Lothar
Wimmelmeier Die
Einführung der mobilen KonsumkontrolleText aus der Bremer Universität
vom 14.1.2000 Thesenpapier zum Zusammenhang zwischen personengebundenen Chiptechnologien
und dem neuen Entwicklungsmodell des Kapitals"Gut geplant
ist halb erfaßt!" Werner Störmer, Personalwirtschaft 3/96
In der aktuellen Kontroverse um die Chipkarten an der Bremer Uni wird noch
nicht genug deutlich, wieweit das Thema die ganze Bevölkerung betrifft, und
warum ein Widerstand gegen personengebundene digitale Signaturkarten von großer
Bedeutung ist. Das Bündnis gegen Chipkarten hat inzwischen einen Reader
erstellt, in dem die Details zu den aktuellen Chipkarten-Planungen an der Uni
und in der Stadt, zur Asyl- und Sozialhilfecard berichtet werden. Er ist beim
AStA (der Bremer Universität) kostenlos erhältlich. Ich möchte
hier ein etwas umfassenderes Bild zeichnen und die sozial aggressiven Aspekte
von Chiptechnologien auf die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft beziehen.
Der Grundgedanke ist, wie sich der Einsatz der neuen Technologien gegen das Erfahrungswissen
und gegen die (potentiell neue) soziale Autonomie richtet. Ich denke, es lohnt
sich, sich über die Situation an der Uni hinaus das Ausmaß der Innovationen
genau anzuschauen. 1. Chipkarten sind ein Rationalisierungsinstrument Mit
der gezielten Verbreitung des Einsatzes multifunktionaler Chipkarten und mobiler
kleiner Trans-ponderchips handelt es sich um eine für das Kapital ganz entscheidende
Innovation. Transponder sind kontaktlos über Funk gelesene senderartige Chips,
auf denen veränderliche Informationen enthalten sind, z.B. die Identifikationsnummer
und Herstellungszeitpunkt eines Werkstücks. Diese Transponder kommen v.a.
in der Industrie breit zur Anwendung. In der Lagerarbeit, in der Transportlogistik
wie in der Serienfertigung werden sie eingesetzt, um den Arbeitsplatz völlig
in die elektronische Steuerung einzubinden. Der Gabelstablerfahrer, der Kommissionsware
verlädt, ist mit einem mobilen Terminal versehen, das ihm Zeiten und Mengen
vorgibt, welche Güter an welche Ziele verladen werden sollen. Waren früher
die Bereiche Buchhaltung, Lohnbuchhaltung und Lagerarbeit getrennt, so kommuniziert
der Arbeiter heute mit dem Lagerführungsrechner. Er wird ein immer kleineres
Anhängsel der Maschine, nach deren Rhythmus er zu arbeiten hat. Die Buchhaltung
hat sich sozusagen in die Funkwellen zwischen dem Terminal am Gabelstabler und
dem Lagerführungsrechner hineingelegt. In Dienstleistungsjobs (Kundenberaterin
am Flughafen, Reisebüro, Telefonistin, Bankangestellte u.a.) zählen
Kamera und PC die Minuten der Abwesenheit, die Aufenthaltshäufigkeit auf
der Toilette, die Abstände zwischen dem letzten gewerblichen Telefongespräch
und dem nächsten (so ein Spiegel-Artikel 1999). Viele Frauenarbeitsplätze
werden einem solchen Verhaltensdiktat unterworfen. - Die Verknüpfung
von Daten über den Materialfluß in der Fertigung oder über Dienstleistungen
mit den Daten über die Zeiten der An- und Abwesenheit der ArbeiterInnen ermöglicht
die Feststellung des augenblicklichen Aufenthaltsorts der Beschäftigten,
etwaiges "Nichtstun", Reden, Pausen, etc. auf der Seite der Unternehmensleitung.
Je größer das Unternehmen, desto relevanter wird das. - Der Datenabgleich
zwischen den Materialdaten und den Personendaten ermöglicht das Aufspüren
von AusschußproduzentInnen und Fehlleistungen. Sanktionen gegen sie werden
individualisierbar. - Personalzeiten werden als Jahresarbeitszeit ausgehandelt.
