Evo Morales: neuer Praesident in Bolivien: http://de.indymedia.org/2005/12/135506.shtml
Bolivianische Revolution
Juan Carlos Vallejo*
Bankenschliessung und Suspendierung von Aktivitäten
33 Tote in einem Monat der Sozialkämpfe
Infos auf spanisch: www.rebelion.org und http://bolivia.indymedia.orgÜbersetzung: ZAS, 13.2.02
Chronik der Plaza Murillo Februar 2003
Heinz Dieterich
Um 3h nachmittags am 12. Februar besprach das Exekutivkommittee des Gewerkschaftsverbandes COB (Central Obrera Boliviana) ihr „Manifest der COB an die Nation“. Tränengas drang durch die Fenster und erschwerte die Diskussion. Von der historischen Plaza Murillo, dem Sitz des Kongresses der Nation, fünf Strassenzüge entfernt, drang immer öfter der Knall von Kriegswaffen herein.Saturnino Mallcu Choquetylla, Exekutivsekretär der COB, verliest den Manifsttext und bittet um Stellungsnahmen. Klagen unterbrechen die Sitzung, als plötzlich eine Tür aufgerissen wird und drei Frauen eintreten, welche die COB um Hilfe bitten: „Die Soldaten bringen uns um wie Tiere, sie töten unsere Männer, helft uns, bitte!“. Sie werden betreut, die Sitzung geht weiter.sie Delegierte der Minengewerkschaft kommen. „Der Alto erhebt sich“, die rieisge Armutsstadt am Rande von La Paz. „die ArbeiterInnen strömen aus den Fabriken und die Armee hat zu schiessen begonnen. Es gibt schon mehrere Verletzte.“ Das Volk steht auf.Morgen gibt’s einen nationalen Streik, sagt Saturnino, und die Demo wird sehr stark sein. Der Präsident der Gewerkschaft der Minenarbeiter, ein alter Sozialkämpfer, unterbricht ihn: „Ich glaube, dass wir nicht hier diskutieren dürfen, wenn das Volk auf der Strasse ist. Die COB muss beim Volk sein“.„Du weißt, dass es sehr schwierig ist, auf die Plaza Murillo zu gelangen. Die ganze Zone ist militarisiert“, antwortet Saturnino. Aber bald ist die Meinung einhellig: die Gewerkschaft muss auf der Strasse kämpfen. „Gehen wir“, sagt Saturnino, packt seine Papiere zusammen und alle folgen ihm auf die Strasse. Sie entfalten die rote Fahne der COB und die zwanzig Leute des Exekutivkommittees versammeln sich dahinter.Gegenüber befindet sich das Gebäude der Luftwaffe und auf dem Gehsteig observiert sie ein Militärpolizist mit einem Fernglas. Er benachrichtigt das Operationskommando, dass die COB auf der Strasse ist. alle sind besorgt, denn die Armee hat Scharfschützen auf den Dächern der grossen Gebäude aufgestellt, die schon mehrere Personen erschossen haben. Jemand schreit „Schweine“ und die zwanzig Tapferen beginnen ihren Marsch zur Plaza Murillo.Die Auseinandersetzung auf dem Platz ist gewalttätig. 6 Polizisten, 7 ZvilistInnen und 2 Soldaten sind schon tot. Die Strassenschalacht tobt zwischen zwei Teilen des Staatsapparates. Die Regierung des neoliberalen Präsidenten Gonzalo Sánchez de Losada – eines begüterten Gringounternehmers, der kaum spanisch spricht – hat eine Lohnsteuer von 12.5% verfügt, die die kümmerlichen Einkommen der Arbeiter, Polizisten, Lehrerinnen und anderer Sektoren noch weiter aushöhlt.Die Ablehnung der Massnahme ist einhellig. Aber der Gringo-Unternehmer/Präsident hört nicht auf die Warnungen der meuternden Polizisten: „Wir werden uns bewaffnet verteidigen, wenn die Armee interveniert“. Aber der Gringopräsident hört nicht auf sie. Er kann nicht. Seine Herrschaft befindet