|
|
Buchbesprechung
Chen Guidi und Wu Chuntao, Zur Lage der Chinesischen Bauern, Eine Reportage. Frankfurt (Zweitausendeins) 2006. 600 Seiten, 39,90€.
Das vorliegende Buch ist bereits in mehreren Zeitungen besprochen worden, in manchen sogar schon zwei Mal, so dass die Tatsache seines Erscheinens den Interessierten sicherlich schon bekannt ist. Die hohe Bedeutung des Buches scheint mir aber eine ausführlichere Würdigung zu rechtfertigen.
Chen und Wu, ein Schriftstellerehepaar, selbst bäuerlicher Herkunft, haben im Jahre 2001 begonnen, Dörfer in der Provonz Anhui zu besuchen, in einer Region einige hundert km westlich von Shanghai bzw. 1000 km südlich von Beijing. Ihr Bericht über das Leid und die Armut der chinesischen Bauern wurde im Januar 2004 in Beijing veröffentlicht, aber schon nach 2 Monaten wieder verboten. In China sollen seither 8 Millionen Raubkopien zirkulieren, neben unzähligen digitalen Kopieen. „Wir haben unvorstellbare Armut gesehen, unvorstellbares Grauen, unvorstellbares Leid und Verzweiflung, unvorstellbaren Widerstand und Schweigen... Dieses Buch ist für die Stätdtebewohner geschrieben, damit sie sehen, wie die Bauern wirklich leben“, so heißt es im Klappentext. Das Buch war rasch auch international bekannt und wurde nun vom Verlag Zweitausendeins auf Deutsch herausgegeben.
Die Reportage von Chen und Wu liest sich nicht immer einfach; Episoden werden in epischer Breite und mit einer, trotz vorsichtiger Straffung durch den Übersetzer, manchmal langatmig wirkenden Fülle von Namen, Details und Bezügen zur chinesischen Frühgeschichte ausgebreitet. Aber dranbleiben lohnt sich, denn wir bekommen beim Lesen vielleicht eine Anhnung davon, welche Mechanismen hinter den zigtausend kleinen Aufständen im ländlichen China der letzten Jahre stehen, und darüberhinaus konfrontiert uns das Buch mit einer der sozialen Schlüsselfragen der kommenden Jahre im weltweiten Maßstab: Was geschieht mit der ländlichen Armutsbevölkerung? Diese Frage entscheidet sich in Indien und in China.
*****
Am Ende der deutschen Ausgabe findet sich ein Nachwort von Ylva Monschein, mit dem Titel „Ein Land – zwei Welten“. Monschein ist Sinologin und hat im Rahmen der GTZ einige Jahre als Expertin für Ernährungssicherung in China gearbeitet. Sie gibt eine wohlinformierte Übersicht über die Entwicklung und zunehmende Disparität der zwei Welten in China. Wer mit der Geschichte der chinesischen Bauern nicht bereits einigermaßen vertraut ist, sollte die Lektüre vielleicht mit dem Nachwort beginnen und sich erst dann der Reportage selbst zuwenden. Wir erfahren zunächst, dass hinter dem chinesischen Begriff Sannong eine komplexe Wahrnehmung des Zusammenhangs von Land, Landwirtschaft und Bauernbevölkerung steht und dass es seit etwa 10 Jahren eine zunehmend breite Literatur zum Stadt-Land-Gegensatz und zur Bauernfrage gibt, einschließlich einer manchmal auch kritischen Reportagenliteratur, und in diesem Zusammenhang steht auch das vorliegende Werk - geschrieben primär nicht für westliche Besserwisser und Propagandisten, sondern für das städtische Publikum in China selbst.
