Gleichzeitig soll hiermit am Beispiel Angola der Forderung nach freiem
Aufenthaltsrecht aller Flüchtlinge als hiesige Antwort auf die massiven
Menschenrechtsverletzungen im angolanischen Bürgerkrieg Nachdruck
verliehen werden.
Unterstützt die Anti-Landminenkampagne von medico!
Ein Mitglied des Panafrikanischen Forums Bremen Sept. 1998
Einleitung
Die
Ziele des Krieges in Angola
Die
entwicklungspolitischen Ziele
Das Binnenmarktprojekt
Ein
kurzer Blick in die Geschichte
Vom
Siedlerkolonialismus PortugalsÖ
Özur
Krise des Entwicklungsmodells
Strategien
der Subsistenz: kollektive Einkommenssuche zur Risikostreuung
Kampf
um die Wiederaneignung des geraubten Reichtums
Die
Hindernisse der Entwicklung nach westlichem Muster
Die
politische Ökonomie der Flüchtlingslager
Krieg
in Angola als Krieg gegen die Selbstversorgungslandwirtschaft,
als
Angriff auf die sozialen Strukturen
Entwicklung
in der Cunene Region in Südangola: Krieg und Vertreibung
für
das Bewässerungs- und Ansiedlungsprojekt
Zusammenfassung
der Beobachtungen
Der
Verlust der Würde und des Respekts
Der
Kampf um die Würde und um den Respekt
Literatur
Soziale
Forderungen
Im folgenden geht es mir darum, den dreißigjährigen Krieg in Angola von seinem Ablauf her zu verstehen. Ich trete dafür ein, daß die Gegnerschaft zwischen UNITA und MPLA (und der FNLA) als ideologische bezeichnet und im Ergebnis von den die Bevölkerung betreffenden praktischen Auswirkungen her als Zusammenarbeit gesehen wird.
Ihre gemeinsamen entwicklungspolitische Interessen
waren
- die Durchsetzung eines starken stabilen Staates,
der das Gewaltmonopol hat (aufgebaut im Namen des Sozialismus);
- die Schaffung eines standardisierten Marktes
im Landesinneren, angeordnet nach europäischen Effizienzkriterien.
Das heißt: Sicherung des Zugriffs auf Angolas Rohstoffe für
den Unterhalt der Industriegesellschaften des Nordens. Und die Neuordnung
der Landwirtschaft: dabei schien es unvermeidlich, die Bevölkerung
von ihrem unmittelbaren Zugang zu ihrem Land zu trennen; dieses wurde als
landwirtschaftliche Nutzfläche in den Planungen einbezogen: statt
Selbstversorgung sollte der Landwirt als Unternehmer Agrarprodukte nach
Norm liefern, die die Nahrungsmittelindustrie verarbeitet und die so hergestellten
Lebensmittel an die Konsumenten verkauft. Zwischen Anbau, Ernte und Zubereitung
für den Eigenbedarf und dem gelegentlichen Verkauf auf dem Markt tritt
also die industrialisierte Verarbeitung dazwischen. Der Vorgang selbst
der Trennung der Menschen von ihrem je unterschiedlichen Zugang zum eigenen
oder gemeinschaftlichen Land ist höchst gewaltsam und ist der Kern
der kriegerischen Modernisierung und Standardisierung Angolas wie derzeit
der meisten anderen Gesellschaften Afrikas.
- die Durchsetzung einer stabilen Armee, die erst
einmal von zwei Gegnern im Krieg rekrutiert werden mußte, um später
nach Friedensschlüssen vereinigt werden zu können;
- die Durchsetzung einer Repräsentativ- und
Parteiendemokratie gegen die Formen der Einigung im Konsens und der Formen
des imperativen Mandats an den jeweiligen Patron: Formen der Austragung
von Politik, die in den lokalen Gemeinschaften neben der autoritären
Anordnung durch die Chefs immer auch vorhanden waren. Statt dessen soll
die Politik durch Wahlen besser legitimiert werden, auch wenn das Prinzip
repräsentativer Wahlen eher der Etablierung einer Elite förderlich
ist als der Änderung der Ursachen der Ungerechtigkeit.
Hier ist zu fragen, welche Gesellschaften aus der
Vielfalt der Völker Angolas besonders betroffen oder gar ausgelöscht
worden sind. Ein Forschungsthema wäre, inwieweit sich Forschungsberichte
über die betreffenden Ethnien, die diesen entsprechende Rückständigkeit
andichteten, mit der späteren Kriegführung übereinstimmten.
In Deutschland im Dritten Reich gab es auch Regionen, in denen die Landbevölkerung
ihre demokratischen Traditionen in Widerstand gegen das Regime wandte.
Diese Spurensuche würde auch eine anteilnehmende Trauerarbeit und
einen subjektiven Zugang zu einer angolanischen Aufarbeitung des Konfliktes
erleichtern. Der Verfasser dieser Schrift kann das nicht leisten, allerdings
rein aus Unkenntnis der vielfältigen lokalen Verhältnisse.
In der Tat haben UNITA und MPLA inzwischen gemeinsam
etwas geschaffen:
Es gibt einen bürokratischen Apparat, der
regelt, wer wann etwas einkaufen und verkaufen kann und zu welchen Preisen.
In den Städten sah das für einige Zeit so aus, daß über
die Vergabe von Lebensmittelkarten der Zugang zu Grundnahrungsmitteln geregelt
wird. In der Praxis bekamen diejenigen, die loyal zu den Parteikadern waren,
leicht mehr zu essen, als diejenigen, die keine Beziehungen zu den Kadern
hatten oder keine solchen unterhalten wollten. Daneben gibt es zahllose
Schwarzmärkte , ohne die die Bevölkerung nicht überleben
könnte.
Die UNITA hat derweil dafür gesorgt, daß
der Abbau des Erdöls und der Diamanten in den Regionen, die sie mit
ihren Waffen hält, auch garantiert an die wenigen amerikanischen und
westeuropäischen Konzerne geht, die an der Ausbeutung des Landes interessiert
sind. Sie sind gewissermaßen die Wachmannschaft des Abbaus und Schmuggels
der Bodenschätze.
