NZZ  19.11.04

Falluja ist in Trümmern
Das Regiment der islamistischen Rebellen ist vorbei

   Nach dem Abflauen der Kämpfe bietet Falluja ein Bild der Zerstörung. Eine unabhängige Bilanz der Opfer und Zerstörungen gibt es noch nicht, doch die Amerikaner und die Regierung Allawi wollen einen schnellen Wiederaufbau vorantreiben.

  iro. Erbil, 18. November

   Als Stahlregen haben die Amerikaner den Abwurf der 500-Kilo-Bomben bezeichnet, die sie über Falluja abwarfen, um die Aufständischen aus ihren Stellungen zu vertreiben. Eine Dusche aus Raketen und Granaten sollten sie dem Feind verpassen, hat Zarkawi seine Kämpfer im Irak aufgerufen. In der Stadt der Moscheen, wie Iraker das rund 50 Kilometer westlich von Bagdad gelegene Falluja nennen, regnete es in der vergangenen Woche viel Stahl. Wie aufgesperrte Schlünde ragen Krater in die Tiefe, wo früher Wohnhäuser standen. Von etlichen Häusern stehen nur noch die Aussenmauern, Einfahrtstore sind von Panzern niedergewalzt, Telefon- und Strommasten liegen zusammengekrümmt am Boden, auf den Strassen liegen die zerbeulten Karossen von Panzern überrollter Autos.

Mehr als 1000 Aufständische getötet

   Ministerpräsident Allawi behauptete diese Woche, bei den Kämpfen in der Stadt seien nur 200 der 17 000 Häuser zerstört worden. Journalisten, die mit den amerikanischen Soldaten in die Stadt gekommen sind, zeichnen freilich ein anderes Bild. Kaum ein Haus sei zu sehen, das nicht beschädigt sei, heisst es. Etliche Moscheen, die von den Aufständischen zu Stützpunkten umfunktioniert worden waren, haben ebenfalls Schäden davongetragen. Dazwischen liegen Schutt, Müll und Leichen. Zwischen 1000 und 2000 Aufständische sollen nach Angaben des amerikanischen Militärs während der einwöchigen Grossoffensive getötet worden sein. Als von den Amerikanern angeheuerte Arbeiter am Mittwoch begannen, die Leichen einzusammeln, um sie auf einem Feld ausserhalb der Stadt zu begraben, gerieten sie unter den Beschuss von Heckenschützen. Es war nicht das erste Mal, dass die sunnitischen Rebellen Zivilisten ins Visier nahmen. Bewohner berichten, dass sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen worden seien, diesen ihre Häuser als Unterschlupf zu überlassen. In einem Quartier wurden die Leichen von mehreren mit Kopfschüssen getöteten Männern aufgefunden. Die Amerikaner vermuten, dass die Männer von den Rebellen hingerichtet wurden, weil sie sich dem Kampf verweigerten.

Das Regiment der Jihad-Kämpfer

   Sieben Monate führten die Untergrundkämpfer in Falluja ein eisernes Regiment. Nach der gescheiterten Offensive der Amerikaner im April hatte der Mujahedin-Rat unter der Führung des Predigers Abdallah al-Janabi die Herrschaft über die Stadt übernommen. Die von den Amerikanern eingesetzte Falluja-Brigade unter dem Befehl eines ehemaligen Armeeoffiziers verschwand schon bald von der Bildfläche, Gültigkeit hatte nur noch das Wort der Militanten und ihrer Scharia-Justiz. Wer nicht gehorchte, hatte drakonische Strafen zu fürchten oder musste die Stadt verlassen. Klein-Talibanistan nannte man die Stadt in Bagdad daraufhin nur noch.

   Die Stammesscheichs verloren mit der Herrschaft der Eiferer an Einfluss, und ihre Bemühungen, diese zu mässigen, hatten wenig Erfolg. Deshalb verliess auch der Grossteil der Einwohner die Stadt rechtzeitig vor dem Beginn der amerikanischen Offensive. Einige tausend Bewohner haben aus Angst vor Plünderungen oder vielleicht auch aus Solidarität mit den Aufständischen in der Stadt ausgeharrt. Wie hoch die Zahl der Opfer unter ihnen ist, bleibt weiterhin unklar. Erst nach dem Abflauen der Kämpfe trauen sich die Bewohner wieder aus ihren Häusern. Mit weissen Stofffetzen in der Hand machen sich alte und gebrechliche Männer oder kleine Buben auf den Weg zu den Stellen, an denen Lebensmittel und Wasser verteilt werden. Vielen steht dabei die Angst ins Gesicht geschrieben. Bei ihrem Einmarsch stiessen die Amerikaner auf mehrere Bombenwerkstätten, in denen Tonnen von Sprengstoff und Zünder lagerten. Unter den Wohnquartieren wurden zum Teil ausgedehnte Tunnelanlagen entdeckt, die als Fluchtwege und Waffenlager dienten. In Falluja seien so viele Waffen versteckt, dass es Wochen, wenn nicht Monate daure, um sie einzusammeln, sagte ein Offizier. Von der Detonation solcher Waffenlager rührt auch ein Teil der Schäden in der Stadt.

   Die grausigste Entdeckung war aber ein schäbiges Privathaus, in dem offenbar irakische und ausländische Geiseln enthauptet worden sind. Auf einer Strasse fanden Soldaten die verstümmelte Leiche einer Frau mit langen blonden Haaren, deren Identität weiterhin ungeklärt ist. Von den vielen Vermissten hat man in Falluja aber offenbar nur wenige gefunden, unter ihnen den syrischen Chauffeur der beiden im August südlich von Bagdad verschleppten französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot.

Eine Stadt ohne Vertreter

   In Falluja mögen viele froh sein, das Joch der Militanten los zu sein. Zu Freunden der Amerikaner werden sie deshalb noch nicht. Unter Hochdruck werden die Soldaten deshalb den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur vorantreiben. Die Amerikaner haben über 100 Millionen Dollar für den Wiederaufbau bereitgestellt. Sie hoffen in Falluja das Rezept von Najaf und Medinat Sadr wiederholen zu können, wo mit grosszügigen Reparationszahlungen und Investitionen die materiellen Schäden nach den Kämpfen mit der Mahdi-Armee Muktada Sadrs behoben wurden. Anders als die Sadr-Anhänger haben die Sunniten von Falluja aber kein gemeinsames Sprachrohr.

   Die Regierung Allawi hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass sie eine neue Administration einsetzen will. Diese wird sich freilich nur dann Autorität verschaffen können, wenn sie auch mit den konservativen sunnitischen Geistlichen und den Gegnern der Amerikaner in Beziehung treten kann. Dazu wäre die Freilassung des Anfang der Woche festgenommenen Abgeordneten der Islamischen Partei sicher ein Signal. Zudem braucht sie loyale Sicherheitskräfte. Genau hier liegt aber das grösste Problem. Fast im gleichen Mass wie die Polizei aufgebaut wird, löst sie sich wieder auf. Derweil bereiten sich die Untergrundkämpfer mit Angriffen in anderen Landesteilen auf weitere Schlachten vor. Mit Falluja haben sie ihren wichtigsten Stützpunkt verloren, den Kampf um die Zukunft des Iraks aber noch nicht.