| |||||||||||||||||||||||||||||||||||
InformationskapitalismusDer informationstechnologische Angriff auf das Soziale am Beispiel des Internets.Ein Informationsdiebstahl von N. Laway aus Göttingen (ca. 80 Seiten bei Schriftgrösse 12; der Text ist auf drei Dateien verteilt - Kapitel 1-3, Kapitel 4 und Kapitel 5, bitte im Inhaltsverzeichnis anklicken) Zum downloaden der ganze Text auf einmal:
2. Netzwerktechnologie und Internet 2.1 Die Geschichte des Internet3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus 3.1 New Economy4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles 4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten5. Die informationstechnologische Durchdringung des Sozialen 5.1 Die Reorganisation des privaten und öffentlichen Raums durch die Netzwerktechnologie "Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoiseepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnten Absatz für die Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum größten bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, die nichtmehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedung erheischen. An Stelle der lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut." (Karl Marx / Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, Berlin 1977, S. 466f) Die Beschreibung der politischen Ökonomie des Informationskapitalismus lässt sich nicht von den neuen Wirtschaftszweigen, wie der Biotechnologie (Gentechnik) oder der Entwicklung in der Raumfahrtindustrie, trennen. Es geht im Artikel nicht um die Alte Wirtschaft (Old Economy) oder um die Neue Wirtschaft (New Economy) es geht um die Digitale Wirtschaft (Cyber Economy), die ich im folgenden Informationskapitalismus nennen werde. Mit New Economy werden die Branchen Telekommunikation, Software, Hardware, Medien und Biotechnologie bezeichnet. Diese Branchen entwickeln sich durch digitale Netzwerke und dem "Netz der Netze", dem Internet. Zwischen Old Economy und New Economy gibt es viele Schnittstellen und die Übergange zwischen beiden sind fließend. Beispielsweise sind in modernen Werkzeugmaschinen informationstechnologische Komponenten eingebaut, die bis zu 30 Prozent des Wertes der Maschine ausmachen. Die Bezeichnungen New Economy und Old Economy sind daher künstlich. Ohne Netzwerktechnologie ist der Informationskapitalismus nicht denkbar. Die genannten Branchen spielen für diese kleine Untersuchung eine wichtige Rolle. Aus ihr lassen sich mögliche Entwicklungen für die Wertschöpfung und die Zukunftserwartungen des global operierenden Kapitals interpretieren. Wenn der überwiegende Teil der Wertschöpfung im informations- und kommunikationsverarbeitenden Sektor und nicht mehr im materiell-produktiven Sektor erfolgt, ist tendenziell vom Informationskapitalismus zu sprechen; wenn der überwiegende Teil der Gesellschaft zu den notwendigen Medien massenhaften Zugang (mit oder ohne Bezahlung) hat, und die individuelle und massenhafte Kommunikation sowie der Umgang mit Informationen und Wissen digital über den virtuellen Raum organisiert wird und auf virtuellen und logischen Strukturen und nicht mehr auf physikalischen Strukturen aufbaut, ist von einer Informationsgesellschaft zu sprechen: die Vermengung von beidem steht für ein neues modernes Akkumulationsmodell. Im Kern geht es dabei erstens um die Modernisierung der Industrie mit digitaler Netzwerktechnologie und einem sich daraus ableitenden neuen technologischen Angriff, zweitens um die Durchsetzung einer Reproduktionsindustrie, in der die einfache Reproduktionsarbeit sich zu einer Reproduktionsökonomie durch die digitale Netzwerktechnologie mit dem Ziel entwickelt, das Soziale informationstechnologisch zu durchdringen und zu kontrollieren und drittens um die Ökonomisierung des Krieges auf Grundlage der digitalen Netzwerktechnologie. Der Informationskapitalismus hat seit Anfang der neunziger Jahre zu einem Wirtschaftsboom geführt, der als Prozess der Ungleichzeitigkeit zunächst von den USA ausging, sich in Westeuropa fortsetzte - insbesondere in den skandinavischen Staaten -, Japan erfasste und gegenwärtig auf den Weg ist, den osteuropäischen Wirtschaftsraum zu durchdringen. Wie jeder Gründungsboom lebt der Informationskapitalismus von unscharfen Begriffen - in diesem Fall englische Fachbegriffe aus dem weiten Feld der Programmierersprache - für die es oft keine entsprechenden deutschen Wortschöpfungen gibt. Im Gründerkapitalismus des 19. Jahrhunderts wurde beispielsweise aufgrund der zunehmenden Arbeitsteilung in der Verwaltung der Beruf des "Angestellten" erfunden. In der "Digitalen Wirtschaft" gibt es heute den unscharfen Begriff des NetuserIn für das Surfen aus dem privaten und dem öffentlichen Raum und "digitales Proletariat, "Netslave", "Communikation Worker" oder andere für die Arbeit im öffentlichen Raum und der Anbindung im Internet (virtueller Raum) - eine Definition für den Klassenbegriff steht jedoch noch aus. Der Versuch der Analyse der politischen Ökonomie ist heute so aktuell und modern wie noch vor dreißig oder vierzig Jahren. Eine Annäherung an das Kapital kann nur auf Grundlage von Krisenanalyse im Informationskapitalismus erfolgen. