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AFROBRASILIANISCHE RELIGIOSITÄT ALS KULTURELLER WIDERSTAND

Mechthild Blumberg
 
 

WUNDER DES VOLKES

Und das Volk der Schwarzen begriff,

daß der große  Sieger sich

jenseits des Schmerzes aufrichtet

Alles kam

überlebend in einem Schiff

Der Brasilien entdeckte war

der Schwarze, der

der Grausamkeit ins Antlitz sah

und noch Wunder

des Glaubens im fernen Okzident schuf

(Lied von Caetano Veloso)


DER BRASILIANISCHE SKLAVENHANDEL
Die Kolonisierung des im Jahr 1500 durch die Portugiesen Çentdecktenë Brasilien stand unter dem Zeichen der Sklaverei (die erste dokumentierte Schiffsfracht von Sklaven legte 1538 in Bahia, im Nordosten Brasiliens, an).

Salvador (gegründet 1549), Hauptstadt Bahias und erste Hauptstadt Brasiliens, ist auch die Wiege der afrobrasilianischen Kultform Candomblé.

Die nach Bahia verschleppten Sklaven kamen von der sog. westafrikanischen Sklavenküste, die sich von der Elfenbeinküste bis nach Nigeria erstreckte. Immerhin 38% des gesamten Sklavenhandels mit Schwarzen entwickelte sich in Brasilien (die USA und die Karibik teilen sich die verbleibenden 62%). In 4 Jahrhunderten wurden insgesamt ca. 3,5 Millionen Afrikaner nach Brasilien verschleppt.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Salvador der Haupthandelsplatz der Sklaverei in Brasilien. Selbst nach der Abolition (die in Brasilien erst 1888 stattfand) ebbte der Sklavenhandel vorerst nicht ab.

Benötigt wurden die Sklaven für die arbeitsintensive Plantagenwirtschaft, die mit Zuckerrohr begann und später auf Kakao und Tabak überging.

Nach der Sklavenbefreiung kehrten viele "libertos" nach Afrika zurück, um sich in die religiösen Riten ihrer Vorfahren tiefer einweihen zu lassen und die neuen Kenntnisse nach Bahia zurückzubringen, oder um sich in Afrika niederzulassen.

Der somit stetige Informationsfluß zwischen Bahia und Afrika verhinderte eine "Verweißung" der schwarzen Kultur in Brasilien und den Verlust ihrer Wurzeln.

Die ersten Sklaven kamen von den Stämmen der westafrikanischen Küstenregion (Nigeria, Togo, Ghana, Dahomey (Benin), Liberia, Elfenbeinküste, Kapverdische Inseln) nach Brasilien. Im 17. Jahrhundert wurden dann auch Menschen aus Kamerun, Gabun und Zentralafrika nach Brasilien verschleppt, gleichzeitig und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weiterhin Menschen aus Dahomey und Nigeria.

Um ihren Widerstand zu brechen, wurden Stammes- und Familienangehörige systematisch auseinandergerissen. Dies ist die Erklärung für die Vermischung von Kultelementen verschiedener afrikanischer Völker in Brasilien, so daß von neuen afrobrasilianischen Religionsformen gesprochen werden muß, die zwar auf ihre afrikanischen Wurzeln zurückgeführt werden können, sich jedoch in Brasilien in spezifischer Weise weiterentwickelt haben.

Vier verschiedene Zivilisationen setzen das afrikanische Brasilien zusammen:

Insbesondere die Jeje aus Dahomey (Benin) und die Nagô aus dem Yoruba-Stammeskomplex waren stark vertreten.
DER SCHWARZE WIDERSTAND
Die afrikanischen Sklaven in Brasilien widersetzten sich ständig, oft mit Gewalt, ihrer unmenschlichen Situation, sogar schon auf den Sklavenschiffen. Die größeren Sklavenaufstände begannen Anfang des 19. Jahrhunderts. In Bahia gab es zwischen 1807-35 die zahlreichsten und heftigsten Kämpfe von Afrikanern außerhalb ihres Kontinents. Insbesondere der 1835 stattgefundene große Aufstand der islamisierten Malês, denen sich auch Angehörige anderer Stämme anschlossen, ist in die Geschichte eingegangen. Auch wurden um Salvador heimlich Dorfgemeinschaften entflohener Sklaven errichtet, die sog. quilombos, die von afrobrasilianischen Kultstätten aus Salvador Unterstützung erhielten.

