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ZENTRALAMERIKA-SEKRETARIAT SECRETARIAT
D' AMERIQUE CENTRALE SECRETARIADO
DE CENTROAMERICA Röntgenstr. 4, CH –
8005 Zürich Tel. + 41-1-271 57 30 e-mail: zas11@access.ch __________________________________________________________________________ Update Haiti, 6.3.04 I. Infos II. Bericht zum Terror in den Slums von Port-au-Prince III. Zum Background der militärischen Invasion aus der Dominikanischen Republik IV.
Zu den „linken“ Komponenten des politischen
Anti-Aristide-Bündnisses. I. INFOS Die Kolonialoperation in Haiti hat ein neues Stadium erreicht, auch auf medialer Ebene. Über die Vorgänge in Haiti erfahren wir kaum mehr etwas. Ein paar Jubelberichte über die angebliche Volksfreude über den Abgang Aristides und einige Shows und Infofetzen – der „Rebellenführer“ kündigt an, die Waffen abzugeben; die internationalen Invasionstruppen dehnen ihre Patrouillentätigkeit aus u.ä. Anscheinend befinden sich noch Teile des Landes in Lavalas-treuen Händen, was immer das heissen mag. Über Fluchtbewegungen erfahren wir nur, dass die US-Navy diese übers Meer verhindert. Ob Leute innerhalb des Landes flüchten, etwa von der Stadt zur Familie auf dem Land, wissen wir nicht. Die New York Times erwähnte am 4. März in einem Nebensatz, dass Tausende fliehen – unklar, ob vom Ort bewaffneter Zusammenstösse in die Häuser, aus Port-au-Prince, aus anderen Städten ... Vereinzelt registrieren die Medien Lnychmorde, jeweils als Vergeltungsmassnahmen gegen lavalistische Folterer oder Vergewaltiger dargestellt. Trotzdem wird vorderhand noch am Bild einer zunehmenden Beruhigung festgehalten. In der Realität ist die Situation eher zunehmend chaotisch. In Port-au-Prince agieren verschiedene bewaffnete Kräfte: die Besatzungstruppen; die Einheiten von Guy Philippe und Chamblain, mit denen Teile der Polizei fraternisieren; Gruppen im Dienst des Ex-Lavalas-Senators, mutmasslichen Drogendealers und zur Opposition Übergelaufenen Denis Toussaint; lavalistische Banden und/oder Basisorganisationen. In den vergangenen Tagen ist es zwischen den letzteren und Bewaffneten von Philippe/Chamblain (der sog. Befreiungsfront) zu Zusammenstössen gekommen (ähnlich offenbar auch in anderen Landesteilen). Die Agence Haïtienne de Presse (AHP, www.ahphaiti.org/ndujour.html) berichtete am 4. März von aufkommendem Streit innerhalb des bisherigen Oppositionsbündnisses; studentische Anti-Aristide-Kader zeigen sich verwirrt; die Plünderungen der letzten Tage scheinen von verschiedenen Kräften mit verschiedenen Stossrichtungen ausgeführt worden zu sein (von klassischen Unterklassenplünderungen über angeblich von Oppositionschef André Apaid gesteuerte Schädigung der Businesskonkurrenz zur Zerstörung lavalistischer Sozial- und Kulturwerke durch die ehemalige Armee/Todesschwadron). Die US-Medien registrieren vermehrt Strassenkommentare gegen die Besatzung. Am 3. und am 5. März ist es in Port-au-Prince zu zwei grösseren Demos für Aristide und gegen die Besatzung gekommen (Reuters berichtete für die Demo vom 3. von 10'000, AHP für jene vom 5. von 20'000 TeilnehmerInnen). Ob diese Mobilisierungen auf einen abnehmenden Terror in den Slums hindeuten, ist unklar. International kompliziert sich die
Lage für das Putschduo Washington/Paris (mit Kanada im
Schlepptau). Der karibische Staatenbund CARICOM und Südafrika
fordern eine internationale Untersuchung des Abgangs von Aristide,
CARICOM verweigert die Entsendung von Hilfstruppen für die