Das individualisiert die ArbeiterInnen, entfremdet sie vom Belegschaftskollektiv
und unterläuft die Tarifabschlüsse. Für WerbevertreterInnen im
'Außendienst' wird die Gehaltshöhe an den monatlichen Verkaufserfolg
gekoppelt (Prämienabzug). Der zentrale Punkt, den es bei jeder Rationalisierung
zu beobachten gilt ist: die neuen Technologien zerstören die Autonomie, die
sich von unten gegen die produktive Unterwerfung entfaltet hat: Mit der Einarbeitung
in ein Bereich entsteht auf der Seite der ArbeiterInnen ein Erfahrungswissen,
das ihnen potentielle Macht verleiht. Je mehr sie über den Zusammenhang der
Arbeitsschritte, das Endergebnis und über die Zusammenarbeit mit den KollegInnen
wissen, desto mehr können sie im Kollektiv das Arbeitstempo, das Maß
an Ausschuß, die Anzahl funktionstüchtiger Maschinen und die Pausenzeiten
bestimmen. Eine Rationalisierung in Form der allgegenwärtigen mobilen Buchhaltung
registriert aber jeden Vorgang und nimmt so die Autonomie weg. So wird besser
beobachtet als mit jeder Kamera.
2. Die historische Parallele:
die Enteignung des Erfahrungswissens Die Arbeitsteilung und die von
Technologien geprägten Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind selbst das Ergebnis
einer langen Geschichte von Kampfauseinandersetzungen. Zwei einander widersprechende
Interessen stehen sich in der Fabrik unmittelbar gegenüber, die jeden Arbeitsvertrag
notwendig bestimmen: während die Unternehmer und Meister möglichst viel
Leistung für möglichst wenig Lohn erhalten wollen, streben die Lohnabhängigen
danach, möglichst viel Lohn für möglichst wenig Arbeit zu erhalten.
Beide Seiten werden sich also Strategien überlegen, wie die Macht des Anderen
zu begrenzen oder zu brechen ist. Oft verharren sie in einem jahrelangen Patt.
Die Arbeitswissenschaften und die Arbeits- und Organisationspsychologie haben
historisch ihre Herkunft darin, daß ArbeiterInnen beim Verrichten der Tätigkeiten
genauestens beobachtet wurden. Jeder einzelne Schritt wurde mit der Uhr gestoppt.
Später wurden sie sogar mit der Sportfilmkamera gefilmt (!), um die Arbeitsschritte
der ArbeiterInnen durch Roboter zu imitieren. Die Betriebsleitung entschied, welche
Handlungen "überflüssig" seien und wegfallen könnten, und dadurch
wurde die Arbeit enorm komprimiert und die Produktivität vervielfacht. Denn
nun wurde das, was ein einzelner Testarbeiter leisten konnte, in standardisierte
Zeit- und Mengenvorgaben verwandelt und allen ArbeiterInnen als Vorgabe diktiert.
So entstand der Taylorismus, benannt nach dem Arbeitswissenschaftler Frederic
Taylor (1911), die "wissenschaftliche" Betriebsführung. Das Fließband
wurde eingeführt, die Arbeitsschritte zerlegt und die ArbeiterInnen verloren
damit ihr Wissen über die Produktionszusammenhänge. Die nackte Unwissenheit
und Unkenntnis des eigenen Terrains ist die Grundlage von Herrschaft. Erst wenn
die und der ArbeiterIn kein Wissen mehr über ihre eigene Arbeit haben, keine
Kompetenz zu kombinieren und zu kommunizieren, dann fehlen ihr/ihm die Machtmittel.
Zentral ist hier: sie werden durch die Beobachtung des Erfahrungswissens enteignet.