Mit der Entstehung der chinesischen Megastädte kam es seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer Überausbeutung der Landbevölkerung und in diesem Zsammenhang zu tausenden kleinerer Unruhen und Zwischenfälle, den heutigen Widerstandshandlungen gegen lokale Ausbeuter und Autoritäten vielleicht in manchem nicht unähnlich. In der KPCh entwickelte sich in dieser Situation um Mao Zedong eine Revolutionsstrategie, der gemäß in China die Städte vom Land her eingekreist und eingenommen werden müssten. Zwischen 1927 und 1949 beruhte der Erfolg der KPCh auf der Mobilisierung der Bauern - aber nach dem Sieg standen bereits im erstem Fünfjahresplan (1953-58) die planmäßige Versorgung der Städte und die Entwicklung der Schwerindustrie im Vordergrund. Der "Große Sprung nach vorn", 1958-61, bewirkte einen Einbruch in der Agrarproduktion und in den Jahren 1961/62 eine Hungersnot mit geschätzt 30 Millionen Todesopfern. Nach einer kurzen Erholungsphase führte die "Kulturrevolution" zu einer 10-jährigen Stagnation der Agrarproduktivität, die zwischen 1975 und 77 zu erneuten Hungersnöten führte und zu einer endemischen Unterernährung, welche regional bis in die 80er Jahre andauerte und die wohlgemerkt in all den Jahren ein rein ländliches Phänomen blieb.
Es gehörte zu den teuer erkauften Erkenntnissen der chinesischen Parteieliten, dass sich die Bauern prinzipiell nicht kollektivieren lassen wollten. 1978 wurde mit einer Erhöhung der Ankaufspreise für Agrarprodukte, der Genehmigung von Anbaudiversifizierung und Nebenerwerb und ersten Versuchen mit einer Familienbewirtschaftung gegengesteuert; die Einführung des "Verantwortungs- und Vertragssystems" (1978-84) führte zu Auflösung der Volkskommunen und zur Übertragung des Landnutzungsrechts auf kleinere Produktionsgruppen und Haushalte. Diese Reformphase gilt noch heute als die "goldene Zeit der Landwirtschaft" und war mit einem deutlichen Anstieg der Agrarproduktion und auch der ländlichen Masseneinkommen verbunden. In der Tat begann die Reformära in China auf dem Lande; dieser Trend brach sich aber dann in den 90er Jahren an der eindeutigen Priorität der städtischen Entwicklung. Die sozialen Sicherungssysteme, die Gesundheitsdienste und der Bildungsetat wurden so wie auch die produktiven Investitionen auf die Städte konzentriert, und die neue Marktwirtschaft untergrub auch die schon bestehenden Errungenschaften - so das Existenzminimum der Alten, das ländliche Schulsystem und die Gesundheitsversorgung durch Barfußärzte. Die Kinder auf dem Land bleiben im Wachstum zurück, die alten chronischen Erkrankungen halten wieder Einzug, der Analfabetismus liegt in machen Regionen Mittel- und Westchinas bei 50%. Die Landbevölkerung wurde seitens der Dorfverwaltungen, der Gemeinden und der Provinzregierungen mehr denn je mit Steuern und Abgaben überzogen und als unfreiwillige Finanzierungsquelle der sozialen Differenzierung und der städtischen Entwicklung missbraucht. Im Jahre 2005 bescheinigte der "China Human Development Reoprt" des UNDP China die höchste Einkommensdisparität der Welt, und der Gini-Index liegt heute bei 0,45 (in Deutschland 0,27).
Seitens der Zentralregierung gab es bereits seit Beginn der 90er Jahre jährlich wiederkehrend wohl eher als propagandistisch zu interpretierende Initiativen und Verordnungen mit dem Ziel, die Lebensbedingungen auf dem Lande zu verbessern; diese brachen sich jedoch nach unten hin an der Realität, die jenseits der geschönten Statistiken vielfach aus Leid und Armut bestand, und an den Verwaltungskadern auf den verschiedenen Ebenen, die auf Kosten der Bauern anscheinend ein überwiegend angenehmes Leben führten. Seit 2004 wurden nach Beschlüssen des Staatsrats Steuersenkungen provinzweit erprobt und Investitionsprogramme aufgelegt; seit 2006 nun sind die Agrarsteuern chinaweit komplett abgeschafft worden. Erst in einigen Jahren wird man wissen, ob diese Veränderungen auf den Dörfern wirklich ankommen. Falsch wäre es aber, die guten Bemühungen des Staatsrats und die Korruption der kleinen Kader als Widerspruch zu sehen: "The super-exploitation of the peasentry is a deliberate policy choice" der KP-Führung, und sei nicht nur ein Problem korrupter lokaler Eliten - so jedenfalls urteilt Yang Lian in ihrer Rezension des vorliegenden Buchs, die in der New Left Review veröffentlicht wurde.[1] Aber natürlich weiß die politische Klasse in China, dass sie auf einem Pulverfass sitzt, dass die 900 Millionen chinesische Bauern im Land die Mehrheit bilden und dass die Zahl von 58.000 Bauernunruhen im Jahre 2003 und 74.000 im Jahre 2004 unzweideutig signalisiert, dass das Problem der Landarmut nach Lösungen drängt.