sich in der Nähe. Eine Mission des IWF, welche die Massnahme diktiert hat, residiert in einem 5-Stern-Hotel von La Paz. „Entweder der Steuercoup“, haben sie ihrem Politangestellten Sánchez Losada gesagt, „oder die Benzinpreiserhöhung“. „Steuercoup“, hat Lozada geantwortet. Deshalb fliesst das Blut in der Plaza Murillo.Die Leute und die Polizisten applaudieren der kleinen Avantgarde der COB, die sich der Plaza nähert. Leute aus den umliegenden Strassen schliessen sich an. Das Gas wird penetranter, Augen, Nase, Hals brennen. „Eine Zigarette rauchen mildert die Wirkung“, raten einige und andere machen zum gleichen Zweck grosse Feuer auf der Strasse. Das kurze und trockene Geräusch leichter Waffen, das Dröhnen von schwererem Kaliber, die MG-Salven und die Tränengasgranaten bedrohen das „pequeño ejército loco“ der COB und des Volkes (die kleine verrückte Armee).Der entscheidende Moment naht. In den umliegenden Strassen bleiben oder auf den Platz gehen, mit dem Risiko zu sterben. „Con fusil y metralla, el pueblo no se calla“ – mit Gewehr und MG, das Volk schweigt nicht! Der herausfordernde Schrei wächst und mit ausserordentlichem Heroismus dringen die Menschen auf den Platz vor, geführt vom Exekutivkomitee der COB und gedeckt hinter dem roten Transparent.Im Moment, als der Kopf der Demo auf dem Platz in Richtung Kongress dreht, beginnen die Schüsse. Auf der andern Seite geben die mit leichten M-1-Gewehren bewaffneten Polizisten Zeichen, sich zu decken und zurückzuziehen. Aber es ist zu spät. Die ersten zwanzig bleiben wehrlos vor den MGs des Kongresses, während die Kugeln über den Köpfen der andern achtzig in einem gelben Gebäude einschlagen. Sie verstekcen sich hinter den wenigen Bäumen und einem Zeitungskiosk und warten einen günstigen Moment ab, um die Strasse zu überqueren. 10 Meter, die über Leben und Tod entscheiden können.Applaus! 3 Polizisten kommen mit Kriegswaffen: M-16 und Handgranaten. Speziakommandos vom Typ Rambo. Der erste rennt über die Strasse, trotz des Feuers eines MG vom Kongress her, das ihn treffen will. Der zweite wiederholt die Tat. Die Leute schreien, klatschen, lachen. Es ist die überbordende Freude der Unbewaffneten, der Armen, der Wehrlosen.Nach zehn Minuten bewegt sich ein Vorhang im dritten Stock des gelben Hauses. Rambo Nr. 1 kommt zum Vorschein. Er öffnet vorsichtig einen Fensterflügel und der Lauf seines Gewehres wird sichtbar. die Leute rasten angesichts des Moments der süssen Rache aus, welche der erste Schuss aus dieser tödlichen Waffe sein wird. Aber sie schreien nicht, um die Soldaten im Kongress nicht aufmerksam zu machen. Der Schuss geht ab. Die Menge schreit und tobt. Die Stimme der Stimmlosen hat gesprochen, die Waffe der Waffenlosen redet mit.Um 16:30 befiehlt der Gringopräsident den Rückzug der Streitkräfte, der Nationalpolizei und des Steuercoups seiner Freunde vom IWF. Die Kriminellen mit Krawatte beobachten von ihrem Luxushotel aus die Erhebung des mutigen Volkes der Aymaras, der prähispanischen Collas, der würdigen VertreterInnen heute der Republik, die den Namen des Libertadors, des Befreiers, trägt.Zu spät. Während das TV der Oligarchie den Schaden an Privateigentum beklagt und Lüge um Lüge erfindet, um das Volk zu verunglimpfen – im Stil der venezolanischen Manipulationsprofis – nimmt das Volksfest seinen Verlauf. Ministerien brennen, die Vizepräsidentschaft, Büros der Partei der schlechten Regierung ....Unterdessen hat die Regierung die ganze Zone, wo sich das Büro der COB befindet, militarisiert. Zu spät! sie tagt im Untergrund. Sie bereitet den Tag der grossen Demonstration vor ...PS: Ob Lucio Gutiérrez zuhört?(Der neue ecuadorianische Präsident Lucio Gutiérez verfügte kürzlich eine massive Benzinpreiserhöhung des IWF).___