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit vielen Problemen der Klassenanalyse und der Entwicklung des Kapitalismus im Krisenverlauf beschäftigt. Die Reproduktionsarbeit der Frauen, der globale Rassismus, die Inwertsetzung von Kapital, Akkumulationsmodelle in der Kalten-Kriegsökonomie, Fordismus und Taylorismus in seinen neuen Facetten, die Ökonomie des Krieges am Beispiel von Jugoslawien, Flüchtlingspolitik im allgemeinen etc. Nun zeigt sich für mich, dass einige dieser diskutierten Fragen und Probleme mit der derzeitigen ökonomischen Entwicklung und dem Informationskapitalismus viel zu tun haben. Der Informationskapitalismus hat seine Wurzeln in der Kalten-Kriegsökonomie. Er ist eine neue Entwicklungsstufe des Kapitalismus überhaupt und erscheint mir als neues Akkumulationsmodell mit Wertschöpfungsaussichten von (noch) unbekanntem Ausmaß. Die Neuorganisation der Arbeit ist in einigen Bereichen bereits deutlich feststellbar, die Neuzusammensetzung von Arbeitskraft erweitert sich bis in die ökonomischen Nischen der digitalen Wirtschaft und bis in jeden einzelnen Haushalt. Für das effiziente Betreiben des Internets sind infrastrukturelle Maßnahmen Voraussetzung. Ein Teil der Infrastruktur wurde bereits mit Beginn der flächendeckenden Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa und insbesondere in Deutschland umgesetzt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach der Hobsbawmschen Zeitalterrechnung seit 1991 (das Zeitalter der Extreme, ) und dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegs-Ökonomie scheint nach dem Ende des Zeitalters der Moderne (1789 bis 19991) mit der Informationstechnologie und Netzwerktechnologie für die Entwicklung des Kapitalismus ein epochaler Umbruch anzubrechen. 2. Netzwerktechnologie und Internet Seitenanfang 2.1 Die Geschichte des Internet Das Internet ist eine Entwicklung der Kalten Kriegsökonomie. Es wurde auf dem Höhepunkt der Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion erfunden und den jeweiligen Kriegsstrategien angepasst. Neue technologische Impulse der elektronischen Datenverarbeitung kamen Anfang der sechziger Jahre hauptsächlich durch militärische Initiativen zustande. Im amerikanischen Kriegsministerium, dem Department of Defense, hatte der Datenschutz für die militärische Kriegsführung im Kalten Krieg vorrangigen Stellenwert. Selbst bei einem atomaren Angriff der Sowjetunion sollten vorhandene Daten nicht zerstört werden. Als Lösung für dieses technologische Problem kam nur ein elektronisches Datennetz in Frage. Gleiche Daten sollten auf mehreren Rechnern (Datenverarbeitungsmaschinen), die weit über das Land verstreut waren und die miteinander in einem elektronischen Netzwerk verbunden waren, abgelegt werden. Bei neuen oder geänderten Daten sollten sich alle angeschlossenen Rechner binnen kürzester Zeit den aktuellen Datenstand zusenden. Jeder Rechner sollte dabei über mehrere Wege mit jedem anderen Rechner kommunizieren können. Militärische Überlegung war dabei, dass das Datennetz auch dann funktionieren würde, wenn einzelne Rechner bei einem atomaren Angriff oder Gegenschlag zerstört würden. Die Advanced Research Projects Agency (ARPA), Teil des US-Militärs, realisierte das geplante militärische Projekt. Ende 1969 auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges waren die ersten 4 Rechner an das ARPA-Net angeschlossen. 1972 waren es bereits 40 Rechner. Damit war die Technologie des elektronischen Datennetzes zunächst nur auf den "militärischen Raum" begrenzt. Vernetzte Rechner in elektronischen Datennetzen waren nicht nur für das US-Militär oder die NATO interessant. Der akademische Betrieb in den USA, sei es nun auf Betreiben der Militärs oder nicht, hatte großes wissenschaftliches Interesse, das APRA-Net zu nutzen. Anders als für die militärischen Kreise stand jedoch nicht das Synchronisieren der Datenmengen für den Betrieb von militärischen Waffensystemen im Vordergrund, sondern eher die Möglichkeit, Daten von anderen Rechnern abzurufen. Dabei kam dem akademischen Betrieb die offene Architektur des elektronischen Datennetzes zugute, es fand rasch ein Datenaustausch zwischen den in sich angeschlossenen Instituten und Universitäten statt. Die Anzahl der angeschlossenen Datenmaschinen wuchs schnell an. Die ersten technischen Probleme entstanden durch unterschiedliche Rechnertypen und nicht kompatibler Betriebssysteme und durch unterschiedlichen Netzzugang: Großrechner verschiedener Fabrikate, UNIX-Rechner und die ersten Personal Computer suchten Zugang durch Anwahl über Telefon-Modem oder so genannte Standleitungen. Gelöst wurden die