Ylva Monschein schreibt in ihrem Nachwort nicht nur über Sannong, sonder auch über die blockierte innerchinesische Mobilität, und beide Probleme stehen in engem Zusammenhang. Monschein erwähnt die Millionenzahl städtischer Jugendlicher, die in den 70er Jahren aufs Land geschickt wurden, und sie erwähnt die Traumatisierung dieser Jugendlichen, die zu schweren Wiedereingliederungsproblemen geführt habe. Nicht minder wichtig scheint mir allerdings ein Aspekt zu sein, den Yang Lian in der genannten Rezension beschreibt: aus vielen der aufs Land Verschickten oder der auf dem Tiananmen Platz niedergeknüppelten Jugendlichen sind inzwischen veritable und zynische Parteikader geworden, die sich vom schicken Leben und vom Wert des Eigennutzes haben überzeugen lassen und die sich vom smarten Manager des globalen Kapitals kaum mehr unterscheiden.[2] Was schert sie das Leid der Bauern?
Im Laufe der 80er Jahre kehrte sich der Trend der Migration um: die Land-Stadt-Migration, die im Rest der trikontinentalen Welt schon 30 Jahre früher eingesetzt hatte, brach sich Bahn - aufgrund restriktiver Meldebeschränkungen aber nicht als explosives Anwachsen der städtischen Slum, sondern in Form der bäuerlichen Wanderarbeit, der Nongmingong. Die Zahl der Bauernarbeiterinnen (zu 2 Dritteln männlich) wird auf 150 - 200 Millionen geschätzt, und in einigen Idustriebranchen, so im Textil- und im Bausektor der Megastädte, stellen sie 70 - 80% der Belegschaften.
Ylva Monschein beschreibt die Etappen der Migration und der Kontrolle dieses Prozesses: 1955 wurde im Zusammenhang mit der Einführung der Nahrungsmittelrationierung ein städtischer Pass eingeführt, der zum Bezug von Lebensmittlen berechtigte. Die Kollektivierung der Landwirtschaft trieb ab 1957 noch 10 Millionen Bauern pro Jahr in die Städte. Nach den großen Hunersnöten nahm das Hukou-Meldeystem dann den Charkter einer expliziten Migrationskontrolle an; so wurden gleichzeitig die Humgernden aus den Städten ferngehalten und auf dem Lande billige Arbeitskräfte bereitgestellt - eine der Grundlagen für die boomende Entwicklung der Städte in den Folgejahren.[3] Seither war "Bauer sein" nicht nur eine Begriff der Klassenzugehörigkeit, sondern zugleich ein diskriminierender melderechticher Status Das Hukou-System wurde auch nach den Reformen von 1978 weitgehend aufrecht erhalten und rigoros mit der Einsperrung und Rückverbringung der Migratinnen ohne Papiere kombiniert. Erst seit dem Ende der 80er Jahre nahm die Migration der Bauernarbeiter wieder sprunghaft zu. Da Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis in den Städten jährlich erneuert werden mussten, blieben die Bauernarbeiterinnen aber bis heute ein Spielball kurzfristiger und prekärer Nachfrage auf den städtischen Arbeitsmärkten. In den Megastädten und Sonderzonen wurde das Meldewesen in den letzten Jahren je nach Erfordernis des Arbeitsmnarkts kurzfristig angepasst. In einigen Provinzen wurde seit 2001 das Hukou-Systenm völlig abgeschafft, so dass dort den Bauern nun immerhin der Weg in die betreffenden Provinzhauptstädte offensteht. Die Deportationspolitik wurde 2003 offiziell aufgegeben.