Besatzung. Im US-Kongress haben afroamerikanische Abgeordnete des Black
Caucus den Lateinamerika-Verantwortlichen des State Departments, Roger
Noriega, wegen des erzwungenen Abtritts von Aristide und der
Orchestrierung des Putsches in die Zange genommen. Aristide selber
beschrieb am 5. März einem kreolischen Sender in den USA (vom
US-Radionetzwerk Pacifica übersetzt) detailliert, wie er von
US-Einheiten zur Unterschrift unter sein Demissionsschreiben gezwungen
und danach an einen ihm unbekannten Ort ausgeflogen wurde (http://news.pacificnews.org,
Aristide Details Last Moments In Haiti). Die US-Militärs
hätten gedroht, die haitischen Paras und ausländische
bewaffnete Kräfte würden im Falle seiner
Unterschriftsverweigerung „Tausende von Menschen umbringen und es wird
ein Blutbad geben ... Es war mehr als ein Bluff. Der Nationalpalast war
schon von schwerbewaffneten weissen Männern umzingelt. Die
Tabarre-Zone – [meine] Residenz - war von schwerbewaffneten weissen
Männern umzingelt. der Flughafen von Port-au-Prince war schon
unter Kontrolle dieser Männer.“ Am 1. März hatte Jean-Pierre Perrin in der
französischen Libération die Aussagen des
zurückgelassenen Concierge Aristides veröffentlicht,
der die Entführungsvorgänge aus seiner Sicht beschreibt. II. ZUR AKTUELLEN SITUATION IN HAITI Black Commentator, 4.3.04. # 80 Godfather Colin Powell: The
Gangster of Haiti Kevin Pina’s notes on the „killing fields“ Den Mainstreammedien droht von Guy Philippe keine Gefahr. Sie haben sich während des ganzen zum Putsch führenden Prozesses als PR-Agenten der „Opposition“ aufgeführt. Aber Kevin Pina, ein Volksreporter, geniesst diese Immunität nicht. Er übermittelte am Mittwoch [3.3.04] folgenden Bericht: „Jede Nacht erhalte ich verzweifelte Anrufe von FreundInnen und und Kontaktpersonen, die ich in der Vergangenheit interviewt habe. Im Hintergrund höre ich das Donnern automatischer Waffen und die Angstschreie, wie mir die Leute das Schlachten beschreiben,dem sie ausgestzt sind. Die Anrufe kommen von Orten wie Bel Air, Cité Soleil, La Saline und Martissaint. Die Ärmsten der Armen, die Präsident Aristide und die Demokratie unterstützt haben, werden durch die früheren Armee- und FRAPH-Mitglieder gemetzelt. Eine Ausgangssperre ist ab 18h in Kraft, aber sie scheint nicht für diese Mörder zu gelten. Natürlich schweigen sich die haitischen Medien und ihre Kumpels von den internationalen corporate media dazu aus. Sie sind mehr an der romantischen Vorstellung der Rückkehr der früheren Killers als am Killen selbst interessiert. Ich kann sie dafür aber nicht verurteilen, denn die Basis dafür ist von den Eliten in Haiti und Washington schon geschaffen worden. Die Armen von Haiti sind in den Augen des internationalen Publikums schon entmenschlicht worden. Es handelt sich bei ihnen nur um Chimères, mit dem Präsidenten verbandelte gewalttätige Gangs, so dass wir ignorieren können, wenn sie en masse umgelegt werden. Sie verdienen das schliesslich als Lohn für ihre Idee, im politischen Leben von Haiti eine Rolle spielen zu können. Sie sind jetzt nur für zwei Dinge gut – dass man mit ihnen Geld machen oder sie umbringen kann. Wer weiss denn wirklich den Unterschied dazwischen? Niemand in diesen armen Wohngebieten glaubt, dass Präsident Aristide freiwillig zurückgetreten ist. Schon am ersten Tag des Putsches (nennen wir das Ding bei seinem Namen) haben sie das Gerücht zu verbreiten begonnen, dass er gekidnappt worden sei. Sie mögen arm sein, aber sie sind nicht dumm. Jetzt müssen sie für ihre Intelligenz büssen, während die Welt daneben steht uind ihre terrorisierten Schreie ignoriert.