekt-Profiteure, wie die Telekommunikationsunternehmen in der EU mit ihrem Drang den osteuropäischen Wirtschaftsraum mit mobiler Netzwerktechnologie zu überziehen. Diese Unternehmen beschleunigen durch die Netzwerkeffekte ihre Profite und steuern auf eine Monopolstellung in der Metropole hin: sie werden hoch profitabel sein, die Kapitalakkumulation basiert auf vielfältige Ausbeutungsstrategien von Arbeitskraft in einem gewaltigen Wertschöpfungsgefälle, das sich an der Penetration des Informationskapitals von West nach Ost und später von Nord nach Süd orientieren wird. In gewissen Grenzen lässt sich hier die verhältnismäßig hohe Bewertung an der Börse im Rahmen der Spekulationsblase rechtfertigen. (Vgl. hierzu auch die Nzz, 1. April 2000)

Für die Bewältigung der digitalen Datenverarbeitung sind Netzwerke im öffentlichen und privaten Raum mittlerweile unerlässlich. Der Aufbau der Netzwerktechnologie geht einher mit dem Bestreben eine neue Reproduktionsökonomie zu entwickeln. Radio, Fernsehen, Printmedien über das Internet sind nur ein Standbein. Oneline-Dienste verschiedenster Art, um die Haushalte noch mehr in die Wertschöpfung einzubinden, die Rationalisierung des Gesundheitswesens im Allgemeinen und die Biotechnologie sind das andere Standbein. Die Verwertung der Nichtarbeit steht dabei im Mittelpunkt des Interesses. Jeder NetuserIn, der im Internet als Freizeitbeschäftigung surft, stellt einen Wert dar. Jeder NetuserIn, der im Internet seine Bankgeschäfte abwickelt und sich am E-Business beteiligt, dient der allgemeinen Wertschöpfung. Jeder Haushalt, der dem Netzwerk angeschlossen ist, bindet seine Haushaltsmitglieder in die Reproduktionsökonomie mit ein, ob er seinen Einkauf im nächsten Supermarkt via Internet abwickelt und sich die Waren anliefern lässt, ob Schularbeitenhilfe für die Kinder geordert wird, ob eine Rechts- oder Gesundheitsberatung erfolgt. Mit dem Internet wird es zum ersten Mal möglich, die Reproduktionsarbeit so zu verwerten, dass sie ein gleichrangiger Faktor in der Wertschöpfung wird. Die Reproduktionsökonomie wird sowohl unbezahlte als auch bezahlte Reproduktionsarbeit beinhalten, die digitale Informationstechnologie wird sie mit anderen Wirtschaftszweigen über die vorhandene Netzwerkinfrastruktur verbinden.

4.3 Der Krisenzyklus, der Zwang zur Fusion und die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne
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Die rasante ökonomische Entwicklung des Internets nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie fordert den Medien-, Technologie- und Kommunikationskonzernen eine neue Verwertungsstrategie und die Neuordnung der Konzernstrukturen ab. Mit dem Streben ins Netz der Netze soll die Konkurrenzfähigkeit erhalten bleiben. Aus dem Konkurrenzkampf ergeben sich kapitalstrategische Annäherungsversuche um das informationstechnologische Netzwerk unter Kontrolle zu bringen. Ein Vielzahl von Fusionen und Firmenzusammenschlüsse ist seit Anfang der neunziger Jahre um den Aufbau des Internets festzustellen. Die von der ökonomischen Qualität und Quantität größten Fusionen, Beteiligungen und Übernahmen ereigneten sich in der Informationstechnologiebranche. Damit wurde eine imperialistische Konzentration des Kapitals auf hohem Niveau forciert und der Weltmarkt für freie Produktionszonen und der Weltmarkt für zur Übernahme anstehende Firmen und Unternehmen etablierte sich im Rahmen dieser Neuordnung. Allein 90 Prozent aller Fusionen ereigneten sich in der Metropole.

"So kommt es, dass inmitten weltweiter Marktwirtschaft ein ganz anderes Prinzip immer mehr Bedeutung gewinnt: die Planwirtschaft des global operierenden Konzerns, das weltumspannende Netzwerk aus Zentrum, Stützpunkten und Ablegern, Beteiligungen und Partnerschaften. Diese Gebilde sind mehr oder weniger hierarchisch organisiert, mit der Macht im Zentrum und durch ausgeklügelte Informationstechnik und Kommandostrukturen vernetzt. Die größten unter ihnen - die Daimler Chryslers, Wal-Marts, Citigroups und Sonys - erzeugen und verschieben jährlich Güter im Wert von 50, 100, 150 Milliarden US-Dollar, mehr als das Bruttosozialprodukt von Irland oder Dänemark. Das Fusionsfieber hat bereits dazu geführt, dass sich die Spitze weit vom Hauptfeld abgesetzt hat. Nur noch eine Hand voll Konzerne dominiert heute die Weltmärkte für Öl, Mineralstoffe und Agrarprodukte, etwa 100 Unternehmen die Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Die Planwirtschaften der Mega-Konzerne sind die Schrittmacher der Weltwirtschaft. Vor ein paar Jahrzehnten wäre diese Weiterentwicklung der konzerninternen Planwirtschaft in ihrer eigenen Papierflut stecken geblieben. Heute ist sie möglich, dank der Revolution in der Informations- und Kommunikationstechnik. Konzerne nutzen Computer und Internet von der E-Mail bis zur Videokonferenz. "Dezentralisierende Zentralisierung" haben Wirtschaftsforscher dieses Paradox genannt."( DIE ZEIT 37/2000)

Überall auf der Welt genehmigen die staatlichen Kartellbehörden Fusionen ohne große Probleme. Die angedachte Zerschlagung von Microsoft bleibt vorerst ein Einzelfall. Nicht die Politik setzt das Kapital und die Konzerne unter Druck, sondern umgekehrt spielen die riesigen Konzerne ihre ökonomische Macht aus: tatsächlich stellt sich die Frage vom Primat der Politik, wenn Konzernmanager willfährigen Politikern Subventionen, Steuererleichterungen oder die Lockerung des Einwanderungsgesetzes im Verwertungsinteresse durchgesetzten, indem sie andernfalls mit Abwanderung oder Schließung drohen und die soziale Frage in den Vordergrund stellen.

Kommunikation und Information und Medien synchronisieren sich im Informationskapitalismus und führen zu einem neuen Konjunkturzyklus. Dieser Prozess der Übernahmen, Beteiligungen und Fusionen verläuft jedoch krisenhaft, auch wenn es so aussieht, als halte der Krisenverlauf sich nicht den bisherigen Zeitrahmen des Wellenzyklus von Konjunktur und Rezession. Während in der europäischen Metropole der Aufbau der Netzwerktechnologie in vollem Gang ist, werden von Wirtschaftsauguren in den USA Ende des Jahres 2000 die ersten Anzeichen einer konjunkturellen Abkühlung ausgemacht und eine Wirtschaftsrezession prognostiziert, obwohl gewaltige Produktionssprünge durch die Informationstechnologie festgestellt wurden. (vgl. Fr Nr. 290 vom 13.12.2000) Andererseits ist der Krisenverlauf mit Beginn des Herbstes 2000 von gewaltigen Schwankungen an der Börse durch die geplatzte Spekulationsblase aus dem Frühjahr gekennzeichnet. Die Börsenkurse fallen. Neuemissionen, wie z.B. von Leica Microsystems werden verschoben (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233). Eine Neubewertung der Unternehmen auf dem Parkett der Börse findet statt. Wie immer gibt es Gewinner und Verlierer auf Unternehmerseite in diesem Umwälzungsprozess. Auch die Telekommunikationsunternehmen, die in der Einführung des Mobilfunkstandards UMTS 100 Milliarden DM investiert haben zählen nicht unbedingt zu den Gewinnern. Dennoch gehen Wirtschaftsauguren für den europäischen Wirtschaftsraum davon aus, dass in der nächsten Dekade mit einem gewaltigen Wertschöpfungsprozess durch die Netzwerktechnologie und informationskapitalistischen Waren zu rechnen ist: Vorteilhaft gegenüber US-Ökonomie scheint dabei zu sein, dass gesamtkapitalistisch betrachtet aus dem Wirtschaftsboom gelernt wird und nicht die gleichen Fehler beim Aufbau der Cyber-Ökonomie gemacht werden - die ungleichzeitige Entwicklung schont in diesem Fall die Kapitalressourcen und steigert die Profiterwartungen.

4.3.1 Die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors

Seit Mitte der neunziger Jahre ist weltweit die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors zu beobachten. Allein im Jahr 2000 Wurden 408 Fusionen im Telekommunikations- und Informationstechnologischen Sektor gezählt. Die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone war dabei die größte Fusion weltweit. Die Investmentbank Goldman-Sachs aus den USA hat im Jahr 2000 den Deal zwischen Vodafone und Mannesmann abgewickelt, bei dem es immerhin um 413 Mrd. DM ging. Vodafone steht dabei nur als ein Beispiel für eine aggressive Finanzpolitik dieser Investmentgroßbanken zur Neuordnung des Telekommunikationssektors. Die Beseitigung von Konkurrenten durch feindliche Übernahme oder erzwungener Fusion scheint dabei ein probates finanzpolitisches Mittel zu sein. Die anschließende Zerschlagung des angeschlossenen Unternehmens ist profitabel und für Vodafone und Goldman-Sachs lukrativ gewesen. (vgl. der Spiegel Nr. 2 vom 8.1.2001) Mit Vodafone entwickelt sich neben der Deutschen Telekom AG der größte Telekommunikationskonzern im europäischen Wirtschaftsraum: in der Mobilfunksparte ist Vodafone bereits der weltgrößte Konzern. Die im Dezember 2000 erfolgte Übernahme der irischen Telekomgesellschaft Eircell im Wert von 4,5 Milliarden Euro durch Vodafone hat das Unternehmen zum größten Anbieter auf dem Mobilfunkmarkt katapultiert. Die 11%-ige Beteiligung durch die Deutsche Telekom AG im Wert von 100 Milliarden DM am US-Mobilfunkunternehmen Voicestream ist im Vergleich dazu eher eine mittlere Summe. Die Fusionierung von Viag und Veba zur E.on in der Größenordnung von 35 Milliarden DM war dagegen eher als kleine Transaktion zu bezeichnen. (vgl. Fr Nr. 9 vom 9.1.2001)

Insbesondere in der europäischen Metropole ist der informationstechnologischen Sektor seit Januar 1998 im Umbruch. Der staatlich monopolisierte Fernmeldesektor im europäischen Wirtschaftsraum wurde aus der nationalstaatlich orientierten Fokussierung gebrochen und ungestüm dereguliert und privatisiert. Die Staatsgrenzen wurden für die Fernmeldefestnetze mit der Entwicklung europäischen Binnenmarktes bedeutungslos. Gleichzeitig sorgte die technologische Umwälzung im informationstechnologischen Sektor durch die Ablösung der Kupfer- durch leistungsstarke Glasfaserkabel, den Aufbau des Internets und die Verlagerung vom Sprech- zum Datenverkehr und die Ergänzung der Festnetze durch mobile Netze für neue Konkurrenzverhältnisse und Rationalisierungsoffensiven. Die Glasfaserkabel haben die Produktionskosten im Telekom-Geschäft dramatisch gesenkt und das Preisgefälle zwischen Fern- und Lokalgesprächen ausgeglichen. Die riesigen neuen oder sich im Aufbau befindlichen Glasfasernetze haben die digitalen Übertragungskapazitäten der Informations- und Kommunikationsindustrie massiv erhöht. Wenn die geplanten Glasfasernetze gebaut werden, die amerikanische Betreiber angekündigt haben, wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren die Kapazität der amerikanischen Hauptnetze verzweihundertfachen. Eine ähnliche Entwicklung ist im europäischen Wirtschaftsraum feststellbar. Die Ausdehnung der Übertragungskapazitäten bedeutetet deshalb: die Betreibung digitaler Netzwerke auf Basis der Breitbandtechnologie verwandelt den vermarktbaren Informations- und Kommunikationsdatenfluss und das Netzwerk an sich zur Massenware. Zu einer Massenware, die von Telekomunternehmen gekauft und verkauft wird wie jede andere Ware auch. Ein Weltmarkt für digitale Netzwerke ist nicht mehr undenkbar. Es ist daher absehbar, dass die Übertragungskapazitäten der großen internationalen Netzwerke von einigen wenigen effizienten Betreibern kontrolliert werden. Diese Netzwerke werden zerstückelt an Zwischenhändler verkauft und von dort aus an kleine lokale Unternehmen.