Im ganzen Land wurden in den vergangenen dreißig
Jahren Krieg und wieder verstärkt seit 1992 über eine Million
Menschen im Landesinnern vertrieben. Die Zahl der AngolanerInnen im Ausland
(Zaire/Kongo, Sambia, Westeuropa, Südafrika) schätzt Sogge auf
400.000. Was noch schlimmer ist: die meisten von ihnen sind in Lagern eingepfercht
und können nicht fliehen. Sie sind auf die internationalen Nahrungsmittellieferungen
angewiesen. Diese Lieferungen stammen von Organisationen wie dem World
Food Council (WFC), dem World Food Programme (WFP) und dem Roten Kreuz,
die in den 80er Jahren selbst an der Handels- und Entwicklungspolitik wesentlichen
Anteil hatten.
Die meisten Flüchtlinge sind Bäuerinnen
und Bauern mit ihren Familien. Sie können nicht zu ihren Siedlungen
und auf ihre Felder zurück, weil diese vermint sind. Zehntausende
sind auf dem Weg zu ihren Feldern auf Minen getreten und starben oder wurden
dabei verstümmelt.
Angola ist mit 1,6 Millionen km2 4,5mal so groß
wie die neue BRD. Zwei Drittel dieses riesigen Landes waren am Ende des
Krieges vermint. Die Minen sind fast alle aus Europa. Einige Schiffe voll
Waffen und Minen wurden auch in Bremen verladen.
Die Hilfslieferungen kamen jedoch nur zu einem
kleinem Teil in den Lagern an. Sie wurden abgezweigt von MPLA-Kadern und
der Verwaltung, um die Fabrikarbeiter in den wenigen Fabriken des Landes
zu ernähren (Sogge 1994, 99). Oder sie gingen direkt an die UNITA,
deren Führer die Lebensmittel an diejenigen weitergaben, die ihnen
gegenüber loyal sind. Allgemein werden in den Lagern auch nur die
versorgt, die sich in die Hierarchie des Lagerkommandanten einfügen
- wenn die Transporte nicht gerade von bewaffneten Banden überfallen
werden. Der "Rest" hungert oder stirbt an Krankheiten.
Das Interesse des Westens und Südafrikas
an Angola ist ein ungebrochen koloniales:
In einer Veröffentlichung bezeichnen Kuder
und Möhlig (1994) das ausländische Interesse an Angola als groß:
"Mit seinen potentiell reichen Ressourcen an Bodenschätzen, Energiequellen
und agrarischer Produktion dürfte es zukünftig nach der Republik
Südafrika zum zweit wichtigsten Weltwirtschaftspartner in der Großregion
Südliches Afrika aufsteigen" (vgl. auch Kuder 1991).
Es geht dabei um Erdöl und Diamanten, aber
auch um zahlreiche zu verarbeitende Rohstoffe wie Baumwolle, Sisal und
Ölpalmen. Es bedurfte auch der Arbeitskraft, die aus der Selbstversorgungsökonomie
herausgelöst werden mußte. Unter Salazar wurde nach dem 2. Weltkrieg
eine Siedlerkolonie aufgebaut, um die weiße Mittelklasse mit den
Aufgaben der Landesführung zu betrauen und um die schwarze Arbeitskraft
zu kontrollieren. Mit dieser Siedlungspolitik änderte sich die Angola
zugewiesene Rolle: nicht mehr allein als Lieferant von Rohstoffen, sondern
als Standort der Produktion für den Weltmarkt sollten Angolas reichhaltige
Bodenschätze an Ort und Stelle verarbeitet werden. Mit dem Befreiungskampf
war diese Entwicklungspolitik seit den 60er Jahren in ihre bisher schwerste
Krise geraten.
Inzwischen wird Angola, vor allem seit den Wahlen
von 1992, eine wichtige Rolle im Rahmen eines Binnenmarktes im Südlichen
Afrika zugedacht. Dieses Vorhaben veranlaßt die europäischen
Mächte und die USA auf eine schnelle Befriedung und eine sogenannte
Demokratisierung zu dringen. Die Transformation im Medium des Krieges muß
also zu einem Abschluß kommen. Die Karten der Machtverteilung, so
scheint es, werden nun in den 90er Jahren neu gemischt. Mögen sie
auch nicht wie aus einem Guß erscheinen, so zielen doch viele politische
Strategien der USA, Südafrikas und der Länder der Europäischen
Union darauf ab, mit Angeboten und dem Dringen auf Demokratie- und Menschenrechtsstandards
sich selbst als legitime Akteure darzustellen. Das sieht dann so aus, daß
amerikanische Unterhändler die Führung der UNITA darauf drängen,
die Gefechte einzustellen, an Wahlen teilzunehmen und deren Ergebnisse
zu akzeptieren. Wer die Sache der Menschenrechte unterstützt und Gelder
für den Wiederaufbau anbietet, erscheint mit guten Absichten, sogar
als Hoffnungsträger oder Rettungsanker, als verständnisvoller
Außenstehender in einem Meer von Chaos und Verteilungskämpfen
im Landesinneren.
Das transnationale Kapital drängt seit
Anfang der 90er Jahre auf eine Entwicklung der Region Südliches Afrika
zu einem Binnenmarkt nach dem Muster der Europäischen Union. Wichtiges
koordinierendes Gremium ist dabei die Southern African Development Coordination
Conference (SADCC; heute SADC). Sie soll für ihre Mitgliedstaaten
Südafrika, Botswana, Zimbabwe, Zambia, Angola, Mozambique Richtlinien
für gemeinsame Entwicklungsvorhaben und Strategien formulieren.
Nun werden nicht mehr nur Wanderarbeiter nachgefragt,
die für eine Saison gebraucht werden, sondern es bedarf der gebildeten
Arbeitskraft, die sich dauerhaft vernutzen läßt. Zu diesem Projekt
eines Binnenmarktes im Südlichen Afrika gehören in Angola der
Ausbau der Infrastruktur für den Transport der Rohstoffe aus Zambia
und dem Südosten Zaire/Kongos (namentlich das Kupfer), der Aufbau
der Wasserenergie, die Plantagenwirtschaft nach brasilianischem Vorbild
und der Tourismus. "Richtige" urbanisierte Städte und eine andere
Form der Arbeitsteilung in der Produktion erscheinen dabei als strukturelle
Voraussetzungen, um überhaupt Technologie ohne zu großes Risiko
zum Einsatz bringen zu können.
Teil des Binnenmarktvorhabens ist eine Arbeitsteilung
zwischen den Ländern und Regionen unter Führung der Republik
Südafrika: aus Angola, Zimbabwe, Zambia, Botswana und Mozambique werden
Zulieferregionen für halbfertige Produkte, Früchte aus der Plantagenwirtschaft.