Und dies historisch stets aufs Neue. Im Wissen über die eigene Arbeit
lag die Autonomie und sie war notwendige Bedingung der direkten Konfrontation
im Betrieb. So wie die Betriebsleitung sich das Erfahrungswissen der ArbeiterInnen
aneignete, so entmachtete sie die Belegschaft. Heute scheinen diese Zusammenhänge
vergessen, sie wurden aber während und durch die wilden Streiks und Fabrikbesetzungen
der 70er Jahre breit diskutiert. Es entstand eine "andere" Arbeiterwissenschaft
(Roth 1975, Bergmann 1978; Hartmann 1981, Ebbinghaus 1984; das Seminar von Eckard
Kanzow im MZH Fb3 widmet sich diesem Zusammenhang von betrieblicher und gesellschaftlicher
Rationalisierung, Sozialdatenbanken Chipkarten und Volkszählung und wird
im Sommersemester fortgesetzt, NeueinsteigerInnen sind willkommen). Die Absicht
der Rationalisierung liegt also darin, daß die lebendige Arbeit nur zu gebrauchen
ist, wenn sie in einer zerlegenden formalisierenden Arbeitsorganisation zugerichtet
wird. Durch die Produktionsplanung nach der formalen Logik der Maschine jenseits
des Überblicks der ArbeiterInnen werden die Menschen überhaupt erst
zu austauschbaren Arbeitsaffen (Marx 1969). Das ist der Charakter der politischen
Technologie und nicht allein die Kosten von Absatz, Marketing, Herstellung (heute
v.a. in der Transport-Logistik). Letztere verbleiben im Denken des Unternehmers
und interessieren uns nicht. Mein nächster Gedankenschritt ist der, daß
wir an der Uni auch ArbeiterInnen sind und genau der selben Verplanung und Formalisierung
unterworfen sind. Wir hatten allerdings bisher viel mehr Freiheiten und viele
Azubis sind nach der Lehre nicht unmittelbar in den Betrieb gegangen, sondern
an die Uni. Das ist eine Freiheitssuche und wenn es nur ein vorübergehendes
Ausweichterrain ist. Ich höre das in jedem zweiten Gespräch über
die "Berufsperspektive".
3. Digitalisierung und die Steuerung
der Welt in der Parallel-Welt Mit der Diskussion um die Chipkarten
ist einige Verwirrung entstanden. Wollen die da jetzt Zugangskontrollen an den
Seminarräumen einführen und die Prüfungsergebnisse auf der Karte
speichern? Die BetreiberInnen, das Technologiezentrum Informatik (tzi) im MZH,
das Studisekretariat und die Unileitung verneinen das und sagen, es werde "nur"
eine digitale Signatur auf einer Karte ausgeben, als "elektronisches Serviceangebot
für Studierende im Rahmen von Media@Komm". Die digitale Signatur ist ein
verschlüsselter Code, mit der mensch sich erstens in bestimmte Anwendungen
einloggen kann und zweitens online rechtsverbindlich unterschreiben können
soll. (Mensch schiebt die Signaturkarte in ein Lesegerät und unterschreibt
z.B. per Mausklick). Über 10 Universitäten sind bereits in personen-bezogene
Kartenprojekte eingestiegen, die von der Mensakarte bis zum Kopierkontingent variieren.
- Die Asylcard sollte, wie es noch 1998 Stand der Planungen des Innenministeriums
war, und seitdem aufgrund von Protesten geparkt ist, noch möglichst viele
Informationen über den Stand des Asylverfahrens und die Aufenthalts- und
Abwesenheitszeiten in Unterkünften sowie Konsummuster der Flüchtlinge
enthalten. So eine Chipkarte, die ganz viele Daten speichert, ist sicher auch
gegen die Studis möglich. Ich denke aber, das ist nicht mehr Stand der Dinge.
Es geht dennoch, in welcher Kartenkonzeption auch immer, um den Datenabgleich
auf der Behördenseite, und diese verwaltungsinterne Verknüpfung von
Daten(spuren) hinter unserem Rücken kann in keiner Weise verhindert werden,
wie der Leiter des tzi Herbert Kubicek in einer Veranstaltung im April 1999 selbst
gesagt hat.
- Mit der Verlegung der Kommunikation in digitale Bahnen entsteht
eine zweite Welt, eine virtuelle Welt. In ihr werden Abbilder der Realität
erzeugt, verhandelt und neue Vorstellungen von der Welt geschaffen. Neue Zeitabstände
und Geschwindigkeiten werden damit erzeugt. Wer daran teilnimmt, hinterläßt
auch eine Datenspur, die den eigenen Weg durch die Datenwelt zurückverfolgbar
macht. An der Verknüpfung der Daten besteht zentrales Interesse von Staat
und Kapital.
- Das Direktmarketing, die neue Religion der Absatzwirtschaft,
bietet erstmals den "direkten" "Dialog" zwischen KundInnen und AnbieterInnen.