Die Lage der Nongmingong beschreibt Ylva Monschein so: "An ihrem Arbeitsplatz erhalten die Wanderarbeiter oft weder eine soziale Absicherung, noch sind ihre Menschenrechte garantiert. Sie verrichten Arbeiten, welche die Städter in der Regel scheuen, unter unzumutbaren Bedingungen und für Hungerlöhne. Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung. Die alljährlich in baufälligen oder ungesicherten Gruben umkommenden 6.000 Bergleute entstammen natürlich auch dem unerschöpflichen Reservoir ländlicher Arbeitskräfte, die "nicht den Tod fürchten, sondern das Leben"". Monschein beschreibt auch die bürokratischen Schikanen, welche die Bauernarbeiterinnen überwinden müssen, bevor sie in der Stadt Arbeit finden, und die zusammen etwa so viel kosten wie ein Monatslohn.
|
|
"Hi, meine liebe Frau, mir geht's wunderbar! Kann sehr gut schlafen und mich gut kleiden. Die Großstädte sind wirklich schön..." [4]
Die Nongmingong konzentrieren sich in bestimmten Armutsvierteln der Städte: "In Shenzhen und anderen Boomtowns wohnen inzwischen mehr Leute mit legaler befristeter Aufenthaltserlaubnis (und noch mehr "illegale") als "normale" Stadtbewohner. Dabei bilden sich Ghettos in den Vorstädten, in denen sich Leute aus der gleichen Herkunftsgegend zusammenfinden. Im Zhejiang-Viertel von Peking, früher Ackerfläche und ein Schlachthof, wohnten 1994 mehr als 100.000 Menschen aus der Provinz Zhejiang. Es gab selbstorganisierte Krankenstationen, Schulen und zeitweise eine eigene Miliz."[5]
|
|
Die Arbeitsvermittlung findet meist unter freiem Himmel statt, wie zum Beispiel in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sechuan: " Hier treffen täglich mehrere tausend Menschen ein (noch mehr sind es beim Frühlingsfest, dem wichtigsten Fest der Chinesen). Zahlreiche Migranten strömen nach Chengdu, vor allem Bauern ohne Wohnrecht, die sich häufig im Umland ansiedeln. Manche sind auch Arbeiter aus der Stadt, die entlassen und von ihrem Unternehmen oder der Stadt nicht wieder eingegliedert wurden. In zwei Reihen stehen Männer und Frauen an und bieten ihre Arbeitskraft feil. Manche preisen ihre Qualifikation auf einem großen Blatt Papier mit roten Zeichen an - weniger Schreibkundige lassen sich dies von den anwesenden öffentlichen Schreibern für ein oder zwei Yuan mit ein paar Pinselstrichen anfertigen..."
Und Ähnliches aus Peking: "In den Städten gibt es einen beziehungsweise mehrere informelle Arbeitsmärkte, die sich teilweise sogar zunehmend spezialisieren. Im Herzen Pekings, in der Nähe des Hauptbahnhofs und der großen Hotels, trifft man beispielsweise auf einen Markt nur für Frauen. Meist junge Bäuerinnen suchen dort nach einer Arbeit als Putzfrau oder Dienstmädchen (ein wichtiger Bestandteil in den Haushalten der neuen Mittelklasse), als Verkäuferin oder Bedienung in den zahllosen Restaurants, von den weniger ehrenhaften Beschäftigungen ganz zu schweigen."[6]
Ich möchte an dieser Stelle eine Anmerkung zum chinesischen Frühllingsfest einbringen. Ganz abgeschafft hatte die Parteiführung dieses Fest nie, es war aber in den revolutionären Jahren auf 3 Tage verkürzt worden. Jetzt wird der Beginn des bäuerlichen Mondjahres wieder 3 oder mehr Wochen lang gefeiert und die Festwochen erfahren im Zusammenhang mit der Nongmingong einen proletarischen Gebrauch.
