NZZ 04.10.04

   Teilerfolg der Amerikaner in Samarra

  Jagd auf irakische und arabische Aufständische

   Die gemeinsame Wiedereroberung der irakischen Stadt Samarra durch amerikanische Truppen und Sicherheitskräfte der Regierung Allawi hat am Wochenende zu einem Teilerfolg geführt. Die Bewährungsprobe der Regierung Allawi, die Hochburgen des Widerstands zu sichern, um auch dort Wahlen zu ermöglichen, steht aber noch bevor.

  vk. Limassol, 3. Oktober

    Am Sonntag hat ein amerikanischer Militärsprecher erklärt, die irakischen Regierungskräfte hätten die Stadt Samarra nördlich von Bagdad zu über 70 Prozent wieder im Griff. Es gebe jedoch weiterhin Widerstandsnester, und die Operation müsse noch einige Tage weitergehen. Er schätzte die Zahl der getöteten Freischärler auf rund 125, 88 seien gefangen genommen worden. Wenn man die Rückeroberung von Samarra, wie dies auch die Amerikaner tun, als Testfall für die Normalisierung des ganzen «sunnitischen Dreiecks» mit seinen Widerstandsherden betrachtet, dann ergeben sich nicht nur heitere Aussichten auf kommende militärische Operationen. Weil die Regierung Allawi seit der Übertragung der Souveränität einen merklichen Einfluss auf die Gestaltung militärischer Unternehmen hat, steht auch der Erfolg des politischen Normalisierungsprozesses auf dem Spiel.

Moscheen und Amtsgebäude gesichert

   Die Aktion hatte am Freitag begonnen; daran sind, je nach Quelle, 1000 bis 3000 amerikanische und über 2000 irakische Soldaten beteiligt. Schwere Kampfpanzer und Kriegsflugzeuge griffen die Stadt am Tigris immer wieder an. Die Amerikaner stellten schon am Freitag die in teilweise heftigen Kämpfen errungenen Erfolge heraus: Die Goldene Moschee der Imame Ali al-Hadi und Hassan al-Askari, die Grosse Moschee mit dem gewundenen Minarett, die Sitze der Stadtverwaltung und des Lokalrats sowie die Polizeistationen seien ihrer Bestimmung zurückgegeben worden. In der Goldenen Moschee seien 25 Freischärler mit ihren Waffen festgenommen worden. Weiter seien die grossen Strassenkreuzungen und die Zugänge der Stadt unter Kontrolle der Sicherheitskräfte.

   Doch damit waren erst die Grundlagen einer weiteren Durchkämmung der Stadt geschaffen, und die Schiessereien mit Bewaffneten sind bis zum Sonntag nicht ganz abgeflaut. Die Truppen arbeiteten sich von einem Strassenzug zum andern vor und durchsuchten zahlreiche Häuser, um Verstecke des Widerstands auszuheben. Nach Berichten von geflohenen Bewohnern der Stadt war die Lage am Samstag verzweifelt, das Spital durch die grosse Zahl von Verletzten überfordert, Wasser- und Stromversorgung ausgefallen. Niemand wagte sich auf die Strasse, und die Stadt war einer totalen Blockade unterworfen. Am Sonntag herrschte nach telefonischen Berichten aus der Stadt meist angespannte Ruhe.

   Beunruhigend ist das Eingeständnis, dass die Amerikaner und die Behörden auch nach zwei Tagen eines Grosseinsatzes an Kräften nicht völlig Herren der Lage sind. Samarra ist eine verhältnismässig kleine Stadt, und sie galt als der einfachste Fall unter den sanierungsbedürftigen Unruheherden. Irakische Blätter zitierten militärische Experten mit der Schätzung, in Samarra seien rund 200 irakische und 250 andere arabische Freischärler verschanzt. Umgekehrt ist das Ziel der Behörden sehr hoch gesteckt: Die Stadt soll von allen illegalen bewaffneten Kräften gesäubert werden, damit im Januar freie Wahlen ohne Erpressungsmanöver irgendwelcher Milizen stattfinden können.

Auf welcher Seite steht die Bevölkerung?

   Ministerpräsident Allawi versicherte am Samstag wieder in seinem überaus bestimmten, aber leider meist übertriebenen Stil, noch im Laufe des Oktobers würden alle irakischen Städte normalisiert, sei es durch Verhandlungen oder eben durch militärische Gewalt. Die Äusserungen eines amerikanischen Kommandanten vor irakischen Journalisten waren um einiges nüchterner; er forderte die Zivilbevölkerung erneut auf, ihre Beobachtungen über Nadelstichaktionen des Widerstands den Truppen anzuzeigen, «so dass wir unseren Feind identifizieren können». Falls sich die Belagerung und Säuberung von Samarra ähnlich wie in Falluja in die Länge zieht, weil sich die Freischärler der neuen Situation anpassen, so vergiftet sie weiterhin das Verhältnis zwischen den Einwohnern und den Behörden. Zudem fragt es sich, woher die Truppen für die Interventionen in den anderen Unruhestädten kommen sollen, wenn bedeutende Kräfte in Samarra gebunden bleiben.

      Aus Falluja berichteten die Amerikaner am Sonntagmorgen über einen neuen nächtlichen Raketenangriff auf ein Haus am Stadtrand. Nach Darstellung des Militärs handelte es sich um einen Schlupfwinkel der Zarkawi-Gruppe, wo 10 bis 15 Mann beim Einlagern von Waffen überrascht und getötet worden seien; kleinere Explosionen während beinahe einer Stunde nach dem Angriff belegten die Präsenz eines Munitionsverstecks. Nach Ärzten in der Stadt wurden jedoch nur 4 Tote und 12 Verletzte eingeliefert. In Yusufiya bei Bagdad fand man am Sonntag 2 Leichen von mutmasslich westlichen Ausländern. Der eine, männliche Tote war ohne Kopf, während eine weibliche Leiche eine Schussverletzung aufwies.