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Materialien für einen neuen Antiimperialismus: Was ist neu?


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Detlef Hartmann

 

„Die Knarre in der einen Hand, den Bleistift in der anderen.“

 - Forschen für die neuen Kriege im SFB 700 der FU Berlin -

 

„Söldner-Anthropologen“, „mercenary anthropologists“, so werden die Wissenschaftler genannt, die derzeit in den USA binnen weniger Monate zum Gegenstand und Kern einer erregten Debatte geworden sind. Im letzten September hat der amerikanische Kriegsminister Gates mit einer Spritze von 40 Mio. Dollar ein Programm von „embedded scientists“, ins Militär eingebetteter Anthropologen (zu deutsch: Ethnologen) und Sozialwissenschaftlicher auf 60 Mio. Dollar hochgefahren. Es sind Wissenschaftler, die als ziviler Bestandteil einer neuen zivilmilitärischen Offensive ins Kriegsgeschehen integriert werden. „Bewaffnete Sozialarbeit“ war der Begriff, den der unter General David Petraeus hinzugezogene australische Anthropologe David Kilcullen dafür geprägt hat. Petraeus, leitender amerikanischer Kommandeur im Irak und früherer Assistentsprofessor an der Universität Princton betreibt ein Vorhaben, das der leitende UN-Offizielle in Südost-Afghanistan als grundlegenden Umbruch der militärischen Agenda sieht: „ Mein Gefühl ist, dass das Militär im Augenblick einen enormen Wandel durchmacht, zu einem Zeitpunkt, wo sie feststellen, dass sie militärisch nicht weiterkommen.“[1] Angestoßen durch eine entschlossene Kampagne aus maßgeblichen Mitgliedern der American Anthropological Association (AAA), die von Hugh Gusterson vom MIT und David Price von St. Martin’s vorangetrieben wird, hat NewsWeek am 12.04.2008 einen kritischen Artikel gegen dieses Programm unter dem veröffentlicht. Titel: „Die Knarre in der einen Hand, den Bleistift in der anderen..“ Scharfe Reaktionen aus dem Pentagon und von Seiten der eingesetzten Anthropologen folgten auf dem Fuße.[2] NewsWeek moniert die sechsfache Bezahlung im Verhältnis zu den amerikanischen Wissenschaftlerlöhnen, mangelnde Sprachkenntnisse, zweifelhafte Effizienz. Die leitende Wissenschaftlerin Montgomery McFate warf den NewsWeek-Autoren wütend mangelnde Sachkenntnis und Blindheit vor. Auf der anderen Seite hatte der Christian Science Monitor ein Team schon im letzten Jahr begleitet und berichtete von einem besseren Zugang zu den gefährlichen beschäftigungslosen jungen Männern im Shabaktal und guter Spionage durch Befragungen.

 

Befragungen, das war auch das erste praktische Projekt der von Deutschen praktisch parallel gestarteten Initiative des „Sonderforschungsbereichs 700“ (SFB 700). Der SFB 700 wurde am 23. u. 24.02.2007 in einer feierlichen Konferenz als auf 12 Jahre angelegtes und finanziertes Vorhaben eröffnet.[3] Beteiligt sind das BMZ, die FU, die Uni Potsdam, das Wissenschaftszentrum Berlin, die Hertie-School of Gouvernance, die Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) sowie das Europäische Hochschulinstitut Florenz. Es geht um „Governance (Herrschaftsformen) in Räumen begrenzter Staatlichkeit, um Entwicklungspfade, „wenn niemand regiert“, in Fällen von „Staatlichkeit ohne Staat“, in „Räumen begrenzter Staatlichkeit“ und gefragt wird nach „neuen Formen des Regierens“. So wie schon das Weißbuch 2006 des Bundesministeriums für Krieg nahtlos an die „National Security Strategy“ (NSS) aus dem Hause Bush anschloss und sie für den deutschen bzw. europäischen Bedarf umformulierte, so schließt auch das SFB 700 nahtlos an die amerikanischen Strategien an. Wie schon das Weißbuch fördert und richtet sich diese auf eine kriegerische atlantische Partnerschaft ein und wird mit Sicherheit auf dem Nato-Gipfel 2009 ihre genauere Formulierung erfahren. Die amerikanische Initiative „bewaffneter Sozialarbeit“ passt ihrerseits das grundlegende strategische Projekt an die im Irak und Afghanistan gemachten Erfahrungen an: die globale sozio-ökonomische Transformation im Medium des Kriegs, kurz:  Globalisierung als Projekt des sozialen Kriegs. Wir werden also das SFB 700 nicht verstehen können, ohne die bisherige Entwicklung kurz und in groben Linien zu resümieren.

