| 2003: Kerneuropa inszeniert
sich als Friedensbringer und bereitet gleichzeitig seine Militärintervention
im Kongo vor. Noch keiner der Generäle Frankreichs ist angeklagt, die während
der Planung des Völkermords in Rwanda 1994 mit dem damaligen Regime kollaborierten,
und schon ist unter Führung Frankreichs die nächste Truppe auf Seiten
Kabilas und auf der Seite des Mordens im Anmarsch. In den rassistischen Konstruktionen
werden heute die Hema als zu den Tutsi gehörig einsortiert. Wir müssen
fragen: Gibt es Fluchtwege und Fluchthilfe für die Menschen im Kongo? Gibt
es eine Öffentlichkeit gegen den permanenten Massenmord in Afrika?
Seit Mitte der 90er Jahre haben sich
die sozialen Spannungen in Zaire in einen Krieg im Kongo verwandelt, der im September
1996 in den Aufbruch zum Sturz Mobutus überging und seit August 1998 durch
einen erneuten internen Krieg Dimensionen von Völkermord
annimmt. Die Politik des Rassenhasses, die in Rwanda, Burundi und dem Kongo erzeugt
wird, soll die sozialen Forderun- gen überdecken. Hinter den vor Ort kämpfenden
Menschen gilt es, ihre Instrumentalisierung zur Zerstörung bisheriger solidarischer
und pragmatischer Überlebensstrukturen und zur Durch- setzung
einer neuen Ordnung – der Inwertsetzung des Kongo- sichtbar zu machen.
Die Kolonialmacht hat in Congo Belge
seit 1926 Siedlungsgebiete und Mobilitätsrechte von Wanderhirten, Bauern
und LandarbeiterInnen fixiert und so Knappheiten geschaffen. Die kolonialen und
aktuellen Plantagen für die Exporte wurden mit Zwangsarbeit durchgesetzt,
doch nach Möglichkeit von unten boykottiert, sabotiert, durch Flucht unterlaufen.
Ihr Platzbedarf produzierte Landknappheit, während Aufkaufpreise ständig schwankten.
Die Einführung des Privateigentums an Land unter Kleinbauern schafft Überzählige.
Es gelang den Menschen in Rwanda trotzdem und trotz Kaffeepreisverfall und Strukturanpassungsprogramm
durch Naturalientausch und Kuhpacht zu überleben. Diese Formen von "umusanzu"
wurden mit Macheten umgebracht. Das ist die Vernichtung der störenden Armen.
Ein Blick in die Kampfgeschichte
von unten und oben: Aufstände und Repression | 1990
| Konferenz
von Bauern in Bukavu gegen Mubutu, zur Lösung der sozialen Notlagen.
| | 1991
| Nationale
Konferenz der Bauernligen in Kinshasa im Kontext von Aufstandswellen.
| | 23.-24.09.91 | Aufstand
in Kinshasa, 924 von 1100 Fabriken werden zerstört, Villen geplündert,
Europäer und Amerikaner ergreifen die Flucht (taz, KAS). Seitdem ist Mobutu
isoliert. | | 25.09.91 | Militärintervention
Frankreichs. Eine Eliteeinheit besetzt den Flughafen. | | April-Juli
1994 | Durch
den Völkermord in Rwanda erlangt Mobutu sein diplomatisches Comeback.
| | Juli
94 – Sept. 96 | Die
Führungsstruktur des Völkermord-Regimes aus Rwanda nimmt 2 Millionen
Menschen in Zeltlager in die zairischen Grenzstädte Goma und Bukavu mit.
Dort werden sie von NGOs versorgt und von frz. Militär wiederbewaffnet. Oppositionelle
werden umgebracht. | | Sept.
96- Mai 1997 | Mobutu
wird aus dem entstaatlichten Kongo vertrieben. Er stirbt August 98: ein erneuter
Krieg gegen die AFDL beginnt mit Unterstützung Rwandas und Ugandas, und der
USA. Kabila nähert sich seit 1999 wieder an Frankreich an. Er stirbt
2001. | | | Bereits
1993 läßt Mobutu „ethnische Säuberungen“ anordnen. Die innerkongolesischen
Kämpfe beginnen 1997 in der südlichen Provinz Katanga, dem ehemaligen
Zentrum der Weltkupfer-förderung. 1998-2000 werden v.a. die Banyamulenge
der Provinz Kivu-Süd dezimiert, von Milizen der Interahamwe und Mayi-Mayi-Allianzen
aus der Region. Seit 2001 wird der Krieg in den Nord-Osten
des Landes verlagert bis an die Grenze zu Uganda. Seit
1998 stimmt die Blutspur mit den aktuellen Rohstoffinteressen überein; es
gibt nächtliche Umsiedlungen - viel Diplomatie aber keine Welthungerhilfe.
