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Die Welt, 20. September 2004
Die "No-go-Zonen" werden grösser Immer mehr irakische Städte sind in Rebellenhand - Eine amerikanische Offensive soll die Regionen bis Dezember zurückerobern
von Boris Kalnoky
Berlin - Gestern brach Panik aus in der sunnitischen Stadt Ramadi. Zahlreiche gepanzerte US-Truppen drangen in die Innenstadt ein und forderten über Lautsprecher alle "Terroristen" auf, sich bis vier Uhr nachmittags zu ergeben. Wenn nicht, werde umgehend ein "vernichtender Angriff" gestartet. Natürlich war der Aufruf nicht dazu gedacht, Rebellen zur Aufgabe zu bewegen, die Amerikaner im Irak glauben längst nicht mehr an den Weihnachtsmann. Der Zweck war wohl eher, die Bevölkerung aufzuschrecken und zum Verlassen der Stadt zu bewegen, um zivile Opfer zu vermeiden. Genau das passierte auch - verängstigte Bürger packten ihre wichtigsten Habseligkeiten und strömten aus Ramadi heraus, teilweise zu Fuss.
Noch am Vortag war Ramadi, wie schon seit Monaten, de facto in der Hand maskierter Rebellen gewesen, die auf den Strassen patrouillierten und Checkpoints errichteten. Ramadi war bislang einer der so genannten "No-go-Zonen" des Irak. Darunter sind Orte und Gebiete zu verstehen, in die US-Truppen zwar gehen können, aber dann fast sicher angegriffen werden, und wo sie keine eigenen permanenten Stützpunkte haben. In der Praxis sind solche Orte ohne jegliche verlässliche US-Präsenz. Örtliche Polizei ignoriert die Rebellen oder kooperiert gar mit ihnen. Die Guerillas wiederum sind die Einzigen, die bereit sind, Gewalt anzuwenden. Daher sind sie die faktischen Herrscher dieser Orte, auch wenn sie nicht immer sichtbar sind. Solche Städte werden dann zu Ausgangspunkten für Angriffe gegen US-Truppen in der weiteren Umgebung.
Bis April gab es nur einen solchen Ort im Irak - Falludscha, die Hochburg schlechthin der sunnitischen Guerillas. Mitte April wurde dann über Nacht fast der ganze Süden des Irak zur "No-go-Zone". Nadschaf, Kufa, Kut, Amarrah, Nasirija, Kerbela, und Teile Basras wurden von der radikalen Schiitenmiliz "Armee des Mahdi" übernommen. Sie sind nach mehreren Gegen-offensiven nun wieder formal in Regierungshand. Die Miliz ist jedoch intakt und nun kampferprobt. In allen oben genannten Städten sind Koalitionstruppen in Gefahr, angegriffen zu werden, und es bedarf nur eines Befehls des Geistlichen Muktada Al Sadr, um alles von vorn beginnen zu lassen. Es gibt aus diesem Grund keine US-Truppen in Nadschaf oder Kufa.
In den letzten Monaten ist fast das gesamt sunnitische Herzland zur "No-go-Zone" geworden. Einzige Ausnahme ist Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, wo die Amerikaner einen Stützpunkt unterhalten. Die Stadt ist seit längerem erstaunlich friedlich. Ansonsten ist die Liste der sunnitischen Städte eine Liste tödlicher Fallen für US-Truppen. Balad, Bakuba, Samarra, Habbanyia, Haditha, all dies ist Boden, auf dem amerikanisches Blut nur dann nicht fliesst, wenn kein GI zu sehen ist. In den meisten dieser Orte ermöglichte erst ein Rückzug der Amerikaner die neue Macht der Rebellen.