Schlüssel für diese Entwicklung ist der digitale Informationsaustausch, der nicht auf die Technologie der alten, auf Sprechverkehr hin angelegten Telefonnetze angewiesen ist, sondern mit digitalen Netzwerken stattfindet, wie dem Internet. Weil auch Gespräche als Daten übermittelt werden können, werden die neuen digitalen Netzwerke nicht nur den wachsenden Datenverkehr transportieren, sondern auch einen Teil des Sprechverkehrs, der bislang in den herkömmlichen Festnetzen stattfand, absorbieren. Diese informationstechnologischen Veränderungen bedeuten für die großen Telefongesellschaften eine Bedrohung der Wertschöpfung, und sind Indiz für die mittlerweile erfolgreichen Versuche, mit Unternehmen aus dem Informations- und Kommunikationssektor zu fusionieren, zusammen zu arbeiten oder sich zu beteiligen. (vgl. NZZ FOLIO, September 1999)

Anfang Februar 1999 haben die beiden größten US-Unternehmen der Telekom- und der Medienbranche AT&T und Time Warner der Öffentlichkeit eine konzernstrategische Allianz bekanntgegeben: Im Zentrum der Zusammenarbeit steht der Ausbau des gewaltigen Kabelnetzes des Medienriesen zu beider Nutzen. Die Breitbandtechnologienetze von AT&T sollen zu einem komfortablen Multimedia-Highway der Zukunft ausgebaut werden, auf dem parallel Telekomdienste betrieben, Fernsehprogramme verbreitet und ein Internetzugang angeboten werden soll. Damit kamen zwei bisher konkurrierende Großkonzerne durch das Internet zusammengeführt. Vor dieser Allianz war AT&T nur reinen Telekom-Geschäft aktiv. Die Neuordnung des Konzerns erfolgte über die Übernahme der zweitgrößten amerikanischen Kabelfirma, TCI, und der Einstieg beim Provider At Home, der sich auf den Internetzugang per Kabel spezialisiert hat. AT&T wandelte sich zum Anbieter einer kompletten Plattform für Unterhaltung, Information und Kommunikation um. Die Konzentration verschiedener Sparten in einem Unternehmen soll den Konsumenten künftig alle Telekom-, Fernseh- und Internet-Dienste zu einem festen Preis verkaufen. Die Fusion zwischen Time Warner und AOL im Wert von 111 Milliarden Dollar zur AOL Time Warner im Dezember 2000 hat das weltgrößte Medien- und Internetunternehmen geschaffen: neben Filmrechte, Zeitschriften und TV-Kanäle hat Time-Warner das zweitgrößte Kabelnetz der USA mit 20 Millionen angeschlossenen Haushalten und AOL mit 25 Millionen Internetkunden eine kapitalstrategische Allianz geschaffen, die weltweit Internetprovider und Medienkonzerne unter Konkurrenzdruck setzen wird.

Auf der anderen Seite gliedern sich große Telekommunikationskonzerne wie der US-amerikanische Konzern AT&T in eigenständige Unternehmen mit den Sparten Mobilfunk und Breitbandkabel auf, um konkurrenzfähiger zu bleiben (vgl. FR vom 26.10.2000 / Nr. 249). British Telekom hat vier Sparten aus dem Konzern ausgegliedert und will sie an die Börse bringen: Internetaktivitäten sollen in der neuen Gesellschaft Net-Co gebündelt werden, die Mobiltochter BT Wireless, der Adressendienst Yell und das Datenverarbeitungsunternehmen Ignite sollen den umfassenden Restrukturierungsprozess zur Sanierung des Konzerns abschliessen. (vgl. Fr vom 10.11.2000 / Nr. 262) So auch die Siemenstochter Infineon Technologies, die den Geschäftszweig Verbraucher-Elektronik an die Micronas Semiconductor Holding / Schweiz verkauft hat, um sich auf die Schwerpunktmärkte Optische Netzwerke, Breitbandkommunikation und Zukunftsmobiltechnik zu konzentrieren (vgl. FR vom 25.10.2000 / Nr. 248).

Time Warner engagierte sich bislang im Mediensektor und produzierte so genannte Contents (Inhalte) für die Wertschöpfung: Fernsehprogramme, Filme (MGM-Studios) oder News (CNN): Vorbild für diese branchen- und konzernübergreifende Kapitalstrategie war der Medienkonzern Walt Disney, der über ein geschickt vernetztes Imperium aus Filmstudios, Verlagen, Vergnügungsparks und Disney-Läden verfügt und der Medienkonzern ABC/Capital Cities, der den den Internet-Dienst Infoseek geschluckt hatte. Anfang Februar 1999 übernahm Medienkonzern USA Networks die Internet-Firma Lycos, die das am zweithäufigsten besuchte Web-Portal in den USA betreibt und das Einzelhandelsgeschäft von USA Networks ergänzen und zu einem gewaltigen, interaktiven elektronischen Warenhaus heranwachsen soll. Zu Beginn des neuen Jahrtausends deutet vieles darauf hin, dass die Verbindung und Fusion von Telekomdiensten, Kabelfernsehen und Internet künftig eine große Rolle für die Herausbildung des Informationskapitalismus spielen wird. "AT&T, Time Warner, Disney oder USA/Lycos sind denn auch keine Einzelfälle mehr. Weltweit arbeiten fast alle Großen dieser Branchen an multimedialen Strategien. In den USA baut etwa der Computerhersteller Compaq sein mit der Akquisition von Digital Equipment übernommenes Internet-Juwel Altavista aus. Bertelsmann wiederum wagte sich durch Beteiligungen an AOL (America Online), Barnes and Noble ins Internet-Geschäft vor; vor kurzem führte der deutsche Konzern mit Books Online (BOL) auch einen eigenen Buchvertrieb ein. Hinzu kommt das Telefonangebot Callas. Auch das Pariser Unternehmen Vivendi (Havas, Canal plus) ist in das Telefon- (Cegetel) und Internet-Business eingestiegen. Es fällt auf, wie eng dabei Bertelsmann, Vivendi und die deutsche Telekomfirma Mannesmann kooperieren. Parallel dazu ging kürzlich die Deutsche Telekom eine Allianz mit Kirch ein. Und die Liste der Interessenten an Lycos las sich vor dem USA-Networks-Deal fast wie ein Who's who der internationalen Konzerne: Time Warner, News Corp., Bertelsmann, Microsoft oder General Electric. Wen wundert es da noch, dass AOL angeblich auf der Suche nach einem Fernsehsender sein soll." (Nzz, 19.2.1999)

Daneben strukturieren sich diese Konzerne in der Form neu, indem sie sich von Unternehmen oder Beteiligungen trennen, die nichts mit der Informationstechnologie zu tun haben. So hat der Vivendi Universal aus Frankreich nach AOL / Timer Warner der zweitgrößte Medienkonzern Ende Dezember sich von von Beteiligungen des Getränkeunternehmens Seagrem (Kanada) im Wert von 18 Milliarden DM getrennt um zum einen kartellrechtliche Auflagen (Gewährung von Zugang anderer Medienunternehmen an Canal +) zu erfüllen und zum anderen Kapital für den weiteren informationstechnologischen Expansionsdrang zu erwerben. (vgl. Fr vom 21.12.2000 / 297) Darüber hinaus gibt es Bestrebungen von den metropolitanen Telekommunikationsgesellschaften im Trikont sich an Konkurrenzunternehmen zu beteiligen oder sie zu übernehmen: so der Medienkonzern Vivendi Universal eine 35-%ige Beteiligung an der Maroc Telecom im Wert von 4, 7 Milliarden DM erworben. (vgl. FR vom 23.12.2000 / Nr. 299)

4.3.2 Die Neuordnung von Telekommunikationsunternehmen im europäischen Wirtschaftsraum      Seitenanfang

Die Neuordnung des europäischen Fernmeldemarktes hat die ehemaligen staatlichen Monopolkonzerne British Telecom oder Deutsche Telekom unter Konkurrenzdruck ausgesetzt und sie gezwungen, ihre Netztarife markant zu reduzieren und gleichzeitig hohe Kapitalbeträge und Investitionen für die Bereitstellung neuer Netdienste durchzuführen. Ob die die diversifizierten Großkonzerne in der Lage sind, sowohl im Mobilfunk als auch im Festleitungsnetz und mit Internetdiensten konkurrenzfähig zu bleiben, ist für zukünftige Wertschöpfung sicherlich von Bedeutung. Der Versuch zur Modernisierung, indem verschiedene Konzernsparten unter einem Konzerndach vereint werden, hat gleichzeitig den Zwang zur Neuordnung und Aufspaltung analog des US-Telekomkonzerns AT&T geführt: es besteht der Zwang die schwerfälligen Konzerne stärker zu fokussieren, um gegen kleinere und mittelständische spezialisierte und selbständige Unternehmen konkurrenzfähig zu bleiben. Daher hat British Telecom reagiert und eine umfassende Restrukturierung und Neuausrichtung vorgenommen. Mitte April 2000 reagierte British Telecom auf die Kritik, zu bürokratisch und zu inflexibel zu sein, indem vier selbständige Geschäftsbereiche geschaffen wurden, die an die Börse gebracht werden sollen. Mit der Bildung der Hauptbereiche Ignite (Daten-Internet-Geschäft für Großkunden), BT Openworld (Internet für Konsumenten), BT Wireless (Mobilfunk) und Yell (Branchenadressbücher und E-Commerce) hat der Konzern die traditionelle regionale Organisation aufgegeben. Yell soll noch vor Ende des Jahres an die Börse gebracht werden.

British Telecom ist mit der Neuordnung weniger weit fortgeschritten als andere europäische Telekomkonzerne, die - wie France Télécom, Deutsche Telekom und Telefónica - bereits Minderheitsbeteiligungen an ihren Internetfirmen an der Börse aufgelegt haben.