Um Such- und Verhandlungskosten zu sparen, wollen Hersteller die Werbung nicht
mehr breit streuen, sondern sie so gut wie möglich auf einzelne Zielgruppen
konzentrieren. Wer nun etwas Spezifisches erfahren will, z.B. Flugtarife, oder
etwas im Internet bestellen will, die/ der gibt ihre/ seine persönlichen
Adressdaten ein und bekommt die maßgeschneiderte Information. Daraus entstehen
auf der Rückseite beim Kapitalist Daten, die zu einer Datenbank verknüpft
werden. Massen-Emailings sind nämlich gegen die Regeln des Internets. In
den USA ist der Handel mit solchen Datenbanken über Konsum-, Entscheidungs-
und Bewegungsprofile zum lukrativsten Geschäft avanciert (Whitaker 1999).
Die Datenbanken sind also die digitale Parallelwelt der Absatzwirtschaft und die
Bewegungs- und Kundenprofile von so viel Personen, wie nur irgend möglich,
sind die notwendige Voraussetzung des Direktmarketing. Das ist eine neue Stufe
der Unterwerfung des Konsums unter das Kapital. Wenn ein Oliver Roll davon spricht,
daß das Direktmarketing "eine sehr genaue Erfolgskontrolle erlaubt, da jede
Reaktion genau einer Aussendung zugerechnet werden kann" (1996, S. 83), dann werden
die Kriterien der Kritik "Service" und "Kontrolle" vollends ununterscheidbar.
Das sollten wir im Kopf behalten, wenn sie uns die Uni- und BürgerInnenkarte
als "Serviceleistung" schmackhaft machen wollen. Rund um die Uni sollen ja auch
Einkaufszonen entstehen.
- Mit der digitalen Signaturkarte werden Aufenthaltsorte,
Wanderungs- und Umzugsbiographien durch An- und Abmeldungen, Leseinteressen durch
Bibliothekskonten und persönliche Kommunikationsnetzwerke durch emails alle
rekonstruierbar. Aus der Beobachtung unseres Verhaltens, das dadurch möglich
wird, daß unsere (elektronischen) Gespräche, Einkäufe, Rückmeldungen,
Kfz-Anmeldungen, Heiratsanmeldungen, Umzüge und was sonst mit der BürgerInnenkarte
alles möglich sein soll, mitgezählt und in Form und Inhalt registriert
werden, werden Prognosen unseres Verhaltens möglich. Alle öffentlichen
Ämter und alle Privatfirmen haben an der Prognosefunktion fieberhaftes Interesse:
von der Bildungsplanung bis zur Müllabfuhr; von der Norisbank bis zum Colaautomatenaufsteller.
-
Die permanente Volks-, Güter- und Ameisenzählung durch Chips ist die
exakte Parallele zur ver-knüpften Betriebsdaten- und Personalzeiten-Erfassung
(BDE und PZE). Sie ist die Parallele zur Beobachtung des Arbeiters durch Stoppuhr
und Sportfilmkamera zur Einführung des Fließbands. Für die Mehrheit
der abhängigen MetropolenbürgerInnen besteht der neue Unterwerfungsschritt
darin, daß unsere Verhaltensweisen, Bezugspunkte, Bezugspersonen, Entscheidungen,
Entscheidungszeiträume und unser Geldbeutel abgelesen werden, in Form der
Verdichtung in einen maximal möglichen Takt oder in der Dauerbelieferung
von Gesunden mit Prophylaxen oder der völligen Ausdünnung von Kontakten
gegen uns gewendet werden können. Die Folgen sind je nach Bereich unterschiedlich.
-
Die multifunktionale Chipkarte ist die mobile Zugangs- und Konsumkontrolle. Wir
werden nicht kontrolliert, um uns etwas zu verbieten. Doch die personengebundenen
Verknüpfungen sind auch ein Rationierungsinstrument: z.B. wird bei der elektronischen
Funkabbuchung von Mülltonnengebühren abgeglichen wieviele Haushaltsmitglieder
wieviel Müll machen. Diese Daten stehen auch dem Sozialamt zur Verfügung
(Kuhlmann 1995; Bertrand, Kuhlmann und Stark 1996).
- Asyl- und Sozialhilfekarten
sind mit Sicherheit Ausdruck des polizeilichen Willens, eine technologische Handhabe
einzuführen, um die Übertretung von Gesetzen und Behördenschikanen
zu ahnden. Anders wären Schwarzarbeit und Landkreisüberschreitungen
nicht zu registrieren. Die Fahndungsabsicht wird mit der Konzeption der Abnahme
von Fingerabdrücken und ihrer Digitalisierung offenbar (Leuthardt 1996; AStA-Reader
1999).
