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Neue Zürcher Zeitung 14. Oktober 2000

Verlagerung des Volkszorns in die Fabriken

Der Volksaufstand, der zum Sturz Milosevics führte, hat sich in die Fabriken verlagert. In ganz Serbien verlangen Arbeitnehmer, dass die vom Milosevic-Regime in die Führungsetagen berufenen politischen Kommissare ausgewechselt werden.

sti. Belgrad, 13. Oktober

Der Aufstand der Strasse hat Appetit geweckt und Energien freigesetzt. Es ist ein Lauffeuer, das über das Land fegt. Überall kommen die Statthalter des alten Regimes unter Druck. Selbst ernannte Krisenkomitees, Spitäler, Banken oder Schulen werden von der Wendestimmung nicht ausgespart. Die Protestbewegung gegen Milosevic und seine Statthalter hat auf die ganze Gesellschaft übergegriffen und macht auch vor den Fabriktoren nicht halt. Es scheint, als würde sich die aufgestaute Wut der letzten zehn Jahre entladen. Dusan Djurakovic, Generaldirektor des grossen Bauunternehmens KMG Trudbenik, hat sich offensichtlich vor dem Gang zum Sitz des Unternehmens am Boulevard der Revolution etwas Mut angetrunken. Er betritt den Raum mit dem Mobiltelefon in der Hand, begleitet von Leibwächtern, und bittet die wartenden Mitglieder des Krisenstabes, halb im Ernst und halb im Scherz, keine Pistolen zu zücken.

Heruntergewirtschaftete Unternehmen
Die Forderungen des Krisenstabes, der praktisch die Zentrale besetzt hält, hat der Direktor schon am Eingang an der Glastüre lesen können. Die Belegschaft will seinen Kopf und den Rücktritt des Chefs der staatlichen Gewerkschaft. Djurakovic, Mitglied der Sozialistischen Partei Milosevics und einst Vizeminister in der serbischenRegierung, zieht im Konferenzraum vor den Vertretern der Belegschaft alle Register. Er droht,heischt um Mitleid, um sich dann kurz darauf selber für seine gute Arbeit zu loben. Es sei ihm egal, wer an der Macht sei, denn er sei immer mit der Regierung. Seinen Kindern zuliebe habe er den Gang vor den Krisenstab überhaupt angetreten. Denn schliesslich will er seine Ehre verteidigen. Er bittet und fleht, appelliert dann an den Anstand und die Höflichkeit seiner Angestellten.Und beschimpft sie handkehrum wieder als politische Delinquenten.

Zwischendurch schildert er per Mobiltelefon einem unbekannten Anrufer seine missliche Lage. Der am langen Konferenztisch versammelte Krisenstab lässt sich vom Spektakel des bedrängtenDirektors nicht beeindrucken. Beim Abgang hinterlässt er den belustigten Mitarbeitern ein weisses Papier mit Blankounterschrift. Da können dieFrauen und Männer vom Krisenstab das Kündigungsschreiben für den Direktor selber verfassen, wenn sie denn wollen. Der Direktor habe das einst florierende Unternehmen heruntergewirtschaftet, gemeinsam mit dem Sekretär in die eigene Tasche gearbeitet, sagt Predrag Jelic, der Wortführer des Krisenstabs bei KMG Trudbenik. Das Bauunternehmen ist kein Einzelfall. Es gibt unzählige Beispiele im ganzen Land. Manchmal werden die Vertreter des Regimes aus ihren Büros geprügelt.

Die politischen Kommissare, vom Regime in den staatlichen Unternehmen eingesetzt, werden von der Revolutionsstimmung im Land weggefegt. Miroljub Labus, wirtschaftlicher Berater der Demokratischen Opposition Serbiens (DOS) und eine Art Premierminister auf Zeit, zeigte diese Woche an einer Pressekonferenz Verständnis für die Anliegen der Krisenstäbe im ganzenLand: Bei DOS verstehe man, dass die Arbeitnehmer die Aufpasser der Regimeparteien loswerdenwollten. Das Oppositionsbündnis könne die Bewegung auch kaum stoppen, nur kanalisieren. Die Wende in den Unternehmen müsse von allen Arbeitnehmern getragen, am besten von den Gewerkschaften durchgeführt werden und im Rahmen der Gesetze ablaufen, betonte der Wirtschaftsexperte Labus. Vorübergehende Selbstverwaltung sei immer noch besser als Chaos.