 

In einem kurz nach dem Beginn des Irakkrieges im Jahre 2003 erschienen Buch „Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg“ über die Vorkriegsplanungen haben Dirk Vogelkamp und ich schon darauf hingewiesen, dass Vorstellungen von Ressourcenraub und Plünderung als Erklärung zu kurz griffen. Bedroht von der neuen Generation perspektivloser Jugendlicher und den hegemonialen Ansprüchen terroristischer Eliten aus ihrer Mitte entfesselten neokonservative Avantgarden hinter der Bush-Regierung ein kriegerisches Abenteuer mit dem Ziel der Transformation des Nahen Ostens als Vorspiel einer globalen Transformation. Es ging um die Neugründung des amerikanischen Projekts, die „Wiederauferstehung einer wilsonianischen Herangehensweise an US-amerikanische Außenpolitik“. Die nationale Sicherheitsstrategie definierte die ganze Welt als Interventionsfeld des kriegerischen Griffs auf Entwicklungsblockierungen, „Failed States“, Widerstand und Widerstände, „Terrorismus“ in seiner weitesten Definition als ungeregelte soziale Verhältnisse, als „Unregierbarkeit“.[4] Micheal Ledeen als maßgeblicher Akteur dieser Avantgarde kündigte diesen Krieg schon vor Beginn als Projekt „schöpferischer Zerstörung“ nicht nur des Nahen Ostens, sondern im globalen Maßstab in der Erweiterung seiner Aufmarschfelder vom Irak, über Syrien bis nach Kolumbien an.[5] Es erfordert über die bekannten Lügen hinaus systematisch genährter Illusionen, um in einen solchen Krieg hineinzukommen, wobei unklar ist, wieweit der „Krieg der Illusionen“ (Fritz Fischer zum Kriegsbeginn 1914) als Einleitungskapitel nicht eine gewollt/ungewollte historische List darstellt. Die Illusionen im Fall des Irakkriegs schlugen sich nieder in den Erwartungen zunächst Garners und dann Bremers, dass schon der tiefe soziale Schock der „Shock-and-Awe“-Kriegführung und der anschließenden Freigabe für Plünderungen ausreichte, das ohnehin in den letzten zehn Jahren systematische zerschlissene soziale Gewebe völlig aufzulösen und seine sozialen Bestandteile verfügbar zu machen. Die Bremer-Administration knüpfte an die eilig hergestellten Bedingungen neoliberaler Wirtschafts- und Sozialverfassung die Hoffnung, die Partikel würden jubelnd die Chancen neoliberaler Reorganisation ergreifen und eine neue Gesellschaft formen. Dies war idiotisch, illusionär und wer wirklich daran geglaubt  hatte, wurde schnell eines besseren belehrt. Nachdem die baathistischen Fesseln und Zwänge einer an (national-) sozialistischen Vorbildern orientierten nachholenden Modernisierung weggefallen waren, reorganisierten sich stammesgesellschaftlich und religiös geprägte Organisationsstrukturen ebenso schnell, wie das klientelistische Gewebe des Saddam-Regimes mit der Folge sich verstetigender Konflikte, in denen sich Bürgerkrieg und Widerstand gegen die US-Okkupation mischten.

 

„Surge“ und „Counterinsurgency“   

 

Schon früh drängten die maßgeblichen im American Enterprise Institute (AEI) organisierten neokonservativen Hintergrundformationen der Bush-Regierung auf Anpassung der Strategie. Wenn sich die Sozialstruktur des Irak unter der frühen „idealistischen“ Politik nicht zerlegen und neu zusammen setzen wollte, so bedurfte es einer Vertiefung des sozialstrategischen Zugriffs. Wir haben dies aus den „Materialien“ schon früh thematisiert[6]. Angestoßen durch propagandistische Publikationen von Thomas Donnelly und Vance Serchuk aus dem AEI hielt Bush drei größere Reden (am 18.10.2003 in Manila, am 06.11.2003 zum 20. Geburtstag der National Endowment for Democracy und am 20.11.2003 bei der englischen Queen), in denen er die historische Selbstvergewisserung für die auf Jahrzehnte angekündigten neuen Kriege suchte. Die Rede in Manila war die interessanteste. Den Schulterschluss im antiterroristischen Kampf beschwörend, pries Bush den amerikanischen Überfall auf die Philippinen von 1898 als Modell für seine Irakpolitik: Als Befreiung von kolonialer Herrschaft Spaniens und frühe Blaupause für den neuen antiterroristischen Weltkrieg. Das Kleingedruckte und die näheren Erläuterungen dazu publizierten Donnelly und Serchuk in einem Artikel unter der Überschrift „US-Counterinsurgency in Iraq, Lessons from the Philippine War“. Sie priesen die Politik der „wohlwollenden Assimilation“ des damaligen Präsidenten McKinley durch die Annexion der Inseln. Theordore Roosevelt habe sie in seinem „progressiven Expansionismus“ (nach Ostasien) fortgesetzt, Vorläufer der Kriegspolitik Bush’s im Nahen Osten. Donnelly und Serchuk ziehen den strategischen Vergleich zur amerikanischen Kriegspolitik im Irak. Damals (wie auch heute) seien durch einen ersten harten militärischen Schlag die letzten Überreste der republikanischen Armee der Philippinen zertrümmert worden, um dann mit der Politik der Counterinsurgency den lokalen Widerstand anzugreifen. Die Struktur der Widerstandsformen damals auf den Philippinen und heute im Irak sei die gleiche. Damals hätte man mit Zuckerbrot und Peitsche die Konfliktstruktur in lokale Auseinandersetzungen aufgespalten und lokale Guerillagruppen auf die eigene Seite gebracht, um mit ihrer Hilfe den Widerstand aufzureiben. Heute wie damals sei Counterinsurgency ein blutigeres Geschäft als der konventionelle Krieg selbst. Damals wie heute diente der Aufbau neuer Eliten als Kriegsmittel unter Beteiligung von Ethnologen gegen die Aufstände. „Progressive Modernization“ nannten Donnelly und Serchuk diesen Prozess kriegerischer Transformation.