Das Jahr wurde auf dem Lande nach dem Mondkalender gerechnet, auch nachdem der gregorianische Kalender 1912 offiziell eingeführt war, und der Beginn des Mondjahres, zwischen Mitte Januar und Anfang Februar, ist überall in China nach wie vor der höchste Feiertag. Schon drei Wochen vorher beginnen die Vorbereitungen, und spätestens beim Aufstieg des Küchengotts am 23. Tag des 12. Monats beginnen die Feierlichkeiten, die sich dann bis zum 15. Tag des 1. Monats, bis zum Laternenfest, hinziehen.[7]
Traditionell ist das Essen am Abend des letzten Tags im 12. Monat ein Clan- und Familientreffen, und der Austausch von Neujahrsglückwünschen während der folgenden Tage dient der Erneuerung von Freundschaften und Kontakten. Anlässlich des Fests setzt jedes Jahr "die größte regelmäßige Migrationsbewegung der Welt[8] ein. Die abseits ihrer Heimatgebiete arbeitenden Chinesen sparen in der Regel ihren gesamten Jahres-Urlaubsanspruch, um zum Neujahrsfest mindestens zwei, wenn nicht mehr Wochen der Arbeit fernbleiben zu können." Da in der Heimat dann Neuigkeiten und Erfahrungen ausgetauscht und nicht zuletzt Arbeitsmöglichkeiten angeboten, verglichen und vermittelt werden, ist ein Nebeneffekt dieser Migration, dass etwa ein Drittel der Bauernarbeiterinnen ihre alte Arbeit nicht wieder aufnehmen. "Dies ist ein fester Kalkulationsfaktor z.B. bei Baustellen im gesamten südostasiatischen Raum".[9]
*****
|
|
Kommen wir zurück auf die Reportage zur Lage der chinesischen Bauern von Chen Guidi und Wu Chuntao. Am 1. Oktober 2000 lösten sie ihre Sparbücher auf, gaben ihr Kind zu Verwandten, zogen einfache Klamotten an und begannen, von der Provinzhaptstadt Hefei aus die mehr als 50 Kreisgebiete von Anhui zu berreisen, mit dem Bus und die entlegensten Dörfer zu Fuß - von den Überflutungsgebieten des Flusses Huai bis zum Tal des Yangzi. "Sie beschreiben des Neue China von unten, sie berichten über die Lehmhütten, wo das Jahreseinkommen bei 30 € liegt, wo die Leute bis zum Umfallen arbeiten und ihr Leben doch durch Blutspenden finanzieren müssen, wo die Bauern ihre Zwiebeln für 2 Yuan verkauufen, sie aber selbst nicht essen, weil sie es sich nicht leisten können, und wo im gleichen Dorf die neuen zweigeschossigen Häuser der Kader stehen, ihre Autos, ihre Mobiltelefone, für sich und ihr wachsendes Gefolge, und alle wollen Geld, Vergünstigungen, gutes Essen und Büroräume, und für all das müssen die Bauern direkte Abgaben entrichten." Chen und Wu zeigen, dass das Neue China auf dem Fleisch und Blut der Bauern geründet wurde, auf dem Schweiß und der Fronarbeit von hunderten Millionen chinesicher Bauern.[10]
Die ersten fünf Kapitel des Buchs handeln von der Tyrannei der Kader auf Dorf-, Gemeinde- und Kreisebene, wobei der wichtigste Konfliktpunkt die Last der Steuern und Abgaben war, die in den 90er Jahren unbarmherzig und gewaltsam eingetrieben wurden. Es wird berichtet von bewaffneten Razzien der Gemeindepolizei, von willkürlichen Verhaftungen und von eingekerkerten und zu Tode geprügelten Bauern, die Widerspruch erhoben hatten. Von Familienclans, die Ämter in den örtlichen Schaltstellen in Partei, Verwaltung und Militär besetzten und damit regionale mafiöse Strukturen begründeten. Von korrupten Verwaltungsbeamten und gewalttätigen Polizisten und Vollzugsbeamten, welche die Bauern wie Vieh misshandeln. Beschreiben werden aber auch die Quellen des Widerstands: Die Bauernarbeiterinnen, die "ein langes Jahr" oder länger in den Städten gearbeitet haben, tragen ein neues Selbstbewusstsein und Rechtsempfinden in die Dörfer, sie wissen, dass die örtlichen Despoten doch nur kleine Lichter am untersten Ende der Hierarchien sind. Und es ist von Bauern die Rede, die eine höhere Schule besucht haben, die lesen und schreiben und die sich mit der Willkür der Dorfkader nicht abfinden können. Sie organisieren Versammlungen, entwerfen Resolutionen und machen Eingaben an höhere Instanzen auf Kreis- oder Provinzebene. Ganze Dörfer protestieren gegen die Bauernlasten oder schicken heimlich Delegierte in die ferne Nördliche Hauptstadt. Deren Reisen und Erfahrungen erinnern an Kafkas bekannte Erzählung. Die Behörden in Beijing stellen sich demonstrativ auf die Seite der Bauern, wieder zu Hause aber werden die Delegierten ins Gefängnis geworfen und geprügelt.
