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Ahmed Rashid: Taliban. Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia, London, IB Tauris, 2000, 3. Auflage, 260 S.,
46,- Ahmed Rashid ist langjähriger Korrespondent für den Daily Telegraph und das Far Eastern Economic Review,

arbeitet auch für BBC und CNN. Schreibt zu Afghanistan seit 1979.

Die Kapitel des Buchs:

I. History of the Taliban Movement
1. Kandahar 1994: The Origins of the Taliban

2. Heart 1995: Godís Invincible Soldiers

3. Kabul 1996: Commander of the Faithful

4. Mazar-e-Sharif 1997: Massacre in the North (an den schiitischen Hazara)

5. Bamiyan 1998-99: The Never-Ending War

II. Islam and the Taliban
6. Challenging Islam: the New-Style Fundamentalism of the Taliban

7. Secret Society: The Talibanís Political and Military Organization

8. A Vanished Gender: Women, Children and Taliban Culture

9. High on Heroin: Drugs and the Taliban Economy

10. Global Jihad: The Arab-Afghans and Osama Bin Laden

III. The New Great Game
11. Dictators and Oil Barons: The Taliban and Central Asia, Russia, Turkey and Israel

12. Romancing the Taliban 1: The Battle for the Pipelines 1994-6

13. Romancing the Taliban 2: the Battle for the Pipelines 1997-99- the USA and the Taliban

14. Master or Victim: Pakistanís Afghan War

15. Shia and Sunni: Iran and Saudi Arabia

16. Conclusion: the Future of Afghanistan

10. Kapitel:

Globaler Jihad: die "Arabischen Afghanen" und Osama Bin Laden

Bei Torchham, dem Grenzposten am Kopf des Khyberpasses zwischen Pakistan und Afghanistan, trennt eine einzige Kette die beiden Staaten. Auf der pakistanischen Seite stehen die gut gekleideten Grenzwächter, Paramilitärs in ihren grauen Uniformen (shalwar kameezes) und Turbanen. Es war April 1989 und der sowjetische Rückzug aus Afghanistan war gerade eben abgeschlossen. Ich war unterwegs nach Pakistan auf der Straße von Kabul, aber die Sperre war geschlossen. Erschöpft von meiner Reise legte ich mich auf einen Grasrand auf der afghanischen Seite der Grenze und wartete.
Plötzlich kam auf der Straße hinter mir ein Lastwagen mit Mujaheddin herangedröhnt und hielt an. Doch die Reisenden
waren keine Afghanen. Hellhäutige Araber, blauäugige Zentralasiaten und dunkle chinesisch aussehende Gesichter schauten aus grob gebundenen Turbanen und schlecht sitzenden Shalwar kameezes Uniformen hervor. Sie waren gehüllt in Munitionsgürtel und trugen Kalaschnikows. Außer einem Afghanen, der als Übersetzer und Reiseführer fungierte, sprach nicht ein einziger der dreißig Ausländer Paschtun, Dari oder wenigstens Urdu. Als wir auf die Öffnung der Grenze warteten kamen wir ins Gespräch.
Die Gruppe setzte sich zusammen aus Philippinischen Moros, Usbeken aus dem sowjetischen Zentralasien, Arabern
aus Algerien, Ägypten, Saudi-Arabien und Kuwait, und Uiguren aus Xingjiang in China. Ihre Eskorte war ein Mitglied von Gulbuddin Hekmatjars Hisb-e-Islami. Im Training in einem Lager nahe der Grenze waren sie auf der Fahrt ins Wochenende nach Peschawar und freuten sich darauf Nachrichten von zuhause zu erhalten, ihre Kleider zu wechseln und ein gutes Mahl zu bekommen. Sie waren gekommen, den Jihad mit den Mujaheddin zu kämpfen und sich zu trainieren im Umgang mit Waffen, Bombenbau und militärischen Taktiken, um den Jihad mit nach hause zu tragen.
An diesem Abend gab Premierministerin Benazir Bhutto ein Dinner für Journalisten in Islamabad. Unter den Gästen
war Generalleutnant Hamid Gul, der Chef des ISI (dem pakistanischen Geheimdienst Interservices International) und der feurigste islamische Ideologe in der Armee nach Zia ul Haqs Tod. General Gul war in triumphaler Stimmung über den Rückzug der Sowjets. Ich fragte ihn, ob er nicht mit dem Feuer spielte, wenn er moslemische Radikale aus islamischen Ländern einlud, die vergeblich Verbündete Pakistans waren. Würden diese Radikalen nicht Differenzen (Spannungen) in ihren eigenen Ländern erzeugen und damit Pakistans Außenpolitik in Gefahr bringen? "Wir kämpfen einen Jihad und dies ist die erste internationale islamische Brigade der modernen Ära. Die Kommunisten haben ihre internationalen Brigaden, der Westen hat die NATO, warum können sich die Moslems nicht vereinigen und eine gemeinsame Front bilden?" antwortete der General. Das war die erste und einzige Rechtfertigung die ich jemals bekam für das, was bereits Arabische Afghanen genannt wurde, obwohl niemand Afghane war und viele nicht einmal Araber.
Drei Jahre zuvor, im Jahre 1986, trat William Casey, der Chef des CIA im Krieg gegen die Sowjetunion hervor durch
drei sehr entscheidende, damals jedoch höchst geheime Maßnahmen. Er überredete den US-Kongress dazu, die Mujaheddin mit Stinger-Luftabwehrraketen amerikanischer Herstellung zu versorgen, um sowjetische Flugzeuge abzuschießen und US-Berater bereitzustellen, Guerillas zu trainieren. Bis dahin waren keine Waffen amerikanischer Herstellung oder Personal in diesem Krieg direkt zum Einsatz gekommen. Der CIA, der britische MI6, und ISI vereinbarten außerdem einen provokativen Plan des Starts von Guerillaangriffen in die Sozialistischen Sowjetrepubliken Tadschikistan und Usbekistan, dem schwachen moslemischen Unterleib des Sowjetstaates, aus dem die Sowjettruppen in Afghanistan ihren Nachschub erhalten hatten. Die Aufgabe des Angriffs wurde an ISIís bevorzugten Mujaheddinführer Gulbuddin Hekmatjar erteilt worden. Im März 1987 überquerten kleine Ein-heiten von Basen im Norden Afghanistans ausgehend den Amu Darya Fluss und starteten ihre ersten Raketenangriffe auf Dörfer in Tadschikistan. Casey war begeistert über die Nachricht und bei seiner nächsten Geheimreise nach Pakistan überquerte er die Grenze nach Afghanistan gemeinsam mit Präsident Zia ul-Haq, um die Mudjahedin-Gruppen zu besichtigen. (1)
Drittens widmete Casey die Unterstützung des CIA einer alten ISI-Initiative, radikale Moslems aus der ganzen Welt zu
rekrutieren und nach Pakistan zu kommen, um mit den Afghanischen Mudjahedin zu kämpfen. Der ISI hat dies seit 1982 gefördert und nun hatten alle anderen Mächte ihre Gründe diese Idee zu unterstützen. Präsident Zia wollte die Einheit des Islams voranbringen, Pakistan in die Führung der moslemischen Welt verwandeln und eine islamische Opposition in Zentralasien hervorbringen. Washington wollte demonstrieren, dass die ganze moslemische Welt Seite an Seite mit den Afghanen und ihren amerikanischen Gönnern die Sowjetunion bekämpfte. Und die Saudis sahen darin sowohl eine Gelegenheit den Wahabismus zu befördern als auch seine verstimmten Radikalen loszuwerden. Keine der Parteien beachtete, dass diese Freiwilligen auch ihre eigenen Pläne haben könnten, welche ihren Hass auf die Sowjets auch gegen ihre eigenen Regimes und gegen die Amerikaner richten könnten.
Pakistan hatte bereits alle seine Botschaften angewiesen Visa zu erteilen ohne Fragen zu stellen an alle die mit den
Mudjahedin kämpfen wollen. Im Nahen Osten organisierten die Moslembruderschaft, die in Saudi-Arabien ansässige Muslimische Weltliga und palästinensische Islamisten die Rekruten und brachten sie in Kontakt mit Pakistanis. Der ISI und die pakistanische Partei Jamaat-e-Islami bildeten Empfangskomitees, um die eintreffenden Kämpfer willkommen zu heißen, zu beherbergen und zu trainieren und forderten sie sodann auf, sich einer der Mudjahedingruppen anzuschließen, meistens der Hisb-e-Islami. Die Gelder für dieses Unternehmen kamen direkt vom Saudischen Geheimdienst. Der französische Politologe Olivier Roy beschreibt es als ein „Joint-venture" zwischen Saudis, der Muslimbruderschaft und Jamaat-e-Islami, zusammengebracht durch den ISI. (2)
Zwischen 1982 und 1992 würden ungefähr 35.000 radikale Muslime aus 43 Ländern des Nahen Ostens, Nord und
Ostafrika, Zentralasien und dem fernen Osten ihre Feuertaufe mit den afghanischen Mudjahedin passieren. Zehntausende weitere auswärtige radikale Muslime kamen, um in den hunderten neuen Medrassen (Koranschulen) zu lernen, die Zias Militärregierung in Pakistan entlang der afghanischen Grenze zu gründen begann. Schließlich kamen mehr als 100.000 radikale Moslems in Kontakt mit Pakistan und Afghanistan und wurden beeinflusst von dieser Version des Jihad.
In Lagern bei Peschawar und in Afghanistan trafen sich diese Radikalen zum ersten mal und studierten, trainierten
