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NZZ, Neue Zürcher Zeitung, vom 08.12.2000, Seite: 11

Sozialer Aufstieg in der Illegalität /Ein Migrantenleben in China

Infolge eines komplizierten Meldegesetzes stehen viele Migranten in China mit einem Fuss in der Illegalität. Ohne gültige Papiere sind sie von der Rückschaffung bedroht. Manche steigen trotzdem die soziale Leiter hoch. Ein Beispiel aus Kunming.

blr. Kunming, im November
Zheng Xiao'an stammt aus einem Dorf an der Ostküste Chinas und lebt heute im Südwesten des Landes, in Kunming. Er ist einer von geschätzten 120 Millionen Migranten, die in China unterwegs sind, vom Land in die Stadt, weg von der Scholle und den kleinen Dorfunternehmen, hin zu den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten im urbanen Gewirr.

Von der Rückschaffung bedroht

Anfang November hat die chinesische Regierung nach zehn Jahren wieder eine Volkszählung durchgeführt. Mit dem Zensus will die Regierung sich nicht nur einen Überblick über die tatsächlichen Geburten im Lande der Ein-Kind-Politik verschaffen, sondern auch das Ausmass der Migration besser erkennen. Mindestens ein Fünftel aller Migranten sind an ihrem neuen Wohnort nicht gemeldet. So auch Zheng Xiao'an. Seine Papiere lauten immer noch auf seinen alten Wohnort im Osten. Sich als Migrant korrekt in einer Stadt anzumelden und damit seinen Aufenthalt zu legalisieren, ist nämlich eine wahre Tortur: Da gibt es eine temporäre Niederlassungsbewilligung, die an manchen Orten monatlich zu erneuern ist, eine Arbeitserlaubnis, einen Schein für die Familienplanung und eine Bewilligung zum Mieten einer Unterkunft.
Ohne die nötigen Dokumente riskieren die Migranten, von der Polizei in Gewahrsam genommen und in ihre Heimatorte zurückgeschafft zu werden. Vor allem vor Feiertagen neigen die Behörden zu einem harten Durchgreifen. Dann schwellen die Sammlungs- und Rückschaffungszentren, die den Sozialämtern unterstehen, mit Migranten an. Ein Aufenthalt in einem Rückschaffungszentrum ist kein Sonntagsspaziergang. Dennoch müssen die Internierten für ihre Zwangsferien bezahlen. Entweder werden sie von Verwandten oder Freunden für umgerechnet hundert oder zweihundert Franken ausgelöst, oder sie arbeiten die Kosten ab, und das kann dauern. Die als Richtlinie geltende Aufenthaltsdauer von einem Monat können die Behörden problemlos verlängern.

Seit 17 Jahren unangemeldet

Zheng Xiao'an hat trotz der Volkszählung gut geschlafen. Er lebt seit 17 Jahren in Kunming, und bisher hat sich keiner darum gekümmert, ob er sich in seiner Wahlheimat auch richtig angemeldet hat. Mit 19 Jahren kam er in die Hauptstadt der Provinz Yunnan, erstens, weil es in seinem Heimatort Sitte ist, sein Glück in der Fremde zu suchen, und zweitens, weil in Kunming das Klima gut ist. Drei Jahre lang schuftete er als Maler, bis er sich ein kleines Geschäft für Baumaterialien leisten konnte. Später arbeitete er als Grundstücksmakler, führte ein Restaurant und zog schliesslich kleinere Bauprojekte an Land.
Die Stirn des 36-jährigen Mannes ist mit tiefen Furchen durchzogen, und seine Haare sind weiss meliert. Ein Zeichen dafür, so sagen seine Freunde, dass er geistig und körperlich schwer gearbeitet habe. Dafür hat er es heute geschafft. Zheng verdient umgerechnet mehrere tausend Franken pro Monat, fährt einen Santana und wohnt im eigenen Haus in einer Strasse, die ihm zur Hälfte gehört. Er ist der älteste Sohn der Familie und hat seinen Eltern, seinen zwei Schwestern und dem Bruder Wohnungen in Kunming gekauft. Selber denkt er nicht daran, eine Familie zu gründen. Noch will er beruflich nach mehr streben. Heute, sagt er, genügten Beziehungen zum Weiterkommen allein nicht mehr, heute seien auch wirkliche Fähigkeiten gefragt. In Wahrheit, sagen seine Freunde hinter vorgehaltener Hand, schäme er sich immer noch, weil er vom Land komme. Und in seinem Alter sei es für ihn schon fast zu spät, eine Frau zu finden. Zheng ist mit 15 Jahren von der Schule gegangen. In seiner Wohnung, die ihm auch als Büro dient, steht zwar ein Tisch für das Mah-jongg-Spiel, aber kein Computer. Noch fünf Jahre brauche er, um sich weiterzubilden, erklärt er. Ihn locken die wirklich grossen Bauprojekte. Am Anfang, erinnert er sich, sei es einfach gewesen, die Chancen zu ergreifen. Heute seien die lohnenden Gelegenheiten rarer, zumal das Geschäft auch in China zunehmend dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen habe.

Viele sind ohne Hoffnung auf Besserung

Nach der Auswertung der Volkszählung sollte die chinesische Regierung im Idealfall nicht nur wissen, wer wohin gezogen ist, sondern auch, wer unter welchen Bedingungen lebt. So gut wie Zheng haben es wohl die wenigsten Migranten. Die meisten arbeiten in für den Export produzierenden Betrieben an der Küste, vor allem in der an Hongkong angrenzenden Provinz Guangdong, oder als Bauarbeiter. Andere schlagen sich als Kleinhändler in den Städten durch, als Haushalthilfen (auch Zheng beschäftigt eine solche), bei der Kehrichtabfuhr oder als Kioskverkäufer mit einem Monatslohn von umgerechnet 60 Franken bei täglich zwölf Stunden Arbeit, und dies sieben Tage in der Woche. Weil sie keine Ausbildung haben, sind sie auch ohne Hoffnung auf ein anderes Leben.  

NZZ , 08.12.00;