|
|
Bild: dpa
Im 5. Kapitel finden wir nach einer kurzen Darstellung der chinesischen Agrargeschichte seit 1949 ("Ein uraltes Thema") einen geschlossenen Abriss über die Fülle der Agrarabgaben. "Die Statistiken der Kontroll- und Administrationsbehörden des ZK verzeichnen allein für ihren eigenen Bereich 93 verschiedene Posten von Rücklagen, Fonds und Abgaben, die mit den Bauernlasten zu tun haben, verteilt auf 24 staatliche Behörden, Komitees, Sekretariate und Büros; in den Regionen beläuft sich die Zahl dieser Posten auf 269; und dann sind da auch noch die von keiner Statistik zu erfassenden Trittbrett-Abgaben... Bei unseren Recherchen stellten wir fest, dass von Anfang an viele davon von den Dorf- und Gemeindekadern nach Lust und Laune erhoben wurden. Die einen offenbarten ihre Absurdität, wenn man nur von ihnen hörte, die anderen schienen von einem gewissen scharzen Humor geprägt, doch einen Heller schuldig bleiben durfte niemand" (S. 210). Die folgende Aufzählung der Abgaben füllt dichtgedruckt die Seiten 211 und 212, und die nachfolgenden Seiten beschreiben absurde Beispiele der Bußgeld- und Steuererhebnung, bis hin zu einer "Entsorgungsgebühr" für den Rauch des Kochherds oder einer "Gesinnungsgebühr".
Das fünfte und das sechste Kapitel stellen den Drehpunkt des Buchs dar, und nachdem im fünften die Abgabelasten aus der Sicht der Bauern dargestellt wurden, handelt das sechste von den Gemeindefinanzen, den Verwaltungsebenen und der zunehmenden Disparität zwischen Stadt und Land. Während nämlich die zentrale Führung eine Senkung der Abgabelasten proklamierte, beanspruchte sie gleichzeitig höhere Anteile der Ausbeute für sich. Zudem verdoppelte sich in den 80er Jahren das Personal in den untreren Ebenen der Bürokratie, so dass die Gemeindefinazen in eine desolate Situation geraten mussten. Die lokalen Kader und Gemeindebeamten konnten und können ihre Einkommen nur stabil halten, indem sie die Bauern unmittelbar selbst und vor Ort drangsalieren und ihnen die Gelder abpressen. Der Stadt-Land-Gegensatz wird noch verschärft durch die zunehmende Schere zwischen dem Anstieg der Preise für Industriegüter und dem Verfall der Preise für Agrarprodukte. In den Jahren 1980 bis 1995 hatten die Bauernhaushalte insgesamt ein hohes Nettodefizit zu tragen, welches nur durch Selbstversorgung und durch die Rückflüsse aus der Arbeit in den Städten ausgeglichen worden sein kann. Die Antwort der Bauern liegt naturgemäß in einer Tendenz zur Beschränkung des Anbaus auf die Selbstversorgung, und dies bedeutet für die Nahrungsmittelversorgung der Städte eine erhebliche Gefährdung.
An dieser Stelle blättern wir vor auf die Seite 583, auf der die Verwaltungsebenen beschrieben werden, auf denen jeweils eine aufgeblähte Doppelstruktur von Partei und Verwaltung existiert: unterhalb der Zentralen Führungsebene die Provinzebene, darunter die Bezirksebene mit 333, dann die Kreisebene mit mehr als 2800 Verwaltungseinheiten, schließlich die Gemeindeebene mit mehr als 43.000 Verwaltungseinheiten. Und am untersten Ende der Pyramide stehen die mehr als 1 Millionen Dörfer mit einem System der begrenzten Selbstverwaltung durch teils gewählte, teils von der Partei bestimmten Komitees. Eine Millionen Dörfer, in denen 900 Millionen Menschen "im Schweiße ihres Angesichts Getreide anbauen und es mit Tränen im Gesicht verkaufen" - und wenn man daran festhalte, so schließt das 6. Kapitel, könne das nur zu heftigem Widerstand der Bauern führen, und das Resultat davon wage man sich nicht vorzustellen!
