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Neue Zürcher Zeitung, 24.05.2003, Nr. 119, S. 5


Teufel und Beelzebub in Kongo-Kinshasa

Im Sprachgebrauch der Nachrichtenagenturen sind die Kämpfe und Schlächtereien, welche jüngst die Region um Bunia im Nordosten Kongo- Kinshasas verwüstet haben, "Stammeskonflikte". Die Bezeichnung evoziert ein archaisches Afrika, das uralte Konflikte austrägt und keinen Zugang zur Moderne hat. Wenn es sich wirklich um Stammeskonflikte handelte, wäre die Versuchung zumal im westlichen Ausland gross, sie als unbeeinflussbares Geschehen abzutun, denn was sich stets nach dem gleichen Muster wiederholt, entzieht sich der Veränderung.

Der Krieg in der Region um Bunia aber ist nicht archaisch, sondern modern, denn er weist Züge einer privaten Unternehmung auf. Die eigentlichen Akteure in diesem Krieg sind nicht "die" Ethnien der Lendu und der Hema, die als Ackerbauern und Viehzüchter einen traditionellen Interessengegensatz austragen, sondern Milizenchefs und Warlords, die Banden von Bewaffneten befehligen, die sich mangels ordentlicher Besoldung mit Plünderungen und Überfällen schadlos halten. Die Warlords benützen die Ethnien, denen sie angehören, bloss als Rekrutierungsbasis. Ihre eigentlichen Auftraggeber sind die Waffenlieferanten und Verbündeten im Ausland, konkret: die Regime in Uganda und Rwanda. Diese haben ein strategisches Interesse daran, ihre westlichen Grenzen zu sichern und Infiltrationen von Rebellengruppen, die von Kongo-Kinshasa aus operieren, zu verhindern. Aber beide Regime treiben den Teufel mit Beelzebub aus, indem sie kongolesische Milizen ausrüsten und sie mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragen. Je länger der Konflikt dauert, desto stärker tritt der kommerzielle Charakter dieser Interessen hervor. Uganda und Rwanda betrachten ihren Kampf um die Kontrolle über die Bodenschätze Ostkongos als Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, was der andere gewinnt.

Der Krieg in der Region um Bunia, wie übrigens auch die zahlreichen Konflikte in den beiden Kivu-Provinzen, hängt letztlich mit den Erschütterungen und Verwerfungen zusammen, welche die Massenflucht von Hutu nach dem Genozid in Rwanda 1994 ausgelöst hat. Einer solchen Verwerfung entstammt die Rebellion der Alliance des forces démocratiques pour la libération du Congo-Zaire (AFDL), denn es waren Banyamulenge - von Mobutus Schergen und rwandischen Hutu-Extremisten bedrohte kongolesische Tutsi -, die dem AFDL-Führer Laurent-Désiré Kabila mit tatkräftiger ugandischer und rwandischer Unterstützung zur Macht in Kinshasa verhalfen. Kabila versuchte zwar bald nach seiner Machtübernahme, die Banyamulenge loszuwerden, aber diese Undankbarkeit säte die Keime für neue Rebellionen. Der Mantel des Nationalisten Lumumba, den sich Kabila umgehängt hatte, sass ihm ausgesprochen schlecht; um sich der aus dem Osten anstürmenden Rebellen zu erwehren, liess er sich mit einer Reihe von afrikanischen Ländern ein, deren Söldnerdienste er mit Lizenzen für den Abbau kongolesischer Bodenschätze bezahlte. Zeitweise tummelten sich in Kongo-Kinshasa Truppen von über fünf ausländischen Mächten.

Joseph Kabila hat als Nachfolger seines ermordeten Vaters zwar einige Anstrengungen unternommen, das Land zu befrieden, die Rebellenverbände durch Regierungsbeteiligung zu neutralisieren, den Abzug der ausländischen Truppen zu erwirken und die Zentralgewalt zu stärken. Aber nach wie vor wird in Kinshasa über die Bildung einer neuen kongolesischen Armee gestritten; keiner der grossen Rebellenverbände ist vorderhand bereit, auf eigene Truppen zu verzichten. Ob der Präsident selber willens ist, die mit ihm verbündeten Kräfte im Osten des Landes, darunter die Restbestände der einstigen rwandischen Hutu-Milizen, fallenzulassen, ist noch nicht ganz deutlich geworden. In der Gegend von Bunia scheint Kinshasa sich darauf beschränken zu müssen, den Schlächtereien zuzuschauen - und zu hoffen, dass das Ausland ihm die Kastanien aus dem Feuer holt und das Machtmonopol der Zentralgewalt wiederherstellt.
Die Bemühungen des Uno-Generalsekretärs, eine Interventionsstreitmacht auf die Beine zu stellen, die dem Morden in der Region um Bunia Einhalt gebietet, setzen keine Sekunde zu früh ein. Es hat sich gezeigt, dass die dort stationierten Truppen der Uno-Friedensmission nicht ausreichen oder schlicht nicht willens sind, die Zivilbevölkerung vor dem Treiben der Milizen wirksam zu schützen. Dass Frankreich ein Interesse angedeutet hat, die Führung einer solchen Interventionsstreitmacht zu übernehmen, hängt gewiss nicht allein mit seiner humanitären Gesinnung zusammen. Nachdem es auf der weltpolitischen Bühne im Ringen mit Amerika um die Politik gegenüber dem Irak den Kürzeren gezogen hat, ist ihm daran gelegen, seine Unentbehrlichkeit als Ordnungsmacht wenigstens in Afrika unter Beweis zu stellen. Zudem kann es die Scharte der unrühmlichen Rolle auswetzen, die es mit seiner Militärhilfe an die rwandische Hutu-Regierung noch kurz vor dem Genozid gespielt hatte. Die Risiken einer Intervention im Osten Kongo-Kinshasas sind beträchtlich. Nach Lage der Dinge dürfte nur eine systematische Entwaffnung der Milizen den gewünschten Stabilisierungseffekt erzielen.

ach.