Überall dieselbe Geschichte wie in Falludscha: Um immer häufigeren, immer tödlicheren Angriffen zu entgehen, zogen sich die US-Truppen aus den Städten zurück, mit der Begründung, die irakischen Sicherheitskräfte seien nun "reif", die Sicherung dieser Orte zu übernehmen. Die Realität war dann, dass die Rebellen das Kommando übernahmen. Spielte die Polizei blind, dann hatte sie Glück. Zeigte sie Verantwortungsbewusstsein, hagelte es Angriffe auf Polizeistationen. Inzwischen gibt es meist nur noch "blinde" Polizeikräfte. Bagdad selbst ist ein Spiegel der Verhältnisse anderswo im Lande. Der schiitische Norden ist "no go", und der sunnitische Stadtteil Adhamyia ebenso.
Neben den Gebieten der Schiiten und der Sunniten ist noch das nördliche Grenzgebiet zu Syrien zu nennen. Von dort kommen Waffen und Kämpfer über die Grenzen. Im Januar "säuberte" das US-Militär in einer dreiwöchigen Aktion die Grenzstadt Al Qu'aim. Das Ergebnis: Die Guerillas suchten sich einfach ein anderes Einfallstor in den Irak, und in Qu'aim regiert Hass seither gegen die Amerikaner. Die neue Drehscheibe war Tall Afar, weiter im Norden. Dort haben die Amerikaner gerade erst eine Säuberungsaktion abgeschlossen. Nicht, weil sie erfolgreich beendet war, sondern weil die Türkei Konsequenzen androhte. Tall Afar ist mehrheitlich von Türken bewohnt.
Seit einigen Wochen versicherten die USA, eine Rebellenstadt nach der anderen zu befrieden. Bis Dezember soll das vollbracht sein - sonst kann es kaum glaubwürdige Wahlen im Januar geben. Die bisherige Bilanz: Tall Afar ist oberflächlich gesehen jetzt ruhig. Samarra fiel überraschend an die Regierung, weil die Bevölkerung anscheinend von den Guerillas die Nase voll hatte. Irakische Polizei ist in die monatelang rechtlose Stadt zurückgekehrt, US-Truppen halten sich heraus, patrouillieren aber gelegentlich und werden dabei vorerst kaum angegriffen. In Ramadi gab es am Samstag die bislang schwerste US-Offensive, auch in den Tagen zuvor war es zu Kämpfen gekommen. Am Sonntag schien ein "Entscheidungsschlag" bevorzustehen. Falludscha wird seit mehr als zwei Wochen jeden Tag aus der Luft bombardiert und offenbar sturmreif geschossen. Vermutlich steht hier die nächste grosse Offensive bevor. Übrigens Offensiven und "Entscheidungsschlag" - bisher ist es kein einziges Mal gelungen, dauerhafte Resultate zu erzielen. Grosse Offensiven gegen Falludscha und Nadschaf brachten nichts als die Wiederherstellung des Status quo. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran bald etwas ändern wird. Vermutlich wagt das auch niemand zu hoffen - nur die Wahlen sollen gelingen, man braucht im Januar zwei Wochen lang Ruhe in den Städten.
Die Welt, Montag, 20. September 2004
Die Rebellen im Irak
1. Armee des Mahdi Die Miliz des radikalen schiitischen Geistlichen Muktada Al Sadr wurde laut Medienberichten im Juli 2003 gegründet. Gespräche mit Milizionären zeigen jedoch, dass es diese Gruppe mindestens seit den 80er-Jahren gibt (damals als Widerstandsgruppe gegen Saddam Hussein). Die Kämpfer selbst gehen davon aus, dass es ihre Armee seit Hunderten von Jahren gibt und dass es ihre Aufgabe ist, bereit zu sein für den Weltuntergang, dem die Rückkehr des "verschwundenen Imam" (des Mahdi) vorausgehen werde. Ihm würden sie dann zur Seite stehen, um die Feinde des Islam niederzuringen. Der Miliz gehörten vor einem halben Jahr wahrscheinlich nicht mehr als 10 000 Männer an, über 15 Prozent davon dürften seither gefallen und noch mehr verletzt worden sein. Zwei relativ erfolgreiche Aufstände gegen die US-Truppen haben ihre Reihen jedoch gestärkt. Die Miliz erhält Sicherheitskreisen zufolge finanzielle Mittel und Freiwillige aus dem Iran, wo es auch Trainingslager geben soll, in denen 800 bis 1200 Mahdi-Kämpfer ausgebildet wurden.