technischen Probleme durch die Einführung des TCP/IP-Protokolls. Damit fand die erste Vereinheitlichung und Standardisierung im ARPA-Net statt. Das ARPA-Net wurde damit teilweise zum "offenen virtuellen Raum", weil es nun auch Privatpersonen und Betrieben Zugang ermöglichte. Das TCP/IP-Protokoll führte dazu, dass sich das erste elektronische Datennetz am Ende der Kalten Kriegsökonomie zum Netz der Netze, d. h. zu einem Verbundsystem territorial oder organisatorisch begrenzter Netze, die durch eine Anbindung (den Backbones) an das Gesamtnetz, sich zum Internet entwickeln konnte. Anfang der achtziger Jahre richtete das US-Militär aus strategischen Gründen ein neues militärisches Datennetz, das MILNET ein. Das MILNET wurde ARPA-Net abgekoppelt. Für den weitaus größten Teil der Datenverarbeitung ist das World Wide Web verantwortlich, also diejenigen Anwendungen im Internet, die zur Datenübertragung das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) benutzen. Im Laufe der neunziger Jahre hat sich das Internet zu einem Multimedia-Instrument für jedermann entwickelt. Einige Zahlen machen die explosionsartige Entwicklung deutlich: Gab es 1990 weltweit nur 200 000 an das Internet angeschlossene Computer (so genannte Hosts), die Web-Inhalte anboten, so sind es heute mehr als 60 Millionen. Damit hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Hosts jährlich fast verdoppelt. 2.2 Der Aufbau von Netzwerkbeziehungen Seitenanfang "Das Internet ist wie die richtige Welt. Es ist inzwischen eine fast komplette Spiegelung menschlicher Daseins- und Organisationsformen und hat in kürzester Zeit eine unglaubliche Variationsbereite erreicht." (Helmut und Ute Mocker, INTRANET-INTERNET im betrieblichen Einsatz, Frechen-Königsdorf 3. Auflage 2000, S. 15) Auf den ersten Blick scheint das Internet ein recht simples Netzwerksystem zu sein, das in der technologischen Vorstellung einem undurchdringlichen Spagettiknäuel gleicht. Es besteht aus Computern, die über Datenleitungen miteinander verbunden sind und Informationen austauschen. Doch bei genauerem Hinsehen werden mehrere technologische Komplikationen deutlich. Die miteinander verbundenen Computer sind keineswegs alle identisch, und die Datenleitungen können höchst unterschiedliche Übertragungsgeschwindigkeiten besitzen: von der langsamen Telefonleitung bis zum superschnellen Glasfaserkabel. Auch die auf den Computern laufenden Anwendungen sind sehr verschieden, ganz abgesehen von den NetuserInnen, die sich im Internet bewegen. (Vgl. hierzu die Nzz, 21. 6. 2000) 2.2.1 Freeware-Computering und Peer-to-Peer-Computering im virtuellen Raum Bei dem Peer-to-Peer-Computing (p2p )handelt es sich um ein Netzwerkkonzept, dem nachgesagt wird, es werde die derzeit dominierende Client-Server-Architektur des Internets ablösen. Damit geht die Hoffnung einher, die Internet-Technik auf eine neue Grundlage zu stellen - ohne überlastete Server als Engpässe im Datenstrom. Beim Peer-to-Peer-Computing benutzen die Anwender nicht zentrale Server als Sammelstelle für alle Inhalte, sondern lassen sich direkt mit den Rechnern anderer NetuserInnen verbinden. In diesem Netzwerk tauschen Computer die Daten also "von gleich zu gleich" aus. Auf Grundlage dieses Konzepts hat beispielsweise die US-Firma Napster hat eine Art Tauschbörse für Musik aufgebaut, die intensiv für den Austausch von Raubkopien im MP3-Format benutzt wird. Auf den eigenen Rechnern des Unternehmens findet sich jedoch kein einziges Musikstück, sondern nur die Angaben der am virtuellen Verbund beteiligten NetuserInnen. (vgl. Nzz, 29. 9. 2000, Nr. 227, Seite 81) Napster ist jedoch kein echtes p2p. Es gibt immer noch eine Zentrale, die man schließen und so das System abschalten kann. Damit ähnelt Napster dem Internet, das zwar nach seiner technischen Grundstruktur ein Netz aus gleichberechtigten Computern ist, dessen praktische Nutzbarkeit aber von vielen Knoten und Zentralrechnern abhängt. Ohne den zentral und streng hierarchisch organisierten Domain Name Service (DNS) der ICANN könnte keine Internetadresse anwählt werden, sondern müsste mit Zahlencodes wie 192.135.173.20 herumoperiert werden. Unliebsamen Internetadressen kann der Name entzogen werden, die dann nur noch über den Zahlencode erreichbar sind - eine beliebte Methode der politischen Zensur im Übrigen. Ohne zentrale Datenbanken können Suchmaschinen wie Yahoo, Altavista oder Google kaum unter Milliarden Websites die gesuchte Information finden. Und ohne die Vermittlung der Napster-Zentrale wüsste der / die NetuserIn nicht, bei wem er / sie gesuchten Audiodateien abrufen kann. Die Software Gnutella braucht keine Zentrale. Gnutella steht für Gnu-is-Not-Unix-Lizenzregelung der Free Software Foundation. Es ist eine echte p2p-Anwendung: "Alle Teilnehmer im Netz bilden dessen Knoten, die sich mit kurzen Botschaften untereinander verständigen. Da die Nachrichten oft