und kämpften zusammen. Es war die erste Gelegenheit für die meisten von ihnen über islamische Bewegungen in anderen Ländern etwas zu lernen und sie bildeten taktische und ideologische Verbindungen, die ihnen in der Zukunft von großen Nutzen sein würden. Die Lager wurden zu reinsten Universitäten für künftigen islamischen Radikalismus. Keiner der beteiligten Nachrichten- und Geheimdienste wollte die Konsequenzen bedenken was es bedeuten würde, tausende Islamisten aus aller Welt zusammenzubringen. "Was war wichtiger im Weltblick auf die Geschichte? Die Taliban oder der Fall des Sowjetimperiums? Ein paar aufgebrachte Muslime oder die Befreiung Osteuropas und das Ende des Kalten Krieges?" fragte Zbigniew Brzezinski, ein ehemaliger US-Sicherheitsberater. (3) Amerikanische BürgerInnen wurden der Folgen erst dann gewahr als in Afghanistan ausgebildete militante Islamisten 1993 das World Trade Center angriffen und dabei 6 Menschen töteten und 1000 verletzten. "Der Krieg hinterließ eine schwierige Koalition aus islamistischen Organisationen, darauf erpicht den Islam gegen alle nichtmuslimischen Kräfte voranzubringen", schrieb Samuel Huntington. Er hinterließ auch ein Potenzial von erfahrenen Kämpfern und Spezialeinheiten, Trainingslagern und logistischen Einrichtungen, sorgfältig organisierten transislamischen Netzwerken personeller und organisatorischer Beziehungen, ein beachtliches Depot militärischer Ausrüstung einschließlich 300-500 (nicht erwiesener) Stinger-Raketen - und das wichtigste: einen Sinn für Macht und Selbstvertrauen über das was erreicht worden war und einen motivierenden Drang zu weiteren Siegen zu gelangen. (4)
Die meisten dieser Radikalen spekulierten, dass, wenn der afghanische Jihad eine Supermacht besiegt hatte, ob sie
nicht auch die andere Supermacht besiegen könnten: die USA und ihre eigenen Regimes? Die Logik dieses Arguments basierte auf der einfachen Annahme, dass der afghanische Jihad allein den sowjetischen Staat in die Knie gezwungen hatte. Die vielfältigen internen Gründe die zum Zusammenbruch des Sowjetsystems führten, von denen der Jihad nur einer war, wurden geflissentlich ignoriert. Während also die USA den Zerfall der Sowjetunion als Scheitern des sozialistischen Systems sahen, sahen es viele Muslime einzig als Sieg des Islam. Für Militante war diese Vorstellung inspirierend und erinnerte sie an die Welle der Verbreitung des moslemischen Glaubens durch die Welt in den siebten und achten Jahrhunderten. In ihrer Vorstellung konnte aus den Opfern und dem Blut einer neuen Generation von Märtyrern und weiteren Siegen eine neue islamische Umma geschmiedet werden.
Unter diesen tausenden ausländischen Rekruten befand sich ein junger saudischer Student namens Osama Bin
Laden, Sohn des Jemenitischen Baumagnaten Mohammed Bin Laden. Dieser war mit dem späten König Faisal eng befreundet und seine Firma erlangte fabelhaften Wohlstand durch den Auftrag, die heiligen Moscheen von Mekka und Medina zu renovieren und zu vergrößern. Der ISI wollte schon lange Prinz Turki Bin Faisal kooptieren, den Chef des Istakhbarat, dem saudischen Geheimdienst, um mit einem königlichen Prinzen das saudische Kontingent zu führen und allen Muslimen die Entschlossenheit der königlichen Familie für den Jihad zu demonstrieren. Bin Laden, Prinz Turki und General Gul wurden so enge Freunde und Verbündete in der gemeinsamen Sache. Das Zentrum der "arabischen Afghanen" waren die Büros der Muslimischen Weltliga und die Moslembruderschaft in Peschawar. Letztere wurde von Abdullah Azam geführt, einem jordanischen Palästinenser, den Bin Laden erstmals an der Universität Jeddah kennen gelernt hatte und als seinen Lehrer bezeichnete. Azam und seine beiden Söhne wurden 1989 in einem Bombenanschlag in Peschawar getötet. Im Laufe der 80er Jahre hatte Azam enge Bindungen zu Hekmatjar und Abdul Rasul Sayyaf aufgebaut, den Afghanischen islamischen Lehrer, den die Saudis nach Peschawar sandten, um den Wahabismus zu verbreiten. Saudische Gelder flossen zu Azam und an das Makhtab al Khidmat oder Servicezentrum, das er 1984 gründete, um den neuen Rekruten zu dienen und Spenden von islamischen Wohlfahrtsorganisationen zu erhalten. Spenden vom Saudischen Geheimdienst, dem saudischen Roten Halbmond, der Muslimischen Weltliga und private Spenden von saudischen Prinzen und Moscheen wurden über das Makhtab (Servicezentrum) weitergeleitet. Ein Jahrzehnt später stand das Makhtab bereits im Zentrum eines Netzes radikaler Organisationen, die halfen den Bombenanschlag auf das World Trade Center und die Anschläge auf die US-Botschaften in Afrika (Nairobi und Dar-es-Salaam) 1998 auszuführen. Bis zu seinem Eintreffen in Afghanistan war Bin Ladens Leben kaum von irgendetwas außergewöhnlichem geprägt. Er wurde ungefähr 1957 geboren, war das 17. von 57 Kindern seines jemenitischen Vaters und einer saudischen Mutter, einer von Mohammed Bin Ladens vielen Frauen. Bin Laden studierte auf ein Diplom in Management an der König Abdul Aziz Universität in Jeddah, doch bald wandte er sich den islamischen Studien zu. Dünn und 1,95 m groß mit langen Gliedern und einem Rauschebart überblickte er seine Zeitgenossen, die ihn als ruhigen und frommen Menschen kennen, doch kaum zu größeren Vorhaben auserkoren. (5)
Sein Vater unterstützte den Kampf in Afghanistan und spendete viel, sodass zu dem Zeitpunkt, als sich Osama bin
Laden entschied, daran teilzunehmen, seine Familie mit Enthusiasmus reagierte. Er reiste zum ersten Mal 1980 nach Peschawar und traf Mudjahedin-Führer, kam regelmäßig mit saudischen Spenden zurück bis er sich 1982 entschied in Peschawar zu siedeln. Ihn begleiteten Ingenieure und schweres Baugerät sich, um den Mudjahedin zu helfen Straßen zu bauen und Depots anzulegen. 1986 half er den Khost Tunnelkomplex anzulegen, welchen der CIA als Hauptwaffenlager, Trainingsbasis und medizinisches Zentrum der Mudjahedin förderte, tief unter den Bergen nahe der pakistanischen Grenze. Zum ersten Mal bildete Bin Laden in Khost sein eigenes Trainingslager für Arabische Afghanen, die diesen hochgewachsenen reichen und charismatischen Saudi mit der Zeit immer mehr als ihren Führer ansahen. "Um diesen atheistischen Russen entgegenzutreten wählten mich die Saudis als ihren Repräsentanten in Afghanistan", erklärte Bin Laden später. "Ich zog nach Pakistan in die afghanische Grenzregion. Dort empfing ich Freiwillige aus dem Saudischen Königreich und aus allen arabischen und moslemischen Ländern. Ich bildete dort mein eigenes Lager, in dem diese Freiwilligen von pakistanischen und amerikanischen Offizieren ausgebildet wurden. Die Waffen kamen von den Amerikanern, das Geld von den Saudis." Er ergänzte "Ich erkannte, dass es nicht reichte in Afghanistan zu kämpfen, sondern dass wir an allen Fronten die kommunistische oder westliche Unterdrückung bekämpfen mussten." (6)
Bin Laden behauptete später am Legen von Hinterhalten gegen sowjetische Truppen teilgenommen zu haben, doch
verwendete er hauptsächlich seinen Reichtum und saudische Spenden, um Mudjahedin Projekte zu gründen und den Wahabismus unter den Afghanen zu verbreiten. Nach dem Tod von Azam 1989 übernahm er Azams Organisation und baute eine Al Quaeda, das heißt eine Militär- und Unterstützungsbasis für "Arabische Afghanen" und ihre Familien auf, um eine breite Allianz unter ihnen zu schmieden. Mit der Hilfe Bin Ladens bauten mehrere tausend Arabische Militante ihre Basen auf in Kunar, Nuristan und Badakhshan, doch ihre extremen Wahabitischen Regeln machten sie bei er Mehrheit der afghanischen Bevölkerung unbeliebt. Darüber hinaus entfremdeten die "Arabischen Afghanen" die Nicht-Paschtunen und Schiiten durch ihre Allianz mit den extremsten prowahabitischen paschtunischen Mudjahedin.
Ahmed Schah Masud kritisierte später die "Arabischen Afghanen": "In der Zeit des Kriegs gegen die Sowjetunion
hatte meine Jihad-Fraktion keine guten Beziehungen mit den "Arabischen Afghanen". Im Gegensatz dazu hatten sie sehr gute Beziehungen zu den Fraktionen von Abdul Rasul Sayyaf und Gulbuddin Hekmatjar. Als meine Fraktion 1992 in Kabul eintraf kämpften die "Arabischen Afghanen" in den Reihen von Hekmatjars Truppen gegen uns. Wir forderten sie auf unser Land zu verlassen. Bin Laden schadet uns mehr als er uns nützt," sagte Masud 1997, nachdem er von den Taliban aus Kabul vertrieben wurde. (7)
1990 war Bin Laden enttäuscht vom internen Gezänk der Mudjahedin und kehrte nach Saudi Arabien zurück, um in
