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Aus der Neuen Zürcher Zeitung (nzz)  vom 9. Oktober 2000

 

Revolution nach Plan in Belgrad?

Die letzte Stunde des Regimes Milosevic

Der Schlussakt dauerte nur etwas mehr als eine Stunde. Die Demonstranten eroberten das Parlament und das Fernsehstudio. Das Regime Milosevic war besiegt. Aber was genau bei der Einnahme des Parlamentsgebäudes geschah, bleibt undurchsichtig.

awy. Belgrad, 8. Oktober

«Das ganze war gut geplant.» Das ist eine verbreitete Meinung in Belgrad: Die Belagerung und Eroberung des Parlaments und des Fernsehstudios vom Donnerstag sei eine Schau gewesen. Die entscheidenden Vorgänge hätten aber nicht dort stattgefunden, sondern woanders. Entscheidend war zum einen der Streik der Bergarbeiter in der Kohlengrube Kolubara, südlich von Belgrad. Das war schlau ausgedacht und energisch ausgeführt. Entscheidend war auch, dass Leute aus andern Städten den Umsturz in Belgrad unterstützt haben - die Revolution wurde aus der Provinz in die Hauptstadt getragen. Unklar bleibt aber, wer was geplant hat und wessen Pläne dann wie verwirklicht wurden, oder eben nicht.

Totengräber und Tränengas
Ein Medizinstudent, der am Sturm aufs Parlament beteiligt war und in dem ganzen Wirbel auch photographierte, gibt den folgenden Bericht über den Hergang der Ereignisse beim Parlament. Etwa um zwei Uhr setzten Demonstranten zum Sturm auf das Parlament an, mit Unterstützung eines riesigen Baggers. Etwa zwanzig Leute konnten in das Gebäude eindringen. Der Sturmtruppbestand hauptsächlich aus Fussballfans, den berühmt-berüchtigten «Grobari» (Totengräber) von Partizan Belgrad. Sie hatten im Laufe des letzten Jahres jedes grössere Turnier in eine Kundgebung gegen Milosevic verwandelt. Die Polizei drängte sie zurück mit Tränengas und Schlagstöcken. Der Platz vor dem Parlament war von einer Tränengaswolke eingehüllt.

In der folgenden Stunde nahm die Menschenmenge in dem grossen Park beim Parlament stetigzu. Auf dem Plateau unmittelbar vor dem Parlament befand sich aber nur Polizei. Etwa um drei Uhr zog diese plötzlich ab, ohne erkennbaren Grund, in offensichtlicher Verwirrung. Zum Teil flohen die Polizisten in verschiedenen Richtungen. Praktisch von einer Minute zur andern war das Plateau frei. Was dem Studenten auffiel: Sie hatten keine vollständige Kampfmontur. Nur wenige, die beim Eingang postiert waren, hatten Schutzschilde. Aus dem Gebäude quollen Rauchwolken; der Brand war gelegt worden, als die Polizei noch da war, nicht von Demonstranten.

Plünderung als Akt der Befreiung
Man konnte nun ohne Probleme in das Parlamentsgebäude hineingehen. Sogleich begann die Plünderung, ein Chaos mit kabarettistischen und orgiastischen Szenen. Das Gebäude wurde ratzekahl ausgeräumt, das gesamte Mobiliar abtransportiert: Stühle, Fauteuils, Fax-Maschinen, Bilder, Aschenbecher, sogar Toilettenpapier. Manches wurde auch einfach aus den Fenstern geschmissen, unter anderem ein riesiger Fernsehapparat. Einige Leute richteten auf dem Dach eines Busses eine Bar ein, da wurden Wein und Schnaps aus dem Parlamentskeller gereicht, stilgerecht in Gläsern aus dem Parlamentsrestaurant- man stiess an mit dem Schlachtruf: «Er ist fertig!» Jemand verteilte Flaschen mit Sonnenblumenöl aus der Küche des Restaurants, eine Flasche pro Person.