2. Chronik aus BolivienLa Paz, 13. Februar
Um ungefähr 10:30 früh demonstrierten 100.000 BolivianerInnen aus dem
ganzen Land auf der Plaza de San Francisco in der Hauptstadt. Sie hatten
die Brandrede von Evo Morales, dem Anführer des Movimiento al Socialismo
(MAS) gehört, der den Rücktritt des Präsidenten und seines Vize und den
Wechsel des neoliberalen Regimes forderte. Danach brachen sie zum Prado
auf. Lange Reihen von Lehrerinnen, Studenten, Arbeiterinnen, Campesinos
und Indígenas schrieen:"El pueblo unido, jamás será vencido."
Sie zogen an den drohenden Panzern der über Nacht in die Hauptstadt beorderten
Truppenkontigenten vorbei. Die Armee hatte das Präsidentenpalais
hermetisch abgeriegelt, auch mit Panzern, deren schussbereite Kanonen
auf die Demo zielten. Scharfschützen auf den Dächern der Zentralbank und
der Bank Cristal schossen auf die Ambulanzen.Sie zogen an den rauchenden Überresten des in der Nacht zuvor
abgefackelten Planungsministeriums vorbei. Der schwarze Rauch mischte
sich mit jenem eines ausgebrannten Panzerwagens. Zwei Blöcke weiter
befindet sich die schöne Fassade der Vizepräsidentschaft, eines Baus im
Stil Art Nouveau, der dem flammenden Volkszorn zum Opfer gefallen war.
Daneben befindet sich die Christliche Gemeinschaft des Heiligen
Geistes, eine der vielen Waffen des imperialistischen Obskurantismus,
die verhindern sollen, dass das Volk Gerechtigkeit übt. Jesus Christus
ist der Herr, proklamiert ohnmächtig eine riesige Inschrift. So
ohnmächtig wie die Botschaft des Heiligen Vaters, der einmal mehr tief
besorgt über die Ereignisse in Lateinamerika ist. So ohnmächtig wie die
Yuppies des TV, die den Schaden an Privateigentum und den Vandalismus
der Unangepassten lamentieren. So ohnmächtig wie die grosse
zertrümmerte Glasfassade von Burger King, diesem andern Ikon des Imperiums.Gegenüber steht die Bank Unión. Ihr Geldautomat schläft nie , verkündet
ihre Werbung. Jetzt ruht er in Frieden. So wie viele andere Automaten.
Rip , hatten die DemonstrantInnen in untadeligem Volkslatein gesagt.
Das Geld, das sie enthielten, befindet sich im Sack der aufgebrachten
Meute , welche, darf man annehmen, dieses Medium besser gebrauchen wird
als die Finanzplünderer der Patria Grande.Die ersten Menschen fallen unter den Kugeln einer Armee in der Hand von
Mörderoffizieren. Ein Minengewekschaftler informiert über mehrere Tote
in La Paz und (der benachbarten Armutsstadt) El Alto. Dort ist ein
veritabler Krieg im Gang und der Werkschutz der Coca Cola fleht die
Armee an, das Unternehmen zu schützen, dessen Abfallprodukt mit dem
deliziösen, einheimischen Coca-Mate nicht konkurrieren kann, weshalb der
Yankeestaat dieses Pflanzenwunder der andinen Kultur zerstören muss.Mehrere Tote schon und 17 neue Verletzte im Klinikenspital, das zu
Blutspenden aufruft. Insgesamt mindestens 139 meist Schwerverletzte.