seinem Familienunternehmen zu arbeiten. Er gründete eine Wohlfahrtsorganisation für "Arabisch-Afghanische" Veteranen - ungefähr 4000 von ihnen hatten sich allen in Medina und Mekka angesiedelt - und spendete Geld an die Familien der Gefallenen. Nach der Invasion Iraks in Kuwait beeinflusste er die königliche Familie eine Miliz aus der Bevölkerung des Königreichs zu rekrutieren und aus den "Arabisch-Afghanischen" Veteranen eine Kampftruppe aufzubauen, um gegen den Irak zu kämpfen. Stattdessen bat König Fahd die Amerikaner um Beistand. Für Bin Laden war das ein ungeheurer Schock. Als 540.000 Mann US-Truppen eintrafen, begann Bin Laden die königliche Familie offen zu kritisieren, und übte Druck auf die saudische Ulema (Gemeinde) aus, sie sollte Fatwas aussprechen gegen im Lande stationierte Nichtmuslime.
Bin Ladens Kritik radikalisierte sich nachdem 20.000 US-Truppen nach der Befreiung Kuwaits weiterhin in Saudi
Arabien stationiert blieben. 1992 hatte er ein hitziges Treffen mit Innenminister Prinz Naif, den er des Verrats am Islam beschuldigte. Naif beklagte sich bei König Fahd und Bin Laden wurde zur unerwünschten Person erklärt. Nichtsdestotrotz hatte er weiterhin seine Verbündeten in der königlichen Familie, welche Naif auch ablehnten, während er weiterhin seine Beziehungen sowohl zum Saudischen Geheimdienst als auch dem ISI beibehielt. 1992 ging Bin Laden in den Sudan, um dort an der Islamischen Revolution teilzunehmen, die dort unter Führung des charismatischen Sudanesischen Führers Hassan al Turabi im Gange war. Bin Ladens fortgesetzte Kritik an der saudischen Königsfamilie verärgerte diese schließlich so sehr, dass sie den Präzedenzfall schufen und 1994 seine Staatsbürgerschaft aberkannten. Im Sudan sammelte Bin Laden mit seinem Reichtum und seinen Kontakten noch mehr Veteranen aus dem Afghanistankrieg um sich, die alle angewidert waren vom amerikanischen Sieg über den Irak und der Haltung der arabischen herrschenden Eliten, die es dem US-Militär erlaubten im Golf zu bleiben. Als die USA und Saudi Arabien ihren Druck auf den Sudan gegen die Beherbergung Bin Ladens verstärkten, forderten die sudanesischen Behörden ihn auf das Land zu verlassen.
Im Mai 1996 reiste Bin Laden zurück nach Afghanistan und kam in Jalalabad mit einem gecharterten Flugzeug mit
duzenden von arabischen Kämpfern, Bodyguards und Familienmitgliedern einschließlich drei Frauen und 13 Kindern an. Dort lebte er bis zur Eroberung von Kabul und Jalalabad durch die Taliban im Juli 1996 unter dem Schutz der Shura von Jalalabad. Im August 1996 hatte er seine erste Jihad-Erklärung gegen die USA veröffentlicht, die er beschuldigte Saudi Arabien besetzt zu halten. "Die Mauern der Unterdrückung und Erniedrigung können nur in einem Regen von Kugeln eingerissen werden", hieß es in der Erklärung. 1997 schloss er Freundschaft mit Mullah Omar, zog nach Kandahar und kam so unter den Schutz der Taliban.
Inzwischen hatte der CIA eine Sondereinheit eingerichtet, um Bin Ladens Aktivitäten und Beziehungen zu anderen
islamischen Militanten zu überwachen. Ein Bericht des US-Außen-ministeriums vom August 1996 kam zu der Einschätzung, dass Bin Laden "einer der weltweit bedeutendsten finanziellen Sponsoren extremistischer islamischer Operationen" sei. Der Report erklärte, dass Bin Laden terroristische Lager in Somalia, Ägypten, dem Sudan, Jemen, und Afghanistan finanzierte. Im April 1996 unterzeichnete Präsident Clinton das Anti-Terroris-mus-Gesetz, das den USA erlaubte Guthaben von "terroristischen Organisationen" zu sperren. Es wurde erstmalig angewandt, um Bin Ladens Zugang zu seinem Schatz aus geschätzten 250-300 Millionen US $ zu sperren. (8) Ein paar Monate später erklärte der ägyptische Nachrichtendienst, dass Bin Laden 1000 Milizionäre trainierte - eine zweite Generation Ńarabischer Afghanen", um eine islamische Revolution in den arabischen Ländern vorzubereiten. (9) Im Frühjahr 1997 bildete der CIA eine Spezialeinheit, die in Peschawar eintraf und versuchte eine Fangoperation durchzuführen, um Bin Laden aus Afghanistan herauszuholen. Sie warben Afghanis und Pakistanis an, um ihnen zu helfen, brachen die Operation jedoch ab. Die US-Operation trug dazu bei, Bin Laden zu überzeugen, in die sichereren Engen von Kandahar zu ziehen. Am 23. Februar 1998 beschlossen alle mit der Al Quaeda verbundenen Gruppen auf einem Treffen im ursprünglichen Lager Khost ein Manifest, in dem unter der Ägide einer "Internationalen Islamischen Front der Jihad gegen Juden und Amerikaner" verkündet wurde. Das Manifest erklärte, dass "die USA seit mehr als sieben Jahren die Länder des Islam in den heiligsten Stätten besetzt hält, die arabische Halbinsel, ihre Reichtümer plündert, ihren Führern die Politik diktiert, ihre Völker demütigen, ihre Nachbarn terrorisieren und ihre Basen auf der arabischen Halbinsel in die Speerspitze verwandeln, mit der sie die benachbarten moslemischen Völker bekämpfen." Die Versammlung sprach eine Fatwa aus. "Die Entscheidung Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten - Zivilisten wie Militärs - ist eine Pflicht für einen jeden Moslem, die er in jedem Land, in dem dies möglich ist, verfolgen muss." Bin Laden hatte damit eine Politik formuliert, die nicht nur gegen die Saudische Königsfamilie oder gegen die USA gerichtet war, sondern zur Befreiung des gesamten Mittleren Ostens aufrief. Als der amerikanische Luftkrieg gegen den Irak 1998 eskalierte, forderte Bin Laden alle Muslime auf Amerikaner und Briten anzugreifen, zu bekämpfen und zu töten. (10) Es waren jedoch die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenya und Tanzania im August 1998, die 257 Menschen töteten und die Bin Laden in der moslemischen Welt und dem West zu einem in jedem Haushalt bekannten Namen machten. Nur 13 Tage nachdem die USA Bin Laden beschuldigten, den Angriff verübt zu haben, führten sie Vergeltungsschläge aus, indem sie 70 Cruise Missiles gegen Bin Ladens Lager rund um Khost und Jalalabad feuerten.
Mehrere Lager, die den Taliban und Arabisch-Afghanischen und Pakistanischen Gruppen übergeben worden waren,
wurden getroffen. Das von Bin Laden kommandierte Lager Al Badr und die von der pakistanischen Harakat ulema Ansar betriebenen Lager Khalid bin Walid und Muawia waren die Hauptziele. Harakat benutzte ihre Lager, um ihre Militanten für den Kampf gegen indische Truppen im Kaschmir einzusetzen. Sieben Ausländer wurden bei dem Angriff getötet, drei Jemeniten, zwei Ägypter, ein Saudi und ein Türke. 20 Afghanen und sieben Pakistani wurden ebenfalls getötet. Im November 1998 setzten die USA 5 Millionen Dollar Belohnung für die Ergreifung Bin Ladens aus. Die Amerikaner waren gleichfalls alarmiert als Bin Laden behauptete, es sei seine islamische Pflicht chemische und nukleare Waffen zu erwerben und sie gegen die USA einzusetzen. "Es wäre eine Sünde für Moslems nicht zu versuchen, in den Besitz von Waffen zu gelangen, die die Ungläubigen davon abhalten Moslems Schaden zuzufügen. Feindschaft gegen die USA ist eine religiöse Pflicht und wir hoffen dafür von Gott belohnt zu werden", sagte er. (11)
Innerhalb weniger Wochen nach den Bombenanschlägen in Afrika verteufelte die Clinton-Administration Bin Laden so
sehr, dass sie ihn für alle Grausamkeiten, die in der muslimischen Welt gegen die USA verübt wurden, verantwortlich machte. In der darauffolgenden Anklage gegen ihn durch ein Gericht in New York wurde Bin Laden beschuldigt verantwortlich zu sein für die 18 im Jahre 1993 in Mogadischu, Somalia, getöteten amerikanischen Soldaten; den Tod von fünf Beamten im Bombenanschlag von Riyad 1995 und für den Tod von 19 weiteren US-Soldaten in Dhahran 1996.
Er wurde auch verdächtigt bei den Anschlägen in Aden 1992, auf das World Trade Center 1993 und bei einem