Demonstration von Harmonie
Nicht überall wird Revolution so dramatisch gespielt wie beim Bauriesen KMG Trudbenik. Beim Maschinenbauunternehmen Ivo Lola Ribar, einst ein Paradekonzern, machen die Direktion sowie die Vertreter der staatlichen und der unabhängigen Gewerkschaft gemeinsame Sache. Gemeinsam hat man schon nach dem Wahlbetrug am 24. September den «Streik für die Wahrheit» ausgerufen. Politik war da angeblich nicht im Spiel: «Wir wollten die Wahrheit wissen, und am Ende haben wir die Wahrheit erfahren», sagt der Gewerkschaftssekretär. Gemeint sind natürlich die Anerkennung des Wahlsieges des Oppositionskandidaten Vojislav Kostunica und der Rücktritt von Milosevic. Der Gewerkschafter war am Donnerstag der letzten Woche auch beim Volksaufstand vor dem Bundesparlament in Belgrad mit dabei. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er noch einmal auf die Strasse gehen wird, sollte die alte Nomenklatura nun vorgezogene Neuwahlen in Serbien blockieren. Die Tatsache, dass der Direktor auch für den Streik war, sei Beweis genug, dass er die politischen Veränderungen unterstütze. Und weil sich alle einig sind, willder Direktor, Bogdan Vlahovic, seinen Mitarbeitern selbst den Lohn für die Streikwoche nicht vorenthalten.

Die Vertreter der staatlichen und der unabhängigen Gewerkschaft sowie der Direktion demonstrieren vor den Besuchern vor allem Harmonie. Gemeinsam hat man vorerst eine «feindliche Übernahme» abgeschmettert. Ein vor ein paar Jahren gefeuerter Direktor und eine Gruppe von Arbeitern hatten die Fabrik im allgemeinen Chaos auch gleich übernehmen wollen. Nicht umsonst prangt am Wärterhäuschen beim Fabriktor ein frischer Aushang, auf dem neue Sicherheitsbeamtegesucht werden. Die Geschäftsführung des Unternehmens Ivo Lola Ribar kann offenbar bei DOS auf gewichtige Fürsprache zählen. Nebojsa Covic, selbst Geschäftsmann und hochrangiger Vertreter der DOS, appellierte sogar über das Fernsehen, im Lola-Konzern nichts zu überstürzen.

Als Generaldirektor musste Bogdan Vlahovic zwar Mitglied bei der Sozialistischen Partei von Milosevic sein. Doch die Interessen der Fabrik, die einst siebzig Prozent ihrer Produkte exportierte, seien für ihn immer über denjenigen der Politik gestanden. Als Beweis dafür führt er die Tatsache an, dass sich sein Name nicht auf der Liste der Personen aus dem Umfeld des Autokraten befindet, die kein Visum für die Länder der Europäischen Union bekommen. Und überhaupt habe er mit der Milosevic-Partei nichts am Hut. Ihm habe eigentlich schon immer eine Sozialdemokratische Partei nach spanischem, deutschem oder französischem Vorbild vorgeschwebt: «Wir mussten uns irgendwie durchschlängeln», sagt er selbst. Da sitzt er mit dem Sekretär der staatlichen Gewerkschaft im selben Boot. Der wurde noch wenige Monate vor dem Sturz des Regimes Mitglied bei der jugoslawischen Linken.

Hoffen auf alte Geschäftsbeziehungen
Stolz zeigt der Gewerkschafter die Schnipsel des Mitgliederausweises der neokommunistischen Partei, am Abend nach dem Wahlbetrug in vier Stücke geschnitten: «Die Politik hat dazu geführt, dass wir ohne Arbeit sind, dass wir mit unserem Gehalt kaum überleben können.» Die Misere lässt sich einfach auf einen Nenner bringen. «Nur noch zwei Prozent der Produkte gehen in den Export. Dreissig Prozent der Arbeitnehmer werden zwar noch auf den Lohnlisten geführt, sind aber auf hundertprozentiger Kurzarbeit. Dafür gibt es ganze zehn Mark im Monat.» Die Gewerkschafter und der Direktor hoffen gemeinsam, dass das Unternehmen in der neuen Ära die alten Geschäftsbeziehungen mit Kunden in Europa und der ganzen Welt wieder aufnehmen kann. «Wir brauchen Arbeit, wir brauchen humanitäre Hilfe», sagt der Direktor.

Zwei Fabriken im weitverzweigten Netz des Konzerns waren im vergangenen Jahr auch Ziel von Nato-Bomben. Vier Betriebe liegen in Kosovo, und die Zentrale hat dort keinen Zugang. «Was im letzten Jahr passiert ist, war ein wirkliches Verbrechen», schimpft der Gewerkschafter. Dabei seien Politiker und nicht die Bevölkerung schuld gewesen. Milosevic war das Problem. Der Westen könne nun die Fehler vom letzten Jahr wieder gutmachen, betonen der Direktor und der Gewerkschafter, und sie appellieren an die internationale Solidarität: «Wir bitten Sie, unseren Geschäftspartnern im Ausland mitzuteilen, dass die Ingenieure von Lola den Maschinenpark gerettet haben.»

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