“ [Black Commentator:] Philippes Männer jagten Aristide-Funktionäre am Mittwoch bis zum Flughafen, wurden aber von US-Marines am Betreten des Terminals gehindert. Die Marines sagen, ihr Auftrag schliesse jetzt den Schutz von HaitierInnen vor „Vergeltungsmassnahmen“ ein. Es handelt sich dabei aber um die wenigen Glücklichen mit Geld für ein Ticket raus aus Haiti. Die Marines werden Bel Air, Cité Soleil, La Saline und Martissaint nicht beschützen.. Die tollwütigen Hunde, losgelassen durch (die noch tollwütigeren) George Bush und Colin Powell, haben systematisch Gebäude niedergebrannt, die für den Dienst an den Armen errichtet wurden. Kevin Pina unterstützt eine Schule für arme Kinder im relativ reichen Stadtteil Pétionville von Port-au-Prince. Am 1. März schrieb Pina: „Ich habe soeben die Nachricht erhalten, dass die SODUPEP-Schule, die für über 400 der ärmsten Kinder in der Community Gratiserziehung und freie Mahlzeiten anbietet, bedroht ist. Oppositionsgangster und frühere Militärs haben in der Community ihren Plan verbreiten lassen, die Schule sehr bald anzugreifen und nieder zu brennen. Das Personal nimmt die Drohung sehr ernst, viele sind schon untergetaucht. Meine eigene Möglichkeit, die Schule verteidigen zu helfen, ist in der gegeben Situation äusserst beschränkt.“ Die Aufgabe des Kleinmegalomanen Guy Philippe ist es, die Grassroot-UnterstützerInnen von Aristide umzubringen. In diesem Sinn ist er „der Chef“. Philippe überschritt seine Befugnisse am Dienstag [2.3.04], als US-Marines seine Truppen daran hinderten, den Premier Yvon Neptune zu verhaften. Früher an diesem Tag hatten Black Commentator-Mitherausgeber Kevin Pina und Andrea Nicastor vom italienischen Corriere della Sera Neptune in seinem Büro interviewt. Philippes Truppen waren in der Nähe, als Pina und Nicastro in aller Eile folgende Antworten des Premiers erhielten:
[Anm. ZAS: Die afroamerikanische Online-Wochenzeitung Black Commentator ist eine wichtige Informationsquelle zu Haiti]. ___ III. INVASIONSEINHEITEN aus der dominikanischen
Tageszeitung El Caribe vom 29.2.04
Protektorat Haiti?
Nach neuen Unruhen um den haitianischen Präsidenten Aristide zitierte der Miami Herald am 29. November 02 eine/n dieser ewig anonymen US-RegierungsvertreterInnen: Haiti „wandelt sich in ein Nicht-Land (non-country). Haiti ist am Auseinanderbrechen. Wir treffen uns, um unsere Optionen zu überprüfen, die ziemlich düster sind“. Der Herald spann den Gedanken am folgenden Tag weiter: „Da es keinen klaren Post-Aristide-Führer gibt, fragen sich einige US-VertreterInnen im Stillen [also über den Herald], ob Haiti nicht zum gescheiterten Staat erklärt und der UNO oder der Organisation der Amerikanischen Staaten zur temporären Verwaltung übergeben werden sollte“. Die dominikanische Armee erhält ab Januar 03, wie der Herald vom 25. November berichtete, schon mal 20'000 M-16-Sturmgewehre aus den USA – falls das stille Fragen auf eine Antwort stiesse. Und insgesamt 8000 US-SoldatInnen, rotierend in 900-er Gruppen, werden die dominikanischen Truppen in diesem Jahr bei der Wacht an der Grenze mit Haiti unterstützen. Diese Angaben wurden von Präsident Hipolito Mejía bestätigt. (Weekly News Update on the Americas # 670, 1.12.02). Die US-Truppen werden bis Ende Mai im Rahmen der New Horizons-Manöver