Komplott gegen Präsident Clinton auf den Philippinen seine Hände im Spiel gehabt zu haben. Ebenso für die im Jahre 1995 geplante Sprengung eines Duzend ziviler US-Flugzeuge. (12) Es gab allerdings große Skepsis - selbst bei US-Experten - dass er an allen diesen letzteren Operationen beteiligt war. (13) Die Clinton-Administration war jedoch verzweifelt auf der Suche nach einer Ablenkung, als sie durch die Untiefen der Monica Lewinsky-Affaire durchwatete und brauchte auch eine auf alles zielende simple Erklärung für die unerklärten Terrorakte. Bin Laden wurde zum Zentrum dessen aufgebaut, was Washington zur Verschwörung gegen die USA aufbaute. Washington war jedoch nicht darauf vorbereitet zuzugeben, dass der Jihad in Afghanistan mit der Unterstützung der CIA duzende über die muslimische Welt verstreute fundamentalistische Bewegungen hervorgebracht hatte, die eine Wut weniger auf die Amerikaner als vielmehr auf ihre eigenen korrupten und inkompetenten Regimes hatten. Bereits 1992-3 rieten ägyptische und algerische Staatschefs Washington auf höchster Ebene sich diplomatisch wieder in Afghanistan zu engagieren, um Frieden zu befördern und die Präsenz der "Arabischen Afghanen" zu beenden. Washington ignorierte die Warnungen und ignorierte den Schauplatz Afghanistan weiterhin als dort der Bürgerkrieg bereits eskalierte. (14)
Die Algerier hatten für ihre Befürchtungen wohl begründeten Anlass, da die erste größere Eruption aus den Reihen
der "Arabischen Afghanen" in Algerien auftrat. 1991 gewann die Islamische Heilsfront (FIS) in der ersten Runde der Parlamentswahlen landesweit rund 60 Prozent der Sitze. Die algerische Armee annullierte die Ergebnisse, rief im Januar 1992 den Notstand aus und binnen zweier Monate begann ein Bürgerkrieg der bis 1999 ungefähr 70.000 Tote forderte. Die FIS selbst wurde von der noch radikaleren Islamischer Jihad überrundet, die 1995 ihren Namen in Bewaffnete Islamische Gruppen (GIA) änderte. GIA wurde von "Arabischen Afghanen" geführt - von algerischen Veteranen aus dem Krieg in Afghanistan - die Neo-Wahabiten geworden waren und die den Plan verfolgten Algerien in ein Blutbad zu stürzen, Nordafrika zu destabilisieren und das Wachstum des Islamismus in Frankreich zu befördern.
Algerien war nur ein Vorgeschmack auf das, was später kommen sollte. Die in Ägypten verübten Bombenanschläge
wurden auch auf in Afghanistan erfahrene ägyptische Veteranen zurückgeführt. Bin Laden kannte viele Drahtzieher dieser Gewalttaten in der moslemischen Welt weil sie in Afghanistan zusammen gelebt und gekämpft hatten. Seine Organisation konzentrierte sich auf die Unterstützung von Veteranen und ihren Familien aus dem Afghanistankrieg und unterhielt weiterhin Kontakte zu ihnen. Er mag durchaus einige ihrer Operationen finanziert haben, doch ist es unwahrscheinlich, dass er wusste was in ihnen allen vorging, geschweige dann, dass er ihre landesinternen Pläne kannte. Bin Laden war in der Nomenklatur des Islam auch immer unsicher. Er ist weder ein islamischer Gelehrter noch ein Lehrer und kann daher rechtlich keine Fatwas aussprechen - obwohl er dies tut. Im Westen wurden seine "Tod den Amerikanern"-Aufrufe als Fatwas interpretiert, obwohl sie in der moslemischen Welt kein moralisches Gewicht haben bzw. nicht bindend sind. Arabische Afghanen, die ihn aus der Zeit des Jihad kannten, sagen, er sei weder intellektuell noch rhetorisch auf der Höhe dessen was in der muslimischen Welt getan werden müsse. In diesem Sinne war er weder der Lenin der islamischen Revolution noch war er der internationalistische Ideologe einer solchen so wie es Che Guevara für die Dritte Welt war. Bin Ladens frühere Verbündete beschreiben ihn als leicht zu beeindrucken, immer auf der Suche nach Mentoren, die mehr über den Islam und die moderne Welt wussten als er. Zu der langen Liste von Mentoren seiner Jugendzeit kam später Dr. Aiman al-Zawahiri hinzu, Kopf des verbotenen Islamischen Jihad in Ägypten und zwei Söhne von Scheich Omar Abdel Rehman, der blinde ägyptische Prediger, der nun für den Anschlag auf das World Trade Center 1993 im Gefängnis sitzt und die verbotene El Gamaa Islamiyya in Ägypten anführte. Durch den afghanischen Jihad kannte er auch die langjährigen Chefs in der Nationalen Islamischen Front des Sudan, der libanesischen Hisbollah und der Hamas, der radikalen islamischen Bewegung in Gaza und der West Bank. In Kandahar war er mit Tschetschenen, Bangladeshis, Philippinos, Algeriern, Kenyanern, Pakistanis, und afro-amerikanischen Moslems zusammen - von denen viele besser belesen waren als Bin Laden selbst, die jedoch Afghanistan nicht verlassen konnten, weil sie auf amerikanischen Fahndungslisten standen. Was sie brauchten war finanzielle Unterstützung und Zuflucht, und die konnte ihnen Bin Laden bieten.
Nach den Anschlägen in Afrika starteten die USA eine wirklich globale Operation. Mehr als 80 militante Islamisten
wurden in einem duzend verschiedener Länder festgenommen. Militante wurden in einem Halbkreis von Tansania, Kenia, Sudan, Jemen über Pakistan, Bangladesh, Malaysia und den Philippinen aufgegriffen. (15) Im Dezember 1998 nahmen indische Behörden einen Bangladeshi fest, der eines Bombenplans auf das US-Konsulat in Kalkutta verdächtigt wurde. Sieben junge Afghanen wurden mit falschen italienischen Pässen in Malaysia festgenommen und beschuldigt eine Anschlagsserie geplant zu haben. (16) Dem FBI zufolge wurden Militante, die im Dezember 1998 in Jemen 16 westliche Touristen kidnappten, von Bin Laden finanziert. (17) Im Februar 1999 behaupteten Bangladeshische Behörden Bin Laden habe eine Million US $ an die Harakat-ul-Jihad (HJ) in Dhaka gespendet, deren Mitglieder zum Teil in Afghanistan trainiert und gekämpft hatten. ŃHJ"-Chefs erklärten, sie wollten Bangla Desh in einen Taliban-ähnlichen Staat verwandeln. (18)
Tausende Meilen weiter entfernt, in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott in West Afrika, wurden mehrere
Militante, die auch unter Bin Laden trainiert hatten, unter dem Verdacht festgenommen einen Anschlag geplant zu haben. (19) Unterdessen hatten im Laufe eines Gerichtsverfahrens gegen 107 Al-Jihad Mitglieder vor einem Militärgericht in Kairo ägyptische Geheimdienstoffiziere bezeugt, dass Bin Laden Al-Jihad finanziert hatte. (20) Im Februar 1999 behauptete der CIA durch die Satellitenüberwachung der Kommunikationsnetze Bin Ladens seine Anhänger daran gehindert zu haben, sieben Bombenanschläge gegen US-Einrichtungen in Saudi Arabien, Albanien, Aserbaidschan, Tadschikistan, Uganda, Uruguay und der Elfenbeinküste zu verüben. Damit betonten sie die Reichweite der "Arabischen Afghanen". 1999 stellte die Clinton Administration 6,7 Milliarden US $ für die Terrorismusbekämpfung bereit, während das Antiterror-Budget des FBI von 118 auf 286 Millionen US$ wuchs und die Agency stellte 2650 Agenten für diese Aufgabe ab, zweimal so viel wie 1998. Jedoch waren es Pakistan und Saudi Arabien, die ursprünglichen Sponsoren der "Arabischen Afghanen", die unter deren Aktionen am meisten zu leiden hatten. Im März 1997 wurden drei arabische und tadschikische Militante nach einer 36-stündigen Schießerei zwischen ihnen und der Polizei in einem afghanischen Flüchtlingslager bei Peschawar erschossen. Als Angehörige der radikalen wahabitischen Tafkir Gruppe planten sie ein Treffen islamischer Staatschefs in Islamabad [der pakistanischen Hauptstadt] in die Luft zu sprengen. Mit der Ermutigung von Pakistan, den Taliban und Bin Laden hatten sich "Arabische Afghanen" in der Partei Harkat-ulema-Ansar eingeschrieben, um im Kaschmir gegen indische Truppen zu kämpfen. Durch die Einführung von Arabern, die im Kaschmir-Tal wahabitische Herrschaftsregeln einführten, fühlten sich einheimische Kaschmiris marginalisiert. Die US-Regierung erklärte Ansar 1996 zur terroristischen Vereinigung, die daraufhin sogleich ihren Namen in Harkat-ul Mudjahedin änderte. Alle pakistanischen Opfer des US-Raketenangriffs in Khost gehörten Ansar an. 1999 erklärte die Organisation Ansar, sie würde im Kaschmir-Tal eine strikte wahabitische Kleiderordnung erlassen und verboten Jeans und Jacken. Am 15. Februar 1999 erschossen und verwundeten sie drei Kaschmirische Fernsehtechniker für das Verlegen westlicher Satellitenempfangskabel. Ansar hatte früher die liberalen Traditionen Kaschmirischer Moslems respektiert, doch die Aktionen der "Arabischen Afghanen" verletzten die Legitimität der Kaschmiri-Bewegung. Diese Gefechte gaben dann der indischen Regierung die Gelegenheit zum Propagandaerfolg. (21)
Pakistan geriet unter Druck, als Washington Premierminister Nawaz Sharif zur Verhaftung Bin Ladens drängte. Die