Handlungsanweisungen, also Programme enthalten, nennt man sie Agenten. Und wenn ein Teilnehmer etwas sucht - bei Gnutella müssen das keine Musikfiles sein, das System findet im Prinzip alles - schickt er Agenten an seine Nachbarn. Jeder davon schickt wieder Agenten mit dem gleichen Suchauftrag an seine entfernteren Nachbarn - und so weiter. Früher oder später hat ein Agent Erfolg, macht sich mit der Adresse der Fundstelle auf den Rückweg und stellt die direkte Verbindung zur Übertragung her." (Fr vom 09.12.2000) Die bekanntesten Internet-Projekte laufen unter Freenet und Publius. Sie haben sich nichts Geringeres vorgenommen, als auf der technischen Grundlage des bestehenden Internets ein neues System gegen die Software-Monopolisten zu etablieren. Dieses Netzwerksystem speichert Daten und Inhalte auf so vielen Servern ab, dass es praktisch unmöglich ist zu sagen, wo sie liegen. Einige Systeme sind sogar so ausgelegt, dass nicht einmal feststellbar sein soll, ob ein bestimmter Server daran teilnimmt oder nicht. Es ist nicht erkennbar, wer etwas hochgeladen hat, und nur der UrheberIn kann die Information ändern oder löschen. Der Zugang zu den Informationen beruht auf einem eigenständigen System von Adressen. Jeder, der die Zugangssoftware installiert hat, kann sehen, was im "neuen Internet" veröffentlicht ist - und niemand kann den Zugang sperren. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob Informationskapital und staatliche Regulierungsbehörden mit ihren Zensurgelüsten die Zukunft des Internets bestimmen könnten. Mit p2p - gleichgültig, wie man das nun aufschlüsselt und welche Systeme sich durchsetzen - sieht die Netzwelt gegenüber dem Informationskapital wieder ganz anders aus. 2.2.2 Copyleft statt Copyright - das Unbehagen gegen den Software-Imperialismus Der Aufbau und die Durchsetzung des Internets ist von der Frage geprägt, wer hat die ökonomische Macht um es zu kontrollieren. Die Software Linux wurde 1991 in das Netz gestellt als ein Paradebeispiel für eine Open-Source-Software. Es ist das Betriebssystem für Rechner, das die Macht Microsoft über die Server und Desktops brechen könnte und gilt als Revolution in der Computerwelt, das den NetuserInnen wieder zu ihren Rechten verhilft. Es ist die Antwort der NetuserInnengemeinschaft in Form von Software als gemeinsame Intelligenzleistung an die Softwareindustrie, damit ein Softwarekonzern wie Microsoft die Economies of Scale im Softwaresektor durch Massenproduktion von digitalen Programmen nicht allein usurpieren kann. Mit Microsoft begannen immer mehr Softwarefirmen den Code ihrer Programme entgegen der langjährigen akademischen Praxis unter Verschluss zu halten. Das widersprach der Gesinnung der leidenschaftlichen HackerInnen und NetuserInnen fundamental, gemäß das der / die NetuserIn von Wertschöpfungsbindungen frei sein sollte, Programme nach eigenen Bedürfnissen zu modifizieren und an andere weiterzugeben. Diese Methode wird auch als ´Copyleftª bezeichnet, da der Hinweis auf den Urheber zwar erhalten bleibt, sich daraus aber keine Eigentumsansprüche ableiten lassen. Letztlich geht es dabei um den freien Willen der NetuserInnen, die digitale Umwelt nach eigenem Geschmack zusammenstellen zu können, es geht um freie die Meinungsäußerung im virtuellen Raum, und es geht um eine feindliche Einstellung gegenüber dem Wertschöpfungspotential des intellektuellen Eigentums der Softwareindustrie, die Wissen in Form von Massenwaren (Software aller Art) verkauft. Das gesamte Internet beruht auf offenen Standards und wird weitgehend von Open-Source-Programmen am Laufen gehalten wie der Apache Webserver-Software oder Sendmail, dem Programm, das Email-Nachrichten von einem Internethost zum nächsten leitet. Deshalb war es eine Frage der Zeit, wann Unternehmen es für die Wertschöpfung entdecken und Business-Modelle rund um die Open Source entwickeln und diese zum Florieren bringen würden.Damit setzte eine schleichende Kommerzialisierung der Freeware-Bewegung ein. Die Open-Source-Programme wurden durch die Umarmung mit den Kapitalinteressen in ihrer Entwicklung blockiert. Selbst Linux ist mittlerweile davon betroffen: das alternative Betriebssystem könnte innerhalb weniger Jahre wegen Patent- und Urheberrechtefragen nicht mehr frei verfügbar sein. Die Open Source-Strategie war innerhalb des Internets immer ein vielversprechendes Modell, das zunächst die Akkumulationsinteressen blockierte: Wer bei der Entwicklung von Software seine Karten auf den Tisch legt, kann motivierte Freiwillige gewinnen, die bessere kostenloseProgrammierungsarbeit leisten als teuer bezahlte Angestellte. So richtig diese Überlegung war, ließ sie sich jedoch auch kommerzialisieren: Inspiriert von Linux hat der Browser-Hersteller Netscape seine Source-Codes vor zwei Jahren offengelegt. Laut eigenen Angaben hat die Firma in der Folge von interessierten NetuserInnen wichtige unbezahlte Programmierhinweise erhalten, die in künftige Browser-Versionen eingehen werden. (vgl. Nzz, 12. März 1999) Die Entwicklung im Freeware-Sektor bedeutet nicht das Ende der illegal kopierten Musik im Internet. Gnutella hat als größter dezentraler Digitalverteiler zur Zeit zwar nur eine Millionen NetuserInnen. Doch die Entwicklung hin zu unkontrollierbaren Datennetzen, die im Gegensatz zu Napster nicht einmal über ein zentrales Dateienverzeichnis verfügen, ist unaufhaltbar. Noch einmal greift der Mythos des hierarchielosen Netzes, das digitale Subversion an den Medienkonzernen vorbei möglich macht. Wenn es keine Zentrale gibt, dann kann man auch niemanden verklagen. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg reagiert auf die freien Datenströme ganz im Stile der old school: ausschließen, verbieten, Dämme bauen. Er will Providern mit einem eigens entwickelten "Rights Protection System" helfen, einschlägige Netzangebote automatisch auszusperren und den Diebstahl von urheberrechtlich geschützter Musik verhindern. Illegale Inhalte, die vorher in einer Negativliste erfasst wurden, können dann nicht mehr abgerufen werden. Ob damit Raubkopien, die ins Netz gestellt und Internetadressen blockiert werden, ist angesichts der Datenflut zweifelhaft und fordert die Hackercommunity heraus. Innerhalb von drei Wochen knackten amerikanische HackerInnen alle sechs Programme, die die amerikanische Secure Digital Music Initiative (SDDI), ein Zusammenschluss von 200 Musikunternehmen, zum Schutz vor Raubkopien entwickelt hatte. (vgl. Fr vom 10.11.2000) 3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus Seitenanfang Der sich seit Anfang der neunziger Jahre formierende Informationskapitalismus hat seine volle Entfaltung noch lange nicht erreicht. Das hängt damit zusammen, dass eine vollständige Penetration der Gesellschaft in den Metropolen noch am Anfang steht. Der überwiegende Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung erfolgt noch nicht im informationsverarbeitenden Sektor sondern sie spielt sich im materiell produktiven Bereich ab. Der Übergang vom Industrie- zum Informationskapitalismus ist absehbar und er geschieht fließend. Mehr und mehr werden die individuelle und kollektive Kommunikation und der Umgang mit Wissen virtuell organisiert, es findet stetig eine Abkapselung von den physikalisch manifesten Strukturen des materiellen Produktionsprozesses statt. Die neuen Arbeitsmedien im Informationskapitalismus führen zu einer dramatischen Verringerung des eingesetzten Kapitals für das Speichern, Verarbeiten und die Übermittlung von Informationen. Es lassen sich hohe Profite durch den Warencharakter einer Information gewinnen. Die Verteilung von Waren und Dienstleistungen erfolgt durch die Neuordnung der Informationstechnologielogistik, der Neuordnung der betrieblichen Abläufe durch digitale Datennetze und der Neuzusammensetzung der Arbeitskraft. Der Informationskapitalismus ist gekennzeichnet durch
Staatliche Aufgaben sind Gesetzverordnungen zur Informationstechnologie (IT), die den Informations- und Kommunikationsaustausch zwischen den NetuserInnen im Allgemeinen regeln und die Voraussetzungen für eine moderne Hochgeschwindigkeitsinfrastruktur auf Grundlage der Netzwerktechnologie zu schaffen. Politisches Ziel ist es, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die BürgerInnen künftig mit modernen Informations- und Kommunikationsnetzwerken verbunden wird. (vgl. Fr 10.11.2000 zu Japan) Der Begriff der new economy steht für die außergewöhnliche Entwicklung der US-amerikanischen Wirtschaft in den letzten zehn Jahren. Dort verband sich ein relativ hohes Wirtschaftswachstum mit weitgehender Preisstabilität, das sich möglicherweise als neues ökonomisches Paradigma auf Grundlage der Netzwerktechnologie herausschält. Die Inflation und Konjunkturschwankungen verschoben sich zeitlich ohne jedoch aufgehoben zu werden. Ein scheinbar von Krisen unabhängiges Wirtschaftswachstum ohne Ende auf hohem Niveau und hoher Wertschöpfung etablierte sich. Das hohe Produktivitätswachstum und die große Produktivkraftentwicklung war eng an dem Aufbau des Internets gekoppelt. Das Kapital der New Economy-Unternehmen blühte dort am kräftigsten auf, wo bereits in den achtziger Jahren unter den Präsidenten Carter und Reagan eine brutale Deregulierungspolitik gegen die sozial Schwachen und die Lohnabhängigen in allen Wirtschaftsbranchen betrieben und ein innovations- und wachstumsfreundliches Umfeld geschaffen wurde: es wurde in hohem Maße Individualismus, Eigenverantwortung und Konkurrenz gegen die Erwartungen des Sozialen gepredigt und weitgehend durchgesetzt. (vgl. Nzz, 18. März 2000) Die großen Unternehmen in den USA stehen in den meisten Schlüsselindustrien der modernen Informationsgesellschaft an der Spitze und haben sich voll darauf eingestellt, dass das Internet die Wirtschaftswelt revolutionieren wird. Viele High-Tech- Unternehmen