präsent sein. Es handelt sich um Rapid Deployment-Einheiten, die aus Puerto Rico abgezogen werden. Die dominikanische Linkspartei Fuerza de la Revolución sieht die Sache im Kontext der bolivarianischen Bewegung in der Andenregion. Die dominikanischen Gesetze haben für die US-Truppen keine Gültigkeit, diese können unbeschränkt und unkontrolliert Material einführen (inkl. Flugzeuge und Schiffe) sowie Gewässer, Luftraum, Radiospektrum und Kommunikationssysteme der Nation unbeschränkt und kostenlos benutzen. (rebelión.org. Pascual Serrano, 19.1.03) Am 7. Mai 03 brach die Stromversorgung der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince zusammen, als 20 Schwerbewaffnete ein Stromwerk stürmten, zwei Sicherheitsangestellte umlegten und den Kontrollraum in Brand steckten. Auf dem Rückweg in die Dominikanische Republik verletzten sie 2 Polizisten. Der Angriff glich drei früheren Vorfällen, die mutmasslich auf das Konto von in der dominikanischen Inselhälfte lebenden Mitgliedern der aufgelösten haitianischen Armee ausgeübt worden waren. Drei Tage zuvor verhafteten haitianische Migrationspolizisten den US-Missionär James White, Mitglieder einer ‚International Humanitarian League’, der statt der Bibel ein ansehnliches Waffenarsenal im Gepäck mitführte. (Nachtrag 2.3.04: Permanent 900 US-Soldaten blieben bis mindestens Ende 2003 an der haitisch-dominikanischen Grenze stationiert, vgl. Znet, 16.2.04: „US Double Game in Haiti“) ___ La Jornada (Mexiko), 2.3.04 „No renuncie; fui víctima de un golpe orquestado por EU: Aristide“ Jim Cason und David Brooks [Die beiden Korrespondenten unterhielten sich mit dem früheren US-Botschafter in Haiti, Robert White]. White wies darauf hin, dass Haiti letztes Jahr von der dominikanischen Republik die Auslieferung von Guy Philippe, einem der Anführer der „Rebellengruppen“, die heute nach Port-au-Prince marschiert sind, verlangt hatte. „Die dominikanische Regierung fragte bei der US-Botschaft nach, wie sie auf das Verlangen antworten solle“, berichtete White und fügte hinzu, dass die USA antworteten, Philippe nicht auszulieferen. Der Boston Globe berichtete diesen Montag [1.3.04], dass die US-Streitkräfte zugeben, über den Verbleib einiger der an die dominikanische Regierung ausgehändigten 20'000 M-16-Gewehre, die vielleicht in die Hände der haitischen Aufständischen gelangt seien, im Unklaren zu sein IV. „LINKE OPPOSITION“ GEGEN ARISTIDE UND EUROKOLONIALISMUS ZAS, 5.3.04 Noch liegen viele Vorgänge der letzten
Monate in Haiti im Dunkeln. Insbesondere fällt eine
Einschätzung der Regierung Aristide nach wie vor schwer.
Unbestritten ist, dass sie 2003 in gegenüber früheren Phasen
verschärftem Tempo IWF-Massnahmen umgesetzt hat. Dazu zählen
die Verdoppelung der Benzin- und Kochgaspreise für die
Bevölkerungsmehrheit, während die grossen Unternehmen
weiterhin subventionierte Preise erhielten. Dazu zählen auch die
Massnahmen zur Stärkung der „Autonomie“ der Zentralbank und
Sparprogramme im Staatshaushalt (vgl. Letter of Intent und Memo vom
10.6.03 auf der Haiti-Homepage des IWF). Ob unter Druck oder
freiwillig, die Durchsetzung solcher Politikmassnahmen bewirkt
Widerstand und bedarf der Repression und Korruption. Auf der anderen
Seite hat die Regierung Aristide Massnahmen zugunsten der
Bevölkerungsmehrheit realisiert. So wurde die HIV-Rate anscheinend
von 6.1% auf 5% gedrückt, was entsprechende Investitionen in
Gesundheitszentren, Prävention und Aufklärung voraussetzt.