(vgl. Nzz, 27.10. 2000, Nr. 251, Seite 27) Doch die Deutsche Telekom AG spielt eine Schlüsselrolle bei der Durchdringung mit Netzwerktechnologie in den Staaten Mittel- und Osteuropas, die im Zuge der Erweiterung der EG als Ergänzungsraum für die Wertschöpfung in der Mobilfunksparte gilt. Während in der EG die Profiterwartungen sich konsolidiert haben und die monopolartigen Strukturen auf dem deutschen Telekommarkt durch Kontrolle der Ortsnetze gewährleistet bleiben (vgl. Fr Nr. 285 vom 23.12.2000), geht die Deutsche Telekom AG nach der Durchdringung Osteuropas von einer gewaltigen Wertschöpfung aus: bis zum Jahr 2004 wird mit einer Vervierfachung der Mobilfunkanschlüsse auf 50 Millionen gerechnet. In acht mittel- und osteuropäischen Staaten unterhält die Deutsche Telekom AG mittlerweile Beteiligungen an den meist noch staatlichen Telefongesellschaften, die sowohl für das Festnetz als auch für das Mobilnetz gelten. Im Gegensatz zu den Konkurrenten zielt die Kapitalstrategie der Telekom nicht auf Minderheitsbeteiligungen sondern auf Majorisierung und letztlich die Kontrolle der Telefongesellschaften und überproportionale Profite. (vgl. Fr Nr. 285 vom 15.11. und 8.12.2000) Aber auch in Südeuropa hat sich die Deutsche Telekom AG über T-Oneline die Markthegemonie im Internetsektor verschafft: mit dem Kauf des spanischen Internet-Dienstleister Yacom für 1,1 Milliarden DM konnte der "Einstieg in einen weiteren europäischen Schlüsselmarkt" erfolgen, "der beträchtliche Wachtumspotenziale" aufweist. Yacom dient als Sprungbrett für die Erschließung des Internetmarktes Lateinamerika. In Portugal bedient Yacom bereits heute 400000 Kunden, in Spanien 2,3 Millionen Kunden, die dem Provider angeschlossen sind. Schwerpunkt der Informationsaktiviäten über das Internet durch Yacom ist der Tourismus, Lifestyle- und Entertainment-Angebote - in Hinblick darauf, das Spanien das beliebteste Reiseziel der Deutschen ist, eine gewaltige Wertschöpfungsmaschine durch den virtuellen Raum. (FR vom 10.10. 2000)

4.3.3 Der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft

Um die Wertschöpfung und Akkumulation für die Neuordnung der Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie zu sichern sind Kapitaltransfer in die Wissenschaft und ein optimaler Rückfluss an Know-how von den Universitäten in die Unternehmen der Informationstechnologie notwendig. Noch bevor der Boom durch die New Economy einsetzte wurden in der Deregulationsära Anfang der achtziger Jahre an amerikanischen Universitäten Technologiebüros eingerichtet, die genau diesem Technologietransfer den Weg zu ebnen. Bedeutsam war dafür die 1980 administrativ erlassene Bayh-Dole-Verordnung, welche den Universitäten die Verwertungsrechte für ihre Forschungsaktivitäten garantierte. Damit stieg der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft markant an.

Die Anzahl der Universitäten, die sich aktiv um einen Technologietransfer in die Industrie bemühten, erhöhte sich innerhalb von zwölf Jahren von 25 auf über 200 (Stand 1992). "Schätzungsweise 20 000 bis 40 000 Arbeitsplätze werden jährlich direkt durch universitären Technologietransfer geschaffen. Die klare und transparente Regelung erleichtert Studenten und Akademikern die Kommerzialisierung ihrer Erfindungen. Viele erfolgreiche Start-up-Firmen führen ihre Technologiebasis auf Universitäts-Lizenzen zurück. Unter den Studenten selbst herrscht ein zunehmend unternehmerisch geprägtes Klima. Kurse zu Unternehmensgründung und E-Commerce erleben einen regelrechten Boom, besonders bei Studenten der Ingenieurs- und Wirtschaftsdisziplinen".

Eines der bekanntesten Beispiele der New Economy ist das US-Unternehmen Akamai, dass sich aus dem Technologietransfer aus den Universitäten in die Wirtschaft entwickelte:

"Akamai hat einen der erfolgreichsten Börsengänge aller Zeiten aufzuweisen. Schon am ersten Tag wurde das Unternehmen mit mehr als 13 Mrd. $ kotiert. Dabei ist das Produkt relativ simpel: Akamai beschleunigt den Datenzugriff durch Umgehen von lokalen Internetstaus über weltweit verteilte Datenzwischenlager und Server. Ein ausgeklügelter Algorithmus berechnet optimale Verbindungswege zum Transport der angeforderten Information. Dieser Service ist vorab für Internetgroßkunden interessant, die über die Anzahl Zugriffe auf ihre Internetseiten konkurrieren. Unter den rund 300 Vertragspartnern befinden sich Kunden wie Yahoo!, Microsoft und CNN. Akamai hat zurzeit eine Börsenkapitalisierung von rund 8 Mrd. $, nachdem dieser Wert schon einmal über 30 Mrd. $ gelegen hat. Dabei existierte diese Firma vor knapp anderthalb Jahren noch gar nicht. Ihr Ursprung findet sich im weltbekannten Massachusetts Institute of Technology, wo Internet-Mitbegründer Tim Berners- Lee 1995 Computerwissenschafter anregte, sich über den Transport von großen Datenmengen in Netzwerken Gedanken zu machen. Eine Gruppe von Informatikern entwickelte schließlich einen verheißungsvollen Ansatz und beschloss, diese Idee zu kommerzialisieren (Nzz, 19. August 2000)

Im europäischen Wirtschaftsraum entwickeln sich seit Ende der neunziger Jahre zur Beschleunigung der New Economy Technologiebüros an den Universitäten mit dem Ziel, den Technologietransfer von der Universität zur Industrie zu erleichtern und zu unterstützen. Dabei geht es um die konsequente Weiterentwicklung von Grundlagentechnologien und deren erfolgreiche Vermarktung. Die Lizenzeinnahmen werden den Erfindern, den angegliederten Universitätsinstituten in der Regel in gleichen Teilen rückvergütet. Technologiebüros betrachten sich selbst als ´Inkubatorª, als Brutkasten für neue Ideen. Neben Büroraum der zur Verfügung gestellt wird, bieten Technologiebüros ihre wissenschaftliche Erfahrung von der Patentanmeldung bis hin zur Aufnahme von Kontakten mit Investoren an.

Wie die Technologiebüros kommt die Inkubator-Idee aus den USA, wo sie sich zu einem festen Bestandteil der Internetökonomie entwickelt hat. Voraussetzungen für die Durchsetzung dieser Idee sind der große Kapitalmarkt, das unternehmerisches Denken der Universitäten und Firmengründer und die Bereitschaft des Kapitals Privatinvestitionen zu tätigen. Die National Business Incubation Association (NBIA) schätzt, dass es rund 800 Inkubatoren in den USA gibt. Rund drei Viertel der Brutkästen sind nichtkommerziell und werden u. a. von Universitäten betrieben. Im europäischen Wirtschaftsraum steht seit Ende der neunziger Jahre mehr und mehr Risikokapital für Jungunternehmen bereit, dass das Internet als Quelle für Geschäftsideen entdeckt hat: Europa ist interessant für Inkubatoren geworden, Ende des Jahres 2000 wurden bereits 150 so genannter Brutkästen für die Entwicklung Internetökonomie eingerichtet. Der Inkubator ist dabei eine Art Beschleuniger für die Wertschöpfung: Er stellt Dienstleistungen, Zugriff auf ein Beziehungsnetz, intensive Beratung und meist auch Risikokapital und Managementkapazitäten zur Verfügung; als Gegenleistung erhält er eine Beteiligung an dem Jungunternehmen. (vgl. Nzz, 4. November 2000)

4.3.4 Biotechnologie, Gentechnologie und Life Sciences

Der Schwerpunkt der Darstellung dieses Abschnitts liegt darin, die Bedeutung der informationstechnologischen Netzwerke für die Wertschöpfung, Wertschöpfungsketten und den informationstechnologischen Rationalisierungsangriff zu skizzieren. Eine vollständige detaillierte Beschreibung ist nicht möglich. So werden die Biotechnologie, Gentechnologie und die Life Sciences nur unter dem Aspekt der netzwerktechnologischen Rationalisierung angerissen, um zu verdeutlichen, dass dieser ökonomische Bereich ohne die informationstechnologische Durchdringung und Datenverarbeitung nie die technologischen Entwicklungssprünge der letzten Jahren gemacht hätte. Nur genaue Einzeluntersuchungen aus einem linken Politikverständnis würden diesen Themata gerecht werden, hier sprengen sie den Rahmen der Darstellungsmöglichkeiten. Die Biotechnologie ist ein Sammelbegriff für technologische Anwendungen, die über die Gentechnologie weit herausragt. Gentechnische Wertschöpfung findet in der industriellen Produktion von Lebensmitteln und Lebensmittelzusatzstoffen, in der industriellen Produktion Pharmazeutika und Diagnostika und in der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnik am Menschen oder an Tieren statt.

Im Zeitraum von weniger als 30 Jahren ist die Biotechnologie in den USA zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor geworden. Entscheidend für den Erfolg waren Ballungszentren (´Clusterª), die Wissens-Spillover und technische Spitzenleistungen sowie Venture-Capital und eine begleitende Netzwerkinfrastruktur zu Wertschöpfungsketten bündelten. Mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa zehn Jahren hat sich auch i m europäischen Wirtschaftsraum eine biotechnologischer Sektor herangebildet, der als Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird. In High-Tech-Regionen wie den US-Bundesstaat Kalifornien ist die Biotechnologie ein hohe Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotential geworden. In Kalifornien ist der gesundheitstechnische Sektor (Biotechnologie unter Einschluss verwandter Gebiete aus dem medizinischen Bereich) mit 212 700 Beschäftigten hinter der Elektronikindustrie (264 400 Mitarbeiter) und vor der Versicherungsbranche (209 100) zum zweitwichtigsten Beschäftigungssektor in den letzten Jahren aufgerückt. Im gesundheitstechnische Sektor werden die höchsten Löhne gezahlt: der Durchschnittslohn in diesem Bereich mit 64 300 $ um 85% über dem Mittel des Bundesstaates von 34 700 $, wobei die Saläre in der Biotechnologie mit 71 200 $ mit Abstand am höchsten sind. In der High-Tech-Kernregion um die Bucht von San Francisco wurden 747 biomedizinische Unternehmen registriert, die mit 84 819 Mitarbeitern einen Umsatz von 8 Mrd. $ erwirtschafteten und Löhne von 5,6 Mrd. $ bezahlten. Insgesamt sind in den USA derzeit mehr als 330 Biotech-Unternehmen an der Börse kotiert, gegenüber rund 70 Unternehmen in Europa. 56 Prozent der biomedizinischen Unternehmen in Kalifornien wurden im Verlauf der neunziger Jahre gegründet

Die "Cluster" in High-Tech-Regionen können "Ballungszentren" der ökonomischen Entwicklung und Ungleichzeitigkeit verstanden werden, in denen alle wichtigen Funktionen der Wertschöpfung in einem unternehmerischen System vereint sind, das kollektives Lernen und flexible Anpassung gefördert habe. Von Bedeutung für diese ökonomische Entwicklung sind die sozialen Netze des halben Dutzends von Spitzenuniversitäten um San Francisco im Umfeld der High-Tech-Region sowie der fluktuierende Arbeitsmarkt und die Beziehungen zwischen dem akademischen Umfeld und den Unternehmen. Am Ende Entwicklungsschleife entstehen kumulative, sich selbst verstärkende Ballungszentren, in denen Wissens-Spillovers und technische Spitzenleistungen mit Venture Capital und spezialisierten Dienstleistungen verknüpft werden. (vgl. Nzz, 3.6. 2000)

Im europäischen Wirtschaftsraum sind die Unternehmen aus der chemischen und biotechnologischen Branche an den klassischen Standorten wie um Basel oder Köln / Leverkusen konzentriert. Die Biotechnologie, Gentechnologie und die Life Sciences war genauso wie der Bereich der Telekommunikation seit Beginn der neunziger Jahre von einer Fusionswelle der Unternehmen betroffen. eine Fusionswelle in Hinblick auf die Wertschöpfungserwartungen zwischen den Konzernen statt. Die Liste dieser Fusionen ist lang, einige Beispiel bis Mitte der neunziger Jahre, dem Beginn der Netzwerktechnologieära, sollen an dieser Stelle angeführt werden:

"Der Fusionstherapie unterzogen sich in den letzten Jahren jedoch nicht bloss Konzerne aus dem gleichen Ursprungsland, wie etwa Sandoz/Ciba, Glaxo/Wellcome (Grossbritannien, 1995, 14 Mrd. $ in Bargeld) oder American Home Products / American Cyanamid (USA, 1994, 9,6 Mrd. $ in bar). Häufig wurden auch internationale Grossfusionen und -übernahmen in der Pharmabranche, die bereits traditionell einen hohen Globalisierungsgrad aufwies (´Krankheit kennt keine Grenzenª) und die von amerikanischen und europäischen Konzernen dominiert wird. Deutschlands Hoechst schluckte so beispielsweise 1995 die amerikanische Marion Merrell Dow für 7,1 Mrd. $. Der US- Konzern Upjohn vermählte sich im gleichen Jahr in einem auf 7 Mrd. $ bewerteten Aktientausch mit der schwedischen Pharmacia, nachdem Roche im Vorjahr für 5,3 Mrd. $ die amerikanische Syntex und Sandoz für 2 Mrd. $ praktisch die Kontrolle über die amerikanische Chiron erworben hatten." (Neue Zürcher Zeitung, 9. März 1996)

