Übersicht Was ist neu ? Migration worldwide Texte Links Sonntagszeitung (Schweiz) v. 12.08.2001
«Die Frage ist, bis auf welche Intensität der Krieg ausgeweitet wird»
Strategieexperte Albert Stahel über Israels Vorgehen und mögliche Kriegsszenarien
Seit Monaten setzt Israel auf gezielte Schläge gegen palästinensische Einrichtungen und Personen als Vergeltung für Terrorakte. Ist das militärisch sinnvoll?Albert A. Stahel*: Es kommt darauf an, was Israel damit erreichen will. Wenn es abschrecken und einschüchtern will, kann das möglicherweise gelingen. Lassen sich Arafat und sein Führungsgremium einschüchtern, kann man zu einer Lösung kommen. Aber wenn sie sich nicht einschüchtern lassen, dann führt dieses Vorgehen zu einer Eskalation. Das bedeutet, dass am Schluss auf den Kopf gezielt werden muss - in diesem Fall auf Yassir Arafat.
Könnte Arafat denn Selbstmordanschläge überhaupt verhindern, wenn er es wollte?
Stahel: Er ist der Führer, aber kein absoluter Herrscher. Er muss sich in der komplexen Struktur der Palästinenser bewegen, muss Rücksichten nehmen, einen Konsens zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen finden - und zwischen verschiedenen Clans. Das schränkt seinen Spielraum ein. Aber selbst ein absoluter Herrscher könnte Anschläge nicht hundertprozentig verhindern.
Die israelische Armee soll Pläne für einen grossen Angriff auf die Palästinensergebiete haben. Was wissen Sie darüber?
Stahel: Es gibt Hinweise, unter anderem aus nachrichtendienstlichen Kreisen, dass die Regierung Sharon und die Streitkräfte ein stufenweises Szenario haben. Erste Stufe wäre die erneute Besetzung der palästinensischen Autonomiegebiete sowie die Ausschaltung der palästinensischen Führung.
Was heisst das?
Stahel: Die Führung der Palästinenser würde vertrieben, müsste nach Jordanien, Syrien oder in den Libanon flüchten, oder sie würde getötet.
Was wären die nächsten Stufen?
Stahel: Die zweite Stufe wären militärische Schläge gegen Syrien, um dessen Militärpotenzial auszuschalten und die Situation im Libanon zu bereinigen. Die dritte Stufe würde sich gegen den Irak richten.
Also ein voller Krieg, der auch viele Opfer fordern würde?
Stahel: Schon jetzt ist ein Krieg im Gang. Die Frage ist, bis auf welche Intensität er ausgeweitet wird. Opfer bei den eigenen Streitkräften könnte Israel weit gehend vermeiden, wenn es statt Soldaten Hightech-Waffen einsetzt und «Kollateralschäden», also viele Opfer auf der Gegenseite, in Kauf nimmt.
Was könnte denn ein grosser Krieg Israel bringen?
Stahel: Militärisch ist Israel in der Region eine Supermacht, es hat die modernsten Geräte und die effizienteste Armee. Auf dieser Ebene ist sie viel effizienter als im parapolizeilichen Bereich, wo es bis jetzt um die Kontrolle der autonomen Gebiete ging. Deshalb wird eskaliert.
Stösst das nicht an eine Grenze?
Stahel: Die Grenze könnte Israel politisch nur durch die internationale Lage gesetzt werden, aber gerade das passiert nicht. Die USA, die Israel jährlich mit direkten Subventionen von fünf bis acht Milliarden Dollar unterstützen, könnten eine materielle Grenze setzen. Sie begnügen sich aber mit verbalen Interventionen. Sharon können nur innenpolitisch Grenzen gesetzt werden durch die Opposition im eigenen Land.
Wenn Israel den grossen Krieg beginnt, kann das seiner Bevölkerung mehr Sicherheit bringen?
Stahel: Kurzfristig schon, wenn der Gegner praktisch seiner Führung beraubt wird. Langfristig nicht, dann wird eine Vielfalt von palästinensischen Gruppen aktiv werden, so wie es früher schon war. Das Problem wird tatsächlich nicht gelöst. Interview: Ursula Zenger
* Albert A. Stahel ist Professor für strategische Studien an der Universität Zürich.