Das Schulwesen wurde ausgebaut u.a. Insbesondere war die Abschaffung
der Armee verdienstvoll, auch wenn sie unter Bedingungen erfolgt ist,
welche die Regierung gegen militärische Umsturzvorhaben vom
Goodwill der imperialistischen Mächte abhängig machte. Wie umstritten auch immer der Chrakter der
Regierung Aristide, über die sog. politische und militärische
Opposition sollten in der Linken wenig Unklarheiten herrschen. Das ist
aber nicht der Fall. Lassen wir in diesem Zusammenhang Hilfswerke wie
das Fastenopfer ausser Betracht, dessen Vertreter nach dem Sturz von
Aristide am Fernsehen DRS Hoffnungen für einen Neuanfang zugunsten
der Armen zu formulieren wusste. Näher die wochenlange Propaganda
des WoZ-Korrespondenten für die „zivile Opposition“, über
deren reale Beschaffenheit und Vernutzung/Leitung durch Washington und
Paris, über deren den sog. Chimères zumindest in nichts
nachstehenden Terror gegen Lavalas-SympathisantInnen aus den
Unterklassen er sich bis heute ausschweigt. Bestürzender noch die
Blindheit, mit der manche WoZ-LeserInnen seine Distanzierung von den
Faschos in Gonaïves bei gleichzeitiger Propaganda für die
reaktionäre Opposition als Beleg für objektive Information
aufnahmen. Kein Gedanke wurde dabei an die Nebensächlichkeit
verschleudert, dass etwa Colin Powell sich laufend im gleichen Sinne
geäussert hat. Keine Idee also davon, dass solche „linke“
Positionierung innerhalb des erlaubten Dissensmangements agiert. Als zugkräftiges Argument für den
„linken, basisdemokratischen“ Charakter der „zivilen Opposition“ dient
meist die Organisation du Peuple en Lutte (OPL). Die OPL war
ursprünglich ein Teil der Lavalas-Koalition und hatte sich aus
Treue zu den alten Befreiungsprinzipien, so die Mär, von Aristide
ab- und der von Washington und der EU finanzierten Opposition
zugewandt. (Infos zur Finanzierung der Opposition durch die USAID und
die EU z.B. in www.haitisupport.gn.apc.org/184%20EC.htm.
EU für 2002/2003: €773'000, USAID für Fiskaljahr 2003 $3 Mio.
Die Haiti Support Group ist eine in Brüssel Lobbyarbeit
betreibende Soligruppe. Sie reflektiert die zumindest im Falle der USA
massiv untertriebenen offiziellen Zahlungsbeträge der USAID und
lässt andere verdeckte und diskrete Finanzierungsquellen ausser
Betracht). Das Programm der OPL liest sich auf weiten Strecken
tatsächlich wie ein von NGOs verfasstes Entwicklungskonzept und
enthält Darstellungen und Begriffe, die mit sozialen Kämpfen
vereinbar sind. Allerdings zwischendurch auch eigenartige Momente wie
den bevölkerungspolitischen Imperativ, im Rahmen der
Armutsbekämpfung das Bevölkerungswachstum zu reduzieren. Ihr
Generalsekretär Gérard Pierre-Charles wird etwa von der
mexikanischen La Jornada, der alternativen
Lateinamerika-Nachrichtenagentur ALAI oder der Kommunistischen Partei
Frankreichs als linker Hoffnungsträger propagiert. Selbst
ausgewiesene Compañeros der dominikanischen Linken äussern
sich positiv zu ihm. Die OPL portiert Pierre-Charles übrigens
für den Friedensnobelpreis. Die Freude vergeht spätestens bei einem
Blick auf die Homepage der OPL. Als eine ihrer wichtigsten
Führungskräfte nennt die OPL mit Rosny Smarth den ehemaligen
Premierminister unter der Lavalas-Regierung von René
Préval. Was die OPL und ihre ApologetInnen nicht erwähnen:
Smarth musste 1997 unter dem Druck der Sozialproteste gegen seine
neoliberale Politik zurücktreten. Die Mobilisierungen damals
wurden von Aristide unterstützt. In ihrem Pressearchiv findet sich
Weiteres. Etwa ein Schreiben der Convergence an den frisch
„gewählten“ US-Präsidenten George Bush, dem sie „einen vollen
Erfolg für Ihre Amtszeit“ wünschen und mitteilen, unter welch
schlimmer „Diktatur“ von Aristide sie leben. Doch „wir freuen uns auf
eine hoffnungsvolle Dekade in der Geschichte unseres Landes ... Herr
Präsident, ein anderer Diktator darf in unserer Mitte nicht
toleriert werden, und deshalb bitten wir Sie um Ihre
Unterstützung, um diesem Abschaum ein Ende zu bereiten und Ordnung
und Demokratie in einem Rechtswesen nach Haiti zurück zu bringen.“ Nicht gerade die klassisch linke Position in
Lateinamerika und der Karibik zu Washington allgemein und zur
Bush-Administration im speziellen. Am 12.1.02 klagten die „linken“
Serge Gille (für Espace de Concertation) und Gérard
Pierre-Charles (OPL) im Namen der Convergence dem
OAS-Generalsekretär César Gaviria ihre Nöte. Einen
gerade erfolgten Putschversuch stellten die beiden als unbewiesene
Behauptung Aristides dar, der damit eine weitere Repressionswelle zu
legitimieren trachte. „Die Convergence Démocratique ist auch der
Auffassung, dass diese [Repression dem Fall entspricht], der von
Artikel 19 der Interamerikanischen Demokratie-Charta stipuliert wird.