Angola wird dabei besonders als Lieferant von billigen halbausgebildeten
Arbeitskräften, von Erdöl und als Stromlieferant interessant.
In Südafrika waren diese beiden "Grundnahrungsmittel" des Kapitals
im Lauf der 80er Jahre in die Krise geraten: auf dem Weltmarkt wurden immer
mehr Produkte aus energieintensiver Herstellung nachgefragt. Das südafrikanische
Kapital betrieb jedoch bis in die 80er Jahre hinein Importsubstitution,
es blieb auf den Abbau von Edelmetallen begrenzt, sein Maschinenbausektor
geriet in den technologischen Rückstand. Die importabhängige
Wirtschaft Südafrikas hatte einen kleinen und instabilen Kapitalmarkt
und konnte daher das Wohlstandsniveau auch nur durch die zahlreichen bilateralen
Abkommen mit den SADC-Nachbarn sichern. In der Konsequenz heißt das:
will Südafrika sich einen Platz auf dem Weltmarkt erhalten, so muß
es mit HighTech-Produkten nachziehen. Dazu braucht es billigen Strom -
aus Angola. Dort sind für die Zukunft Staudammprojekte vorgesehen
(vgl. Weimer 1991, Kuder 1991).
Das "andere" Problem Südafrikas waren und
sind die Arbeitskräfte: mit ungezählten Streiks und Aufständen
trieben die Schwarzen Südafrikas nicht nur auf der politischen Ebene
die Apartheid in die Krise. Auch nach dem friedlichen Übergang zur
schwarzen Mehrheitsregierung ist in Südafrika kein Ende der Klassenkämpfe
in Sicht: der seit Monaten (1996/97) anhaltende landesweite Steuerboykott
in den schwarzen Stadtteilen im Witwatersrand reißt Löcher in
die Haushalte der Gemeindeverwaltungen und zeigt, daß die Kosten
der Entwicklung nicht ohne Weiteres auf die Steuerzahler abgewälzt
werden können.
Das Binnenmarktprojekt Regionalintegration Südliches
Afrika bedeutet für Angolas Bevölkerungsmehrheit eine Festschreibung
der Ungleichheit, eine Staffelung des Zugangs zu Einkommen und des Lebensstandards.
"Regionalintegration" ist nur eine beschönigende Propagandaformel
für dieses Modell abhängiger Entwicklung. Notwendige Voraussetzung
für diese Interessen ist ein sicherer Zugang zu den Welthäfen
und ein ungestörter Betrieb der Transitstrecken, nicht zuletzt die
Angola von Osten nach Westen durchlaufende Benguela-Bahn.
Ein solches Projekt des Aufbaus einer Ordnung,
die der Wertschöpfung dient, bezeichne ich als kapitalistische Inwertsetzung.
Ich möchte im folgenden zeigen, warum dazu die Umstrukturierung der
angolanischen Bevölkerung durch Krieg notwendig wurde.
Angola hat eine Fläche von über 1,2
Millionen km2 ; die rund 10 Millionen Einwohner gehören zahlreichen
ethnischen Gruppierungen an. Sie lebten in einem Nebeneinander großer
Königreiche und freier Bauern, von Viehzüchtern wie Jägern
und Sammlern.
Bereits 1482, also vor der Entdeckung Amerikas,
gelang es den Portugiesen, an der Kongomündung Fuß zu fassen.
Ab dem 16. Jahrhundert war Angola eines der ersten
und wichtigsten Herkunftsländer der Sklaven. Einige der im 17. Jahrhundert
entstandenen großen Königreiche wurden als Vasallen an die portugiesische
Krone gebunden.
Die Sklaverei hinterließ bei einem großen
Teil der Gesellschaften Angolas weitreichende Zerstörungen. Die Folge
war ein weitgehender Verlust an Legitimität der angolanischen Herrscher,
denn sie hatten ihre eigene Bevölkerung an die Weißen verkauft.
Die Antwort war nicht selten ein Aufstand, in
dem die Basis ihre eigenen Chefs zusammen mit den weißen Elfenbein-
und Sklavenhändlern verjagte (so beschreibt es Clarence-Smith 1987).
Nach der Abschaffung der Sklaverei (1815 und endgültig
1854) zielte die Kolonialpolitik auf die Errichtung von Plantagen und weißen
Siedlungen, die Besteuerung und Rekrutierung schwarzer Arbeitskraft. Die
Sklaverei ging so nahtlos in die Zwangsarbeit über, mit der öffentliche
Infrastruktur aufgebaut wurde (vgl. Bender 1978; Meyns 1993).
Doch dieser Handels- und Exportkapitalismus blieb
nicht unverwundbar. Der Widerstand gegen die Versklavung, Besteuerung und
Zwangsarbeit (z.B. gegen den Eisenbahnbau) zwang die Portugiesen häufig
zu Rückzügen.
Nach der Berliner Konferenz griff Portugal
in den 1880er Jahren zum Mittel der militärischen Invasion, um die
sich seit den 1860er Jahren abzeichnende Auflösung der angolanischen
und Vasallenkönigreiche aufzuhalten. Praktisch konnte Portugal jedoch
nur die küstennahen Gebiete kontrollieren.
In den Jahrzehnten zwischen 1910 und 1960 betrieb
Portugal, v.a. unter Salazar, die aktive Ansiedlung von Europäern,
den Aufbau einer Industrie und eine Plantagenwirtschaft (entsprechende
Kolonialliteratur erschien wie Araujo 1964; Guerreiro 1958; Kuder 1955;
Pössinger 1966).
Seit 1961 regte sich jedoch offener Widerstand:
nach einem Massaker an der Zivilbevölkerung ging die 1955 gegründete
Volksbefreiungsbewegung MPLA zur Guerrilla über. Diese Kämpfe
sind ausführlich beschrieben worden von Andrade 1971, Decke 1981 und
Pélissier .
Der antikoloniale Kampf läßt sich auch
verstehen als Verstärkung des Klassenkampfs (in allen seinen Formen)
angesichts der militärischen Besetzung.