Die Hoffnung der Pharmakonzerne in der industriellen Produktion von Pharmazeutika und Diagnostika und in der Fortpflanzungsmedizin ruht auf der Entzifferung des menschlichen Erbguts. "Den Genformationen wollen sie präzise Diagnoseverfahren und eine Vielzahl neuer Medikamente entlocken. So tut sich den Bio-Tech-Unternehmen eine riesige Marktlücke auf. Die einen suchen nach den Schätzen des Erbguts. Andere entwickeln die Werkzeuge, die man dafür braucht. Sie setzen auf Robotik, Automatisierung und brutale Rechenkraft. Schon entsteht eine neue Sparte: i-Biology - eine Fusion der Gen- und Computerbranche." (DIE ZEIT 44/2000) Die Industrialisierung der Forschung im biotechnologischen Sektor hat zu einer Massenproduktion geführt: wo früher Forscher und Laboranten von Hand Experiment um Experiment zusammenrührten, werden von Laborrobotern in netzwerkgesteuerte Fertigungsstraßen der Life-Science-Industrie zusammengefasst. Damit erhofft sich die Life-Science-Industrie bessere Medikamente für die Menschen und große Gewinne für Pharma- und Biotechnologiekonzerne. Mit den Hochleistungs-Laborautomaten in der Life-Science-Industrie sollen bis Ende des Jahres 2002 22 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet werden, schätzen die Analysten bei Strategic Decisions im kalifornischen Menlo Park. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Produktionskonzerne von Hochleistungsrechnern die Life-Sciences entdeckt haben. Für die PC-Konzerne hat der Rechenbedarf bei Forschungsinstituten und Bio-Tech-Unternehmen eine neues Wertschöpfungspotential geschaffen. Hewlett-Packard zusammen mit Intel neue Hochleistungsprozessoren für diesen immensen Datenverarbeitungsbedarf, auf den auch IBM hofft: innerhalb von Jahren wird der Weltmarkt für biologische Informationstechnik auf neun Milliarden Dollar wachsen. Der Computerkonzern reagierte mit der Gründung einer Life-Science-Abteilung und investiert 100 Millionen Dollar in die Entwicklung von Biosoftware. Seit 1999 baut IBM am leistungsstärksten Großrechner aller Zeiten, um die Datenflut zu verarbeiten.

Die digitale Netzwerktechnologie via Internet bekommt für die Datenverarbeitung große Bedeutung: Laborroboter, die aus Gendaten die Form von Eiweißmolekülen errechnen können liefern für die Entwicklung neuer Medikamente jeden Tag so viele Daten, dass Unternehmen Monate mit der Auswertung brauchen. Unternehmen wie Lion haben die Marktnische entdeckt: Sie entwickeln Software und Internet-Angebote welche die Informationsdaten der 350 größten Biodatenbanken der Welt in Form von Datamining filtern. Die Netzwerktechnologie des Internets bietet für die Pharmakonzerne interessante Wertschöpfungsmöglichkeiten mit Einbeziehung der Krankheiten von Patienten. Durch die Genomforschung wird nach den Vorstellungen diverser Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne schon bald die Veranlagung für Krankheiten an Patienten erkennen können, auch wenn die Betroffenen noch völlig gesund sind. Es ist eine Frage der Zeit wann jeder Patient sein Genprofil auf einer CD-ROM mit sich herumtragen wird und Tests von den Phamakonzernen angeboten werden, die den Patienten die diagnostischen Ergebnisse mitteilen und ihnen die Medikamente verkaufen, die sie gesund erhalten. Für den geplanten Datenverkehr zwischen Patienten, Pharmaunternehmen und Ärzten wird nicht einmal ein PC benötigt sondern reichen mobile Kleincomputer: "Motorola entwickelt bereits Handys für die Übertragung von Erbinformationen. Vorexerziert haben es finnische Wissenschaftler. Das Institute of Medical Technology bietet den ersten WAP-Service für Bioinformatik an. Mit BioWAP können Wissenschaftler Gensequenzen oder Eiweißstrukturen über ihr Handy abrufen". (DIE ZEIT 44/2000)

4.4 Wertschöpfungsketten durch Netzwerktechnologie im virtuellen Raum / Intranet

Die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne als Wegbereiter für die Entwicklung des Informationskapitalismus hat unmittelbare Auswirkungen bei der Betreibung von Netzwerktechnologie zur Beherrschung des geschlossenen virtuellen Raumes und des öffentlichen und privaten Raumes. Netzwerke können ein unterschiedliche Anzahl an angeschlossenen Personalcomputern oder Großrechnern haben (z. B. Auf betrieblicher Ebene) und können sich bei Bedarf in größere Netzwerke einbinden, wie in das Internet. Die Netzwerktechnologie hat als Infrastruktur großen Einfluss auf die Rationalisierungsmaßnahmen aller Unternehmen in der Metropole. In den USA sind in den vergangenen zehn Jahren nicht nur Tausende neuer Online-Firmen aus dem Boden geschossen, die Pionierunternehmen wie Amazon, Yahoo!, E*Trade oder Ebay nachzueifern versuchen. Auch die meisten Unternehmen und Konzerne der "old economy" haben die neue Herausforderung zur Neuordnung und damit zur vertikalen oder horizontalen Umstrukturierung angenommen.

4.4.1 Business-Netzwerke für den elektronischen Handel der Unternehmen (B-Web)    Seitenanfang

Das E-Business ist ein Synonym für eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren zunehmend die Wirtschaftsordnung aller Industrieländer regelrecht durcheinander bringt und für allgemeine Verunsicherung sorgt. Mit dem Internet haben sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten verändert und ist nach dem krisenhaften Prozess der Kalten Kriegsökonomie die Neuordnung der Wertschöpfung möglich geworden. Bisherige Wirtschaftsstrukturen sind in Frage gestellt und durchlaufen einen krisenhaften Prozess. Diese Neuordnung führt zu neuen Unternehmensformen und auch zu neuen Spielregeln im Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen und Industrien auf dem Weltmarkt. Für die Konkurrenzfähigkeit des Informationskapitals ist die Verfügbarkeit und das Know-how im Umgang mit den Kommunikations- und Informationstechnologien daher von immenser Bedeutung und die Fähigkeit, an den neu entstehenden Wertschöpfungsketten aktiv partizipieren zu können. Diese neuen Wertschöpfungsketten sind dynamisch und entwickeln sich im Umfeld von globalen Business-Netzen (B-Web), dem Electronic-Supply-Chain-Management zur Neuorganisation der Zulieferung, den konzerninternen Netzwerken (Intranet), welche die (noch) bestehenden Firmenstrukturen und regionalen Wirtschaftsräume der modernisierten internationalen Arbeitsteilung auf dem Weltmarkt anpassen.
 

4.4.2 Die Krise der Wertschöpfungsketten in der Chipindustrie

Auch in der Chip- und Computerindustrie wurde über die Netzwerktechnologie eine profitable Wertschöpfungskette aufgebaut. Dabei dürften die Unternehmen Konkurrenzvorteile haben, die nach dem ´Build-to-Orderª System produzieren. Der Computerproduzent Dell ist ein Pionier im Build-to-Order- Ansatz. Der Computerhersteller gründet seinen Wirtschaftserfolg auf der engen Vernetzung der gesamten Leistungs- und Wertschöpfungskette.

"Dell agiert in raschen Planungszyklen und hat die Lieferanten eng in die eigene Wertschöpfungskette integriert. Dies ermöglicht ein weitgehendes Outsourcing von Aufgaben, welche nicht als Kernkompetenz betrachtet werden. Jede Kundenbestellung auf dem Internet wird in Echtzeit an die Lieferanten weitergeleitet und löst die Auftragsabwicklung aus. Die Lieferanten ihrerseits werden kontinuierlich und automatisch an ihrer Leistung gemessen. Telefon und Fax wurden als Kommunikationskanal durch das Internet ersetzt. Dell betreibt nicht mehr den traditionellen Wettbewerb zwischen einzelnen Computerherstellern, sondern einen Wettbewerb zwischen integrierten Wertschöpfungsketten (Nzz, 14. November 2000, Nr. 266, Seite 111)

Dennoch hatten die US-Hersteller von Personal-Computern wie Dell und Apple im Herbst 2000 Absatzprobleme für ihre Maschinen. Konnten zur Jahrtausendwende durch Neuausrüstung aufgrund der Jahr-2000-Umstellung hohe Umsätze und Gewinne erzielt werden, verzeichnen diese Unternehmen Umsatzrückgänge. Begründet wurde dieses mit schwachen Euro, der die in Dollar umgerechten Gewinne schmälere. Tatsächlich geht es bei diesem Geschäftseinbruch um eine nachhaltige Umwälzung auf dem Rechner Markt: "Der PC wird zunehmend das, was er früher war, nämlich ein reines Arbeitsgerät... Viele Verbraucher hätten sich bisher einen leistungsstarken Rechner nicht allein wegen der Textverarbeitung gekauft, sondern vor allem wegen des Internetzugangs und Computerspielen. Doch hier bekomme der PC Konkurrenz durch Set-Top-Boxen für den Netzanschluss per Fernseher und durch Spielkonsolen." (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233)

Die optimale Einrichtung von Wertschöpfungsketten alleine sichert in der Computerbranche nicht die Konkurrenzvorteile. Der Zwang zur Diversifikation und das Streben nach Zusammenschlüssen und Fusionen scheint eine Antwort auf die gegenwärtige Krisenbewältigung zu sein: So haben sich die Unternehmen Maxtor und Quantom aus den USA zu einem neuen Festplattenriesen mit mehr als 50 Millionen verkauften Festplatten pro Jahr bei einem Umsatz von sechs Milliarden Dollar zusammengeschlossen (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233) und der amerikanische Computerkonzern Hewlett-Packard (HP) hat mitgeteilt, dass er Verhandlungen über einen Erwerb der Beratungs-Sparte von Pricewaterhouse Coopers (PwC) führe. Damit verfolgt HP eine ambitiöse Expansion des Dienstleistungsgeschäfts. Der Wert der Übernahme wurde auf annähernd 18 Mrd. $ veranschlagt. Hewlett-Packard - hinter IBM und Compaq das drittgrößte Computerunternehmen der Welt. Mit PwC hofft nun HP, mit einem Schlag zu den führenden Anbietern von Technologiediensten aufzusteigen. PwC hatte sich in den vergangenen Jahren - wie auch einige ihrer Rivalen - zunehmend auf Technologieberatung (samt E-Commerce) spezialisiert. (vgl. Nzz, 12. 9. 2000, Nr. 212, Seite 21)
 

4.4.3 Electronic-Supply-Chain-Management am Beispiel von Wal-Mart

Seit der amerikanische Einzelhandelskonzern Wal-Mart durch die Übernahme von Wertkauf und Interspar im Jahre 1997 auf dem deutschen Markt Fuß gefasst hat, herrscht Unsicherheit innerhalb der Branche, da der Konzern wie kein anderer auf die Netzwerktechnologie als Rationalisierungsstrategie setzt. Fast alle Handelsunternehmen Europas wurden bereits als Übernahmeobjekte mit Wal-Mart in Verbindung gebracht. "Der Konzern wartet mit spektakulären Unternehmensdaten, einem rasanten Wachstum und einem hohen Profit auf. Wal-Mart ist mit über 1,1 Mio. Beschäftigten, mit einem Umsatz von 165 Mrd. US $ und mit einem Reingewinn von 5,4 Mrd. US $ im Geschäftsjahr 2000 der mit Abstand größte Handelskonzern der Welt. Wal-Mart hat bereits erklärt, in den nächsten 10 bis 20 Jahren auch den globalen Einzelhandel dominieren zu wollen. Die Wettbewerbsvorteile: eine schier unermessliche Finanzkraft, uneingeschränkte Kundenorientierung, perfekt funktionierende Mitarbeitermotivation, modernste Logistik und zukunftsweisende Informationstechnologie.