engen Kontakte des ISI und die Tatsache, dass er Kaschmiri-Kämpfer finanzierte und trainierte, die die Lager in Khost benutzten, wurden für Nawaz Sharif zum Dilemma als er im Dezember 1998 Washington besuchte. Sharif wich der Frage aus, doch andere Vertreter der Pakistanischen Delegation waren unverschämter und erinnerten ihre amerikanischen Gegenüber wie sie beide Bin Laden in den 80ern und den Taliban in den 90ern Geburtshilfe geleistet hatten. In einem Interview verwies Bin Laden selbst auf anhaltende Unterstützung durch Teile der pakistanischen Geheimdienste. "Was Pakistan betrifft, so gibt es dort durch die Gnade Gottes einzelne andere Regierungsabteilungen, die sich den islamischen Gefühlen der Massen in Pakistan verbunden fühlen. Dies erweist sich in Sympathie und Zusammenarbeit. Andere Abteilungen sind jedoch in die Fallen der Ungläubigen gegangen. Wir beten zu Gott, dass er sie wieder auf den rechten Weg bringt" so Bin Laden. (22) Für das pakistanische Establishment wurde die Unterstützung für Bin Laden zu einem weiteren Widerspruch in der Außenpolitik Pakistans, wie im 14. Kapitel weiter ausgeführt wird. Die USA waren Pakistans engster Verbündeter und mit weitreichenden Beziehungen ins Militär und den Geheimdienst ISI hinein. Doch sowohl die Taliban als auch Bin Laden boten den von Pakistan gestützten Kaschmiri-Rebellen Zuflucht und Trainingsmöglichkeiten und Islamabad hatte geringes Interesse diese Unterstützung auszutrocknen. Obwohl die USA wiederholt die ISI-Kommandeure zur Zusammenarbeit bei der Auslieferung Bin Ladens zu überreden versuchte, lehnten diese das ab. Doch gelang es den USA auf diesem Weg einige von Bin Ladens Anhängern zu verhaften. Ohne Pakistans Mithilfe konnten die USA nicht hoffen Fangoperationen oder gezieltere Anschläge zu starten, weil sie für solche Razzien pakistanisches Territorium brauchten. Zugleich wagten es die USA nicht Pakistan für seine Unterstützung der Taliban anzuklagen, weil sie immer noch auf eine Kooperation des ISI für den Fang Bin Ladens hofften. Das Verhalten der Saudis war sogar noch rätselhafter. Im Juli 1998 besuchte Prinz Turki Kandahar und wenige Wochen später trafen 400 neue Pick-Up LKWs für die Taliban ein, die noch immer ihre Dubaier Kennzeichen trugen [die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate]. Die Saudis finanzierten auch die Eroberung des Nordens durch die Taliban im Herbst (98). Seit den Anschlägen in Nairobi und Dar-es-Salaam und trotz dem Druck der USA ihre Unterstützung für die Taliban zu beenden, hörten die Saudis nicht auf die Taliban zu finanzieren und schwiegen zu der Notwendigkeit Bin Laden auszuliefern. (23) Die Wahrheit über das Schweigen der Saudis war jedoch noch komplizierter. Die Saudis zogen es vor Bin Laden in Afghanistan zu lassen, weil seine Verhaftung und Verurteilung durch die Amerikaner das enge Verhältnis, das Bin Laden zu sympathisierenden Teilen der saudischen Königsfamilie und Teilen des saudischen Geheimdienstes unterhielt, noch viel deutlicher ans Licht kommen würde, was für sie sehr peinlich geworden wäre. Die Saudis wollten Bin Laden lieber tot oder als Gefangenern der Taliban - sie wollten ihn nicht als Gefangenen der USA. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Afrika verstärkten die USA ihren Druck auf Saudi Arabien. Prinz Turki besuchte nochmals Kandahar, diesmal, um Taliban zu überreden Bin Laden auszuliefern. Bei diesem Treffen weigerte sich Mullah Omar und beschimpfte Prinz Turki. Bin Laden selbst beschrieb was ablief: "Er (Prinz Turki) forderte Mullah Omar auf uns aufzugeben oder uns aus Afghanistan auszuweisen. Es gehört nicht zu den Aufgaben des Saudischen Regimes aufzutreten und um die Herausgabe Osama Bin Ladens zu fragen. Es war als ob Prinz Turki als ein Gesandter der US-Regierung kam." (24) Wütend über diese Beschimpfungen setzte das Saudische Regime ihre diplomatischen Beziehungen zu den Taliban aus und stellte ohne Wirkung alle ihre Hilfe ein, wobei sie jedoch ihre Anerkennung des Taliban-Regimes nicht widerriefen.
Von nun an entfaltete Bin Laden beachtlichen Einfluss innerhalb der Taliban, doch das war nicht immer so. Der Kontakt
zwischen den Taliban und den "Arabischen Afghanen" und ihrer pan-islamischen Ideologie war bis zur Eroberung Kabuls 1996 noch nicht vorhanden. Pakistan war in der Einführung Bin Ladens bei den Führern der Taliban in Kandahar tief involviert, weil es die Trainingslager in Khost den Kaschmiri-Rebellen vorbehalten wollte. Lager, die nun in den Händen der Taliban waren. Überredungskunst von Seiten Pakistans, Talibans besser geschulte Kader, die auch pan-islamische Ideen hatten und die Verlockung finanzieller Vorteile aus den Händen Bin Ladens ermutigten die Taliban sich mit Bin Laden zu treffen und ihm die Lager in Khost zurückzugeben. Zum Teil zu seiner eigenen Sicherheit und zum Teil um ihn zu kontrollieren versetzten die Taliban Bin Laden 1997 nach Kandahar. Zu Beginn lebte er als zahlender Gast. Er baute für Mullah Omars Familie ein Haus und spendete für andere Taliban Führer. Er versprach die Straße vom Flughafen und der Stadt Kandahar zu teeren und Moscheen, Schulen und Dämme zu bauen, doch seine zivilen Vorhaben kamen nie in die Gänge und seine Fonds wurden eingefroren. Während Bin Laden in seinem Haus in Kandahar mit seiner Familie, seinen Dienern und Mitkämpfern in enormem Luxus lebte, brachte das arrogante Gebaren der "Arabischen Afghanen" und ihre Unfähigkeit auch nur eines der zivilen Projekte zu erfüllen, die lokale Bevölkerung gegen sie auf. In den Augen der Kandaharis waren die Taliban die Profiteure der arabischen Großzügigkeit und nicht das einfache Volk. Bin Laden schmeichelte sich noch weiter ein bei der Taliban-Führung durch die Entsendung von mehreren Hundert Arabischen Afghanen, um 1997 und 98 an den Offensiven im Norden teilzunehmen. Diese wahabitischen Militärs halfen den Taliban die Massaker an den schiitischen Hazara-Minderheit zu verüben. Mehrere hundert "Arabische Afghanen", stationiert in der Rishkor Armeekaserne am Rande Kabuls, kämpften an der Kabuler Front gegen Scheich Masud. Mit der Zeit schien Bin Ladens Weltsicht das Denken der oberen Taliban zu dominieren. Nächtliche Gespräche zwischen ihnen machten sich ausbezahlt. Bis zu seiner Ankunft waren die Taliban nicht sonderlich aggressiv gegen die USA oder den Westen, sondern forderten Anerkennung für ihre Regierung. Nach den Bomben in Afrika wandten sich die Taliban immer aggressiver gegen die USA, die UN, die Saudis und andere moslemische Regime auf der Welt. Ihre Verlautbarungen spiegelten immer stärker den Trotz den Bin Laden angenommen hatte, und der ursprünglich kein Taliban Erkennungszeichen war. Als sich der Druck der USA auf die Taliban Bin Laden auszuliefern verstärkte, entgegneten sie, er sei ihr Gast und in der afghanischen Tradition sei es nicht üblich einen Gast auszuweisen. Als Zeichen erkennbar wurden, dass Washington einen neuen Militärschlag gegen Bin Laden vorbereiteten, versuchten die Taliban einen Deal mit Washington: ihm das Verlassen des Landes zu erlauben und sie im Gegenzug als Regierung anzuerkennen. So betrachteten die Taliban Bin Laden bis zum Winter 1998 als ein Vermögen, als ein Unterpfand, mit dem sie mit den Amerikanern verhandeln könnten.
Das US-Außenministerium installierte eine Satellitentelephon-Verbindung, um mit Mullah Omar direkt zu sprechen.
Afghanische Beamte, hielten mit Hilfe eines Paschtun-Übersetzers lange Gespräche mit Omar, in der beide Seiten ihre verschiedenen Optionen durchsprachen. Doch ohne Ergebnis. (25) im Frühjahr 1999 begann es ihnen zu dämmern, dass sie mit den USA keinen Kompromiss erzielen konnten und sie begannen Bin Laden als Verpflichtung anzusehen. Ein an die Taliban gerichtetes Ultimatum der USA vom Februar 1999 entweder Bin Laden auszuliefern oder aber die Konsequenzen zu gewärtigen zwang die Taliban ihn aus Kandahar diskret verschwinden zu lassen. Dieser Schritt brachte den Taliban etwas Zeit, doch die Sache war noch weit von einer Lösung entfernt. Die "Arabischen Afghanen" hatten den Zirkel geschlossen. Vom bloßen Anhängsel des Afghanistankriegs und des Kalten Kriegs der 80er Jahre hatten sie in den 90ern im Zentrum Afghanistans, den Nachbarstaaten und dem Westen Platz genommen. Die USA zahlten nun den Preis dafür, dass sie zwischen 1992 und 96 die Vorgänge in Afghanistan ignoriert hatten, während die Taliban den feindseligsten und militantesten islamistischen Bewegungen Zuflucht gewährten, welche die Welt seit Ende des Kalten Kriegs kannte. Afghanistan war nun ein Hafen für Islamischen Internationalismus und Terrorismus und die Amerikaner und der Westen wurden immer ratloser wie damit umzugehen sei.