Die portugiesische Kolonialverwaltung reagierte
auf den antikolonialen Kampf mit dem Programm des Reordenamento Rural 1961
- 1969: Angolaner wurden dabei in Arbeitslager zusammengetrieben, aus denen
"geschützte Dörfer" errichtet wurden - wobei es um den Schutz
der schwarzen Arbeitskraft vor den Impulsen und der Gerüchteküche
des Aufstandes ging. Sogge (1994) schreibt, daß in den frühen
siebziger Jahren bis zu einer Million AngolanerInnen, fast ein Viertel
der ländlichen Bevölkerung in diesen Wehrdörfern zusammengetrieben
worden seien (Parallelen zu den Maßnahmen des türkischen Militärs
gegen die Kurden).
Zurück
Mit dem Sturz Salazars war auch der Weg frei
für die Unabhängigkeit Angolas und Mozambiques. Die MPLA-PT erklärte
Angola zur Volksrepublik und den Aufbau des Sozialismus gemäß
der Ideologie des Marxismus-Leninismus als Ziel. Getragen wurde diese Politik
jedoch schon seit den 60er Jahren vor allem von den "Assimilados", den
ArbeiterInnen und Gebildeten in den Städten. Der antikoloniale Befreiungskampf
erfaßte dagegen alle Landesteile: die wesentlichen Aufstandsregionen
waren der Norden und der Osten des Landes, die Guerillaorganisationen waren
die UNITA und die FNLA.
Der Befreiungskampf hatte vor allem nach seinem
Erfolg drastische Auswirkungen auf das Entwicklungsmodell der Portugiesen:
das Produktivitätsniveau der viel gelobten portugiesischen Plantagenwirtschaft
ging rasant zurück und die Selbstversorgungswirtschaft dehnte sich
wieder aus. Dies war nur die logische Folge des Abzuges der portugiesischen
Siedler und des Abzugs der im Export tätigen Gebildeten - allesamt
Portugiesen - und des Verfalls der von den Portugiesen hierarchisch angelegten
Märkte auf dem Lande: das von ihnen errichtete Export-, Produktions-
und Vermarktungssystem wurde schlicht nicht weitergeführt (Sogge 1994,
94. Sämtliche Statistiken zur wirtschaftlichen Entwicklung markieren
1973/74 einen Bruch).
In der Landwirtschaft dreht sich erst einmal
alles um die Sicherung der Ernährung der Familie. Jedes Familienmitglied
wird zu den Arbeiten herangezogen, die anfallen, soweit es körperlich
dazu schon in der Lage ist. Die meisten bäuerlichen Familien in Angola
sind bereits in die Geldwirtschaft integriert. Die Sicherung der Ernährung
ist heute für die meisten davon abhängig, ob sie ein Geldeinkommen
erwirtschaften können. Da es jedoch ein altes Prinzip ist, nicht einen
einzelnen alle Arbeiten alleine machen zu lassen, sondern immer zu schauen,
wer mithelfend zur Hand gehen kann, versuchen alle Familienmitglieder stets,
beständig etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Dieses Prinzip
der Verteilung der Lasten wird auch in die Bereiche der Moderne hineingetragen
und fortgesetzt.
Die Feldarbeit ist, weil sie mühselig und
beschwerlich ist, mit vielen Pausen oder mit Gesprächen durchsetzt,
oder sie wird mit Gesängen begleitet, damit sie nicht so anstrengend
ist. Welche Arbeiten die Frauen zu tun haben und welche die Männer,
ist nach strenger Hierarchie festgelegt. Am allerwichtigsten ist der unbedingte
Gehorsam der Kinder gegenüber den Erwachsenen, den eigenen Eltern
wie den Ältesten. Schließlich hat die Mutter, die einen geboren
hat, viel für einen getan, bevor man überhaupt schon in der Lage
war, ihr dies zu erwidern. Man sind daher moralisch dazu verpflichtet,
ihr dies irgendwann einmal auszugleichen. Damit entsteht ein dichtes Netz
wechselseitiger Verpflichtungen.
Nach diesem Prinzip der allgemeinen Gegenseitigkeit
wird die Arbeit auf alle verteilt (die nicht krank sind), und wer viel
Geld erworben hat wird auch gefragt, ob er (oder sie) einmal ein großes,
d.h. seinem Wohlstand angemessenes Fest ausrichtet und umgekehrt, wenn
man jemandem gibt, der einen um Rat oder um eine Sache bittet, auch um
Lebensmittel in Zeiten der Not oder darum, mitzuhelfen, dann schon in der
Erwartung, diesen selbst einmal fragen zu können, wenn er einmal mehr
hat und man selbst arm dran ist. Es gibt eigentlich niemanden, der Reichtum
anhäufen kann, ohne daß irgendwann bestimmte Leute anfangen,
darüber zu diskutieren. Wer eine besondere Gabe hat, wird dafür
auch Wert geschätzt, sein Fleiß zum Beispiel ist Wert - nicht
nur für sich, sondern ein Segen für die Gemeinschaft.
Diese Regeln und hierarchischen Anordnungen sind
allerdings keineswegs so festgefügt gewesen, wie der Begriff der "afrikanischen
Tradition" es nahelegt. Dem Kommandoton, mit dem ein Mann seine Ehefrau(en)
kommandieren mag, stand und steht eine Autonomie von Frauen gegenüber,
die es ihnen ermöglicht, sich untereinander über allzu derbes
Auftreten ihrer Männer auszutauschen. Ihr Austausch in Abwesenheit
der Männer muß von diesen respektiert werden. Es gibt sowieso
einige Bereiche, die die Männer und Frauen je für sich organisieren.
Das ist auch in ganz Afrika zu beobachten. Diese Form der sozialen Kontrolle
garantierte also immer auch eine Balance zwischen Hierarchie und Autonomie.
Auf den Markt gebracht wird, was in einer guten
Ernte an Überschüssen anfällt, und eingekauft wird, was
man nicht selbst herstellen kann oder in Zeiten der Not, was an Lebensmitteln
notwendig ist, um satt zu werden. Wenn keine Notzeit ist oder, wenn man
keine Überschüsse hat, muß man nicht zum Markt gehen. Es
ist aber auch von Bedeutung, auf dem Markt die neuesten Nachrichten mitzubekommen.
Also geht man auch zum Markt, ohne unbedingt etwas einkaufen oder verkaufen
zu wollen.