Der Markteintritt in Deutschland wurde von Wal-Mart unter strategischen Gesichtspunkten geplant. Deutschland gilt als Einstiegsland für Europa und Osteuropa. Mit einem Gesamtumsatz von 5,5 Mrd. DM besitzt Wal-Mart 2,4 Prozent der Marktanteile im deutschen Einzelhandel." (Fr vom 24.11.2000)

Das Electronic-Supply-Chain-Management wurde im Einzelhandel der Schlüssel für nachhaltige Profit- und Netzwerkerwartungen. Der effektive und effiziente Einsatz von digitalen Informationen mit der Netzwerktechnologie macht es möglich, den Warenfluss deutlich zu steigern. Wal-Mart kann in diesem Bereich als Vorreiter für eine neue Kapitalstrategie gelten. Der effizienten Bewirtschaftung der Zulieferer- und Beschaffungskette - der Supply-Chain (SC) - wird im Einzelhandel in den nächsten Jahren eine entscheidende strategische Bedeutung in der Metropole zukommen, denn die Logistikkosten machen im Einzelhandel fast 20% der Gesamtkosten aus. Deshalb kann der Einsatz von neuen Technologien, um die SC optimal zu steuern, zum Konkurrenzvorteil, denn der Druck der Unternehmen durch Kostensenkungen eine aktive Wertschöpfung zu betreiben, wird immer größer. Motor dieser Entwicklung sind die Möglichkeiten, die sich durch den E-Commerce im Business-to-Business-Bereich abzeichnen, wie durch den konsequenten Einsatz von Intranet-Lösungen, die zur optimalen Steuerung des Warenflusses in den dezentralen Filialen führen.

"Retail Link" heißt die Zulieferungstechnologie, mit der Wal-Mart in den USA ein neues Rationalisierungsmodell etabliert hat. Es "beruht auf einem zentralisierten Einkauf, verbunden mit einer zentral gesteuerten Auslieferung aller Produkte. In den USA werden die Filialen von einer standardisierten LKW-Flotte binnen 24 Stunden beliefert. Grundlage des Systems ist eine ständige Analyse der Verkäufe in den einzelnen Filialen, so dass bedarfsgerecht geliefert werden kann. Damit hat Wal-Mart das derzeit am weitesten ausgereifte System zur Bewirtschaftung seiner SC. Einer der Vorteile des zentralen Einkaufs sind die besseren Konditionen, die Wal-Mart von seinen Lieferanten erhält, und die größeren Lagerumsätze. Knapp achtmal pro Jahr wird das Lager umgeschlagen. Der Erfolg liegt im Wissen über die Kunden. Kein anderes Unternehmen weiß so viel über die Sortimente in seinen 3500 Läden und was bei den Kunden ankommt und was nicht. Vor allem haben die mehr als 5000 Lieferanten direkten Zugriff auf eine riesige Datenbank und können so Produktion, Lagerbestände und Lieferzeit optimal steuern." Nzz vom 14. November 2000, Nr. 266, Seite 106)

Mit der Eröffnung des Einzelhandelsfilialiensystems im europäischen Wirtschaftsraum hat Wal-Mart eine europäische SC aufgezogen und gehört damit zu den kapitalistischen Vorreitern eines Modernisierungstrends: der Auflösung von regionalen Lieferantennetzen zur Etablierung eines europaweiten Electronic-Supply-Chain-Systems. Vor allem die Einführung Einheitswährung Euro wird diesen Modernisierungsprozess weiter beschleunigen und die ökonomische Macht der großen Einzelhandelskonzerne gegenüber den Lieferanten beträchtlich verstärken. Große Einzelhandelskonzerne wie Metro, Carrefour und Promodès verfügen über ein zentrales Einkaufssystem für die Abwicklung der Handelsbeziehungen im Großraum. Der Einhandelskonzern Rewe organisiert die Verteilung der Handelswaren ebenfalls zentral, ein Netz von 30 Lagerstandorten und eine einheitliche LKW-Flotte sorgen für eine schnelle Auslieferung. Auch andere, wie etwa Otto-Versand in Deutschland, Tesco in Großbritannien oder Zara in Spanien, haben in den letzten Jahren stark in ihre Electronic-Supply-Chain-System investiert.

Doch Wal-Mart war der erste Handelskonzern, der erfolgreich auf die Anwendung von Netzwerktechnologie gesetzt hat. Andere Handelskonzerne sind Wal-Mart gefolgt. Inzwischen bereitet die Umsetzung von SC Wal-Mart in der BRD große Schwierigkeiten: aufgrund dauerhafter Logistikprobleme funktioniert die Warenwirtschaft und Zentrallagerbelieferung nur schlecht. Spediteure berichteten von stundenlangen, z. T. tagelangen Wartezeiten am neu eingerichteten Zentrallager in Kempen. Marktleiter verschiedener Filialen klagten über unregelmäßige und "falsche" Belieferung. Mehrere Fachverbände der Industrie, die Wettbewerbszentrale und Wal-Mart liegen in einem Dauerkonflikt um umstrittene Lieferantenverträge. (vgl. Fr vom 24.11.2000)

Ein ähnliches Modell der Wertschöpfung etabliert der Karstadt-Quelle Konzern in der BRD mit dem Ziel, sich zu einem vernetzten Handels- und Servicunternehmen über die Netzwerktechnologie umzustrukturieren. Dabei soll die verschiedenen Betätigungsfelder des Konzerns (Mode, Sport, Technik, Touristik) mit einer optimalen Nutzung der Vertriebswege aus dem Versandgeschäft in einem Netzwerk verknüpft werden um "wettbewerbsdominante Vorteile" auf dem europäischen Handelsmarkt über das E-Business zu erlangen. Zu diesem Zweck wird der Konzern rationalisiert: mit dem Einsatz der Netzwerktechnologie sollen die Filialtätigkeiten zentralisiert und die Lagerkapazitäten halbiert werden. (vgl. FR vom 18.10.2000 / Nr. 242)

4.4.4 Die Automobilindustrie und Intranet                                     Seitenanfang

Für Daimler-Chrysler hat das Internet die Funktion, die Massenproduktionsabläufe des Fordismus / Taylorismus mit der elektronischen Datenverarbeitung zu verbinden und mit Netzwerktechnologie auf neue profitable Höhen zu bringen. Aus diesem Grund hat der Konzern seine elektronischen Aktivitäten in einer Gesellschaft mit dem Namen DCX Net Holding gebündelt. Die DCX Net ist mit einem Startkapital von 550 Millionen Euro ausgestattet worden und hat sich vier Schwerpunkte für die Wertschöpfung geschaffen: die Vernetzung zum Kunden (Autoverkauf und Telematik, so genannte internetgestützte Dienste und Verkehrssteuerung), die Vernetzung der Wertschöpfungskette (Zulieferer, Einkauf etc.), die Vernetzung der Produkte und die Vernetzung der Beschäftigten. "Das Internet werde alle internen und externen Abläufe der Autoindustrie revolutionieren. Die gewaltigen Wettbewerbsvorteile, die sich durch professionell betriebenes E-Business bieten, wird Daimler-Chrysler schnell aufgreifen und optimal ausschöpfen, sagte Vorstandschef Jürgen Schremff. Dazu gehören vor allem geschäftliche Transaktionen mit Zulieferern wie auch Autokäufe per Internet oder die Beteiligung an Web-Firmen. Daimler-Chrysler hat bereits Covisint, den nach eigenen Angaben weltgrößten Internet-Marktplatz mit ins Leben gerufen Daran sind auch General Motors, Ford, Nissan/Renault beteiligt. Mehr als 330 Millionen Euro haben die Stuttgarter bereits in Beteiligung an Internet-Firmen investiert. Eine Venture Capital Fonds für Engagements in Start-Ups wurde kürzlich von 20 auf 120 Millionen Euro aufgestockt". Pkws von Daimler-Chrysler werden in den USA künftig mit einem Internetzugang ausgestattet sein. Ziel ist es, alle Prozesse vom "Einkauf bis zum Absatz schneller, effizienter und wettbewerbsfähiger" zu gestalten.(vgl. FR vom 10.10.2000 / 235).

Der Rationalisierungszwang zu durchgängig elektronisch gestalteten Versorgungs- und Zulieferungsketten durch die Netzwerktechnologie beschäftigt mittlerweile alle großen Unternehmen. Die Einführung von E-Procurement-Lösungen hat inzwischen in vielen Planungsabteilungen der Großkonzerne höchste Priorität. Denn schlankere und effizientere Business-to-Business-Transaktionen (B2B) versprechen in erster Linie eines: Kosteneinsparungen im großen Stil: "So rechnet zum Beispiel die Automobilindustrie, dass sie durch die Ablösung ihres disparaten Bestandes an geschlossenen Datensystemen durch einen offenen, webfähigen Supply Channel allein in Sachen Inventarkosten und Auftragsverarbeitung mit einem Schlag 40 Milliarden Dollar einsparen könnte. Nochmals jährlich 12 Milliarden Betriebskosten würden durch geringere Lagerhaltung von nicht verkauften Fahrzeugen, Ersatzteilen und durch elektronischen Dokumentenaustausch wegfallen." (Nzz, vom 26. September 2000, Nr. 224, Seite 90)

Gegenwärtig ist unübersehbar, dass Rationalisierung sich nicht mehr allein auf Tätigkeiten und Arbeitskräfte bezieht, sondern der Gesamtzusammenhang der Produktion zum Gegenstand hat, welcher mit dem Begriff der "systemischen Rationalisierung" beschrieben werden kann. Die hohe Bedeutung unternehmensübergreifender Produktionsketten im Zeitalter eines neuen Akkumulationsmodelle werden durch die "systemische Rationalisierung" betont und die technisch-organisatorische Integration zu einem Gesamtprozess auf der Basis moderner Informations- und Kommunikationstechnologien fokussiert. Die Zulieferbeziehungen in der Automobilindustrie nicht nur für ein Anwachsen der Produktivität, Logistik und Rationalisierung, sondern auch für die weltmarktbezogene Flexibilität und Innovationsfähigkeit des gesamten Produktionssystems. Damit gewinnen inter- und intraorganisatorische Netzwerke an Bedeutung, durch die neue Unternehmensstrukturen entstehen: dezentralisierte Unternehmen mit eigenständigen Cost- und Profitcentern, ausdifferenzierte, international aufgeteilte Produktionssysteme oder auch so genannte strategische Allianzen und Entwicklungskooperationen.

Die dezentrale Produktentwicklung nimmt in den Konzernen und den mit ihnen verbundenen Tochterunternehmen einen immer größeren Stellenwert ein. Zur Bewältigung und Abwicklung von Aufträgen entstehen virtuelle Arbeitsteams, die sich entlang des Netzwerkes des durch Fusionen, Übernahmen oder der Tochterunternehmen geschaffenen Konzerngebildes strukturieren. Große Projekte und Aufträge werden mit zentralen Datenbanken gesteuert, die ein projektbezogenes Wissens- und Informationsmanagement auf der Basis von Internet und Intranet ermöglichen. Mit den gesteigerten Anforderungen an die Produktqualität erhöht sich die Intensität der Kommunikation, der Dienstleistungen und damit der Bedarf an Kompetenzen an die Mitarbeiter, Arbeitsteams und Verantwortlichen. Die Fragmentierung der Produktionsprozesse in der Massenproduktion hat dazu geführt, dass die Automobilindustrie ihre Komponentenzulieferer schon lange zu Systemlieferanten umgewandelt hat und diese externen Produktionskompetenzen profitorientiert nutzt.

