9. Februar 2004,  06:29, Neue Zürcher Zeitung

Der Preis der individuellen Freiheit

Versicherungsleistung nur bei Weitergabe von Daten?

Soll nur derjenige von Sozialversicherungsleistungen profitieren dürfen, der auch bereit ist, Daten weiterzugeben, die im Zuge der klinischen Forschung erhoben worden sind? An einer Tagung in Luzern sind diese und andere Fragen rund um die Forschung am Menschen Ende vergangener Woche diskutiert worden.

hof. Luzern, 7. Februar

Wenn über ein Gesetz, das es noch gar nicht gibt, bereits öffentlich diskutiert wird, hoffen die verschiedenen Interessengruppen, darauf besonders Einfluss nehmen zu können. Man placiert den einen oder anderen Gedanken in der Absicht, dass dieser die Verwaltung, die das Gesetz entwirft, eben in die eine oder andere Richtung lenkt. So liess es sich Alois Gratwohl, Professor für Hämatologie und Stammzelltransplantation an der Universität Basel, nicht nehmen, an einer Diskussion über die Forschung am Menschen einen auf den ersten Blick provokativ scheinenden Vorschlag zu äussern, von dem er wünschte, dass er einst im Humanforschungsgesetz, woran das Bundesamt für Gesundheit zurzeit arbeitet, wieder auftaucht.

Prioritäre Solidaritätspflicht

Anlässlich einer Tagung des Instituts für Kommunikation und Kultur der Universität Luzern sagte Gratwohl am Samstag in Luzern, dass im Grunde nur diejenigen von den Leistungen der Sozialversicherungen profitieren dürften, die auch bereit seien, Daten an eine Datenbank weiterzugeben, die im Zuge der klinischen Forschung von ihnen erhoben worden sind. Wenn man nicht wolle, dass die Daten der Forschung und damit der Allgemeinheit zur Verfügung stünden, dann müsste man die damit verbundene Behandlung selbst bezahlen. «Das ist der Preis der individuellen Freiheit», sagte Gratwohl.

Nur Christoph Meili, Biotechnologe und Betriebswirtschafter an der Universität St. Gallen, wehrte sich gegen diese Idee. Er befürchtete, dass man damit die «falschen Patienten» für die klinische Forschung selektioniere. Von Seiten der Ethik jedoch wurde Gratwohl, der sonst gerade die Ethiker mit seiner Forderung, das therapeutische Klonen in der Schweiz zuzulassen, vor den Kopf stösst, durchaus unterstützt. Die Zürcher Sozialethikerin Ruth Baumann-Hölzle sagte, dass eine solche Regelung aufgrund des Solidaritätsgedankens, der in der Gesundheitspolitik eine wichtige Rolle spielt, nachvollziehbar sei. Konsequenterweise würde dadurch allerdings die individuelle Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Auch der Lausanner Ethikprofessor Alberto Bondolfi sagte, dass die Solidaritätspflicht prioritär sei. Der Staat verlange ja von seinen Bürgern noch ganz anderes als einen Beitrag zur Forschung, zum Beispiel die Pflicht, Wehrdienst zu leisten.

Virtuelle Menschenwürde

Doch die Solidaritätspflicht ist nur eine von vielen Fragen, die die Forschung am Menschen aufwirft, wie die Ethikern Baumann-Hölzle aufzeigte. Ob der Mensch nicht Gefahr laufe, immer mehr vom Subjekt zum Ding zu werden, ob es sich bei der informierten Zustimmung («Informed consent») zu einer klinischen Forschung um eine Einwilligung oder eine Erlaubnis handle, und ob die Forschungsressourcen überhaupt fair verteilt seien, fragte Baumann-Hölzle. Geprägt von den vergangenen Debatten um die Forschung an überzähligen Embryonen und dem Recht - nicht nur der Freiheit - auf Suizid, bezeichnete sie den Würde- und Autonomieanspruch des Menschen heute als ein gefährdetes Kulturgut. Gesetze und Richtlinien, die auch von den meisten Wissenschaftern verlangt würden, genügten nicht, wenn es nicht Menschen gebe, die diese auch einhalten wollten, und wenn nicht ein Klima herrsche, dass die Würde des Menschen bewahren wolle. Ansonsten könne man nur noch von einer «virtuellen Menschenwürde» sprechen.

Doch bereits am Tag zuvor hatte Francis Fukuyama, Mitglied des Bioethik-Rates des US-amerikanischen Präsidenten und Professor für Politikwissenschaften in Baltimore, darauf aufmerksam gemacht, dass pluralistische Gesellschaften in diesen Fragen kaum zu einem ethischen Konsens finden werden. Fukuyama, der per Video aus Cambridge, Massachusetts, zugeschaltet worden war, sah deshalb die einzige Möglichkeit, wie solche Konflikte gelöst werden können, im demokratischen Verfahren. - Das kam den Zuhörern dann wieder sehr vertraut vor.