A R G E N T I N I E N

Peinliche Bittgänge

Nur noch mit Krediten des Weltwährungsfonds hält sich das zweitgrößte Land des Subkontinents über Wasser. Die Wirtschaft steckt in einer tiefen Rezession, die Menschen tauschen Hab und Gut gegen Lebensmittel. Ganz Lateinamerika droht in Schulden zu versinken.

Im Untergeschoss eines heruntergekommenen Bürogebäudes in Buenos Aires kämpft Argentiniens Mittelschicht ums Überleben. Gestresste Hausfrauen und Rentner mit grauen Gesichtern drängen sich hinter Klapptischen, auf denen sie ihre Habseligkeiten ausgebreitet haben: ein Paar gebrauchte Schuhe, ein Sack Tomaten, Hosen und Hemden.

Die Währung, in der hier bezahlt wird, heißt "crédito" und wird von den Marktveranstaltern selbst gedruckt. Ein zahnloser alter Herr hält eine Selleriestaude hoch. Einen Crédito will er für das welke Gemüse. Für das grüne Kunstgeld kann er sich bei der jungen Dame vorn am Eingang die Haare schneiden lassen, die ist Friseurin und arbeitslos.

Der Tauschhandel brummt. Im ganzen Land sind über 500 Nodos entstanden, wie diese Art von neuen Märkten heißt. Weil den Argentiniern das Geld ausgeht, flüchten Hunderttausende in die Tauschwirtschaft. "Hier kann ich mich ohne Pesos mit dem Lebensnotwendigen eindecken", sagt Mónica Aguilera, eine arbeitslose Putzfrau.

Der Staat folgt dem Beispiel seiner Bürger: Weil ihre Kassen leer sind, gibt die Regierung der Provinz Buenos Aires jetzt Schuldscheine als Notgeld aus, Patacones genannt. Als erste Firma kündigte der Hamburger-Konzern McDonald's an, dass er sie annimmt - allerdings nur für ein spezielles Menü namens Patacombo.

Offiziell ist ein Patacón einen Peso wert, etwa 2,14 Mark. Doch die meisten Geschäfte werden die Scheine wohl nur zu einem niedrigeren Kurs akzeptieren. "Die Einführung des Notgeldes ist der erste Schritt zur Abwertung", fürchtet ein Finanzexperte in Buenos Aires.

Vor zehn Jahren koppelte die argentinische Regierung die Landeswährung im Kurs von eins zu eins an den US-Dollar, um die Hyperinflation zu stoppen. Seither darf die Zentralbank nur so viele Pesos ausgeben, wie sie an Devisen- und Goldreserven besitzt.

Beide schmolzen zuletzt dahin: Mehr als zehn Milliarden Dollar hatten die Sparer in den letzten beiden Monaten von ihren Konten abgezogen, weil sie eine Abwertung fürchten. "Das Land ist bankrott", sagte Carlos Ruckauf, der mächtige peronistische Gouverneur der Provinz Buenos Aires. Vorvergangenen Freitag erreichte die Panik ihren Höhepunkt, als über 450 Millionen Dollar abgehoben oder ins Ausland transferiert wurden.

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Letzten Dienstag dann kündigte die internationale Staatengemeinschaft einen Hilfskredit von acht Milliarden Dollar an. Zwölf Tage lang hatte eine argentinische Regierungsdelegation den internationalen Währungsfonds in Washington bestürmt, Argentinien noch einmal zu retten. Erst im vergangenen Jahr hatte der IWF Buenos Aires Darlehen in Höhe von 14 Milliarden Dollar gewährt. Doch das Geld reichte nicht; zum Teil steht es noch gar nicht zur Verfügung.

Für die Kredite musste sich die Regierung verpflichten, das Haushaltsdefizit auf null zu bringen - jetzt zieht sie das siebte Sparprogramm seit Dezember 1999 durch. Die Gehälter aller Staatsangestellten wurden um 13 Prozent gekürzt. Kaum ein Experte glaubt, dass der neue Versuch ausreicht, um den Bankrott abzuwenden.

Für weitere IWF-Kredite stehen die Chancen jedoch schlecht. Washington werde nicht länger "das Geld amerikanischer Klempner und Zimmerleute" in Argentinien verpulvern, erklärte US-Finanzminister Paul O'Neill.

Diese Botschaft gilt dem ganzen Subkontinent. Denn der driftet, von Mexiko bis Feuerland, in eine tiefe Finanzkrise, überall wachsen die Schuldenberge. Am meisten leidet Mexiko unter dem Niedergang der US-Wirtschaft, der Nachbar im Norden ist der wichtigste Absatzmarkt. Brasilien, sonst häufig die Wirtschaftslokomotive Lateinamerikas, verzeichnet praktisch kein Wachstum mehr. Dabei hatte die Regierung noch Anfang des Jahres optimistisch eine Zunahme von über vier Prozent versprochen. Argentinien verharrt nun schon seit drei Jahren in der Rezession.