- Für alle wird mit diesen Technologien Mehrarbeit verbunden
sein: gerade in der Möglichkeit zur Be-schleunigung der Abläufe liegt
die Verdichtung des Arbeitsprogramms. Ich bin mir sicher, daß wir heute
länger vor dem Rechner sitzen als zu Zeiten der Schreibmaschine. Und mit
dem schnelleren Prozessor werden die Aufgaben größer. Das Computer
Aided Design (CAD) macht die schönsten Bildlayouts möglich, verlängert
aber die Arbeitszeit (von den Seh- und Schlafstörungen einer freiberuflichen
Grafikerin nicht abgesehen).
4. Konturen des neuen EntwicklungsmodellsDurch
den Zusammenbruch und Wegfall des Staatssozialismus sehen sich die Kapitalisten
nicht mehr genötigt alternativ zum starren Gleichheitsmodell die persönliche
Freiheit anzubieten. Die Autonomie wird für "historisch" obsolet erklärt,
es sei "jetzt" alles interdependent, d.h. voneinander abhängig. Die antagonistischen
Kämpfe lassen sich aber nicht abschaffen. Direkte Konfrontation wird es immer
wieder geben. Um einzuschätzen, wo und wie neue Autonomie entsteht (durch
den "subversiven" Email-Gebrauch oder durch rein mündliche Absprachen unter
den Azubis oder im Stadtteil?), brauchen wir Anhaltspunkte, was den Herrschenden
wichtig ist und wie sie den Aufstand präventiv bekämpfen. Das neue
Entwicklungsmodell, mensch könnte es kommunitaristisch, nennen wird sich
in einigen Punkten wesentlich vom Neoliberalismus unterscheiden. Die Grundzüge
seien kurz genannt: die Rationalisierung der Reproduktionsbereiche mit den oben
beschriebenen Mitteln, die Absenkung der Reproduktionskosten und die durch Sozialhilfe-
und Arbeitsamtsperren gewaltsam organisierte Auffüllung eines neuen Niedriglohnsektors
und die Akkumulation mit indirekten (Öko)Steuern und privatem Gebührenwucher
(zur Reproduktion s. Autonomie 1985, zur Zwangsarbeit s. den längeren Text).
Die neue ökonomische Theorie des Institutionalismus reflektiert lediglich
neue Verwirklichungsbedingungen, um den Fall der Profitrate aufzuhalten und die
Akkumulation zu stabilisieren. Entscheidend ist dabei ein sozialtechnisches Projekt,
das darin besteht, die Klasse, die Abhängigen, neu einzubinden. Neue Maßnahmen
der Zwangsberatung und Gelderkürzung zwingen immer mehr Leute Arbeit für
niedrigen Lohn anzunehmen. In Britain gibt es Denunziationshotlines gegen BlaumacherInnen
und SozibezieherInnen, die schwarz arbeiten. Abstrakter formuliert geht es ihnen
darum, Produktivität durch gegenseitige Abhängigkeit von Groß-
und Kleingruppen zu organisieren, "Selbstorganisationsprozesse" auf der betrieblichen,
interbetrieblichen(!), kommunalen und schulischen Ebene anzurollen, um Kreativität
und Autonomie zu enteignen. Besonders die Unis und die Städte werden zu Feldern
der Einübung neuen Verhaltens (Mitchell 1996). Wir werden eine Zunahme der
Verwaltungsdichte gerade im unteren Bereich, auf der kommunalen Ebene erleben
und diese werden über eine neue Finanzpolitik an die Europäische Zentralbank
angebunden werden. Diese gegen "Faulheit" und "Kriminalität" (in den USA
mit dem Todeskandidat im Internet) gerichteten Strategien sind nicht allein Moralkampagne,
sie zielen darauf ab Strukturen gegenseitiger Beobachtung zu institutionalisieren,
um einen Zwang zur Selbstregulierung und Bescheidenheit durchzusetzen. Genau hier
spielt das Internet, seine "Community" und die personengebundenen(!) Chipvernetzungen
die zentrale Rolle. Die zweite Welt, die virtuelle Welt der Daten, ist Teil der
Neuen Ordnung. Information ist Zugriff und Mittel zur Herrschaft. Um den technischen
Begriff zu verwenden: die Einbindung durch Deanonymisierung. In einer Community
oder Dorfgemeinschaft kennt ja auch jede jeden. Diese Strukturen haben auch etwas
positives: sich zuständig fühlen heißt solidarisch zu sein. Aber
die staatliche und Konzernstrategie liegt darin, der Neuzusammensetzung von autonomen
Communities durch Immigration und Fluktuation (Leute lernen sich kennen) durch
"gated communities" zuvor zukommen (wollen nichts miteinander zu tun haben)! Aus
der antirassistischen Bewegung, die an der deutschen Ostgrenze jährlich Camps
gegen die Festung aus BGS und Bürgerwachtrupps organisiert, wird uns von
einem Laboratorium berichtet: Mit dem Konzept des "Community Policing" und
der Propagierung von "Zero Tolerance" in den Großstädten droht nun
nicht nur die gesellschaftliche Stigmatisierung der Sans-Papiers generell zu Kriminellen.
