Berlin, den 16.5.2007
Erklärung des Verlags
Liebe Freundinnen und Freunde, werte Kolleginnen und Kollegen,
leider können wir Euch/Sie nicht wie an dieser Stelle üblich auf die Neuerscheinung eines weiteren Titels von Assoziation A hinweisen, sondern müssen Euch/Sie über die Vorkommnisse der letzten Woche unterrichten. Dies weil u.a. auch ihr/Sie durch die Durchsuchung unseres Verlagsbüros ungewollt betroffen seid/sind, denn die Rechner und sämtliche Datenträger mit Euren/Ihren Adressen und Geschäftspost wurden beschlagnahmt und kopiert (und bis zur Stunde nicht zurückgegeben), alle Aktenordner und Papiere über Stunden hinweg durchgesehen.
Die Durchsuchung unseres Verlagsraums im Mehringhof sowie des Buchladens Schwarze Risse (als wichtige Verkaufsstelle des Buches) und des Umbruch Bildarchivs (das den Band layoutet hat) vom 9.5.07 wurde von der Bundesanwaltschaft damit begründet, dass die vermuteten Autoren der Herausgebergruppe A.G. Grauwacke des Buches „Autonome in Bewegung, Aus den ersten 23 Jahren“ sich zu „Brandanschlägen mit Molotowcocktails und Brandsätzen mit Zeitzündern bekennen“ würden, die sie „schon während der Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im September 1988 in Berlin [verübt]“ hätten.
Weiter heißt es: „Diesem Vorbild entsprechend bereiten sie seit geraumer Zeit eine ‚militante Kampagne’ im Hinblick auf den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm vor“.
Des weiteren werden sie beschuldigt eine „terroristische Vereinigung gemäß § 129a Abs. 2 StGB gegründet zu haben“. Dieser „terroristischen Vereinigung“ werden 12 Brandanschläge aus den letzten zwei Jahren zur Last gelegt, die sie „unter wechselnden Gruppenbezeichnungen“ begangen haben soll. Die BAW erhoffte sich durch die Durchsuchung unserer Räume die „Sicherstellung von Beweismitteln, die die Autorenschaft der Beschuldigten belegten“ sollen, und wollte „unveröffentlichtes Textmaterial sicherstellen ... welches weiteren Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die Struktur der terroristischen Vereinigung, ihrer Ziele und Betätigungshandlungen zulässt.“ (Das Buch ist nunmehr seit vier Jahren in 3. Auflage frei im Buchhandel erhältlich. Schon im Jahr 2006 war es Objekt der Begierde von Frau von der Leyen, die einen Indizierungsantrag wegen angeblicher „Jugendgefährdung“ gestellt hatte, der allerdings von der zuständigen Indizierungskommission vorbehaltlos abgelehnt wurde, und der nun sinnigerweise von der Polizei gleich mit beschlagnahmt worden ist.)
Als Beweis ihrer Anschuldigungen gibt die BAW, abgesehen von der Unterstellung, die in einem Geschichtsbuch beschriebenen – hier u.a. auch militanten – Auseinandersetzungen, wären als Bekenntnis eigener Taten zu lesen, folgendes an: die Beschuldigten hätten „schon Anfang 2005 konspirative Treffen in Berlin [abgehalten], in denen das Vorgehen im Einzelnen besprochen wurde“. „Außerdem“, heißt es weiter, „unternahmen es die Beschuldigten, unter anderem über das BUKO-Treffen vom 5. bis 8. Mai 2005 in Hamburg (28. Bundeskongress der ‚Bundeskoordination Internationalismus’), weitere Teile der linken Szene gegen den G8-Gipfel zu mobilisieren“, sich „detailliertes Kartenmaterial beschafft“ zu haben sowie teilweise am „bundesweiten Treffens zur Vorbereitung der militanten Gipfelproteste ... im Januar 2006 im Mehringhof in Berlin“ teilgenommen zu haben.
Der in einigen Presseerklärungen und Kommentaren politischer BeobachterInnen geäußerten Einschätzung, die Durchsuchungen dienten nicht konkreten Tatnachweisen und/oder Dingfestmachung vermuteter Täter (es wurden keine Festnahmen, ja nicht einmal bei allen „Beschuldigten“ Hausdurchsuchungen durchgeführt und kein Haftbefehl ausgesprochen), sondern der Einschüchterung, Verunsicherung, des Ausspähens der linken und linksradikalen Szene und ihrer Strukturen, und des „auf den Busch Klopfens“ stimmen wir zu. Genauso wie der Einschätzung, dass das Vorgehen der BAW und der dahinterstehenden politischen Instanzen als „Eigentor“ zu bewerten ist, dass die ebenfalls beabsichtigte Entsolidarisierung und Spaltung einer kritischen Bewegung zumindest vorläufig nicht erreichen konnte, sondern im Gegenteil weitere auch linksliberale gesellschaftliche Schichten an den Wert vormals verbriefter Grundrechte erinnert, die u.a. ein wirkliches Demonstrationsrecht ebenso sicher(t)en, wie ein Postgeheimnis oder persönliche Daten vor willkürlichem behördlichem Zugriff schützten.
Assoziation A
Anmerkungen aus der Redaktion der "Materialien für einen neuen Antiimperialismus" zur Razzia gegen potentielle Gipfelstürmer:
Die Durchsuchungen im Vorfeld des G8-Gipfels sollten noch in einem weitreichenderen Zusammenhang verstanden werden, der zwar in vielen (G8) Diskussionspapieren und (Buch)Beiträgen angerissen wurde, aber nach wie vor grundlegender und genauerer Analysen bedarf, die sich hier nur andeuten lassen.