Wenn in der Folge schlechten Wetters die Ernte
schlecht ausgefallen ist, so werden die jungen Männer zu einem wohlhabenden
Bauern geschickt, um bei ihm für Lohn zu arbeiten. Oder sie gehen
in die Stadt, um etwas zu verkaufen: an einem Tag mögen dies kleine
Fladenbrote sein, die den Reisenden an einem Bahnhof oder an einer Busstation
angeboten werden, oder eine kleine Anzahl von Waren wie Radios, Kunstschnitzereien
aus eigener Herstellung, die z.B. Touristen angeboten werden. Die Frauen
und Mädchen stellen Lebensmittel zum Verkauf her, oder sie helfen
beider Ernte eines Nachbarn. Es gibt eigentlich viele Möglichkeiten,
sich im Handel, mit der Herstellung von Kleidern, als Reiseführer
u.a. ein Einkommen zu verdienen, das das eigene Überleben sichert.
In guten Jahren gehen viele in die Stadt gekommene junge Leute (v.a. Männer)
wieder aufs Land zurück, um den Eltern zu helfen, erworbene Güter
und Nachrichten mitzubringen.
Um Armut zu vermeiden, versuchen alle Familienmitglieder,
sich am Gelderwerb zu beteiligen, und sei das Einkommen noch so vorübergehend
und klein. So gehen sie zwar individuell ihre Wege, doch zumindest ein
Teil des eigenen Einkommens wird umgelegt und verteilt unter den Angehörigen.
Mit der Einkommensstreuung wird auch das Risiko
gestreut, einen Verdienstausfall zu haben. Nicht ein Familienvater arbeitet
die ganze Zeit und ernährt die ganze Familie, sondern alle versuchen,
auch während einer Ausbildung, ein Einkommen zu beschaffen. Dieses
Verhalten bringt es mit sich, daß diejenigen, die in die Stadt gehen,
dort viele andere kennenlernen, die das Gleiche versuchen. Ein junger Mann
denkt also nicht zuerst und einzig und allein an seinen persönlichen
Erfolg in der Ausbildung, um einen Beruf zu erlangen. Diese Chance haben
sowieso nur ganz wenige, deren Eltern das Geld für die Ausbildung
aufbringen können.
So werden in beständigem Handel Waren und
Neuigkeiten gleichermaßen ausgetauscht. Der einzelne ist vielleicht
unentschieden, ob er das verdiente Geld und die gehandelten Waren zu hause
abliefern soll oder ob er sie für sich behält und sein Glück
woanders versucht. Doch was ist, wenn er in der Fremde keinen Erfolg hat?
Also ist es wichtig, die Verbindung zum Elternhaus und zu den Verwandten
nicht zu verlieren. Die Verwandten in der Stadt sind es ja auch, die der
erste Stützpunkt, die erste Anlaufstelle sind, dort, wo man sonst
niemand kennt. Eine hervorragende Beschreibung dieser Verbindung gibt Bettina
Decke (1981, 89-91). Oder man ist darauf bedacht, mit einem Onkel in der
Stadt verwandt zu sein, von dessen Gehalt die Familie von Zeit zu Zeit
etwas kaufen kann.
Dieses Denken, daß man sich eine Rücklage
behält für Zeiten der Not - in Zeiten unsicheren Einkommens -
hat zur Folge, daß diejenigen, die in die Städte gezogen sind,
und dorthin ihre Familien nachgezogen haben, alsbald in der Stadt beginnen
in einem kleinen Garten mit Lebensmitteln anzubauen. Dem Autor ist so ein
Verhalten aus Dar-es-Salaam aus eigener Beobachtung bekannt, in Texten
wird das von Bangui, von Accra, Karthoum und Kigali beschrieben (Manshard
1977). In europäischen Städten sieht man das allerdings nicht,
daß überall in der Stadt kleine Gärten unterhalten werden,
als Rücklage für Zeiten der Not. Die Städte in Europa sind
dafür zu durchgeplant, zu viele Verordnungen verbieten ein solches
Handeln.
Die Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler beobachten
das auch und nennen das dann Verschuldungskrise, den Wasserkopf der Bürokratie
oder schlicht Vetternwirtschaft.
Ich meine, dahinter steht eine Einkommensstrategie
auf der Basis der Mitversorgungsethik.
Die Verschuldungskrise hat dabei sicherlich komplexere
Hintergründe als nur den Mitkonsum der Gehälter des öffentlichen
Dienstes durch näher oder ferner liegende Angehörige. Die Anhäufung
von Geldern und die Verschwendungssucht afrikanischer Eliten kann jedenfalls
nur zum Teil für das "Verschwinden" der Gelder aus der Staatskasse
verantwortlich gemacht werden. Es ist bemerkenswert, wie zum einen die
Debatte hinter der Debatte um die Konditionalisierung der Entwicklungshilfe
geführt wird, in der die Vertreter der Entwicklungsverwaltung fordern,
mit dem "Faß ohne Boden" Schluß zu machen - ein "Faß",
in das, wie von frankophonen Staaten in Westafrika allgemein bekannt, immer
wieder aufs Neue die zwei, drei oder mehr Monate ausgebliebenen Gehälter
der Angestellten des öffentlichen Dienstes aus dem ehemaligen "Mutterland"
überwiesen werden müssen. Zum anderen ist es bemerkenswert, zu
welchem Ergebnis die wissenschaftliche Forschung kommt, die betrieben wird,
um die verwandtschaftlichen Netze in die Verwaltung hinein zu begreifen,
die diesen Mitkonsum organisieren (vgl. Mitchell 1969 für den Beginn
dieser Fachdisziplin). Unterm Strich würde eine ehrliche Bilanz des
Staatshaushalts belegen, daß in der Etappe der 50er und 60er Jahre
in vielen Ländern Afrikas de facto die Investitionen in die Bevölkerung
größer gewesen sind als ihre Produktivität. Ihre Produktivität
stieg nicht wie erwartet, in den 70er Jahren an, sondern brachte so manche
Industrieanlage de facto zum Stillstand. Da diese Solidarbeziehungen auch
die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung tangieren, ist ihre Zerstörung
mit Sicherheit einer der Hauptgründe des Westens für die Kriegführung
in Afrika. So arbeitete der Sozialwissenschaftler und Modernisierungstheoretiker
Monteiro, nach dem er 1973 die Stadtteile der Unterklassen Luandas (Muçeques)
untersuchte, mit dem "Rat für Gegensubversion" zusammen und wurde
später Chef des staatlichen Nachrichtendienstes SCCIA. Für ihn
war das wesentliche Hemmnis der Entfaltung des individualistischen Leistungsprinzips
("die einzige fruchtbare moderne Ich-Orientierung") "der Familienparasitismus",
das Stadt und Land verbindende Solidarverhalten der subsistenten Familienbeziehungen
und ihre wertetransferierenden Pendelbewegungen (Decke 1981; ein Lebenszusammenhang,
dessen Erforschung heute die quantifizierende sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse
perfektioniert).