Artikel 19 sieht vor, dass die OAS in Situationen Massnahmen ergreift,
in welchen ‚die Änderung der verfassungsmässigen Ordnung die
demokratische Ordnung eines Mitgliedsstaates ernsthaft bedroht’ ... Die
Convergence Démocratique wiederholt ihre Forderung an die OAS,
die Anwendung der Interamerikanischen Demokratie-Charta gegen die
Regierung von Haiti zu verfügen.“ Die erwähnte Charta wurde
von Colin Powell am 11. September 2001 in der OAS durchgedrückt.
Ihr Artikel 19 gilt der gesamten kontinentalen Linken als
Interventionsermächtigung und ist entsprechend berüchtigt,
ausser bei der OPL und Konsorten. Jetzt, wo die internationalen
Kolonialtruppen und ihre mörderischen lokalen Hilfskräfte das
Szepter übernommen haben, erschrecken die „fortschrittlichen“
Teile der sog. Opposition aus den Mittelschichten nicht etwa über
die Geister, die sie riefen. (Das käme erst, wenn ihre
Verbündeten aus dem Grosskapital und dem Militärfaschismus
sie von den Machtpfründen verdrängten. Soweit ist es aber
noch keineswegs. Am 2. März ernannten die Besatzungstruppen eine
Dreier-Übergangskommission, welche nun den vorgesehenen Teil der
kaum kaschierten Mandatsverwaltung übernimmt, wie er in den
Vorschlägen der rechten Bischofskonferenz und der „internationalen
Gemeinschaft“ seit Monaten ventiliert wurde. Sie soll einen sog.
Waisenrat ernennen, der wiederum eine neue Regierung einberuft. In der
Kommission sitzt ein Vertreter von Lavalas, einer der Opposition und
einer der internationalen Gemeinschaft, nämlich der UN-Vertreter
im Land. Für die Opposition amtiert Paul Denis, einer der Chefs
der OPL (www.haitipressnetwork.com,
3.3,04: „Haïti-transition: désignation d’une commission
tripartide“). Die „linke“ OPL als Garantin für die Interessen der
von Washington/Paris und dem Maquilakapital dominierten Opposition! Ganz allein den „Schergen Aristides“
ausgeliefert war die OPL auch in der Vergangenheit nicht. Die
Sozialistische Internationale (SI) weist die OPL auf ihrer Homepage als
assoziierte Kraft aus, in einem Comuniqué zu Haiti vom 20.2.04
lesen wir: „Die Sozialistische Internationale unterstreicht ihre totale
Solidarität mit ihren Mitgliedsparteien in Haiti, die heute unter
sehr schwierigen Bedingungen operieren, KONAKOM, PANPRA und OPL. Ihre
Anstrengungen für Demokratie und Menschenrechte im Land wird die
Sozialistische Internationale weiterhin unterstützen“. Das war drei Tage nach der
Veröffentlichung des Interventionskonzepts durch den
französischen Aussenminister de Villepin, das sogleich die
Unterstützung der Sozialistischen Partei Frankreichs fand. Die KPF
mochte sich nicht lumpen lassen und blieb einer unguten Tradition treu:
zuerst die Kolonien sichern, danach der Rest. In ihrem Comuniqué
vom 24.2.04 dürfen wir lesen: „Die bewaffnete Opposition [wird]
von ehemaligen Polizisten und Militärs angeführt, die mit dem
Regime von Präsident Aristide oder der vorausgegangenen Diktatur
liiert sind. [Unterdessen] kam es zu Diskussionen zwischen der von der
Convergence Démocratique repräsentierten politischen
Opposition und einer internationalen Mission (zusammengesetzt aus
Vertretern der karibischen Staatengemeinschaft Caricom, den USA,
Frankreichs, Kanadas, der EU und der Organisation der amerikanischen
Staaten über eine politische Lösung. Die Situation ist heute
an einem Punkt, an dem für die gewaltfreie, politische Opposition
ein Abkommen nur unter der Bedingung des Abgangs von Aristide
möglich ist.“ Die alte Tradition stalinistischer
Geschichtsklitterung, die auch von anderen Linken geschluckt wird.