Der abermals erweiterte kapitalistische Zugriff auf alle Naturressourcen und das sogenannte Humankapital hat zu einer ungeheuerlichen Verschärfung der sozialen Verhältnisse geführt. Was in den letzten Jahrzehnten recht oberflächlich mit „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ beschrieben wurde, enthält neben allen möglichen (gewaltsam vorangetriebenen ) Techniken der Entrechtung und verschärfter Auspressung auch äußerst moderne Sozialtechniken, mittels derer auch die innersten Lebensregungen der Individuen in Produktivität umgemünzt werden. Diese sollten wir noch besser verstehen lernen. In ihrer global vorangetriebenen Breite wurden diese Sozialangriffe in vielen Regionen der Welt bis in die Metropolen hinein (z.B. Banlieues) mit Streiks, Aufständen und Aufstandsdrohungen beantwortet. (Mensch lese zum Beispiel das Buch "Planet der Slums" von Mike Davis.).
Die extremen Unterschiede entlang einer weltweiten Verarmungslinie erfordern eine entsprechend abgestufte soziale Kriegsführung zum Aussschluss der Mehrheit der Weltbevölkerung von den banalsten Lebensrechten. Während einerseits in den Metropolen eine affirmative Integration weiter Teile der Bevölkerung über verlogene Legitimationsstrategien betrieben wird, gibt es andererseits den unübersehbaren Ausschluss von sozialen „Randschichten“ – etwa der Flüchtlinge – die beispielsweise bis zum Ertrinken-Lassen an den EU-Außengrenzen oder ihre Verschleppung mitten in die Sahara reicht. Der seit 9/11 halbwegs brauchbare gesellschaftliche Kitt des „internationalen Terrorismus“, der „Achse des Bösen“ und der „Schurkenstaaten“, reicht jedoch immer weniger zur Rechtfertigung der Gewaltspirale von oben. Ebensowenig gibt es eine wirkliche Akzeptanz der BRD als kriegsführendem Staat, der er seit 1999 ist. Längst nicht alle sind bereit die „Interessen Deutschlands am Hindukusch“ zu verteidigen, sondern machen der BRD und den G8-Staaten das „Recht“ streitig, über die geologischen, biologischen und „humanen“ Ressourcen dieser Welt nach Gutdünken zu verfügen.
Dieser abgestufte soziale Krieg, der in den Drittweltländern äußerstes soziale Elend, Krieg und Verhungern bedeutet, äußert sich in den metropolitanen Ländern u.a. in der rapiden Erosion aller sozialen Sicherheitssysteme: von den Hartz-Gesetzen, der Gesundheitsreform, der Rentenanpassung und vielem anderen mehr, über die verschärften Arbeitsbedingungen zu Niedrigstlöhnen der working poor, bis hin zu den ausufernden „Sicherheitsgesetzen“ einschließlich präventiver Festnahmemöglichkeiten, der vollumfänglichen staatlichen Überwachung über Kreditkartenkontrolle, Telefon- und Videoüberwachung (in Städten, Straßen und Autobahnen), Onlinedurchsuchungen, des genetischen Fingerabdrucks oder des Datenabgleichs über die Maut- und GPS-Systeme, und nicht zu vergessen des Informationsabgleichs zwischen den Geheimdiensten und der Polizei (der aus gutem Grund und Konsequenz aus den Erfahrungen der Zeit des Nationalsozialismus bis vor kurzem gesetzlich nicht legitimiert war, ebenso wie der Einsatz der Bundeswehr im Innern).
Dass gegen diese mit Brot und Spielen zur nationalen Identifikation garnierten Zurichtungsstrategien soziale Gärungsprozesse auszumachen sind und Widerstand sich regt oder demnächst verstärkt regen könnte, die Friedhofsruhe also (auch heute schon) eine brüchige ist, ahnen oder wissen die Präventivstrategen, und bereiten sich, symptomatisch für die deutsche Geschichte, akribisch darauf vor. Der §129a gilt schon lange als ideales Instrument willkürliche Maßnahmen zu ergreifen und legitimen Widerstand als terroristisch zu denunzieren. Die uferlose Ausdehnung des Terrorismusbegriffs (was vor Zeiten einmal schlicht ein Brandanschlag oder ein Molotowcocktailwurf war, was eine Schlacht von Atomkraftgegnern und Bauern wie in Wyhl, Grohnde, Brockdorf, Wackersdorf und anderswo mit der Polizei war, ein Sturm auf den Bauzaun oder eine Bauplatzbesetzung, muss heute als „terroristisch“ gebrandmarkt und von einer „terroristischen Vereinigung“ durchgeführt worden sein) dient dazu, die sozialen Bewegungen in den Augen der Öffentlichkeit jeglicher Legitimität zu berauben.
Die Zukunft wird zeigen, ob die Widerstandsbewegungen in die Falle von Spaltung und Denunziation hinein laufen, ob ein gesellschaftlicher liberaler Rest irgendwann gegen die fortgesetzte Schleifung bürgerlicher Freiheiten aufbegehrt und sich nicht zuletzt die verarmten Schichten und sozialen Bewegungen in gemeinsamer übernationaler Anstrengung eine entsprechende Antwort auf die allseitigen Inwertsetzungs- und Verwertungszumutungen finden werden, die nötig wäre, um die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern.
Ein gemeinsames weltweites Vorgehen gegen die Strategietreffen der Mächtigen, ob bei den Meetings von G7, G8, IWF/Weltbank, GATT oder Davos ist zumindest kein schlechter Ausdruck für die Aspirationen derjenigen, die nicht länger bereit sind, sich mit den bestehenden Verhältnisse abzufinden und/oder zu arrangieren.