1. die traditionellen Autoritäten waren
wirkliche Autoritäten, da jeder in der Clan- und/ oder Dorfgemeinschaft
eine persönliche Beziehung zu ihnen hatte. Ihren Rat galt es in allen
das Individuum und die Gemeinschaft betreffenden Fragen unbedingt einzuholen
und zu beachten. Auch wenn der einzelne nicht genau im Wortsinne nach dem
Rat des Ältesten handelte, sein Wort galt symbolisch und universal.
Auf diesen Rat konnte man sich berufen, er legitimierte Entscheidungen.
Der Chef (früher Häuptling genannt)
oder König war damit Begründer und Garant des Zusammenhalts der
Gemeinschaft. Wer eines Vergehens bezichtigt und zu einer Strafe verurteilt
worden war, diese Strafe (z.B. in Form der Gabe von Vieh) jedoch nicht
bezahlen konnte, wandte sich an den Chef, der die Strafe auslegte an den
Beklagten. Der Dissident oder Verurteilte hatte sodann dem Chef die Strafe
abzuarbeiten oder später zu bezahlen.
So ist auch die Strafe für ein Vergehen auf
der Ebene der Gemeinschaft in Form des Austauschs direkt untereinander
geregelt. Der Chef wacht, mit anderen Worten, als Begründer der Gemeinschaft,
über die gerechte Ordnung des Austauschs; ihm obliegt vor allem auch
die Beilegung von Landstreitigkeiten.
2. Das Fehlen eines einheitlichen Staates in vorkolonialer
Zeit: Angola wurde und wird wie gesagt bewohnt von bäuerlichen Gesellschaften,
Hirten Nomaden und anderen. Sie hatten alle ihre eigene Organisation, mit
den eben beschriebenen Chefs - doch ohne einen Nationalstaat nach europäischem
Muster zu kennen. ?Wie organisiert man nun einen solchen Nationalstaat??
mag eine der bedrückendsten Fragen der Portugiesen gewesen sein. Wenn
wir in die europäische Geschichte schauen, so ist sie nicht etwa voll
von Nationalstaaten, sondern voll von "Stammeskriegen"!!! Erst im Dreißigjährigen
Krieg gelang es den Nationalstaat in ganz Europa durchzusetzen.
Der Nationalstaat wurde auch in Europa im
Krieg gegen die Bevölkerung durchgesetzt!
Ein Staat besteht in einer einheitlichen zentralen
Macht, die für sich das Monopol beansprucht, Gewalt auszuüben.
Es sieht ganz so aus, als ob die Durchsetzung dieser Macht nur durch Krieg
möglich ist. Diejenigen die bisher die Macht haben - über sich
selbst, ihre Kinder, über ihren Markt und ihre Arbeit, über das
Produkt ihrer Arbeit - wollen diese Macht nicht freiwillig aus der Hand
geben. Das wesentliche Instrument der staatlichen Herrschaft ist neben
der Armee die Verwaltung, die sich aus verschiedenen Organen zusammensetzt
und die Einhaltung der Gesetze überwacht. Wer etwas von der Verwaltung
möchte, muß einen Antrag stellen. Sonst kann es sein, daß
er oder sie etwas verbotenes tut! So ist das jedenfalls in Europa.
Damit das in Angola nicht so ist, haben die AngolanerInnen,
so wie sie aus der Wirtschaft der Selbstversorgung kommen, die Strategie
entwickelt, möglichst jemanden im Verwaltungsapparat zu kennen, um
beim Stellen von Anträgen, wenn sie denn sein müssen, Beratung
und Unterstützung zu bekommen. Die persönliche Beziehung zu einem
Höherstehenden gilt über alles, und es ist auch nicht einzusehen,
warum dies nicht so sein sollte.
Europäische Verwaltungen funktionieren nicht
so! Sie sind auf einem ganz ganz unpersönlichen mechanischen Prinzip
der Bearbeitung von Anträgen und Anweisungen begründet, die als
alleroberstes Prinzip nicht nach dem Ansehen der Person funktionieren sollen!
Das steht in krassem Widerspruch zu dem Bestreben, die persönliche
Beziehung nicht aus den Augen zu verlieren.
Entscheidend für die hier versuchte Analyse
des Krieges in Angola, der nun auch schon dreißig Jahre dauert (1961-91),
ist es, zu verstehen, wie die Verwaltung während und durch den Krieg
durchgesetzt wird: wenn alle Möglichkeiten sich selbst zu ernähren
und mit Einkommen zu versorgen, zerstört worden sind, auch die Häuser
und wenn die Felder vermint sind, so muß sich die Bevölkerung
an die Verwaltung wenden, die ja angetreten war, sie zu entwickeln, um
von ihr Unterstützung zu bekommen. Da bereits beginnt die Fremdbestimmung
durch Verwaltung.
Zur Selbstversorgung gehört nach wie vor
der freie Zugang zu Land, Wasser und Brennholz. Nach wie vor über
die Hälfte der Angolaner und in noch stärkerem Maße die
Angolanerinnen arbeiten in der Landwirtschaft - und sei es in der Stadt.
Auch wenn sie es vielleicht nicht gerne tun, es ist ihre Lebensgrundlage!
Diese wurde ihnen durch den Krieg Schritt für Schritt genommen. So
wenden sie sich anderen Tätigkeiten zu, von der Landwirtschaft losgelöst,
doch mit denselben Versorgungs- und Mitversorgungsansprüchen!
Die ländlichen Märkte Angolas bleiben
in der Folge das was sie sind: Märkte des einfachen Austauschs ohne
steigenden Profit für Zwischenhändler; das Verbot des Tauschhandels
durch die Portugiesen wird unterlaufen, der Tauschhandel geht unter der
Hand eben weiter, er läßt sich nicht verbieten. Er überschreitet
sogar die nationalen Grenzen - zum Nachsehen der Steuereintreiber. Mit
ihm überschreitet immer auch die Nachricht von den eignen Lebensbedingungen
die Grenzen - zum Erfolg transnationaler Aufstandsbewegungen. Dabei ist
es stets von allergrößter Bedeutung, das dieser Handel wesentlich
in den Händen von Frauen liegt, so wie sie auch das Wort weitergeben.