Für die angeblich mit Aristide ex-liierten Polizisten und
Militärs steht natürlich Guy Philippe. Der von den USA
trainierte Philippe ist 1994, nach dem Einmarsch der US-Truppen und der
Reinstallierung Aristides auf dem Präsidentenstuhl, auf Betreiben
der USA ins neu gebildete Polizeikorps aufgenommen worden. (Laut
Linksquellen in den USA wurde Philippe vom ausgelagerten
Geheimdienst/Pentagon-Unternehmen DynCorp kontrolliert. DynCorp hatte
damals für das State Department eine Teilaufgabe bei der Schaffung
der neuen Polizei inne. Zur Rolle von DynCorp im globalen Klassenkrieg,
vgl. „DynCorp – globalisierte technologische Gewalt, http://www.materialien.org/worldwide/americas/Dyncorp.html).
Das übliche Amalgam von Aristide mit Duvalier erlaubt, ein linkes
Mäntelchen über die gerade von Paris aggressiv hochgefahrene
neue koloniale Offensive zu werfen, als deren Teil man agiert. Für
die „Opposition“ war die Zerstörung der gewählten Regierung
Aristide nicht erst „heute“, sondern von Anfang an die
Ausgangsvoraussetzung für eine „politische Übereinkunft“. Die KPF beschreibt die Verfolgung der OPL
durch Aristide und fährt weiter: „Seit Beginn der
Auseinandersetzungen hat die KPF einen permanenten Kontakt mit der von
der Organisation du Peuple en Lutte (OPL) repräsentierten
Linksopposition in der Convergence Démocratique, heute
Plate-Forme Démocratique, aufrecht gehalten. ...
Aktuell hat die KPF drei Fixpunkte für ihre
Intervention im Auge, direkt oder in Zusammenarbeit mit den
französischen Behörden“: [humanitäre UN-Mission;
Lösung auf der Basis der Positionen der Plate-Forme
Démocratique und] „internationale Solidaritätsaktionen
für die Linksopposition ... Auf Einladung der Gruppe im
Europäischen Parlament wird Gérard Pierre Charles,
Koordinator der OPL und Mitglied der Plate-Forme Démocratique,
zwischen dem 29. März und dem 2. April in Frankreich weilen, in
Strassburg und Paris“. „In Zusammenarbeit mit den
französischen Behörden“ ... deren Aussenminister gerade den
Willen, die frühere Kolonie mit zu besetzen und zu verwalten,
öffentlich gemacht hat. Ende Januar 04 hatte eine von Chirac
eingesetzte und von Régis Debray und Véronique Albanel,
der Schwester von Aussenminister Dominique de Villepin, geleitete
Haiti-Kommission ihre Erkenntnisse veröffentlicht: Aristide muss
weg, Frankreich muss intervenieren. Denn: Die Vorgänge in Haiti
„bringen die Beziehungen Frankreichs mit sich selber ins Spiel“.
Colonialisme pur. In ihrem Papier stellt die Debray-Kommission auch
gleich eine über Haiti hinaus weisende Betrachtung an: „Man kann
nicht umhin, an die nicht nur symbolischen Vorgänge zu denken,
welche die Eröffnung einer gemeinsamen diplomatischen Mission von
Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland in Port-au-Prince mit
sich bringen würde. Ihr würden natürlich auf der anderen
Seite des Atlantik die Eröffnung einer deutsch-französischen
Mission z.B. in Windhoek, Namibia, oder anderswo entsprechen“ (zitiert
in www.reseauvoltaire.com.
2.3.04, „Coup d’État en Haïti“). In Namibien hatte
kürzlich der grüne Aussenminister Joseph Fischer vorgespurt:
Den deutschen Völkermord an den Herreros bedauert er, entschuldigt
sich aber nicht dafür, sondern will stattdessen neue
„Verantwortung“ übernehmen. Propagandistisch mit der These der
sog. gescheiterten Staaten bedient, greift die Global Governance offen
auf den Kolonialismus zurück. Die EU lässt sich da nicht
lumpen. (Für eine Analyse der neuen
europäischen Sicherheitspolitik vgl. Tobias Pflüger, Eine
Militärverfassung für die Europäische Union - Oder auch
die EU ist auf Kriegskurs, www.imi-online.de/2003.php3?id=711). |