sind vielfach erst während der letzten zwanzig Jahre entstanden und führen insbesondere bei der Entwicklung von Computern, Hardware und Software sowie beim Aufbau des Internets. Hinzu kommen bedeutende technologische Vorsprünge in der Fernmeldetechnik und der Biotechnologie. Diese Fortschritte wären ohne die Informationstechnologie kaum realisiert worden. Die Informations- und Netzwerktechnologie führt zu mächtigen Umwälzungen in der Wirtschaft und zu einer weiteren Beschleunigung der ökonomischen Machtkonzentration. Das US-Kapital hat sich früh mit den Möglichkeiten des Internets auseinandergesetzt und stark in Richtung Cyberspace investiert. Die amerikanischen Ausrüstungsinvestitionen in der Infrastruktur nahmen in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre massiv zu. Dabei stiegen die realen Auslagen für Computeranlagen jährlich um über 40 Prozent. Sehr stark wurden auch die Übertragungskapazitäten in der Fernmeldeindustrie ausgebaut, um den Internetdatenverkehr problemlos bewältigen zu können. Gegenwärtig wächst das amerikanische Glasfasernetz um rund 6000 Kilometer pro Tag. Annähernd 50 Prozent der US-Haushalte verfügen bereits über einen Internetanschluss, und auf sie entfallen mehr als zwei Drittel der Kaufkraft. In der Europäischen Union (EU) hat die Internet- Penetration seit 1993 ebenfalls stark zugenommen, doch liegt der Anteil der Online-Haushalte in 2000 bei rund 15 Prozent. Die Netzwerktechnologie als neues Medium erlaubt einen friktionslosen Informationskapitalismus. Käufer und Verkäufer könnten sich weit einfacher, rascher und billiger finden und ihre Kapitalinteressen erheblich besser aufeinander abstimmen. Tatsächlich hat die Leistungsexplosion in der Netzwerktechnologie und die noch atemberaubendere Ausdehnung der Fernmeldekapazitäten die Möglichkeit zu einem gegenwärtig nahezu kostenlosen Austausch reichhaltiger Informationen geschaffen. Nach den Schätzungen des amerikanischen Handelsministeriums lassen sich Flugticket-Buchungen achtmal günstiger und Bankgeschäfte gar hundertmal billiger mit dem Internet abwickeln. Informationen sind so entscheidend für die New Economy wie das Nervensystem für den menschlichen Körper. Informationen sind die Grundlage bei allen unternehmerischen Entscheiden und reduzieren eine mögliche vorhandene Handlungsunsicherheit, Lagerhaltung von Waren und die Einplanung von Sicherheitsreserven .Der Informationskapitalismus wandelt letztlich jedes Unternehmen in ein Informationsunternehmen um. (vgl. hierzu auch die vom Nzz, 13. Mai 2000) Der Informationskapitalismus ist grenzenlos im Rahmen der Globalisierung. Grenze ist der Erdball selbst. Die Zeitökonomie des Subjekts wird aufgelöst, der Ruf nach der Langsamkeit verhallt im unüberschaubaren digitalen Netzwerk. Aus dem Industriekapitalismus sind hochgradige Automatisierungsformen und die Neuzusammensetzung der Industriearbeit in der Massenproduktion bereits bekannt. Modellwechsel von Waren waren wegen der Aufwendigkeit der Produktionsumstellung in der Massenfertigung nur an nur an bestimmten Stichtagen und in mittelfristigen längeren Zeitabständen möglich. Die Informationstechnologie im Informationskapitalismus kennt nur den ständigen Wandel in Industrie und in den Dienstleistungsunternehmen: Aufgaben, Organisationsformen, die Zusammenstellung und Zusammensetzung von Arbeit ändern sich permanent. "Die Teilnahme an diesen beliebig und hoch differenzierten Prozessen setzt für den Einzelnen voraus, dass nicht nur die erforderlichen Informations- und Kommunikationstechniken sicher beherrscht werden, sondern auch das System als ganzes verstanden wird. Überspitzt gesagt, wenn die ganze Gesellschaft, die Arbeitswelt, eine einzige Hypertextmetapher ist, so ist das Surfen in diesem Datenmeer eine überlebensnotwendige Kulturtechnik". (Helmut und Ute Mocker, S. 23) 3.2.Planstaatliche Aufgaben und Regulationstechniken Es wird geschätzt, dass sich der digitale Datenverkehr und -austausch gegenwärtig alle 100 Tage verdoppelt. Inwieweit der digitale Handel, Informationsaustausch und die Kommunikation die internationale Arbeitsteilung beschleunigt, hängt auch von den administrativen Bedingungen des weltweiten Zugangs zum Internet, von den Marktzutrittskonditionen und juristischen Fragen z.B. dem Urheberrecht ab. Es besteht ein großes Interesse beim Informationskapital, staatliche Eingriffe bei der Betreibung des Internets zu vermeiden. Mit ICANN wurde 1998 eine multinationale Organisation geschaffen, die den zentralen hierarchischen Aufbau des Internets unter der Kontrolle der US-Administration absichert und die Domainenamen vergibt. Indirekt hat sich damit der US-Imperialismus zur Herrschaft über das Internet erhoben. Nicht nur der Organisationsaufbau des Internets unterliegt staatlichem Zugriff, auch die Penetration der Netzwerktechnologie ist ohne planstaatliche Eingriffe nicht möglich. Insbesondere wenn es um den Ausbau der Infrastruktur geht (z. B. Verlegung der Breitbandkabel oder die Aufstellung von Funkantennen). Elektronischer Handel kann nur ausgeführt werden, wenn die notwendige Hard- und Software zur Verfügung steht und wenn der Zugang zu Kommunikationsdienstleistungen möglich ist. Die WTO hat erste Schritte unternommen, um den Zugang zum Internet zu regulieren. Durch das Information Technology Agreement waren spätestens ab dem 1. 