Die Ideologie des Candomblé legitimierte die militärischen Aktionen seiner Anhänger, kulturell-religiöser und politischer Widerstand waren miteinander verstrickt. Zum Beispiel waren die Totengeister egun und der orixá (Gott) Exu die Schutzherren der nichtislamisierten Nagô-Rebellen, und 1835 wurden mehrere Candomblé-Musikinstrumente und rituelle Gegenstände in den Häusern der Aufständischen gefunden. Im Candomblé erhielten die Rebellen ihre spirituellen Kräfte, unterzogen sich Riten, um "ihre Körper vor den feindlichen Waffen zu schließen" und fanden Unterschlupf vor ihren Häschern.

Dies zeigt die enge Verwobenheit von Rassen-, Klassenkampf und religiöser Organisation.

Die Religion spielte eine bedeutende Rolle in der Bewahrung der Kultur der Unterdrückten. Sie überlebte Krisen, Rebellionen, Verfolgungen und harte Repressalien. Nachdem die Sklavenaufstände grausam niedergeschlagen waren, erfolgte ein "militärischer Rückzug" der Schwarzen in die Religion, u.a. in dem Versuch, sich effektivere Widerstandsformen anzueignen. Der religiöse Ort wurde das letzte Refugium, um die afro-brasilianische Identität zu erhalten.

Auch angesichts der objektiven Schwierigkeiten der Afrikaner, Familien zu gründen (woran sie von ihren weißen Herren gehindert wurden) etablierte sich die Religion als eine Form von Traditionsbewahrung. Das Fehlen eines Familiensystems verstärkte das ethnische Bewußtsein und ermöglichte die Bildung von erweiterten afrikanischen Institutionen, wie z.B. religiösen Gruppen.

Die ersten Kultstätten wurden von Frauen gegründet, vielleicht, weil gerade die Frauen den Wunsch nach einer familienähnlichen Institution wie dem Candomblé hegten und sich auf eine pazifistische Widerstandsform besannen.

Angesichts der Fehlschläge der Rebellion entwickelte der Candomblé eine Strategie, die Widerstand und Anpassung ausbalancierte. Er fusionierte mit dem Katholizismus (neben der Aufnahme von Elementen der Vodun-Religion der Jeje, des Ahnenkults der Angolaner, indianischer Religiosität, katholischen Volksglaubens und des Islam), und er näherte sich gesellschaftlichen Machtzentren. Die erst im Jahr 1976 (!) legalisierten Kultstätten versuchten, durch die Einbindung lokaler Machthaber, die nach außen hin Schutzfunktionen übernahmen, die häufige polizeiliche Verfolgung abzuwenden.

Heute wird der Candomblé einerseits kulturell vermarktet, andererseits ist er weiterhin das Zentrum der schwarzen kulturellen Identität und Widerstandsform.

Er versucht, Ahnenerbe und ethnische Tradition möglichst unbeeinflußt von "weißen" Kulturelementen zu bewahren.

MYTHOS UND KULT IM CANDOMBLÉ
Der Candomblé kennt 16 allgemeine orixá, Götter, die sich in mehrere Manifestationen aufteilen und Botschafter des höchsten Gottes Olórun sind. Die orixá werden mit bestimmten katholischen Heiligen synkretisch verschmolzen, eine Strategie, durch die die afrikanische Religion unter dem Deckmantel des Katholizismus Verfolgungen überleben konnte. So werden z.B. der Eisengott Ogun mit dem Hl. Antonius, der Schöpfungsgott Oxalá mit Jesus Chistus, der Feuergott Xangô mit dem Hl. Hieronymus, der Pestgott Omolu mit dem Hl. Lazarus, die Meeresgöttin Yemanjá mit der Jungfrau Maria gleichgesetzt.

Die orixá verkörpern jeweils einen Bereich der Natur, eine Wirklichkeitsebene und einen Aspekt des Seins. Sie werden mit den Symbolen des Kosmos und seinen Naturkräften, z.B. den Blitzen, Winden, Wassern, dem Feuer und der Erde assoziiert. Sie sind Wesen aus der jenseitigen Welt, die während der Trance in den initiierten Menschen, präziser in seinen Kopf einfahren und in dieser Form Gestalt annehmen. Der Candomblé gehört in religionswissenschaftlicher Terminologie zu den Besessenheitsreligionen.

In den mythischen Erzählungen verhalten sich die orixá wie Menschen. Leidenschaften, Intrigen, Liebe und Verrat bestimmen ihr Verhältnis zueinander sowie die Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben werden. Als vergöttlichte Ahnen nehmen sie außerdem eine Vermittlerrolle zwischen Diesseits und Jenseits ein.

Jeder orixá repräsentiert einen Teilaspekt der Natur und bestimmte Aspekte menschlicher Charaktereigenschaften. Ihm werden bestimmte Mineralien, Farben, Rhythmen, Wochentage, Tiere, Pflanzen, Zahlen, Speisen und Getränke zugeordnet.