(1) Interviews mit pakistanischen Kabinettsmitgliedern, die unter Zia dienten.
(2) Roy, Olivier, Afghanistan, from Holy war to Civil War, Princeton University Press 1995

(3) Roy, wie oben.

(4) Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, Simon & Schuster 1996.

(5) Interview mit Bin Ladens Freunden in Saudi Arabien und London 1992, 93, und 1999.

(6) AFP, "Laden plante 1995 globale islamische Revolution" 27.8.98

(7) Al Ahram Interview mit Masud, von Yahya Ghanim 19.8.97

(8) Giacomo, Carol, "USA benennt Saudischen Geschäftsmann als extremistischen Sponsor", Washington Post 14.8.96.

(9) AFP, "Ägypten beschuldigt Bin Laden junge Islamisten zu trainieren" 18.2.97.
(10) Hiro, Dilip, "Militante Islamisten, einst von den USA unterstützt, bedrohen sie nun" , the Nation, New York,

15.2.99.

(11) Time Magazine, Interview mit Bin Laden, 11. Januar 1999.

(12) Time Magazine, "Inside the hunt for Osama", 21.12.98.

(13) Newsweek, Making a symbol of terror, 1. März 1999. Der Artikel bestreitet unter Bezug auf US-Quellen, dass Bin

Laden in all diesen Terrorakten involviert war.

(14) Interview mit algerischen und ägyptischen Diplomaten und Politikern in Islamabad 1992-3.

(15) Global Intelligence Update, "Bangladesh Movement highlights new Pan-Islamic Identity", 27.1.99.

(16) Global Intelligence Update, "Possible Bin Laden group attempts transit through Malaysia", 13. Januar 1999.

(17) Reid, Tim, "Yemeni kidnappings were revenge for Iraq bombing" Daily Telegraph, 3.1.99. Das FBI behauptete,

dass die Jemeniten Laptop-PCs und Kommunikationsbausteine hätten, mit denen sie direkt mit Bin Laden im Kontakt

bleiben könnten.

(18) AFP, "Bin Laden may be targeting Bangladesh, 19.2.99.

(19) AFP, "Suspected Bin Laden supporters held in Mauritania", 5. März 1999.

(20) AFP, "Osama bankrolled Egyptís Jihad", 15. Februar 1999.

(21) AFP, " Kashmir militant group issues islamic dress order", 21. Februar 1999. Pakistanische Diplomaten wurden

immer besorgter über die Aktivitäten der Wahabiten im Kaschmir. Interview mit Diplomaten, Islamabad, März 1999.

(22) Time magazine, "Interview mit Bin Laden", 11. Januar 1999.

(23) Interviews mit höheren pakistanischen Beamten, Islamabad, zwischen Dezember-März 1998-9. Siehe auch

Mcgirk, Tim "Guest of Honour", Time magazine, 31. August 1998.

(24) Time magazine, "Interview mit Bin Laden", 11. Januar 1999.

(25) Interviews mit US Diplomaten, Islamabad 1999.

 


 

Hier zwei Artikel von 1992 und 95, die Hinweise geben, warum die USA und Pakistan Hekmatjars Hisb-e-Islami 1994 fallen ließen und alsbald die Taliban beförderten: Der Zerfall Afghanistans sollte durch Nationenbildung im Krieg aufgehalten werden! Die Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) als einziges "einigendes Band", das zur Zentralisierung taugt.

TAZ Nr. 3691 Seite 8 vom 27.04.1992  177 Zeilen von TAZ-Bericht Bernhard Imhasly

Angst von dem Zerfall Afghanistans

"Paschtunistan" als Gefahr für den staatlichen Zusammenhalt Pakistans/ Islam als einigendes Band. Aus Neu-Delhi Bernard Imhasly

Die Ereignisse der letzten Tage in Kabul haben die Gefahr einer ethnischen Zersplitterung Afghanistans erhöht. Für Pakistan wäre dies der Zusammenbruch seiner langjährigen Politik gegenüber dem Nachbarstaat, die darauf abzielte, in Kabul eine starke islamische Regierung unter sunnitischer Führung installieren zu helfen. Sie sollte Gewähr dafür bieten, eine Solidarisierung der Paschtunen jenseits und diesseits der Grenze zu verhindern, die für die Weiterexistenz dieses multi-ethnischen Landes das Ende bedeuten würde. !!!

Ringen um gemeinsame Linie mit Mudschaheddin
Mehr als zehn Stunden hintereinander diskutierte der pakistanische Premierminister Nawaz Scharif vor einer Woche
mit den afghanischen Mudschaheddin-Gruppen im Exil, um sie auf eine gemeinsame Linie untereinander und mit den Kommandanten an der Front zu bringen. Er hatte alle sonstigen Verpflichtungen abgesagt und war nach Peschawar geeilt, um die chronisch zerstrittenen Widerstandskämpfer dazu zu bringen, die historische Chance einer möglichen Einigung nicht zu verpassen. Am Ende mußte Scharif jedoch einmal mehr zur Kenntnis nehmen, daß die großen Opfer, die Pakistan für den afghanischen Widerstand während dreizehn Jahren gebracht hatte, bei deren Nutznießern nur wenig gelten, wenn es um die kompromißlose Durchsetzung politischer Ziele und persönlichen Ehrgeizes geht.

Gulbuddin Hekmatyar, der radikale Führer der Hizb Islami, ließ sich beim historischen Treffen durch die dritte Garnitur seiner Partei vertreten. Und diese verhinderte am Schluß die Erarbeitung eines Kompromisses, der es erlaubt hätte, für die Übernahme der Herrschaft in Kabul jene Formel anzuwenden, die in zahlreichen Provinzstädten eine friedliche Übernahme erlaubt hat. Paradoxerweise war Hekmatyar lange Zeit jener Führer, auf den die "Inter Services Intelligence" (ISI), der militärische Geheimdienst, jahrelang alle seine Karten gesetzt hatte. Der ISI bestimmte bis letztes Jahr die Afghanistan-Politik Pakistans und baute mit Hekmatyar einen Führer auf, der mit US-amerikanischem Geld und Waffen überschüttet wurde. Er war nach Auffassung des ISI "der Politiker unter den Kriegern, und der Krieger unter den Politikern". Seine Staatsideologie für Afghanistan - ein strenges islamisches Regime - sollte Gewähr dafür bieten, daß nicht mehr ethnische Partikularismen, sondern die überbrückende Ideologie des Islam die zukünftigen Beziehungen zwischen beiden Ländern bestimmen würden. Die Angst vor einem Aufbrechen der ethnischen Gegensätze als Gefahr für die staatliche Einheit ist seit jeher die wichtigste Triebfeder der pakistanischen Innenpolitik gewesen und erklärt die Flucht in den Islam als dem einzigen einigenden Band dieser Gesellschaft. Es ist derselbe Hekmatyar, der nun mit seinem ehrgeizigen Ziel der Installierung einer von sunnitischen Paschtunen beherrschten Staatsmacht die Gefahr einer Zersplitterung Afghanistans nach ethnischen Demarkierungen riskiert - mit möglicherweise verheerenden Konsequenzen für Pakistan. Die "Durand-Linie", die Afghanistan von Pakistan trennt, verläuft mitten durch das Stammesgebiet der Paschtunen. Die Idee eines unabhängigen "Paschtunistan" zwischen Afghanistan und Pakistan bildet seit der Zeit der indischen Unabhängigkeitsbewegung den politischen Sammelpunkt für die verschiedene Paschtu- sprechenden Stämme beidseits der Grenze.