1 .2000 keine Zölle mehr für Telekommunikationsgeräte, Computerbestandteile, Software usw. zu bezahlen. Das Abkommen deckt 93% des Welthandels im Informationstechnologie-Sektor. (Vgl. Nzz, 7. Juli 1999) Darüber hinaus bestehen Unsicherheiten bei der Abwicklung der ökonomischen Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten, da über die Staatsgrenzen hinweg Waren gehandelt werden können. Juristische Grundlage aller von der Europäischen Union (EU) zum elektronischen Geschäftsverkehr (E-Commerce) erlassenen oder geplanten Rechtsakte bildet eine im April 1997 von der Europäischen Kommission verabschiedete Mitteilung über eine ´europäische Initiative zum elektronischen Handelª. Diese stellt einen geeigneten Rechtsrahmen für das Informationskapital dar, mit dem der profitable Zugang zur Infrastruktur und Netzwerktechnologie und die internationalen Zusammenarbeit in den Schlüsselbereichen des Internets in der EU geregelt wird. Der juristische Rechtsrahmen soll auf die Prinzipien des EU-Binnenmarktes aufbauen, also den freien Dienstleistungs-, Personen-, Waren- und Kapitalverkehr sowie die Niederlassungsfreiheit im Europäischen Wirtschaftsraum sichern. Grundlage dieser kapitalkonformen Überlegungen ist nicht eine umfassenden Regulierung, sondern das Ziel, eine Rechtssicherheit zu schaffen, die dem Kapitalverwertungsinteresse entspricht. Staatliche Behörden und Regeln sollen dort ergänzt werden, wo durch das Aufkommen des E-Commerce Lücken entstehen und unterschiedliche Rechtssysteme in der EU vereinheitlicht werden. Weltweite Regeln bei Geschäftsbeziehungen im virtuellen Raum / Cyberspace sind zur Zeit nur in Ansätzen in Sicht. Die Unsicherheit von Geldabwicklungen im Internets und die angeblich um sich greifende Cyberkriminalität wird aus politischem Kalkül in der EU immer wieder angeführt, um den digital abgewickelten Handels- und Warenverkehr unter Kontrolle zu bringen. Dabei geht es auch um für den Staat entgangene Steuereinnahmen zur Finanzierung der staatlichen Etats. Die Diskussion um Urheberrechte im Mediensektor spiegeln den Disput zwischen unreguliertem und reguliertem Netzwerk wieder. In den USA wird dagegen stark vertreten, dass die Regulierung des Internet bestenfalls ´industry-drivenª sein könne, also technologisch neutral erfolgen und möglichst auf Selbstregulierung abstellt sein müsse. (vgl. hierzu auch die Nzz, 8. Februar 2000) 3.3.Der Trikont und das Internet - ein Überblick Die Netzwerktechnologie ermöglicht die Vernetzung der Kontinente. Doch der Netzwerkimperialismus ist gegenwärtig so angelegt, das der größte Teil der Menschheit von der Nutzung ausgeschlossen ist und in Zukunft sein wird. Das betrifft vor allem den Trikont: dort fehlt die informationstechnologische Infrastruktur. Der Unterschied zwischen Metropole und Trikont setzt sich als digitale Kluft fort, die ökonomische Herrschaft wird auf die Herrschaft über die Information, Kommunikation und Medien verlängert. Selbst die die Internationale Arbeitsorganisation (Ilo) analysierte in ihrem Weltbeschäftigungsbericht 2001, dass nur 5 Prozent der Weltbevölkerung das Internet nutzen würden, davon leben 88 Prozent in den metropolitanen Industriestaaten. Afrika und der Nahe Osten würden gerade 1 Prozent aller NetuserInnen stellen. (vgl. FR vom 24.1.2001/ Nr. 20) Tabelle 1 Zahl der NetuserInnen in Millionen
Quelle: Stern Nr. 45 vom 2.11.2000, Seite 138 Selbstverständlich gibt diese Aufstellung keine Auskunft über regionale Unterschiede. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gibt es zur Zeit nur 14 Millionen Telefonanschlüsse (weniger als in New York oder Tokio zum Vergleich). In Südafrika kommen auf 100 Menschen 10 Telefonanschlüsse, in Ländern wie Tschad, Kongo oder Niger liegt die Quote bei 500 Menschen auf ein Telefonanschluss. Das globale Dorf ist also eine Legende. Internet wird sich auch im Trikont in den großen infrastrukturell erschlossenen Städten und in den besserverdienenden Mittelschichten durchsetzen. Zur Zeit verfügt Südafrika über zwei Drittel aller vorhandenen afrikanischen Netzanschlüsse und erreicht damit fast westeuropäisches Niveau. 