Wichtigste orixá:
EXU ó der Götterbote

Als Sohn des höchsten Gottes Olórun und der Meeresgöttin Yemanjá ist er das Prinzip der Dynamik, symbolisiert die heilige Kraft axé und öffnet die Wege für die Menschen. Ihm gehören die Wegkreuzungen, und er ist Botschafter zwischen Menschen und Göttern. Die Gläubigen im Candomblé sind verpflichtet, Exu vor jedem Ritual zu begrüßen und zu besänftigen. Da er als Trickster weder moralisch noch unmoralisch, sondern amoralisch ist (d.h. demjenigen dient, der ihn am besten bezahlt), wird er von Außenstehenden mit dem christlichen Teufel gleichgesetzt.

OGUM ó der Kriegergott

Er wird im Ritual direkt nach Exu begrüßt und ist der Herr der Kriege. Ogum war in den Sklavenaufständen von großer Bedeutung. Heute ist er auch Beschützer aller derjenigen, die beruflich mit Metall zu tun haben. Als Archetyp steht er für streitbare, impulsive Menschen.

OXÓSSI ó der Jägergott

Er ist der Bruder Ogums und ebenfalls ungestüm und wild. Als Jäger und orixá der Jagd wird er gleichzeitig als Schützer des Waldes und der Tiere gesehen. Als Archetyp steht er für aufgeweckte, schnelle Menschen, die gleichzeitig aufmerksam und immer in Bewegung sind.

XANGÔ ó der Gott von Blitz und Donner

Als mythologischer Herrscher des afrikanischen Königreiches Oyo gebietet Xangô über die Gerechtigkeit. Er ist ein sehr viriler Gott und sehr populär. Seine Hauptfrau ist IANSã, er liegt jedoch um seine Lieblingsfrau OXUM in ständigem Streit mit Ogum.

Als Archetyp steht er für energische, hochmütige und willensstarke Menschen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, die sich sehr vom entgegengesetzten Geschlecht angezogen fühlen und auch schon einmal die Kontrolle verlieren.

IANSã ó die Göttin der Stürme

Sie gilt als einer der wichtigsten orixás und steht aufgrund bestimmter Mythen dem Tod besonders nah. Als Archetyp steht sie für kühne, mächtige und autoritäre Frauen, die einerseits polygam, andererseits eifersüchtig sind.

OXUM ó die Göttin des Süßwassers

Sie ist die Göttin des gleichnamigen Flusses (Oshun) in Nigeria. In Brasilien lebt sie in allen Flüssen und Quellen, vertritt Fruchtbarkeit, Liebe, Schönheit und Reichtum. Als Archetyp steht sie für graziöse, elegante Frauen mit einer Leidenschaft für Schmuck, Parfum und teure Kleidung.

IEMANJÁ ó die Meeresgöttin

Sie ist auch für die Fruchtbarkeit zuständig und als Gebärerin aller orixás eine große Mutterfigur. Sie gilt als vornehm, stolz und besonders schön.

Als Archetyp steht sie für gleichzeitig willensstarke, schützende und hochmütige Frauen. Die Meeresgöttin Iemanjá wird unter Einfluß europäisch-antiker Bilderwelten häufig mit einem Fischschwanz dargestellt.

OBALUAÊ ó der Gott der Pocken

Er steht sowohl für Krankheit als auch für Heilung und gilt als Arzt unter den orixás. Als Archetyp steht er für Menschen mit masochistischen Tendenzen, die immer unzufrieden sind und sich in manchen Fällen völlig dem Wohlergehen anderer widmen.

OXALÁ ó der höchste Gott

Oxalá wurde als erster von Olórun geschaffen und hat einen sturen, unabhängigen Charakter, der ihm viele Probleme einhandelt. Als "Herr des guten Endes" mit Jesus Christus gleichgesetzt, wird er in Bahia auf großen Volksfesten verehrt. Als Archetyp steht er für ruhige, vertrauenswürdige Menschen mit starkem Willen.

Auf den Festen in den Kultstätten des Candomblé werden diese und andere afrikanische Götter durch die ihnen zugeordneten Rhythmen, Tanzschritte und Gesänge herbeigerufen. Sie fahren dann in ihre "Kinder" (die auch "Pferde" ihres orixá genannt werden) ein. Die Initiierten müssen ihnen gegenüber auch in ihrem Alltag viele Verpflichtungen in Form von Opfern und Riten erfüllen.
Quellen:

Erica Jane de Hohenstein, DAS REICH DER MÜTTER, Frankfurt 1991

Dieter Fohr, TRANCE UND MAGIE, München 1997

Pierre Verger, ORIXÁS, Salvador 1997 (5.Ausgabe)

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