***********
Die zweite Hälfte des Buchs von Chen Guidi und Wu Chuntao ist der Suche nach Auswegen gewidmet. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, dass es sich nicht allein um ein Probhlem von Abgabelasten und Unterdrückung handelt, sondern dass viel grundsätzlicher das Problem der gesellschaftlichen Transformation einer Agrargesellschaft in der zweiten chinesischen Welt, oder besser der Dritten Welt in China, erst noch ansteht. 900 Millionen Menschen leben auf dem Land, davom 500 Millionen im arbeitsfähigen Alter, davon 150 oder 200 Millionen als Bauernarbeiterinnen in der Stadt. Es gibt keine Interessenvertretung der Bauern und keine Repräsentanz der Bauern im politischen Apparat. Würde die Landwirtschaft kapitalisiert, und Chen und Wu, im Herzen selbst Modernisierer, halten dies wie die meisten Agrarwissenschafter für unabdingbar, dann würde dies zu einer ungeheuren und der Zahl nach beispiellosen Welle von Enteignung und Vertreibungen führen. In der Landwirtschaft würden vielleicht noch 100 Millionen Arbeitskräfte benötigt. Wie aber würden die Städte mit 400 Millionen Enteigneten und Vertriebenen umgehen?
|
|
Bild aus www.umwaelzung.de/china.html
Chen und Wu sehen in der zunehmenden Migrationsarbeit einen Lösungsansatz. Für die von ihnen untersuchte Provinz Anhui machen sie folgende Rechnung auf: Es gebe dort 27 Millionen Arbeitskräfte auf dem Land, 40% von diesen überschüssig, und 7 Millionen Arbeitsmigrantinnen in der Stadt (die meisten von ihnen in Shanghai). Diese 7 Millionen erwirtschafteten ein Produkt gleich hoch wie die gesamte Provinz Anhui. Und ohnehin sei der Drang in die Städte nicht aufzuhalten: "Im heutigen China ist kaum noch jemand, der etwas kann, willens, auf dem Land zu bleiben. Wer fix im Kopf ist, kommt über Aufnahmeprüfungen von Schulen in die Stadt, wer Beziehungen hat, drängt über Arbeiterrekrutierungen, über Verwandte oder über einen Job in die Stadt... Den Gemeindeunternehmen ging die Ressource Mensch aus... Und mit den Talenten floss in noch viel größerem Ausmaß das Kapital aus den ländlichen Gebieten ab" (S. 517). Sollte es also das Ziel der Modernisierungspolitik sein, den ländlichen Arbeitskräfteüberschuss in die Städte zu entlassen? Sprechen nicht die Erfahrungen in allen Regionen der drei Kontinente, und besonders in Indien nach der Grünen Revolution, gegen die Hypothese, dass die Enteignung der Agrarbevölkerung durch die industrielle Entwicklung kompensiert werden könnte?