200000 Internetzugänge verteilen sich auf vier nordafrikanische Staaten, der Rest von 150000 Zugänge verteilt sich auf 50 afrikanische Staaten. Staaten wie Libyen, Sierra Leone, der Sudan und Tunesien stehen dem Internet kritisch gegenüber und kontrollieren die Zugänge. Das Internet ist abhängig von der Bildung in der Bevölkerung. Da ein sehr großer Teil der Bevölkerung im Trikont Analphabeten sind, werden sie wohl für immer von der Netzwerktechnologie ausgeschlossen bleiben. Dies gilt im Übrigen für die Analphabeten in der Metropole genauso. Die Ungleichzeitigkeit beim Aufbau von Netzwerktechnologie zwischen Metropole und Trikont ist gewaltig. Dieses Phänomen ist bereits aus der Vergangenheit bekannt. Die vorhandene Infrastruktur in der Metropole und die Anwendung von Hardware und Software ermöglichen Entwicklungsvorsprünge, von denen die meisten Menschen im Trikont ausgeschlossen sein werden. Der Netzwerk-, Hardware- und Softwareimperialismus wird die Ungleichzeitigkeit der infrastrukturellen Entwicklung durch das vorhandene Mehrwertgefälle für die Wertschöpfung versilbern. Solange das Netzwerk gewaltige Lücken hat, ist eine Art ursprüngliche informationstechnologische Akkumulation zur Entwicklung der Cyber-Economy aus dem Trikont, die auf der Verwertung von Migration beruht, in die Metropole nicht ausgeschlossen. Verschiedene Staaten wie Vietnam, Indien, Philippen und werden sich in absehbarer Zeit zu wichtigen Telekommunikationsmärkte für metropolitane Unternehmen entwickeln. In Indien gab es im Jahr 1980 nur ca. 2,7 Millionen Telefonanschlüsse über das Festnetz. Im Jahr 2000 lag die Zahl der Festanschlüsse bei 22 Millionen (bei einer Bevölkerung von rund 1 Milliarde Menschen). In den letzten Jahren sind 3 Millionen Mobiltelefonanschlüsse hinzu gekommen. Prognosen gehen davon aus, dass bis Ende 2003 23 Millionen InderInnen über einen Internetanschluss verfügen werden. Die mangelnde informationstechnologische Infrastruktur und das langsame Erschließungstempo sorgen dafür, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis eine angemessene Zahl der Bevölkerung überhaupt an das Internet oder an Telefonnetz angeschlossen werden können. (vgl. FR vom 11.12.2000 / Nr. 288) Dass sich in Indien überhaupt eine Softwareindustrie von hohem Niveau entwickeln konnte, liegt an der gutausgebildeten Mittelschicht und den Festnetzen in den großen Städten. Insbesondere wird auf Mobilfunk in den Ländern gesetzt, die über kaum ausgebaute Festnetze verfügen. Auch haben sich diesen Staaten Unternehmen etabliert, die mit ihrer produzierten Software auf dem Weltmarkt eine große Rolle spielen. Die Green-Card-Aktion der deutschen Bundesregierung zielte gerade darauf, diese Spezialisten und Programmierer abzuwerben, von denen viele auf Universitäten in der Metropole studiert haben. Wie die meisten Staaten der südostasiatischen Vereinigung Asean investiert auch Vietnam enorme Summen in die Zukunftsbranche Informationstechnik und in die Ausbildung des Nachwuchses. In die Internet-Infrastruktur steckte die kommunistische Führung bislang 26 Millionen Dollar. Seit einigen Jahren gehört das 80 Millionen Einwohner zählende Land mit jährlichen realen Wachstumsraten des Bruttosozialproduktes von rund zehn Prozent zu den am schnellsten expandierenden Märkten für elektronische Konsumgüter. Das vietnamesischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie gab das ehrgeizige Ziel aus, in den nächsten drei Jahren der weltweit drittgrößte Software-Exporteur zu werden, hinter Indien und den Philippinen. Bereits heute produziere Vietnam qualitativ hochwertige Software zu Kosten, die nur rund 15 Prozent des deutschen Niveaus betragen. Gegenwärtig
können die rund 80 000 vietnamesischen Internet-NetuserInnen, nahezu ausschließlich
Unternehmen und Institutionen, zwischen fünf lizenzierten Internet-Providern
wählen. Marktführer sind die Vietnam Data Communications (VDC), eine
Tochter des staatlichen Post- und Telekommunikations-Konzerns, sowie die FPT.
Da es den technischen Zugang zum Web nur über die VDC gibt, ist der Wettbewerb
nicht frei. Die Folge sind sehr hohe Gebühren. Sich täglich zehn Minuten
einzubinden kostet umgerechnet etwa 80 DM. Das ist mehr als ein durchschnittliches
Monatsgehalt von 500 000 Dong. In der Tat wird das Internet in Vietnam kontrolliert
und streng zensiert. (Vgl. FR vom 20.10.2000) Auch in den großen Städten
Chinas (ohne Hongkong), wie in Schanghai, werden die erst Internetunternehmen
gegründet. Allerdings tut sich die chinesische Staatsführung mit dem
Internet sehr schwer: "China hat nach einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur
Xinhua strenge Vorschriften für Internet-Anbieter erlassen. So wurden Provider
angewiesen, Informationen über Inhalte und Nutzer aufzuzeichnen und der Polizei
zur Verfügung zu stellen. Alle Veröffentlichungen mit ´subversiven
Inhaltenª sollen künftig gemeldet werden. Ausländische Investitionen
in Internet-Firmen in China werden streng limitiert." (Nzz, 3.10. 2000, Nr.
230, Seite 21)Daraus wird deutlich, dass autoritäre Regime mit dem Informationsaustausch
und den Kommunikationsmöglichkeiten der Netzwerktechnologie überfordert
sind, weil in ihnen der Keim nach dem Ruf nach Freiheit steckt. |