An der Plünderung beteiligten sich keineswegs nur junge Revoluzzer, sondern auch gepflegte Damen des Bürgertums, die sich kleine Souvenirs holten. Der Student wollte für sich selbst eine Computer-Festplatte erbeuten. Er fand aber den Rechnerraum leer vor: Alle Geräte waren weggebracht worden, und damit auch die streng geheimen Daten der Wahlkommission. Dafür warennoch Kisten mit Stimmzetteln vorhanden. Sogleich begannen die Demonstranten, diese aus dem Fenster zu werfen; unten sammelten die Leute Milosevic-Stimmen ein. «Milosevic hat mir meine Stimme gestohlen, jetzt habe ich ihm auch ein Paar Stimmen gestohlen», sagt der Student.

Streit unter Polizisten
Während draussen das Fest der Befreiung begann, nahmen einige vom Parlament geflohene Polizisten Zuflucht in einem der umliegenden Häuser. Ein Bewohner berichtet von gefährlichen Szenen, die sich nun abspielten. Offenbar wollten die meisten Polizisten aufgeben, andere aber wollten den Kampf gegen die Demonstranten weiterführen. Es kam darum zu Spannungen unter den Polizisten. Für die Familien in den unteren Stockwerken des Hauses wurde es ungemütlich; Frauen und Kinder flüchteten treppauf,um sich bei Nachbarn in höher gelegenen Stockwerken in Sicherheit zu bringen. Nach einigem Hin und Her beruhigte sich die Lage in dem Haus.

Derweil eroberten Demonstranten ein paar hundert Meter weiter das Fernsehstudio. Auch der Bulldozer war wieder dabei. Zu diesem Zeitpunkt war das Studio angeblich kaum mehr bewacht, und die restlichen Polizisten zogen schnell ab, mit Geleitschutz von Demonstranten. Das Staatsfernsehen hörte auf zu senden. Aber schon nach wenigen Stunden war es wieder zu empfangen. Das Nachrichtenstudio war in aller Eile provisorisch umgebaut worden, durch Vorspannen eines blauen Tuches. Die Nachrichtensprecher wurden ausgewechselt. Für das serbische Publikum sind es zum Teil bekannte Gesichter: Leute,die vor zehn Jahren im Zug der «antibürokratischen Revolution» Milosevics vom Bildschirm entfernt worden waren, sind an ihren früheren Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Die Eroberung von Parlament und Fernsehstudio war in Wirklichkeit eine Übergabe. Sie war so nicht geplant; sonst wäre der Abzug der Polizei mit mehr Ordnung erfolgt. Warum die Polizei den Platz verliess, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Plausibel erscheint diese Erklärung: Die Spezialtruppen von Polizei und Armee trafen nicht ein.Warum die Verstärkung nicht eintraf, liegt weitgehend im Dunkeln. Es kann sein, dass sogar bei den Spezialtruppen der Wille gering war, auf das eigene Volk zu schiessen. Es heisst aber auch, dass die Spezialtruppen am Ausrücken aus ihren Kasernen gehindert worden seien, und zwar von bewaffneten Kräften der Opposition. Von der südlich gelegenen Provinzstadt Cacak aus sei - so wird erzählt - ein grosser Konvoi nach Belgrad gefahren. Unterwegs habe er mehrere Polizeisperren durchbrochen. Auch aus andern Städten sei Zuzug gekommen. Schliesslich seien es 10 000 Mann gewesen, und zwar geschultes Personal: Fallschirmjäger der 63. Division seien dabei gewesen, Polizisten aus Cacak und Polizisten einer Spezialeinheit zur Krawallbekämpfung.

Der Zug nach Belgrad habe ausgesehen wie eine Armeedivision auf dem Marsch, wird berichtet. Die Aktion sei auch gut vorbereitet gewesen. Die Leute der Opposition in der Provinz hätten den Marsch auf Belgrad schon seit zwei Monaten geplant und geübt. Treibende Kraft sei der Bürgermeister von Cacak, Velja Ilic, gewesen. Die militärische Organisation aber sei bei Jovica Stanisic gelegen; dieser war bis vor zwei Jahren der Chef von Milosevics Geheimdienst, wurde dann aber in Ungnade entlassen. Ob das alles stimmt, lässt sich derzeit nicht feststellen. Wenn es stimmt, war die Revolution vom Donnerstag im wesentlichen ein Putsch, der unter anderem von Leuten getragen wurde, die aus dem Innern des Regimes kamen.
 

Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://www.nzz.ch/2000/10/09/al/page-article6T6I1.html
 

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