Sie sind in der Folge auch die Hauptleidtragenden des Krieges - besser
gesagt: die hauptsächlich Angegriffenen, Vergewaltigten, Entmündigten
und Ausgeraubten, die von den Konferenzen von Frieden, Versöhnung
und Fortschritt in aller Regel ausgeschlossen bleiben.
Die Selbstversorgung in der Praxis und der Gedanke
der Mitversorgung ist jedoch in der Tat das Innovativste, was die Gesellschaft
Angolas während und trotz des Krieges hervorgebracht hat. Doch Krieg
bedeutet oftmals schlicht: Vernichtung. Und das ist es worauf es in diesem
brutalen Neuordnungskommando, fleißig inszeniert als Chaos, ankommt:
die Vernichtung der Unproduktiven, der Verarmten, restlos Verbrauchten
und nun Nutzlosen, die sehr wohl andauernd produktiv sind, aber einem im
Wege stehen: der Ordnung der Verwertung von Arbeit zum Profit von wenigen.
Kuder hat in seinem Aufsatz 1991 vielleicht
am besten zusammengefaßt, warum es notwendig wurde, die oben beschriebene
Selbstversorgungswirtschaft und die nicht profitorientierten Strategien
des sozialen Ausgleichs mit jahrelangen Terroraktionen anzugreifen und
zu zerstören, kurz: wie sich die politische Ökonomie der Flüchtlingslager
als notwendiger Bestandteil in die Neustrukturierung der Küstenregionen
Angola und Mozambique einfügt:
"Da die beiden portugiesisch-sprachigen Staaten
mit ihren Seehäfen für das südliche Afrika die Tore zum
Welthandel bilden und damit die Eckpfeiler der Entwicklungskooperation
sind, und das gilt insbesondere für Moçambique, dienen alle
Entwicklungshilfen zugleich den Nachbarländern" (Kuder 1991, 196).
Für die Cunene-Region im Süden Angolas
sind z.B. umfangreiche Planungen in Umsetzung befindlich, nach denen die
Region in eine exportorientierte, komplett durchstrukturierte Bewässerungs-Plantagenlandwirtschaft
umgewandelt werden soll. Zentrale Auseinandersetzungen im Kampf um die
Einhegung der Bodenflächen und dem Zugang zu Wasser spielen sich also
bis heute in dort ab. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser Siedlungspläne
kam es in Südangola zu solch lang anhaltenden Kriegszügen unter
Beteiligung Südafrikas (Über das Wertschöpfungspotential
von Bewässerungssystemen in der Cunene-Region schrieben Serrano and
Carter 1991).
Aus dem in den Augen der Entwicklungsplaner
undifferenzierbaren Wirrwarr von Handel, Kommunikation und Versorgung,
wie es auf den Märkten der Landbevölkerung praktiziert wurde,
läßt sich nur dann eine funktionierende Verwertungsordnung organisieren,
aus der das transnationale Kapital Wert schöpfen kann, wenn es entwirrt
wird. Wenn Konsumenten nicht mehr Verkäufer sein können, wenn
es Zwischenhändler gibt, wenn die Preise nicht mehr von jeder Marktteilnehmerin
ausgehandelt werden können, wenn das Konkurrenzverhalten nicht mehr
durch verwandtschaftliche Verpflichtungen blockiert wird. Nur dann wären
die Märkte kapitalistische Märkte.
Die historische Erfahrung Angolas zeigt jedoch,
daß die alte Marktordnung nicht ohne Weiteres umgestürzt werden
konnte. Im Gegenteil: die Landbevölkerung trug ihr Verhalten in die
Städte hinein - die einzigen Stützpunkte kapitalistischer Innovation.
Die Bauern wollten ihre Macht zu handeln behalten.
Um diese Macht zu brechen, war es notwendig, sie von ihrem Terrain und
von ihren Rückzugsbasen, dem eigenen Feld, zu vertreiben (vgl. Keen
und Wilson 1994).
In dem der Krieg zwischen ideologischen Gegnern
die Bevölkerung in Flüchtlingslager und in die Städte trieb,
enteignete er sie von ihrer Handels- und Handlungsmacht.
In den Lagern und in den Städten wurden sie
vom Lebensmittelvergabesystem der staatlichen Agenturen abhängig.
Diese Grundnahrungsmittel verteilende Verwaltung konnte nur funktionieren
durch den personellen Einsatz und die konkrete Belieferung durch die Nahrungsmittelbehörden
der Welternährungswirtschaft der FAO und des World Food Council, der
United Nations Economic Commission for Africa (UNECA) und der Weltbank.
Sie ist im Krieg die konsequente Weiterführung der staatlichen Vermarktungsorganisationen,
die es im "Frieden" gab. Mit der staatlichen Essensausgabe wurde einkalkuliert,
daß die Armen weiter handeln werden: das Allernötigste gegen
das Minimalste. Während die Parteikader und Sekretäre der internationalen
Organisationen auf den teuren üppigen Märkten kaufen können,
etablieren die Habenichtse Parallel- und Schwarzmärkte.
Gemäß den für die Nachkriegsphase
vorformulierten Siedlungs- und Wiederaufbauplänen (z.B. Beaudet et
al 1991; MacCormick 1994; Mshigeni 1993; UNDP/ Plano 1986 und Roque 1994)
wird die Lagerbevölkerung aufs Neue angesiedelt. Die städtischen
Armen werden in ihrem Rückkehrwunsch ebenfalls unterstützt und
auf dem Land wieder angesiedelt.
Was finden sie vor: neue strukturierte Märkte,
deren Produkte man nur noch kaufen wird können, wenn man permanent
Geld erarbeitet, Felder, die nicht mehr zugänglich sind, Wälder,
die abgeholzt oder abgebrannt sind, oder zum Export bestimmt; Flüsse
und Wasserstellen, die nicht mehr frei zugänglich sind, weil gerade
eine Staustufe zur Stromerzeugung (für die Lieferung nach Südafrika)
im Bau befindlich ist und weil die einfachen Leute ihren Wasserverbrauch
künftig bezahlen sollen.
So werden sie eine Wegstrecke zurückgelegt
haben: aus ihren Siedlungen und Märkten in die Lager und wieder zurück.
Nicht vergessen möchte ich dabei, wer auf diesem Weg auf der Strecke
geblieben ist: all diejenigen zehntausenden Menschen, die die Flucht nicht
überlebt haben. Sie waren die "überschüsssigen Esser", die
für das transnationale Kapital wertlose Entwicklungsblockade in Person
und Volksgruppe darstellten. (In einer Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen
der Berater der Macht kann man darüber Andeutungen finden.)