Die Kommunikation und der Austausch der Informationen innerhalb der Arbeitsprojekte läuft vermehrt über die Netzwerktechnologie: das Intranet wird nicht nur zum reinen Sprachaustausch genutzt wird, sondern sich angesichts der Integration von Daten- und Bildaustausch deutlich profitabel eingesetzt. Das Ergebnis ist eine effiziente visuelle Kommunikation durch die Netzwerktechnologie als Verknüpfungstechnik der wissenschaftlichen Betriebsführung. Dieser neue Entwicklungsprozess der Arbeitsteilung innerhalb des Konzerns - in der Regel betrifft er die Entwicklungsabteilungen - ist gekennzeichnet durch zusätzliche Anforderungen an die wissenschaftlichen Fachkräfte und durch eine intensivere, vermehrt auch tool-gestützte Kommunikation zwischen den einzelnen Fachdisziplinen und über die Unternehmensgrenzen hinaus. Die Anwendung moderner Software und Produktionsmethoden in allen technischen Bereichen der Produktentwicklung sind zusätzliche Maßnahmen für die unternehmensweite, interdisziplinäre und standortübergreifende Produktedefinition. Die Automatisierung der Entwicklungsprozesse schreitet voran. Die neuen Technologien verändern also nicht nur die Produkte selber, sondern in wesentlicher Form auch die Entwicklungsprozesse.

Wie bei allen technologischen Umbrüchen, verläuft die Umsetzung der Netzwerktechnologie für eine profitabel Wertschöpfung nicht reibungslos sondern ist mit gewaltigen technischen Störungen behaftet. Dies betrifft die konzerninterne Produktion selbst: für die verschiedenen Aufgabenstellungen bei der Abwicklung von Aufträgen werden in den technischen Disziplinen häufig auch unterschiedliche informationstechnologische Mittel (unterschiedliche PCs, unterschiedliche Software) eingesetzt. Die genutzten Tools in der interdisziplinären Produktentwicklung weisen nun oft nicht zusammenpassende Datenbasen und -formate auf, was die Kommunikation und Zusammenarbeit wiederum erschwert - Schnittstellen zwischen den Tools in einer Prozesskette sind Störstellen für den reibungslosen Datenfluss. Neben diesen technischen Problemen spielen aber auch die unterschiedlichen Sichtweisen der beteiligten Fachleute in den Arbeitsteams eine entscheidende Rolle auf den unternehmensweiten und neuen Kommunikationswegen des Intranets. Das Intranet hat dabei die Aufgabe, die Denkweise der beteiligten Personen in den Arbeitsteams in der unternehmensweiten, interdisziplinären Produktentwicklung dahingehend auszurichten, dass sie in aufeinander abgestimmten Strukturen denken und handeln sowie sich den softwaregestützten Normen zu unterwerfen. (vgl. Nzz, 26. September 2000, Nr. 224, Seite 111)

"Angesichts dessen spricht einiges für die verbreitete Annahme, dass die Strukturen der Wirtschaft wie die Strukturen der einzelnen Unternehmen zunehmend netzwerkähnlicher werden. Dabei wird allerdings oft übersehen, dass netzwerkförmige Unternehmensstrukturen die Durchsetzung ökonomischer Ziele dadurch zu ermöglichen suchen, dass sie unternehmensinterne und -übergreifende Konkurrenzbeziehungen etablieren und verstärken. Möglich wird dies einerseits durch die höhere Transparenz und die bessere Vergleichbarkeit zwischen den ausdifferenzierten Unternehmenseinheiten im Hinblick auf Kosten und Produktivität, andererseits durch die realen oder simulierten Preisbildungsprozesse - dem "Benchmarking" - zwischen den verschiedenen Subeinheiten eines Unternehmensnetzwerks. Die Wirksamkeit dieser Prozesse wird an der oftmals scharfen Konkurrenz zwischen verschiedenen internationalen Standorten ein und desselben Unternehmens um Aufträge und Produkte sichtbar." (Fr vom 14.11.2000)

Die Wertschöpfungsketten beschränken sich nicht allein nur auf die Automobilindustrie, sie fokussieren sich rund um das Auto selbst. Verschiedene Automobilhersteller arbeiten an Fahrzeugen, die mit dem Internet und damit mit dem virtuellen Raum verbunden sind. Erste Prototypen sind bereits vorgestellt worden und in Entwicklungslaboren wird intensiv nach Internet-Applikationen geforscht. Dabei geht es nicht nur um Navigationshilfe oder Unterhaltung für die Kinder auf den Rücksitzen. Die Wartung der Fahrzeuge steht im Mittelpunkt der Wertschöpfungsinteressen. Bei Volvo wird bereits ein großer Teil der Wartungsprobleme über das Intranet-Page gelöst. Wenn nötig, werden ganze Software- Pakete für die Behebung des Fahrzeugproblems per Internet übermittelt. Neben dieser Business-to-business-Applikation ist es Standard, dass die Automobilkonzerne das Internet als Verkaufskanal (Business-to-consumer) verwenden - allerdings haben die Automobilkonzerne im europäischen Wirtschaftsraum ein derartiges Verkaufsmodell (bis auf die ersten Ansätze der VW-AG in Wolfsburg mit ihrem Verkaufspark) noch nicht umgesetzt, Autos über das Internet direkt zu verkaufen.

Die rudimentäre digitale Vernetzung von Autos mit einer Datenbank und der Serviceabteilung eines Konzerns auf einfachsten informationstechnologischem Niveau bieten schon heute General Motors und Daimler-Chrysler als Serviceleistung bei technischen Problemen ihren Kunden an:

General Motors hat eine Datenbank aufgebaut, die aktiviert wird, sobald ein Unfall gemeldet wird: öffnet sich der Airbag irgendeines GM-Fahrzeugs der gehobenen Klasse, wird das Auto mit einem Call-Center in Detroit verbunden, wo nach erfolgter GPS-Lokalisation des verunfallten Fahrzeuges die lokalen Behörden beauftragt werden, Rettungsdienste und Polizei an den Unfallort zu leiten. Die digitale Verbindung mit dem Auto wird erst abgebrochen, wenn das Call-Center die Sirene der Ambulanz hört.

Daimler-Chrysler stellt seinen Kunden unter dem Namen Tele-Aid und bei BMW unter Mayday Phone ähnliche digitale Dienstleistungen zur Verfügung.


Bei der Opel AG und auch Daimler-Chrysler geht man davon aus, dass das Internet schon in wenigen Jahren für den Transfer neuer Software und für Direktreparaturen von Elektronikdefekten eingesetzt werden kann. Wenn irgendwo auf der Welt ein technischer Defekt in einem Fahrzeug auftritt und es nicht mehr fahrtüchtig ist, kann über das Internet (per Bordtelefon und dank einer eigenen IP-Adresse) ein konzerninternes Service-Center (in Sindelfingen zum Beispiel) den Defekt diagnostizieren und per Datenaustausch je nach Schaden versucht werden, das Auto wieder fahrtauglich zu machen. "Ein Konsortium, bestehend aus Ericsson, Nokia, IBM, Intel und weiteren tausend Unternehmen nicht zuletzt aus der Automobilindustrie, hat einen neuen drahtlosen Übertragungsstandard für Daten und Befehle entwickelt. In der Autoindustrie kann diese Technologie künftig für die Verbindung zwischen Bordcomputer und Peripheriegeräten wie Blinker, Scheibenheber oder Türverriegelungen bzw. zur On-Board-Diagnose von Problemen eingesetzt werden. Damit wird die herkömmliche Verkabelung überflüssig, was Gewicht und bei der Montage auch Zeit spart. Speziell für die Automobilindustrie wurde zudem ein Unterkonsortium gegründet, das sich unter dem Namen Automotive Multimedia Interface Consortium (AMIC) speziell um die Bedürfnisse des Datentransfers in autospezifischen Anwendungsbereichen kümmert. An diesem Konsortium sind praktisch alle großen Autohersteller der Welt beteiligt." (Nzz, 19.11.1999)

Damit entsteht eine machtvolle Allianz zwischen Massenproduktions- und Telekommunikationskonzernen, die den mobilen Alltag erheblich beeinflussen wird. Daimler-Chrysler und die Unternehmenstocher T-Oneline der Deutschen Telekom AG haben ein Joint-Venture mit dem Ziel gegründet, nach Einführung der neuen Mobilfunktelefone auf Basis von UMTS Automobile mit dem Internet zu vernetzen. Damit sollen die Kunden mehr an die Marke gebunden und mit ihnen häufiger kommuniziert (z. B. Kundenbetreuung und Werbung) werden. (vgl. FR vom 6.12.2000 / Nr. 284) Gleichzeitig gründete Daimler-Chrysler eine Gesellschaft mit dem Namen DCX Net Holding, die sich aus vier Bausteinen Zusammensetzt: "Die Vernetzung zum Kunden (B2C), die Vernetzung der Wertschöpfungskette (B2B /Zulieferer, Einkauf etc.), die Vernetzung der Produkte und die Vernetzung der Belegschaft". (FR vom 10.10.2000 / Nr. 235) Für die DCX Net Belegschaft gehört der Umgang mit dem Internet bereits zur Routine, sie wird sich mit dem über Netzwerktechnologie abgestimmten Automobilhandel sowie der Telematik ( internetgestützte Dienste und Verkehrssteuerung) noch erhöhen.

4.4.5 Kartellbildung durch virtuelle Marktplätze, Börsen und Auktionen

Weltweit entwickeln Unternehmen virtuelle Marktplätze und Börsen zur Rationalisierung der Wertschöpfungsketten und Optimierung der Geschäftsbeziehungen. Es handelt sich auch hier um so genannte Business-to-Business- (B2B-)Aktivitäten. Virtuelle Marktplätze und Vertriebsnetzwerke folgen dem Zwang der Modernisierung durch das Internet und der Rationalisierungslogik. In einer ersten Phase beim Aufbau des Internets haben Start-up-Unternehmen die (B2B-)Aktivitäten beherrscht, mittlerweile formieren sich etablierte Unternehmen aus der old Economy und errichten virtuelle Marktplätze:

Coop ist der B2B-Plattform WorldWide Retail Exchange beigetreten

die Bon Appétit Group arbeitet mit der Swisscom-Tochter Conextrade am Aufbau eines Gastronomie-Marktplatzes.

Nestlé hat mit Danone und Henkel den Marktplatz CPGMarket gegründet, beteiligt sich parallel dazu aber auch an Transora, einem weiteren Marktplatz.

Quadrem, ein virtueller Beschaffungsmarkt für die Bergbau- und Metallindustrie, an dem 16 Unternehmen beteiligt sind.

Enporion, eine von Energieversorgungsunternehmen gegründete virtuelle Börse für die Energiewirtschaft. (vgl. FR vom 20.10.2000 / Nr. 244)

Mit Chemplorer wurde ein virtueller Marktplatz als Start-Up-Unternehmen mit zunächst nur 21 Mitarbeitern gegründet, dessen Stammsitz im Industriepark Höchst ist und der von der Höchst-Tochter Infraserv unter Beteiligung der Deutschen Telekom und von Bayer betrieben wird. Dynamit Nobel, Schering und Wella haben sich Chemplorer anzuschliessen. Chemplorer soll technisches Material, Hilfs- und Betriebsstoffe, Laborbedarf, Packware, Werkzeug und Bauteile für die Pharma- und Chemieindustrie rationell eingekauft werden. Chemplorer will mit 200000 Artikeln aus Produktpalette handeln, Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Zulieferer von 750 auf 2000 in der Endphase des Aufbaus steigen wird. (vgl. FR vom 10.10.2000 / Nr. 235)

Mit Chemconnet und Chemmatch bestehen bereits zwei virtuelle Marktplätze für chemische Rohstoffe.