2. Zarkawis Bande Die Gruppe des Terroristen Abu Musab Al Zarkawi war noch vor einem halben Jahr kaum bekannt. Inzwischen vergeht im Irak kein Tag, ohne dass Zarkawi und seine Gruppe Tawhid in den Schlagzeilen auftauchen. Tawhid und Dschihad bedeuten "Einheit und Heiliger Krieg". Die Terrorgruppe ist inzwischen zu einer regelrechten Miliz geworden. Die meisten der mehr als 120 Entführungen von Ausländern im Irak gehen auf ihr Konto, und fast alle der Hinrichtungen von Geiseln. Zarkawi ist ausserdem für zahlreiche Autobomben und Selbstmordattentate verantwortlich. In Bakuba und Bagdad kam es zu Strassenkämpfen zwischen US-Truppen und Zarkawi-Kämpfern. Dabei zeigte sich, dass sie inzwischen nicht nur zu Attentaten fähig sind, sondern zu komplexen Guerillaaktionen. Zarkawi gilt als mit der Terrororganisation Al Qaida verbündet. Im Februar wurde ihm ein Dokument zugeschrieben, indem umfassend eine Strategie für die Entfachung eines Bürgerkrieges im Irak skizziert wird.
3. Ansar Al Islam Diese Terrorgruppe ging aus anderen Splitterorganisationen hervor, die Sicherheitskreisen zufolge ihre Kräfte bündelten, nachdem Osama Bin Laden ihnen dafür finanzielle Unterstützung versprach. Die Gruppe war vor dem Irak-Krieg im unzugänglichen Norden des Irak angesiedelt und kämpfte vor allem gegen die kommunistische Kurdengruppe PKK. Noch während des Krieges bombardierten US-Flugzeuge ihre Lager. Seither sind sie wieder stärker geworden. Sie operieren vor allem im kurdischen Norden (Mosul, Kirkuk) und sind für einige der mörderischsten Terroranschläge überhaupt im Irak verantwortlich. Sie bevorzugen Selbstmordattentate - Autobomben, Sprengstoffgürtel -, für die sie meist pubertierende Jugendliche rekrutieren. Aber auch ferngezündete Strassenbomben gegen US-Kräfte gehen zuweilen auf ihr Konto. Ihr grösstes Problem: Sie gelten nicht als eigentlich irakische Bewegung, zumal viele ihrer "Märtyrer" offenbar aus dem arabischen Ausland kommen.
4. Andere Gruppen Die Guerillas des Irak sind "wie ein Kartendeck, das jeden Tag neu gemischt wird". Die Bemerkung stammt vom irakischen Gouverneur der Provinz Ninive und bringt es auf den Punkt - die Guerillas sind weder zentral organisiert noch in klar definierten Gruppen zusammengefasst. Sie entstehen oft lokal, speisen sich aus verschiedenen Quellen, jeden Tag entstehen neue Gruppen. Saddams Ex-Fedajin, Ex-Militärs, Menschen, deren Angehörige von US-Amerikanischen Truppen getötet, verletzt oder gedemütigt wurden, arabische Freiwillige. In Falludscha etwa führen all diese Gruppen eine prekäre Koexistenz. Ein "Oberster Rat der Mudschaheddin" hält sie locker zusammen. Andernorts bestimmen Stammes- und Verwandtschaftsbeziehungen die Zusammensetzung, etwa in Samara (Heimat des flüchtigen Saddam-Vertrauten Al Duri). Alle diese Gruppen können miteinander arbeiten, mit einer Ausnahme - die sunnitischen Terroristen Abu Musa Zarqawis und schiitische Kämpfer bekämpfen einander. oky |