Und eine Besserung der desolaten Lage ist nicht in Sicht, solange auf den beiden wichtigsten Absatzmärkten Lateinamerikas, in den USA und Europa die Wirtschaft gleichzeitig schwächelt. Überdies stockt der Zufluss von Auslandskapital in die Region. Lateinamerikas Schwellenländer sind aber zur Finanzierung ihres Wachstums auf Investitionen angewiesen, weil kaum Eigenkapital gebildet wurde und die Sparquoten im internationalen Vergleich äußerst gering sind.

In den vergangenen Jahren spülten die Privatisierungen von Staatsbetrieben genug Geld in die Kassen. Jetzt ist das Familiensilber verkauft. Argentiniens Auslandsverschuldung ist auf 147,2 Milliarden Dollar angestiegen.

In dieser Situation erwies sich der starre Wechselkurs als Falle: Weil der Dollar überbewertet ist, haben sich Argentiniens Exporte verteuert. Und seit Brasilien vor zweieinhalb Jahren seine Währung abwertete, kann Argentinien nicht mehr mit den Produkten aus dem Nachbarland konkurrieren. Die Folge: Über hundert Unternehmen sind bereits abgewandert.

Dabei hatte die Anbindung an den Dollar den Argentiniern zunächst ein Wirtschaftswunder beschert. Anfang der neunziger Jahre wuchs die Volkswirtschaft zeitweise um mehr als sieben Prozent jährlich. Die erste Amtszeit des schillernden Präsidenten Carlos Menem ging als "Pizza- und Champagner-Ära" in die Geschichte ein.

Der Niedergang begann Mitte der Neunziger in Menems zweiter Amtszeit. Millionen Dollar aus dem Verkauf von Staatsbetrieben versickerten in dunklen Kanälen, die Korruption erfasste den ganzen Staat. Überfällige Reformen, etwa die Sanierung der maroden Sozialversicherung, schob der Präsident auf die lange Bank, um sich die Unterstützung für eine Verfassungsänderung zu sichern, die ihm eine dritte Amtszeit ermöglicht hätte. Der Versuch scheiterte, inzwischen steht Menem wegen seiner Verwicklung in Waffenschiebergeschäfte unter Hausarrest.

Sein Nachfolger Fernando de la Rúa versucht bislang vergebens, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Weil er hölzern agiert und wenig Entschlussfreudigkeit zeigt, verspottet die Presse ihn als "Frenando de la Rúa", den "Bremser de la Rúa". Als Wunderwaffe holte der Präsident im März jenen Mann ins Kabinett, der einst in Finanzministertagen unter Menem den festen Wechselkurs einführte und seither als eine Art Wirtschafts-Guru verehrt wurde: Domingo Cavallo. Inzwischen regiert der allgegenwärtige Superminister praktisch das Land allein, de la Rúa sieht sich in eine Statistenrolle abgedrängt.

Doch der Mythos vom Supermann verflüchtigte sich rasch. Cavallo hat offenbar unterschätzt, wie tief Argentinien in der Krise steckt. Bei der Hochzeit seiner Tochter bewarfen Demonstranten den Minister mit Eiern. Nachdem der neue IWF-Kredit angekündigt war, versprach Cavallo seinen Landsleuten sogleich vollmundig, "die argentinischen Anleger" könnten "dem Bankensystemvertrauen" und hätten keinen Grund mehr zur Kapitalflucht.

Auch sein Chef de la Rúa ging vorigen Mittwoch in die Offensive und demonstrierte Tatkraft. Er kündigte ein Referendum an, in dem die Bürger über Kostensenkungen in der Politik und die aufgeblähten Parlamente ihre Meinung sagen sollen: 16 508 gewählte Volksvertreter in der Hauptstadt Buenos Aires und den Provinzen kassieren derzeit jährlich rund elf Milliarden Mark.

Die Bittgänge nach Washington sind für die Argentinier besonders demütigend. Denn bis vor wenigen Jahren betrachteten sie sich noch als vergleichsweise wohlhabende Insel europäischer Kultur auf einem Kontinent des Elends. Es gab eine gut verdienende Mittelschicht, der Ausbildungsstand der Argentinier ist immer noch hoch. Doch Kleinindustrielle, das Rückgrat der Wirtschaft, mussten nach Öffnung der Märkte in den neunziger Jahren aufgeben.