Wenn die Menge zu laufen beginnt, hat das zwei Gründe. Entweder schiesst
die Armee oder sie tragen eine Verletzte oder einen Toten davon. Sie
suchen die Polizei der Avenida Mariscal Santa Cruz, deren Patrouillen in
Ambulanzen umimprovisiert werden. Die Polizei, traditionelle
Unterdrückerin des Volkes, ist für heute seine Mitarbeiterin, gegen
Armee und Regierung. Heute werdet ihr uns nicht mit Gas eindecken ,
schreit ein Demonstrant zu den Polizisten, wir sind schon Brüder . Die
Bullen lachen zur Antwort.Die Organisation Amerikanischer Staaten, das Kolonialministerium der
USA, wie der Che sagte, schickt eine Botschaft zur Unterstützung der
Demokratie . Aber niemand achtet auf den Wisch. Es braucht mehr als den
Papst, den Bischof von La Paz und die BerufslügnerInnen vom Fernsehen,
um die Haut des Lakaienpräsidenten Goni zu retten. Der
Scheissyankeegringo soll nach Washington abhauen , schreit ein wütiger
Offizier der Polizei von Santa Cruz im Fernsehen zu diesem erbärmlichen
Subjekt und erklärt, dass die 700 Polizisten von Santa Cruz das
Friedensabkommen von gestern Nacht zwischen Armee, Polizei und Regierung
nicht anerkennen. Um 16h würden sie mit der Bevölkerung zusammen in
Santa Cruz demonstrieren. In dieser Departementshauptstadt gibt es
Strassenblockaden und beginnende Plünderungen, ebenso wie in Cochabamba,
wo die Cocaleros des Evo Morales an den Kämpfen teil nehmen und wo die
Polizei, wie in Santa Cruz, das Abkommen von La Paz nicht akzeptiert.Im alten Minenzentrum Orurogreifen die Unruhen um sich. Angriffsziele
sind die Sitze der neoliberalen Parteien MIR und MNR. In la Paz kommt es
unterdessen zu weiteren Vandalenakten gegen das Justizministerium, die
Bank Sol und eine Dependenz des Obersten Gerichts, wo die Jungen Steine
rein, und, wenn sie hinein kommen, die Ausstattung raus schmeissen. Die
Medienbehauptung, wonach es sich bei den gewalttätigen Chaoten um
Linksaktivisten handle, strotzt von Dummheit. Es ist, ähnlich wie in
Argentinien, eine Volksrebellion, wo die Kids der Unterklassen
vorherrschen. In la Paz sind die stärksten Kräfte des Aufstandes die
Gewerkschaften des Dachverbandes COB und das MAS von Evo Morales, aber
nicht Linksaktivisten .An diesem zweiten Tag ist das Klima sonderbar geworden. Der Volkszorn
steigt und in einigen Armutsquartieren stehen die ersten Barrikaden. Die
Spaltung zwischen Polizei und Armee hält an. Eine vorrevolutionäre
Konjunktur tut sich auf, welche auf eine Avantgarde wartet, die fähig
wäre, das Volk zum Sieg zu führen. Die, wie in Argentinien und Ecuador,
noch nicht existiert. Das ewige Problem der subjektiven Komponente der
lateinamerikanischen Revolution setzt sich fort. Aber so sind die
Transformationsprozesse. Sie laufen mit den verfügbaren Kräften. Unterm
Strich macht die lateinamerikanische Revolution Fortschritte und dieser
Kampf ist Teil ihrer Reifung. Und Goni wird fallen, wie vor ihm Yamil
Mahuad, Carlos Andrés Pérez und Fernando de la Rúa.