Mit der weltweit größten Internet-Plattform Covisint hat Ford Motor zusammen mit den Konkurrenten General Motors, Nissan, Renault und Daimler-Chrysler einen Online-Marktplatz für den günstigeren Einkauf von Zuliefererkomponenten errichtet. (vgl. FR vom 10.10.2000 / Nr. 235 uns Nzz, 14. 11. 2000, Nr. 266, Seite 111)

Mit der Plattform MyAircraft.com werden Flugzeugteile über das Internet verkauft.

Fünfzig internationale Banken, die Informationsgesellschaft Reuters und rund zwei Dutzend internationale Konzerne werden einen Internetmarkt für den Handel mit Devisen aufbauen. Die an Atriax unter Führung der Deutschen Bank, der Chase Manhattan und der Citigroup teilnehmenden Banken decken mehr als die Hälfte des internationalen Devisenhandels ab, der einen Tagesumsatz von durchschnittlich 1500 Mrd. $ aufweist. (vgl. FR vom 25.10.2000 / Nr. 248)

Ähnliche Pläne wie Atriax verfolgt seit Juni eine Gruppe von 13 internationalen Banken einschließlich UBS, CSFB, HSBC, Dresdner Bank, BNP Paribas, Morgan Stanley und Goldman Sachs, die zusammen einen Marktanteil von mehr als 30% auf sich vereinen und das ´Onlineª-Handelssystem FXall in Betrieb nehmen wollen. (Vgl. Nzz, 25. Oktober 2000, Nr. 249, Seite 33)


Durch diese virtuellen Marktplätze entsteht ein neuer Typ Unternehmen, welches den Warenhandel im virtuellen und öffentlichen Raum langfristig maßgeblich verändern und in welchem die Ware Arbeitskraft mit Neuzusammensetzung mit neuen Arbeitsfeldern konfrontiert sein wird. Es wird zwischen horizontal und vertikal orientierte virtuelle Marktplätze unterschieden. Horizontale virtuelle Marktplätze handeln Waren oder Dienstleistungen, die in (fast) allen Branchen benötigt werden wie z. B. Büromaterial oder Geschäftsreisen. Fokussiert sich ein virtueller Marktplatz auf eine bestimmte Branche oder auf eine Produktkategorie, so handelt es sich um einen vertikalen virtuellen Marktplatz. Führende vertikale virtuelle Marktplätze im Internet für den Einzelhandel sind Global NetXchange, Transora und WorldWide Retail Exchange. Daneben haben sich aber für fast jede einzelne Produktkategorie Spezialisten etabliert (z. B. seafood.com für Meeresfrüchte, fashionchain.com für Modewaren). Die virtuellen Marktplätze lassen sich darüber hinaus in käufer-, verkäuferorientierte und neutrale Marktplätze differenzieren. In käufer- bzw. verkäuferorientierten virtuellen Marktplätzen schließen sich mehrere Unternehmen zu Kartellen zusammen und betreiben gemeinsam eine B2B-Plattform. Diese virtuellen Marktplätze fokussieren sich auf den Einkauf oder den Verkauf von Waren. Neutrale virtuelle Marktplätze werden von branchenübergreifenden Unternehmen betrieben und konzentrieren ihre Wertschöpfung auf einzelne Handelsunternehmen. In diese Kategorie gehören zum Beispiel Import- und Exportplattformen wie YourImporter oder Alibaba.

Das größte Kapitalpotenzial wird allerdings nicht B2C- und C2C-Auktionen bescheinigt sondern Auktionen zwischen Unternehmen und Kapitale, so genannten B2B-Auktionen. In den USA wird das Kapitalvolumen für das Jahr 2003 auf 463 Mrd. $ geschätzt. Eines der größten Unternehmen der USA im Internet ist FreeMarkets, bei dem im zweiten Quartal im Jahr 2000 Waren im Wert von 2,2 Mrd. $ auf Auktionen versteigert wurden. FreeMarkets wickelt für die Industrieunternehmen über Versteigerungen einen Teil des Einkaufs von Industrie- und Zuliefererteilen, Rohstoffen und Halbfabrikaten ab. An den Warenauktionen haben rund 4000 Zulieferer teilgenommen, deren Produkte an 64 Kunden von FreeMarkets vermittelt wurden. Bislang war es für Massenfertigungsunternehmen schwierig, die Zulieferer und deren Warenangebote mit den jeweiligen Konkurrenten zu vergleichen. FreeMarkets als virtueller Marktplatz übernimmt quasi einen Teil der Aufgaben der Einkaufsabteilungen der Unternehmen, indem es Zulieferer durch Auktionen herausfiltert, die Konkurrenzbeziehungen neu definiert und dann über die Auktion Angebot und Nachfrage neu auspendelt. Damit sparen die Unternehmen durch den Ersteigerungsprozess rund 16 Prozent im Vergleich mit dem Einkauf bei ihren herkömmlichen Zulieferern. (vgl. Nzz, 29. Juli 2000)

Ziel der Betreiber von virtuellen Marktplätzen ist das Schaffen von verteidigungsbaren Konkurrenzvorteilen. Zu diesem Zweck wurde das Kapitalmodell der Kartellbildung modernisiert und führte zu in einer tiefgreifenden Neugestaltung der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen. Inwieweit diese modernen Kartelle die Verwertung beschleunigen, ist noch nicht absehbar. Kartellrechtliche Bedenken gegen die virtuelle Märkte und Börsen werden mittlerweile im europäischen Wirtschaftsraum von politischer Seite formuliert. Als erste Kartellbehörde in Europa hat das deutsche Bundeskartellamt am 25. Juli die kartellrechtliche Prüfung der Internet-Plattform Covisint angekündigt. Bei Covisint handelt es sich um die gemeinsame Plattform der Autohersteller Ford, General Motors, Daimler Chrysler und Renault / Nissan. Das Internetunternehmen will nach seiner Wertschöpfungslogik der gesamten Automobilindustrie als Kommunikationsplattform dienen und Dienstleistungen im Beschaffungswesen, im Zuliefer- Management und in der Produktentwicklung zur Verfügung stellen. (vgl. Nzz, 14. 11. 2000, Nr. 266, Seite 111) Konkurrieren mehrere Internet-Plattformen im virtuellen Raum miteinander, haben die Kartellbehörden mit der Genehmigung keine Bedenken, wie z. B. bei MyAircraft.com. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Modernisierung des Modells der Kartellbildung im virtuellen Raum nicht zu einer Bündelung von Einkaufsmacht in der Form von Einkaufskooperationen kommt. Einkaufskooperationen stellen eine ökonomische Macht dar, die die rechtliche oder wirtschaftliche Bewegungsfreiheit der Mitglieder oder der Lieferanten mit oder ohne Absprachen beschränken oder durch hohe Marktanteile entscheidende Machtpositionen gegenüber den Lieferanten und Zulieferern erreichen. (vgl. Nzz, 10.8.2000)

Zur Optimierung der Wertschöpfung wird das Modell des Electronic-Supply-Chain-Systems für die virtuellen Marktplätze übernommen und somit der gesamte Informations-, Zahlungs- als auch Warenfluss entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfasst werden. Die virtuellen Marktplätze der zweiten Generation werden deshalb ein breiteres Spektrum an Dienstleistungen anbieten und sich in zwei Bereichen weiterentwickeln: "Collaboration" und "Commerce Services". Collaboration unterstützt Netzwerke von zusammengeschlossen Unternehmen bei der täglichen Zusammenarbeit und umfasst Aktivitäten wie gemeinsame Lagerbewirtschaftung, Bündelung der Logistik oder gemeinsame Produktentwicklung. Unter Commerce Services werden Dienstleistungen wie Zahlungsabwicklung, Risikomanagement oder die Zertifizierung von Lieferanten verstanden.

Die Entwicklung dieses Wertschöpfungsmodelles ist aufwendig. Es ist von Wissen und der Zeit als einer kritischen Variablen abhängig. Langfristige Planungsprozesse werden durch simultane Planung in diesem Wertschöpfungssystem nach und nach abgelöst. Es bedarf tiefgreifender Änderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette aller beteiligten Unternehmen, und die Firmen müssen ihre Informations- und Kommunikationstechnologiesysteme eng untereinander und mit den virtuellen Marktplätzen verknüpfen, um fertigungssyncrone Entscheidungs- und Produktionsprozesse zu schaffen. Nicht mehr ERP (Enterprise Resource Planning), sondern IRP (Industry Resource Planning) heißt das neue Wertschöpfungsparadigma, das nicht mehr die Optimierung des Einzelunternehmens in den Vordergrund stellt sondern die Optimierung des Gesamtsystems der angeschlossenen Unternehmen anstrebt. (vgl. Nzz, 14. 11. 2000, Nr. 266, Seite 111)

4.4.6 E-Business und E-Commerce                        Seitenanfang

E-Business und E-Commerce werden noch lange Zeit eine untergeordnete Rolle im Handel spielen. In den USA machen Online- Verkäufe nur gerade ein Prozent des Einzelhandels aus. Ökonomisch viel bedeutender ist der Business- to-Business-Handel (B2B), auf den 80 Prozent des E- Commerce entfallen. Tatsächlich funktioniert das elektronische Einkaufen nur bei Waren, die sich digitalisieren und direkt per Internet transportieren (herunterladen) lassen: Software, Musik, Filme (die nötige Bandbreite vorausgesetzt), Zeitungen und bald auch Bücher. Das Business-to-Consumer- Geschäft (B2C), obwohl es unbestrittene Vorzüge wie Kundennähe und Preistransparenz bietet, stößt an der Schnittstelle vom virtuellen Raum zum öffentlichen und privaten Raum auf Hindernisse:

die Auslieferung der Waren, die eine ausgeklügelte Logistik erfordert

der teure Transport mit nur einer oder wenigen Waren zu den Konsumenten

Die hohe Verkehrsdichte auf den Straßen, die in Ballungsräumen eine zeitnahe Auslieferung so gut wie unmöglich macht.


Dennoch sind große Unternehmen aus allen Branchen damit angefangen, den Handel über das Internet zu verstärken in der Hoffnung auf hohe Profiterwartungen und der massenhaften Einbindung von NetuserInnen: so betreibt der Pharmakonzern Merck schon jetzt die größte Online-Apotheke und verkauft der Computerkonzern Dell bereits die Hälfte seiner Maschinen via Internet.

Noch bevor das Internet sich im europäischen Wirtschaftsraum als Netz der Netze durchsetzte und das E-Business und E-Commerce verbreitete, gab es in Frankreich mit dem Minitel über ein bekanntes Beispiel für den elektronischen Handel.

"Mit Hilfe dieses Kommunikationsmittels gelang es in Europa erstmals, einen großen Anteil des klassischen Handels auf ein elektronisches, universelles Medium zu verlagern. 1994 wies Minitel mit seinen 14 Millionen Benutzern eine Verbreitung von 36 Prozent bei der französischen Bevölkerung über 15 Jahre auf. Das Minitel basiert auf dem Videotext-Terminal. Dieses Medium war in den französischen Haushalten bereits etabliert, bevor es als Grundlage des neuen elektronischen Marktmodells vor einigen Jahren eine Renaissance erlebte. Via Minitel beziehen die Kunden ähnliche kommerzielle Dienstleistungen wie über das Internet. Mehr als 25 000 Anbieter nutzen das Minitel als lukrative Ergänzung zu den klassischen Absatzkanälen. In der Häufigkeit der Nutzung stehen branchenmäßig Dienstleistungen von Banken- und Reisebüros mit 25,5 Prozent beziehungsweise 11,5 Prozent an der Spitze."