Tausende Frauen wurden durch den Krieg nicht
nur ihres Zugangs zu Land, ihrer Marktmacht beraubt, sie mußten sich
prostituieren, um ihre Kinder durchzubringen. Auch nach Jahren der Waffenruhe
werden sie es kaum wagen in die Dorfgemeinschaft zurückzukehren: als
Prostituierte würden sie verachtet und wären weder erbberechtigt
noch heiratsfähig.
Unter den Männern, viele von ihnen mehr gezwungen
als freiwillig zu Söldnern der Heerführer geworden, gehen viele
dem Drogenhandel nach, oder versuchen, nach Europa zu gelangen.
Wiederum andere konnten sich dem Militär
beider Seiten entziehen und sind desertiert. Als solche sind sie jedoch
unter höchstem Druck, sobald wie möglich das Land zu verlassen.
Als politische Flüchtlinge werden sie in Deutschland jedoch nicht
anerkannt. Jedoch ermöglicht oft erst die in der Abschiebung erfolgende
Übergabe des Flüchtlings in Handschellen von der deutschen an
die angolanische Polizei auf dem Flughafen die Festnahme und Mißhandlung
des von angolanischer Seite aus als Deserteur gesuchten Kriegsgegners.
Wer nicht mitmachen will im Handel mit Leben und Tod, wird in Angola zum
Staatsfeind, in Deutschland würde er zum "kriminellen Drogendealer".
Frauen wird schon generell die Asylantragstellung
verwehrt, wenn sie alleine, d.h. unverheiratet oder nicht in Begleitung
ihres Ehemannes an den Grenzen Deutschlands Asyl suchen. Ein eigenständiges
Aufenthaltsrecht für Frauen gibt es nicht, geschlechtsspezifische
Fluchtgründe werden in der BRD erst seit 1998 aufgrund anhaltender
Proteste und Forderungen im Einzelfall anerkannt.
Vor dem Hintergrund, daß die Mehrheit der
in den Flüchtlingslagern Angolas festsitzenden Frauen und ihre Kinder
sind, die kaum eine Chance haben, einem solchen Lager zu entrinnen, ist
diese Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland ein Verbrechen
gegen die Menschlichkeit.
Der Zwang zur Prostitution, die Entbehrungen,
die Bereitschaft, nur um des Überlebens willen alle möglichen
Allianzen einzugehen, die Veralltäglichung des Krieges, die Rekrutierung
von Kindern zu Soldaten, die (wie vor allem im Krieg in Mozambique) gezwungen
wurden, ihre Eltern umzubringen, hat eine gemeinsame bittere Konsequenz:
die Menschen verlieren ihre Würde und ihren Respekt voreinander.
Ein Entwicklungsprojekt, das den inneren Markt
wie die Integration in den Welthandel mit Krieg, Vergewaltigung und Mord
durchzusetzen sucht, kann ich nur als Projekt der Barbarei bezeichnen und
verabscheuen.
Die Methode des Krieges ist es, eine Ordnung der
Ungleichheit durchzusetzen: so richtet sich schon der Weg zur Durchsetzung
der entwicklungspolitischen Ziele gegen die in vielen angolanischen Traditionen
enthaltenen Bestrebungen: den angesichts des Kolonialismus zur "Tradition"
gewordenen Widerstandserfahrungen im Kampf um gleiche Rechte.
An diesen Kampf um gleiche Rechte wollen wir anknüpfen.
Für die politische Ökonomie des Imperialismus
sind diejenigen, die nur leben und sich selbst versorgen, überzählige
Bevölkerung und wertlose Masse.
Wenn sie verarmt worden sind und ihnen die Grundlage
der Selbstversorgung genommen worden ist, entsteht ein Interesse, sie zu
beseitigen, denn sie sind der logische Ort der Forderung nach sozialer
Revolution.
Ihre "Wegrationalisierung" ist Bevölkerungspolitik
im weltweiten Maßstab.
Der Kampf um das Existenzrecht eines jeden Menschen,
in welcher kulturellen Form auch immer, konstituiert damit eine Feindschaft
gegenüber dieser imperialistischen Ökonomie. Sie wird in Zukunft
zu ganz neuen weltweiten Kämpfen führen, die sich aus dem Bewußtsein
des einem jeden zustehenden Rechts herleiten werden.
Europa ist nicht zu verteidigen, weder geistig
noch moralisch, noch ist sein Wohlstand zu verteidigen (Aimé Césaire).
Ergänzung: der Konflikt ist nicht als deterministischer
zwischen zwei statischen Entitäten zu sehen, genauso wenig als Evolution.
Zugang zum Verständnis des Konflikts gewinnt man, wenn man das Binnenmarktprojekt
wie seine kolonialen Vorläufer als Herstellung hegemonialer Aggressivität
begreift, als Projekt kriegerischer Innovation. Darin werden auch die Subjekte
der Modernisierung ihren eigenen Beitrag einbringen, ihre Ansprüche
auf Selbstverwirklichung in der Herstellung eines neuen entwicklungsrassistischen
Gefälles umsetzen zwischen ihnen, den Eliten, und dem rückständigen
Objekt des Kriegsopfers, in der Sozialarbeit usw. In diesem Innovationsprojekt
wird Privateigentum hergestellt, eigentumsloser Kollektivismus beseitigt
und die »Reproduktion« von der »Produktion« getrennt.
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Aus den Kriegserfahrungen und den Recherchen
lassen sich folgende Forderungen aufstellen:
- Für einen sofortigen Waffenstillstand in Angola! Die UNITA muß ihre Waffen abgeben!
- Bleiberecht für alle Flüchtlinge aus Kriegsgebieten! Keine Abschiebung von Deserteuren!
- die europäischen Firmen die am Krieg in Angola mitverdient haben, sollen Repara- tionsleistungen zahlen auf einen Fonds, aus dem die Minenräumungen mitfinanziert werden können, insbesondere die Firmen, die für die Lieferung von Minen verantwortlich sind!
- Statt neue Kredite für Staudammprojekte: Schuldenmoratorium für Angola!
- Für die Einrichtung einer Wahrheitskommission, die die Verbrechen der UNITA ans Licht bringt!
- für eine selbstbestimmte Entwicklung von unten!
- Solidarität mit dem Befreiungskampf im Kongo!