Die schärfere und phänotypische Grenzziehung zwischen Illegalisierten
und bevorrechtigten StaatsbürgerInnen verändert von Grund auf Staat
und Gesellschaft. In den informellen Körperschaften, die in den Grenzregionen
[an der deutschen Ostgrenze] wie in den Innenstädten entstehen, verfließen
die Grenzen zwischen Bevölkerungsgruppen, Behörden und lokalen Einrichtungen.
(FFM Die Grenze 1998, S. 173). Sie scheinen zu verfließen, mit Verlaub,
denn das ist ja die Ideologie daran. Es wird vor allem auf der kommunalen Ebene
eine Erhöhung der Verwaltungsdichte geben, die aber nicht als solche erlebt
wird, weil "alle" mitbestimmen können. Whitaker (1999) spricht vom mitbestimmten
Panoptikum. Auf der politischen Oberfläche leitet gerade die CDU mit
der Ablösung von Kohl die Ablösung vom Alt-konservatismus ein (ein Begriff
von Giddens 1997), das wird auf eine Spaltung der CDU hinauslaufen, in Frankreich
haben wir das bereits. Bei der SPD passiert dasselbe und die linken KommunitaristInnen
werden viele in die neu Rechte Mitte hineinziehen. Die ersten Schritte sind immer
der Abschied von der Patriarchatskritik und vom Transnationalismus.
5. Chancen des Widerstands in sozialen Bewegungen Leben wir nach
dem Rhythmus der Maschine, oder bedienen wir die Maschinen nach unserem Rhythmus?
Mit dieser Frage verbindet sich die Machtfrage. Leben ist Sabotage angesichts
der Ma-schinerie. Doch die Subjektivität der weißen Metropolenmehrheit
scheint versteinert. Die Aufgaben, die sich aus der obigen Analyse ableiten
lassen sind vielfältig: zum ersten die Wiederbelebung materialistischer Technologiekritik,
die die Interessen und Bewegungsformen der Besitzlosen mitbedenkt und daher unterscheidet,
welche Technologien Autonomie erweitern, und welche sie kaputtmachen. Die Technikfolgenabschätzung
ist jedoch reformistisch, weil sie nur anpasserisch "soziale Folgen" der Technik
abmildern möchte und nicht nach dem beabsichtigten Gebrauch fragt. Sie negiert
Intention. Zum zweiten sollte das Thema Digitalisierung und Datenabgleich,
KundInnenprofile und Chipkarten Thema des Anti-Expo-Widerstands werden (s. Artikel).
Zum dritten ist zu überlegen, was gegen berührungslose Funkinduktionsleser,
die in die Wand eingebaut werden, getan werden kann. Viertens: was eigentlich
ansteht ist eine militante Untersuchung: eine Untersuchung, die herausarbeitet,
wie sich das aktuell neue Proletariat objektiv und subjektiv zusammensetzt. Militant
heißt im Hinblick auf das eigene Mitmischen und an der Frage orientiert,
was der Bewegung unmittelbar nützt. Eine Rolle spielt z.B., daß viele
osteuropäische Studierenden hier in Bremen nicht nur ihr eigenes Studium
finanzieren, sondern auch zum Lebensunterhalt ihrer Familien und Geschwister beitragen.
Über die Mobilität und Migration werden Kampferfahrungen weitergetragen.