Der virtuelle Raum des World Wide Web / Internet kann als neben seiner Funktion der Vermittlung und des Austausches von Informationen und Kommunikation als weltweiter elektronischer Markt betrachtet werden. Hier findet im Rahmen einer Electronic Economy Electronic Commerce statt. Zentrales Element der Electronic Economy ist die Beschleunigung. Ökonomische Subjekte im virtuellen Raum sind entweder die privaten Konsumenten, so genannte Electronic Clients oder Unternehmen - Electronic Enterprises. (Vgl. Nzz, 30. April 1999) In der Regel werden nicht Gebrauchswerte sonder Tauschwerte, wie Informationen oder Kommunikationsleistungen von den NetuserInnen abgerufen.

Die klassischen Branchendefinitionen lösen sich in der Electronic Economy zusehends auf. Denn die Electronic Enterprises bieten vermehrt Dienstleistungen an, die nicht mehr eindeutig einem Wirtschaftszweig zuzuordnen sind. Gleichzeitig führen Freihandelsabkommen wie im Rahmen der WTO und neue Wirtschaftsräume wie die EU zu komplexeren Wertschöpfungsketten, denn der grenzüberschreitende Handel wird massiv vereinfacht. Zudem etabliert sich zwischen den Electronic Enterprises und ihren Kunden ein Netzwerk von spezialisierten Unternehmen. Diese Unternehmen haben sich auf die Vermittlung von Tätigkeiten spezialisiert, die nicht in das Kerngeschäft der Electronic Enterprises gehören, und erledigen sie effizienter und kostengünstiger und sind aktiv als Kontextanbieter, indem sie den Zugang zum Electronic Commerce regeln. Oder sie betätigen sich auf der Basis ihres Einflusses auf das Kundenverhalten und ihrer Marktkenntnisse als Verkäufer. Als Ausführungsspezialisten übernehmen sie Vertriebs- und Logistikverantwortung sowie die Abwicklung von Zahlungen. Vermittlungsprozesse von Tätigkeiten, die nur ungenügende Wertschöpfung erzeugen, werden konsequent eliminiert.

Planungen von E-Commerce-Unternehmen wie "Amazon.com" wollen als Oneline-Handelsunternehmen ihre Angebotspalette weiter in Europa ausbauen. Neben Büchern, Filmen, Musik und Spielzeug will Amanzon.com einen Entwicklungsservice für digitale Fotos offerieren. "Unser Ziel über mehrere Jahrzehnte hinweg ist ein Internet-Geschäft mit praktisch allem was Kunden oneline kaufen möchten" (Firmenchef Jeff Bezos in der FR vom 11.10.2000 ). Diese Planungen basieren auf der vorhandenen Infrastruktur, mit der die Transportkosten langfristig niedrig gehalten werden können und wegen der Bevölkerungsdichte auf dem Kontinent. Europa könnte auf dem E-Commerce-Markt wichtiger als die USA werden. Diese Unternehmensstrategie ist von daher gesehen interessant, weil Amanzon.com zwar ständig Umsatzzuwächse verzeichnet (im 2. Quartal 2000 um 84 Prozent auf 580 Millionen Dollar) gleichzeitig aber auch Verluste in Höhe von 115 Millionen Dollar hatte.

Die Unternehmensstrategie von Amazon.com deckt sich mit der Aussage des Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministeriums Moosdorf, der davon ausgeht, dass das Internet die Ökonomie umwälzt: "Es ist ein sehr grundlegender Umwälzungsprozess. Die Bundesregierung wird das massiv unterstützen. Der eigentliche Wachstumsschub werde erst einsetzen, wenn die alten Unternehmen das Potenzial der New Economy erkannt hätten. Der Handel via Internet ist nach Ansicht der Sozialdemokraten zum Epizentrum der Veränderung der Wirtschaft geworden". (FR vom 5.10.2000 / 231) Die Bundesregierung geht davon aus, dass bis zum Jahr 2010 alleine 750.000 neue Arbeitsplätze im Informations- und Kommunikationssektor geschaffen werden (Stand 2000: 1,7 Millionen Beschäftige). Allerdings wird dem M-Commerce (Geschäfte oder Bestellungen, die über Mobiltelefon abgewickelt werden) eine eher geringe Bedeutung zukommen, solange die technischen Probleme der langsamen Übertragungsgeschwindigkeit der Handys nicht gelöst sind und mehrwertschöpfenden Anwendungen aufgrund der technologischen Begrenzung nicht zur Verfügung stehen. Für M-Commerce-Anwendungen am deutschen Einzelhandelsumsatz berechnete die Deutsche Bank nur eine Quote von 0,1 Prozent. Und selbst optimistische Prognosen, die sich auf die neue Handygeneration beziehen, gehen davon aus, dass der Anteil bis zum Jahr 2003 kaum auf 0,2 Prozent steigen wird. (vgl. FR vom 7.11.2000 / Nr. 259)

4.5 Netzwerke im öffentlichen und privaten Raum

Sowohl bei den Hardware-Unternehmen der einzelnen Bereiche als auch bei den so genannten Onelinedienste-Unternehmen und für die Softwareunternehmen ist ein Konkurrenzkampf um gegenwärtige und zukünftige Marktanteile ausgebrochen. Im Mittelpunkt der Wertschöpfungsabsichten auf dem zivilen Sektor stehen Unternehmen und die privaten Kunden in der Masse. Absehbar ist jetzt schon, dass es neben Wertschöpfung um die Kontrolle des privaten und öffentlichen Raums, um die Kontrolle des privaten und öffentlichen Lebens durch staatliche Behörden, Institutionen und informationskapitalistischen Unternehmen geht. Sicher ist, dass die folgenden fünf Infrastrukturtypen für Netzwerke für die Wertschöpfung interessant sind und hohe Profite den Betreiberunternehmen garantieren. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie zunächst nebeneinander die Netzwerktechnologie in privaten Haushalten, Unternehmen, staatlicher Administration und Institutionen durchsetzen. Danach stellt sich die Frage, welches System des Netzzuganges sich technisch durchsetzen wird.

4.5.1 Netzwerkzugang über ISDN-Technologie im Telekommunikationssektor

Internetzugang über ISDN-Netze der Unternehmen aus dem Telekommunikationssektor. Grundlage dieser Technik ist das in die Fläche verlegte Telefonfestnetz. Die Unternehmen und privaten Kunden benötigen für den Zugang zum Internet einen Personalcomputer. Die "Liberalisierung" im europäischen Wirtschaftsraum seit 1998 hat im Telekommunikationssektor dazu geführt, dass mittlerweile eine große Zahl von Telekommunikationsbetreibern zum Beispiel der Deutschen Telekom AG Konkurrenz machen und Oneline-Dienste für die privaten Kunden und Geschäftskunden anbieten. Nachteil der Datenübertragung mit Telefonkabel ist die langsame Geschwindigkeit.

4.5.2 Netzwerkzugang über die Breitbandtechnologie im Mediensektor

Breitbandtechnologie kann eine Vielzahl von Netzwerken installiert und betrieben werden. Konsumenten und Zielgruppe für die Wertschöpfung sind die NetuserInnen im privaten Raum. Dabei spielen die Medien Radio und Fernsehen die größte Rolle. Mittlerweile bedient das Internet weltweit ca. 50 Millionen HörerInnen bei ca. 6000 Rundfunkanbietern. Private Radiostationen und Fernsehunternehmen finanzieren sich aus Werbeeinnahmen. Für das Radio im Internet sind bereits zwei Formen der Werbung im Webcasting-Bereich verbreitet: Erstens die Vorspann-Werbung (´Pre-Roll Advertisingª) - wenn ein NetuserIn eine Radiostation oder ein Video wählt, wird das gewünschte Programm heruntergeladen. Während des Herunterladens wird Werbung eingespielt. Zweitens die Einschalt-Werbung (´In-Stream Advertisingª) - wie beim klassischen Radio kann das Programm jederzeit mit Werbung unterbrochen werden. Seit der Einführung der so genannten Synchronized Multimedia Integration Language (SMIL) kann Werbung auch zusammen mit E-Commerce- Angeboten und Informationen zum Musikprogramm flexibel angeboten werden.

Die Breitbandkabeltechnologie und das Kabelfernsehen ist überwiegend in den größeren Ortschaften und Städten im europäischen Wirtschaftsraum anzutreffen. Der Internetzugang via Fernsehgerät erreicht nicht alle potenziellen Kunden und befindet sich noch in der Erprobungsphase. "Beim schnellen Internet-Zugriff über Kabel- TV-Anlagen zeigen sich auf der ganzen Welt mehr oder weniger dieselben Probleme. Die Anpassung der Kabel-TV-Netze und der Umbau der kompletten Hausverteilanlage gehen langsam vorwärts. Vor allem bei größeren Netzwerkknoten mit vielen aufgeschalteten aktiven Hausverteilanlagen treten noch Übertragungsstörungen (Ingress-Probleme) auf. Die Hausverteilanlagen müssen mit speziellen Filtern und neuen Multimedia-tauglichen Antennendosen umgerüstet werden." (Nzz, 9. Februar 1999)

Laut der ARD/ZDF-Online befinden sich die Online-Medien seit 1999 bereits auf dem Weg zum Massenmedium. Die Zahl älterer, weniger Gebildeter und nicht berufstätiger NetuserInnen sei gewachsen, und mit dem Anstieg der privaten Nutzung habe der unterhaltungsorientierte sowie der auf unmittelbaren Gebrauchswert ausgerichtete Online-Konsum zugenommen. Auf diese Schicht zielen denn auch die Kapitalstrategien der Medienkonzerne. Mit neuen Medienwaren, die als Zusatzangebote in das Internet gestellt werden, soll das TV-Publikum in eine umfassende Wertschöpfungskette eingebunden werden: mit Online-Spielen, Kaufmöglichkeiten, Reiseangeboten, Kochrezepten in Echtzeit werden die Kunden dank Online-Medien direkt angesprochen und damit die Vermarktung von Waren und Produkten. Der Versuch, aus verwertungslogischen Gründen das Fernsehprogramm mit Online-Angeboten zusammenzuführen, wird allerdings dazu führen, dass das Fernsehen zu einem noch lauteren Rummelplatz heranwächst und der Medientaumel des Massenpublikums neue Blüten treibt. Bereits jetzt ist in der Medienökonomie eine bedrohliche Vermengung von Wertschöpfungserwartungen und Publizistik zu erkennen. Grundlage der Wertschöpfung für neue Internetangebote sind durchkommerzialisierte Fernsehprogramme, die sich inzwischen in ganz Europa den US-amerikanischen TV-Verhältnissen angeglichen haben. Die Verkaufslogik von Waren im virtuellen Raum dürfte unter den neuen Zuständen der multimedialen Durchdringung die metropolitane Lebenswelt entscheidend beeinflussen (vgl. Hierzu Nzz, 3. 9. 1999)

Unter diesem Aspekt wird das Internet als neue Wertschöpfungsquelle im Mediensektor betrachtet: so will die spanischen Telefonica im europäischen Wirtschaftsraum "das führende Unternehmen bei der Entwicklung und Distribution von Inhalten für alle Märkte und Systeme" mit der gerade erworbenen niederländischen Unterhaltungs- und Medienfabrik Endemol als dem "globalen Powerhouse" schaffen. Der Filmvermarkter Kinowelt plant einen eigenen Sender, der auch mit dem Internet verbunden sein soll, um Sportübertragungen und Filme mehrfach zu verwerten. RTL fasste im März 2000 seine bisherigen Internetaktivitäten in einer eigenen Gesellschaft, der RTL Newmedia, zusammen und kündigte für die nächsten Jahre Investitionen in Höhe von 500 Millionen Mark an.

Die Entdeckung des Internets durch die Fernsehsender für die Wertschöpfung folgt nicht einer Logik, die von den Programminhalten bestimmt wird. Es geht um Profite und um die Bindung von Aufmerksamkeit des Massenpublikums in einer immer unübersichtlicher werdenden Medienlandschaft - gerade durch die Konkurrenz der Netzwerke. Gleichzeitig steigen Produktionskosten für Medienmassenwaren die M&o