Andererseits gibt es keine Statistik, welche die Zahl der Rückkehrer aus der Stadt auf die Dörfer erfasst. Die Städte entsorgen die Arbeitslosen, die Kranken, die Unfallopfer, die Alten und Ausgezehrten zurück aufs Land. Nicht die Städte fangen das Elend des Landes auf, sondern umgekehrt. Sannong bekommt eine weitere Komponente, die durch das Fehlen jeglicher Sozialversicherung für die Bauernarbeiterinnen bedingt wird. Bis 1978 waren Ungelernte, Behinderte und Alte auf dem Land Mitglieder in den Kollektiven und wurden mit einem Existenzminimun abgesichert. Seit der Dekollektivierung liegt ihre Versorgung in der Pflicht der Haushalte. Werden die im Modernisierungsprozess sich aufreibenden Familien- und Clanstrukturen diese Lasten tragen können? Wie lange hält die konfizianische Ethik dem Verschleiß stand? [11]
Aber vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage. Denn die Rückkehrer aus der Stadt aufs Land sind nicht nur "überschüssige Esser" - sie sind zugleich aufgeladen mit neuen Erfahrungen und Bedürfnissen. Als Wanderer zwischen den Welten werden sie vielleicht eine selbstbewusste lebendige Antithese zur chinesischen Modernisierungspolitik sein, die den Konfuzianismus gar nicht mehr nötig hat. In der Tendenz könnten sie die Sozialstruktur im Dorf revolutionieren, indem sie es aktiv zum Rückhalt eines sich verallgemeinernden Rechts auf Existenz auch jenseits des kapitalistischen Wertsystems umwandeln.[12] Das Bewusstsein, dass das Land denen gehört, die es bebauen, und dass ein Haus, ein paar Mu Land, die Familie, Nachbarn und die Freunde - und der Sieg über Nian im Frühlingsfest - noch die beste Sicherheit gegenüber den Zumutungen der Zukunft bieten, könnte in der Konfrontation mit der Kapitalisierung der Landwirtschaft und des gesamten Lebens eine Qualität gewinnen, die Erinnerungen an die soialrevolutionären Prozesse des frühen 20. Jahrhunderts in Europa, Lateinaerika und Rußland wachrufen wird.
Ich weiß nicht, ob es in China eine zweite Bauernrevolution geben wird, die diesmal eine Revolution der Nongmingong wäre, aber die doch nur ein weiteres Mal in Blut und Verwertung ersticken würde. Könnte nicht China aufgrund seiner besonderen Geschichte, seiner dreitausendjährigen Bauernkultur, der Weisheiten des Daoismus und des Mao Zedong der 40er Jahre, aufgrund des Bewußtseins seiner Bauern und Bauernarbeiterinnen und aufgrund eines Rests von Anstand bei einigen Kadern der KP, könnte es nicht aufgrund dieser oder vielleicht auch ganz anderer Faktoren in der Lage sein, einen dritten, neuen Weg im Umgang mit den widerständigen Bauern und dem Problem der gesellschaftlichen Transformation zu beschreiten, der den ländlichen Massen die Lebensbasis und die ersten Lebensmittel nicht entzieht und der eine Alternative aufböte zur Vernichtung der überschüssigen Esser, die doch überall in der Welt das Menetekel dieses Jahrhunderts ist?
W.B.
|
|
[1]Yang Lian, Dark Side of the Chinese Moon, New Left Review 32, Mar Apr 2005, 132-140, hier:138
[2]Zu dieser Thematik ist im letzten Jahr ein Buch von Qinglian He ebenfalls auf Deutsch erschienen : China in der Modernisierungsfalle, Hamburg (Hamburger Edition) 2006
[3]Vgl. hierzu Zhong Zhao, Migration, Market Flexibility, and Wage Determination in China - A Review. Beijing (CCER) 2003, nachzulesen unter www.materialien.org/worldwide/china/urbanmigration.pdf
[4]http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19089/1.html
[5]www.umwaelzung.de/china.html
[6]Roland Lew in Le Monde Diplo Nr.6323, 15.12.2000, S.6-7
[7]Ausführliche Beschreibung in einem Beitrag von Li Yang, auf www.chinaweb.de
[8]Im letzten Jahr überstiegen die Passagierzahlen der chinesischen Verkehrsmittel in der Zeit des Frühlingsfests die 2-Milliarden-Grenze; vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Chunyun
[9]Eintrag "Chinesisches Neujahrsfest" in Wikipaedia (Deutsch)
[10]Yang Lian, Dark Side of the Chinese Moon, op. cit. 133.
[11]Zu Alterssicherung und Konfuzianismus vgl. Maggie Ni, Sozialpolitik in China, www.chinaweb.de
[12]Ein Seitenblick auf die Verhältnisse in den russischen Dörfern zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Analyse dienlich sein. Vgl. Materialien für einen neuen Antiimperialismus Nr. 4, Das Ende des sowjetischen Entwicjkungsmodells, Berlin (Schwarze Risse) 1992, S.23 ff