Seit 1994 haben 30 000 mittlere und kleinere Betriebe geschlossen, mehr als 50 Prozent der Arbeitsplätze des mittelständischen Sektors wurden vernichtet. "Seit 50 Jahren habe ich so eine Krise nicht erlebt", klagt der Rentner Adam Founiersc, 70. Einst besaß er eine florierende Schuhfabrik mit über 20 Angestellten. Heute stellt er selbst noch einige Paar Schuhe her, die er auf dem Tauschmarkt gegen Lebensmittel einwechselt.

In der Provinz Buenos Aires, der reichsten des Landes, gilt inzwischen jeder dritte Einwohner als arm. Im Landesinnern grassiert Hunger - das hat es im Land der Riesensteaks noch nie gegeben.

Die Dritte Welt beginnt bereits am Stadtrand von Buenos Aires. Eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Vorortzug in den Süden der Hauptstadt. Hier schlug einst das Herz der argentinischen Industrie. Heute stehen die meisten Fabrikhallen leer, Elendsviertel säumen den Bahndamm.

Der heruntergekommene Ortsteil Florencio Varela ist ein Aufmarschgebiet der Piqueteros. So heißen die Demonstranten, die seit Monaten strategisch wichtige Straßen und Brücken im ganzen Land blockieren. Juan Cruz, 27, der sich den Kampfnamen "Lucas" zugelegt hat, führt die "Kolonne Teresa Rodríguez" an, die radikalste Gruppe. Nach einer Schlacht mit der Polizei verbrachte er zwei Wochen im Gefängnis.

Erstmals traten die Piqueteros 1997 bei Protesten gegen die Folgen der Privatisierung der Ölgesellschaft YPF in Erscheinung. Heute gibt es Zehntausende im ganzen Land. Am stärksten sind sie in den verarmten Nordwest-Provinzen. In Salta lieferten die Demonstranten sich im Juni regelrechte Straßenschlachten mit der Polizei. Insgesamt sollen mindestens zehn Piqueteros bei Auseinandersetzungen gestorben sein.

Ihre Aktionen ziehen sie stets nach erprobtem Schema durch. Binnen Minuten errichten sie Barrikaden aus brennenden Autoreifen und Brettern. Jüngst sperrten Kolonnen von Demonstranten zwei Wochen lang eine der wichtigsten Zufahrtstraßen der Hauptstadt.

Die Regierung sieht in der Bewegung die Keimzelle für eine neue Guerrilla. Doch die meisten Piqueteros sind Arbeitslose ohne ideologische Schulung. "Meine Generation hat nie eine Fabrik von innen gesehen, weil es keine mehr gibt", sagt Juan. Nach der Schule schlug er sich als Kellner und Straßenhändler durch.

Inzwischen hat der Gewerkschaftsbund CTA den gemäßigten Flügel der Piqueteros vereinnahmt. Ihre Straßenblockaden werden im Radio angekündigt und verlaufen seither ohne Zwischenfälle. Deshalb haben sich die Radikalen abgespalten. "Wir sind gegen Gewalt", beteuert Juan zwar, "aber der Nährboden für eine neue Rebellion ist geschaffen."

Zumindest können die Piqueteros mit viel Verständnis rechnen. Als jetzt die Regierung der Provinz Buenos Aires 300 000 Kindern das Essen in den Schulen strich, trieb diese Sparmaßnahme auch die bravsten Bürger auf die Barrikaden. "Es ist Wahnsinn zu glauben, das Land könne mit solchen Sparprogrammen genesen", sagt der Unternehmer Tomás Pförtner, Inhaber einer Kette von Optikergeschäften. Die Bischofskonferenz warnte bereits vor "sozialer Anarchie".

Viele junge Leute haben längst die Hoffnung aufgegeben, dass Argentiniens Krise je ein Ende haben könnte. Ihr Ausweg heißt Ezeiza - der Internationale Flughafen von Buenos Aires. Allein in Florida werden Ende 2001 etwa 200 000 Argentinier leben, knapp zwei Drittel mehr als im Vorjahr. Vor den Konsulaten von Spanien und Italien stehen jeden Morgen Hunderte an, um einen Pass zu beantragen. Wer einen italienischen oder spanischen Vorfahren nachweist, kann deren Nationalität annehmen.

Gern gesehen sind die armen Verwandten aus Argentinien in der Heimat ihrer Ahnen nicht. Doch das ficht die Emigranten nicht an. "Nach dem Bürgerkrieg hat Argentinien Hunderttausende von Flüchtlingen aus Spanien aufgenommen", sagt María del Carmen Bermejo, die bei Verwandten in der spanischen Rioja ein neues Leben anfangen will. "Jetzt müssen die Spanier uns helfen."

JENS GLÜSING
 
 
 

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© DER SPIEGEL 35/2001