Abfall des einst gehätschelten Hekmatyar

Pakistans großmütige Politik gegenüber den afghanischen Flüchtlingen gehorchte nicht nur humanitären und US-amerikanischen strategischen Interessen. Sie sollte auch die Paschtunen vom guten Willen des Nachbarlandes überzeugen und eine zukünftige freie afghanische Regierung dazu bringen, die Durand-Linie endlich als internationale Grenze anzuerkennen und damit das Gespenst des paschtunischen Separatismus endgültig zu bannen. Das jahrelange Zusammenleben von paschtunischen Flüchtlingen und ihren pakistanischen "Brüdern" hat aber das ethnische Zusammengehörigkeitsgefühl eher gestärkt. Und nun droht das Verhalten Hekmatyars - des vermeintlichen Garanten eines überethnischen, islamischen Afghanistan - dieses noch zu zementieren. Die Etablierung eines nach ethnischen Trennlinien aufgebrochenen Landes, das wie Jugoslawien bald in seine Teile zerfallen könnte, würde schnell in den Ruf nach einer Vereinigung der paschtunischen Stämme diesseits und jenseits der Grenze in ein gemeinsames "Paschtunistan" münden.
Ironischerweise war es gerade der frühere Chef des ISI, General Hamid Gul, der kürzlich in einem Interview davor
warnte, daß die Aufteilung Afghanistans die "höchste Gefahr für den Zusammenhalt Pakistans" bedeuten würde. Eine ethnische Absonderung der afghanischen Paschtunen würde die fragile Politik in der paschtunisch-beherrschten "North West Frontier Provinces" (NWFP) sofort zum Siedepunkt bringen. Khan Wali Khan, der prominenteste Politiker der Provinz und Sohn des paschtunischen Freiheitskämpfers Khan Abdul Gaffar Khan, hat geschworen, daß die Paschtunen die Durand-Linie niemals als Grenze akzeptieren werden. Die Komplexität der politischen Herausforderung für Premierminister Nawaz Scharif läßt sich ermessen, wenn man weiß, daß Wali Khans "National Awami Party" selber ein Mitglied der regierenden IJI-Koalition ist... Sie macht auch einsichtig, warum Premierminister Scharif am letzten Wochenende bis zuletzt versuchte, die verschiedene Gruppen auf eine gemeinsame Linie mit Ahmed Schah Massuds Dschmiat Islami zu bringen. Aber missionarischer Ehrgeiz bewog Hekmatyar, zu seinen Kämpfern vor den Toren Kabuls zu ziehen, statt sich in Peschawar von seinen pakistanischen Freunden einbinden zu lassen. Die Regierung in Islamabad, die während dreizehn Jahren den Wind der islamischen Einheit zu säen versuchte, befürchtet nun, den Sturm der ethnischen Zersplitterung zu ernten.

 


Le Monde diplomatique Nr. 4770 Seite 15 vom 10.11.1995  359 Zeilen von Dokumentation Alfonso Artico* Journalist