Sozialrevolutionär wäre es, die jeweiligen Orte der Unterwerfung
nicht aufzugeben, sondern die dortigen Auseinandersetzungen und sozialen Kämpfe
antizentristisch miteinander zu verbinden. Was wir brauchen ist die Verankerung
im neuen Proletariat und in den Flüchtlingen. Ein Sozialrechts- und Menschenrechtskampf
mit ImmigrantInnen und mit Papierlosen ist der zentrale Gradmesser unseres Basisbezugs.
Die BürgerInnenrechte werden sich in der Folge der produktivierten Differenz
immer mehr von den (außerstaatlichen) Menschenrechten unterscheiden. Je
weniger Kontakt wir aber zu den anderen Bevölkerungssegmenten und zu den
transnationalen Bewegungen gegen MAI und WTO haben (so die Peoples Global Action),
desto mehr werden wir uns alle an die Zero Tolerance gewöhnen. Ein Engagement
an der Uni lebt davon, sich nicht mit den Gremien zu identifizieren. So ließe
sich eine sozialrevolutionäre Linie wiederbeleben, die über die Ebene
der Ideologiekritik hinaus von der sozialen Frage her einen institutions- und
gremien-unabhängigen übergreifenden Konsens organisiert.
Literaturauswahl: Wachstumstheoretiker, Kommunitaristen
und BWLer: - Giddens, Anthony, 1997, Jenseits von Links und Rechts.
Die Zukunft radikaler Demokratie, Frank-furt/M, Suhrkamp, Edition Zweite Moderne
hg. von Ulrich Beck
- Mitchell, William, 1996, City of Bits. Leben in der
Stadt des 21. Jahrhunderts, Basel u.a.
- Roll, Oliver, 1996, Marketing
im Internet. Neue Märkte erschließen, München
- Störmer,
Werner und Meinolf Droege, 1997, Personalzeiten und Betriebsdaten. Konzepte, Lösungen
und Erfahrungen aus der Praxis, Hanser, München Wien
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to investigate the Taylor and other Systems of Shop Management, Washington DC
-
Ders., 1977, Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung, München
(Orig. 1911)
Technologie-KritikerInnen, antikapitalistischer Theorie
und soziale Bewegungen: - Bergmann, Willi, Janssen, Klein (Hg.) 1978
Autonomie im Arbeiterkampf. Beiträge zum Kampf gegen die Fabrikgesellschaft,
Trikont/Association
- Bertrand, Ute, Jan Kuhlmann und Claus Stark, Der
Gesundheitschip. Vom Arztgeheimnis zum gläsernen Patienten, Campus, Frankfurt/
New York
- Bündnis gegen Chipkarten, 1999, AStA-Reader zur (Uni) Chipkarte.
Was tun gegen elektronische Verhaltens- und Zutrittskontrollen!? 2. Auflage und
http://www.uni-bremen.de/~asta
- CILIP Bürgerrechte und Polizei, 1999,
Community Policing, Schwerpunkt CILIP 64, Nr. 3
- Ebbinghaus, Angelika,
1984, Arbeiter und Arbeitswissenschaft. Zur Entstehung der "wissenschaftlichen
Betriebsführung", Köln
- FFM: Forschungsgesellschaft Flucht und
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mit d. Niedersächs. Flüchtlingsrat und Pro Asyl = Flüchtlingsrat
Heft 55, Juli 1998
- Hartmann, Detlef, 1988, Leben als Sabotage. Zur Krise
der technologischen Gewalt, Berlin Göttingen
- "Klassenreproduktion
und Kapitalverhältnis", in Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft
neue Folge Nr. 14, 1985, »Klassengeschichte - soziale Revolution?«
S. 201-214
- Leuthardt, Beat 1996, Leben Online. Von der Chipkarte bis
zum Europol-Netz: Der Mensch unter ständigem Verdacht, rororo Hamburg
-
Marx, Karl, 1969, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt
EVA (1861-63, vom Moskauer Marx-Engels-Institut lange unter Verschluß gehalten)
-
Roth, Karl Heinz, 1975, Die "andere" Arbeiterbewegung. Die Entstehung der kapitalistischen
Repression von 1880 bis heute, Trikont Verlag München
- Roth, Karl
Heinz, 1993, Diss. über Das arbeitswissenschaftliche Institut der Deutschen
Arbeitsfront 1934ff
- Whitaker, Reg, 1999, Das Ende der Privatheit. Überwachung,
Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter, München Antje Kunstmann
(Orig. NY 1999)
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