Die Interahamwe und andere Milizen
werden über den frz. Stützpunkt Bangui wiederbewaffnet. Die europäische
Entwicklungsfinanzierung entwirft Visionen für einen neuen Kongo „danach“.
| | Februar
2003 | Massaker
in Bunia mit 1000 Toten werden gemeldet Tote gemeldet. (Die Zahl der Ermordeten
und Hungertoten in Burundi, Rwanda und dem Kongo liegt seit 1993-2003 bei 4 Millionen.
) |
A. Allgemeine
Thesen zu Afrika: 1.
Das Weltkapital (vertreten bspw. durch die europäischen Bankierslobby in
Brüssel/ Charleroi, LECE) betreibt die Monetarisierung gesellschaftlicher
Zusammenhänge, Subsistenzerstörung, Inwertsetzung afrikanischer Lebensverhätnisse
mittels permanentem Völkermord. Dies wird weithin als bedauerliche Tatsache
in Kauf genommen. Unsere erzwungene Komplizenschaft mit dem permantenten Völkermord
in Afrika durch Stillehalten ist ein politischer Skandal. Wie kommen wir da heraus?
2. Vergewaltigung und Terror
sind Kriegswaffen, die besonders Frauen individuell und kollektiv angreifen, auf
deren Entmachtung zielen, traumatisieren. Diese Warlordisierung über Jahre
hinweg soll den überlieferten gesellschaftlichen Zusammenhalt aufsprengen.
Die Massaker rufen aber andererseits Selbstverteidigungszusammenschlüsse
hervor. Wir sollten sie wahrnehmen. 3.
Die Angriffe sind nicht originär afrikanisch, sind werden von außen
stimuliert, teilweise koordiniert, geopolitsch und in der Weltöffentlichkeit
zustimmend moderiert. 4.
Ethnizität ist kein sinnvoller Begriff. Es entstanden Kulturen der Tätigkeit
nebeneinander und in Arbeitsteilung, Refugien und Streitigkeiten. Es gab durchgängig
personelle Fluktuation. B.
Spezielle Thesen zum Kongo: 1..
Der Völkermord in Rwanda war der Durchbruch zum Krieg im Kongo, er ist das
Take Off zu einer regionalen Inwertsetzung, durch bevölkerungspolitische
Neuzusammensetzung im Prozess der kriegerischen Zerstörung der Lebensverhältnisse.
Die Massenvernichtung reagiert auf die Ende der 80er Jahre entstandene Unregierbarkeit
und die vielen eigenständigen Versorgungsstrukturen. Der Exportanbau kam
zum Erliegen. 2.
Lokale Geschichte wird auch hier zur Kriegführung instrumentalisiert, Knappheiten
in Hetzkampagnen als Diebstahl vorgeworfen, der zum Anderen gemachte Arbeitsverweigerer
zum sozialen Feind. 3.
Das genozidale Inwertsetzungsgeschehen erhält seine besondere Dynamik aus
metropolitanen Prozessen, wie der neuen High-Tech-Generation mit dehnbaren Hochleistungsmetallen,
die es fast nur im Kongo gibt (Tantal, Niobium...). Daneben gibt es traditionelle
Vorhaben der Ausbeutung des Kongo-Flusssystems für den Agrobusiness. Der
Kongo könnte ganz Afrika ernähren... 4.
Lokale wie globale Prozesse setzen die gesellschaftliche Gültigkeit des kapitalistischen
Wertsystems durch. Dies führt zur subjektiven Entwertung der eigenen Kultur
des Austarierens kollektiver Nutzungsrechte. Die hier erfolgende Bewertung
ihrer Armut gewinnt dort inzwischen an Gültigkeit. Den Rat ihrer Mütter
und Väter sehen die Jungen als wertlos an. 5.
Aus den Aufständen und sozialen Konfrontationen mit dem Mobutu-Intrigensystem
und dem Anbaukommando blieben „Soweto-Kids“ übrig, die mit dem Kampf auch
gleichzeitig einen Anspruch auf Gleichheit und Würde verbinden und sich 1997
den Kriegsherren anschlossen, um ihre Utopie zu suchen. Sie desertieren von Fraktion
zu Fraktion. 6 . Wie
könnte die sog. Globalisierungkritik/ ein neuer Antiimperialismus für
Afrika aussehen? Forderungen und Aktionen für "Freiheit und offene Grenzen
für alle!" Und: "Die Initiativen des Kapitals in Afrika offenlegen
und zum Stillstand bringen!" sollten programmatische Grundlagen sein. |