AFGHANISTANS FERNGESTEUERTE GLAUBENSKRIEGER
Pakistan schürt den Bürgerkrieg

NACHDEM die Taliban im September Herat eingenommen haben, kontrollieren sie nun über die Hälfte Afghanistans und stehen zum zweiten Mal kurz vor Kabul. Dieser Krieg, der seit dem Rückzug der Sowjets im Jahre 1989 das Land verwüstet, hat einen Wendepunkt erreicht. Den Strategen in Pakistan bietet sich eine weitere Chance, tief nach Zentralasien vorzudringen.
"Ich weiß nicht mehr, wem ich noch trauen soll." Sardar, ein Riese von Gestalt und von Beruf Ingenieur, bezweifelt,
daß "die Regierenden den Frieden wollen. Ich glaube eher, es geht ihnen um die Macht, um sich zu bereichern." In der Runde nicken alle Kabulis zustimmend. "Wir sind privilegiert, weil wir mit regierungsunabhängig en Organisationen zusammenarbeiten, doch die anderen, zumal in den von den Taliban eroberten Gebieten..." Im September 1994 erschienen die Taliban auf der politischen Bühne Afghanistans, seither haben sie das militärisch- politische Gefüge des Landes grundlegend verändert. Sie sind inzwischen mit anderen oppositionellen Gruppen verbündet, vor allem mit den Usbeken von General Raschid Dostam, und zu einer ernsten Bedrohung für Präsident Burhanuddin Rabbani geworden. Diese fundamentalistischen Studenten kommen aus den Medresen, den theologischen Hochschulen in der Gegend um Quetta, und setzen ihr orthodoxes Sunnitentum in den Gebieten, die ihnen in die Hände fallen, rigoros durch. Zu der geographischen Nähe kommt eine politische. So sympathisiert ihre Bewegung mit der Dschamiat-e-Ulama Eslami (DUE) in Pakistan. Als einstige Verbündete von Ali Bhutto, den der Diktator Zia ul-Haq 1979 hinrichten ließ, votierte die DUE 1993 für die Tochter des Ermordeten, die heutige Ministerpräsidentin Benazir Bhutto. Der Parteivorsitzende Faz ul-Rahman ist wiederum eng befreundet mit dem Innenminister, General Nasr Ullah Babar, der als "Kopf" der "Operation Taliban" gilt. Innerhalb des pakistanischen Geheimdienstes, dem gefürchteten Interservices Intelligence (ISI), hat sich viel verändert. An der Ablösung von General Javeed Aschraf, der zweieinhalb Jahre im Amt war, durch seinen Stellvertreter General Nasim Rana zeigt sich, welch harte Kämpfe im verborgenen ausgefochten werden. Mit Hilfe der Dschamiat-e-Eslami will der ISI ein Netzwerk schaffen, das für seine politischen Vorhaben nützlich ist. Die einen unterstützen Benazir Bhutto, die anderen die Opposition und... ein stärkeres Eingreifen Pakistans in Afghanistan. Eins ist jedenfalls gewiß: Die pakistanische Politik gegenüber Afghanistan hat sich verändert. Sowohl im Krieg gegen die Sowjetunion (1979-1988) als auch bei den folgenden fast ununterbrochenen Konfrontationen setzte Islamabad stets auf die Hesb-e-Eslami, eine extrem fundamentalistische Organisation unter der Führung von Gulbuddin Hekmatjar. Das Ziel war stets dasselbe: Man wollte verhindern, daß sich in Kabul eine Regierung etabliert, die den irredentistischen Bestrebungen der pakistanischen Paschtunen Vorschub leisten oder gar durch ein Bündnis mit Indien Pakistan in den Rücken fallen könnte.
Doch die massive Unterstützung Hekmatjars zeigte kein überzeugendes Ergebnis: trotz wiederholter Angriffe gelang
es dem Führer der Hesb-e-Eslami nicht, Ahmed Schah Massud und seinen mehrheitlich tadschikischen Truppen die afghanische Hauptstadt zu entreißen. Während der endlosen militärischen Auseinandersetzungen, die hohe Verluste unter der Bevölkerung forderten (30000 Tote, 100000 Verletzte, Abertausende von Flüchtlingen), hat Gulbuddin Hekmatjar viel an Popularität verloren. Im eigenen Volk (den Paschtunen) umstritten, von den Amerikanern beschuldigt, den internationalen Terrorismus zu finanzieren, und als Terroristenfreund bezeichnet - 10.000 islamische Fundamentalisten sollen ihre militärische Ausbildung in Afghanistan erhalten haben -, wurde der altgediente Verbündete zunehmend untragbar. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, mußte man auf eine neue Karte setzen. Als sunnitische panislamische Fundamentalisten, die von Saudi-Arabien gern gesehen waren, kamen die Taliban da gerade recht.
Die Machthaber in Kabul stellen diese erneute Einmischung häufig als das Haupthindernis dar, ihre mörderischen
Konflikte zu überwinden. So spricht der Premierminister Ahmad Schah Ahmad Sai von einer "Fernsteuerung durch Islamabad". Zwar steckt ein Körnchen Wahrheit in diesen Klagen. Wahr ist aber auch, daß Ismal Khan, der Held des heiligen Krieges und im Westen Afghanistans als Führungsfigur bewundert, die strategisch wichtige Stadt Herat, die im September dieses Jahres in die Hände der Taliban gefallen ist, regelrecht verkauft hat. Nachdem er seine Familie in Frankreich in Sicherheit gebracht hatte, soll er die lokalen Kassen seiner Partei (der Dschamiat-e-Eslami, die zur Machtablösung in Kabul vorgesehen war) geplündert haben, dann floh er nach Meschhed im Iran.
Natürlich geht es beim Spielball Afghanistan um mehr als nur diese finsteren Machenschaften. Zusätzlich zu seinen
schon traditionellen Interessen ist das Land für Islamabad nun auch aus neuen, bedeutenderen Gründen wichtig. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR hat Mittelasien seine einstige strategische und wirtschaftliche Bedeutung wiedererlangt. Für Pakistan und alle anderen Staaten - angefangen beim Rußland von Boris Jelzin bis hin zu den Ländern des Westens - eröffnen sich hier hervorragende Absatzmärkte. Hinzu kommen reiche Vorkommen an Erdgas, Erdöl und Mineralien, die zu den wichtigsten der Welt zählen. Der pakistanische Handel ist angewiesen auf die Route nach Zentralasien, dieselbe, der schon Jahrhunderte zuvor die Karawanen folgten, als das steinreiche mongolische Reich Handel mit Samarkand, Buchara und Chiwa trieb. Seit 1989 stand Islamabad in Kontakt zur prosowjetischen Regierung von Nadschibullah. Doch die politischen Verhältnisse waren zu instabil, so daß nichts zustande kam. Also wird Pakistan weiterhin vergeblich auf Gulbuddin Hekmatjar setzen. Während in Afghanistan der Bürgerkrieg weitergeht, steht Islamabad im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. 1993 wäre Pakistan beinahe auf die Liste der terroristischen Staaten gesetzt worden. Ramsi Ahmad Jussef, der angeklagt ist, die Bombe im New Yorker World Trade Center deponiert zu haben, stammt aus Peschawar. Daher greifen die USA wieder auf das 1985 eingeführte Pressler Amendment zurück, das eine drastische Verringerung der amerikanischen Hilfe vorsieht, vor allem im Bereich der nuklearen Rüstung - für die Pakistanis ein Tabu. Der westliche Druck wird um so stärker, als in der Presse immer häufiger vom Goldenen Halbmond die Rede ist (Pakistan, Afghanistan und Iran), dem Zentrum der Opiumherstellung auf der Welt. Die Weiterverarbeitung von Opium zu Heroin findet in Laboratorien an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan statt. Die Einnahmen daraus werden auf mehr als 2 Milliarden Dollar jährlich geschätzt, wobei fast zwei Drittel des Heroins (insgesamt sind es mindestens 3500 Tonnen) auf dem europäischen Markt verkauft werden. Nach einem vertraulichen Bericht der Dublin- Gruppe verbieten die Taliban den Anbau und die Nutzung von Cannabis, jedoch nicht die Gewinnung und den Handel mit Opium. Der Genuß von Opium ist in Afghanistan traditionell weit verbreitet. Beunruhigender ist da schon der stetig wachsende Heroinverbrauch, besonders unter den Vertriebenen und den ins Land zurückgekehrten Flüchtlingen. Islamabad mußte also dringend seine Glaubwürdigkeit wiederherstellen, sowohl durch wirtschaftliche Leistungen als auch durch die Rolle als Friedenstifter, die es in Afghanistan gespielt hat. Die neue Politik setzte ein, als Pakistan mit der Unterzeichnung der Erklärung von Quetta am 7. Februar 1993 die Economic Cooperation Organization (ECO) wieder aktivierte.3 Islamabad wollte sich als neuer "Drachen" Südwestasiens etablieren und spann durch Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den zentralasiatischen Republiken seine Fäden. Im April 1995 wurde ein Memorandum mit Turkmenistan über die Einfuhr von Erdgas unterzeichnet, wobei es sich voraussichtlich um eine Investition von 3 Milliarden Dollar handelte. Dieser Vertrag wurde bei einem Staatsbesuch des pakistanischen Präsidenten Faruk Ahmad Khan Leghari beim turkmenischen Präsidenten Saparmurad Nijazov von 6. bis 9. September 1995 unterzeichnet.4 Nach Angaben des Bundesministers für Erdöl und natürliche Bodenschätze, Anwar Saifullah Khan, soll die Gasleitung parallel zur Straße von Herat nach Quetta verlaufen. Im Rahmen des ECO-Projekts wird Pakistan auch sein Telefonnetz durch Glasfaserkabel über Afghanistan nach Turkmenistan erweitern. Solche strategischen Achsen entstehen keineswegs zufällig. Nördlich von Afghanistan, in Usbekistan, liegt die reichste Goldmine der Welt, deren Jahresproduktion auf etwa 50 Tonnen geschätzt wird. Der Nordosten, Tadschikistan, birgt das größte Silbervorkommen der Erde. Und noch weiter nördlich, unter der Erde von Kasachstan, liegt - soweit bekannt - über ein Viertel des globalen Ölvorrats. Seit 1990 führen die großen westlichen Ölgesellschaften darum einen "gnadenlosen Kampf".5 So hat Chevron bereits 10 Milliarden Dollar im Land investiert, während AGIP und British Gas sich mit einem russischen Konsortium um die Vorherrschaft über eine riesige Quelle kasachischen Erdgases streiten. Gerüchten zufolge gibt es in Gomo-Badachschan (Tadschikistan) und in Kirgistan auch Uran. Um einen Vertrag für die Nutzung zu bekommen, sind alle Mittel erlaubt.6 Für Islamabad besteht die Aufgabe der Taliban darin, diese strategische Route zu den Bodenschätzen Zentralasiens, nach Rußland und Europa offenzuhalten. Um im großen regionalen Puzzle das Mittelstück Afghanistan zu kontrollieren, mußte man dort allerdings eine Bewegung schaffen, die weder den in den Augen der Bevölkerung diskreditierten Mudschaheddin glich noch einer weiteren politischen Partei. Die Taliban mußten Befreier im Namen einer islamischen Sammlungsbewegung sein, sie mußten das Gefühl einer nationalen Zusammengehörigkeit wiedererwecken und vor allem die berechtigte Forderung nach einer starken afghanischen Identität so ausrichten, daß die verschiedenen einander bekämpfenden Parteien zu Friedensverhandlungen bereit wären: das hat die Regierung von Frau Bhutto genau erfaßt. Im Februar 1995 standen die Taliban vor den Toren Kabuls, nachdem sie die Kontrolle der südlichen Provinzen übernommen hatten, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. In der Woche von 6. bis 11. März mußten sie eine Reihe Niederlagen durch die "Regierungstruppen" von Ahmed Schah Massud (Dschamiat- e-Eslami), dem "Löwen von Pandschab", einstecken. Die schiitischen Wahdat-Milizen versuchten zunächst zu widerstehen, doch nach der Erschießung ihres Führers durch die Taliban zogen sie sich schließlich zurück. Vorangegangen war der stärkste Raketenbeschuß und Bombenhagel, den die Hauptstadt je erlebt hatte. Tatsächlich besteht der südwestliche Teil der Stadt nur noch aus einer langen, traurigen Reihe von Ruinen. Die große Allee, die zum Königspalast und zum Museum von Kabul führt, ist mit immer noch verminten Schutthaufen bedeckt. In der Mitte der Straße, der Panzer und Raketen riesige Schlaglöcher gerissen haben, holpern ein paar Radfahrer vorbei. Khaled, Sohn des bedeutendsten afghanischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, führt uns durch die Universität, die nach Aussagen ihres Rektors Hassanjar "nur zu 20 Prozent unserer ohnehin bescheidenen Ansprüche" repariert worden ist. "Von diesem Fenster aus sieht man die Hügel, auf denen die Hasara lagen", sagt unser Führer. Mit der Hand weist er in die Ferne: "Die Front verläuft dort, ganz nah." Zur Zeit ist es ruhig in Kabul. Nach Angaben des IKRK kehren täglich über tausend Flüchtlinge in die Stadt zurück. Die Kämpfe finden jetzt im Westen des Landes statt, wo die Taliban im Sommer die Provinzen Farah und Nimrus erobert hatten, bevor sie Herat einnahmen. Die Front zwischen Mudschaheddin und Taliban ist ständig in Bewegung, doch sie nähert sich Kabul bedrohlich. Der Süden und der Westen, das ist über die Hälfte Afghanistans, befinden sich bereits in den Händen der Taliban, während der Norden durch ihren Verbündeten, den Usbekenführer Raschid Dostam, kontrolliert wird. Der "Regierung", das heißt Massud, bleibt nur noch die Hauptstadt, die von verschiedenen rivalisierenden Gruppen fast umzingelt ist. So haben die Taliban ihre eigentliche Aufgabe erfüllt: Sie haben das Land genügend befriedet, um die großen Handelsstrategien greifen zu lassen. Die eiserne Hand, die die globale Ausbeutung der Rohstoffe lenkt, braucht Afghanistan als Staat ohne Krieg. Die Krümel am Tisch der multinationalen Konzerne werden bei ganzen Völkern die Illusion von fortschreitender Entwicklung und Zivilisation erwecken. Mit ihrem Glauben, allein für den Ruhm Allahs zu kämpfen, arbeiten die Taliban denen in die Hände, die sie freitags in der Moschee mit flammenden Reden verurteilen.
"Das sind doch Ignoranten. Sie kennen nichts als den Koran. Was kennen sie schon außer seiner religiösen Lehre?
Und wo haben sie es gelernt, einen Guerillakrieg zu führen und Jagdbomber zu fliegen? Bestimmt nicht im Koran." Herr A. regt sich auf. Taliban? Nein danke, "nie"! Er redet frei heraus, allerdings in seinem Taxi und im Schutze der Anonymität...
dt. Marianne Karbe

 

1 Siehe dazu Olivier Roy, "La crise afghane au miroir des ambitions étrangères", Le Monde diplo-matique, Juli 1993;
Ahmed Raschid, "L'Afghanistan l'heure des ,Taliban`, Le Monde diplomatique, April 1995.

2 The News, Islamabad.

3 Zur ECO - mit Sitz in Teheran - gehören der Iran, Pakistan und die Türkei, die sie 1985 gegründet haben;

Afghanistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Aserbaidschan sind 1992

beigetreten.

4 The Pakistan Times, 1. September 1995.

5 Newsweek, 17. April 1995.

6 Ebd.