 

Donnelly und Serchuk waren es auch, die nach dem Scheitern der brutalen Operationen in  Falludja ihre Bemühungen um eine sozialstrategischen Vertiefung des Kriegs intensivierten. In parallelen Initiativen mit ihren neokonservativen Glaubensbrüdern Frederick Kagan und Reuel Gerecht aus dem AEI knüpften sie an ihren frühen Wiederaufgriff der Counterinsurgency auf den Philippinen an und propagierten den „Surge“: eine „Welle“ der Steigerung militärischer Intensität, die das Aufstocken von Soldanten und Material mit dem Tiefenzugriff in die soziale Struktur der Quartiere unter Einsatz kriegerisch geschulter Anthropologen und Sozialwissenschaftler kombinieren sollte: Propaganda für den „letzten Wurf des Präsidenten“.[7]

 

„Warrior-Intellectuals“ – Kriegerintellektuelle als Counterinsurgency-Experten

 

Obwohl der Umbruch in eine neue Welle der Kriegsanstrengungen zu Beginn des Jahres 2007 noch nicht abschließend eingeschätzt werden kann – unterschätzt werden sollte sie keinesfalls. „Surge“ meint zunächst die Bereitstellung zusätzlicher Soldaten in einer Höhe von etwas über 20 000 operative Kräfte. Sie ist verbunden mit einem Konzept, Punkt für Punkt und ausgehend von den befriedeten Zonen näher ans soziale Terrain heran zu gehen. Einheiten sollten sich nach einer Operation nicht mehr zurückziehen, sondern das Terrain halten und zum Ausgangspunkt weiterer Operationen machen. Damit wurde das Konzept Rumfelds, die zahlenmäßige Stärke der Soldaten eingeschränkt zu halten, aufgegeben. Auch wenn der „Surge“ mit dem Versprechen eines mittelfristigen Rückzugs verbunden war, so stellt er doch eine Intensivierung und Vertiefung dar. Diese Intensivierung durchbrach aber auch den bisherigen Charakter der Operationen und des Verhältnisses zur Bevölkerung. War es bisher geprägt von einem rein militärischen Verständnis der Besatzung und Befriedung, bedeutete der „Surge“ einen Durchbruch, eine Erweiterung, eine Vertiefung der Operationen in neue soziale und kulturelle Dimensionen der Kriegführung[8] oder, im Selbstverständnis seiner Betreiber: eine „kulturelle Militarisierung“ im Sinne einer Verschmelzung von Sozialarbeit und Anthropologie mit der Kriegführung. anders ausgedrückt: Kultur, soziale Netze, Mentalitäten, Einstellungen werden zum Feld militärischer Operationen, die Wissenschaften, die sich damit beschäftigen, verlassen den Bereich des „zivilen“ und rücken als Experten, als zivile Berater in der Erscheinung neuer „Consulting“-Firmen ins Kriegsgeschehen ein und formieren sich zur Gesamtheit eines „militärisch-anthropologischen Komplexes“ (Gonzalez).[9]  Man kann dies auch als einen Umbruch zu einer Totalisierung des Krieges neuen Typs aus der Krise alter militärischer Strategien heraus – einer Totalisierung im Sinne der Mobilisierung wissensgesellschaftlicher Energien in eine ungewisse Zukunft.

 

Auch wenn der Surge aus dem neokonservativen Hintergrund der Bush-Administration lanciert wurde, sein energetischer Kern gehört diesem Hintergrund nicht mehr an. Aus dem Kreis seiner zentralen Akteure ragen als „kriegerische Intellektuelle“ General David Petraeus, und die Anthropolog/Innen David Kilcullen und Montgomery McFate heraus. Petraeus hatte zunächst im Irakkrieg das Kommando über die 101 Luftwaffendivision mit dem Operationsbereich Nordiraks von 2003 bis 2004 inne. Nachdem die amerikanischen Kriegsstrategien sich immer mehr im Widerstand festgelaufen hatten, wurde er zum Hoffnungsträger eines neuen Aufschwungs und schließlich zum Oberkommandierenden ernannt. Er hat einen PhD in internationalen Beziehungen von der Universität Princeton und wurde in den Medien als der smarte und nette General von nebenan mit kleinstädtisch-amerikanischer Herkunft schnell lieb gewonnen. Seine strategische Offensive ins anthropologisch/kulturelle/mentale Terrain hinein erarbeitete er in kurzer Zeit mit den zwei vorgenannten AnthropologInnen Kilcullen und McFate. Beides sind keine Karriereristen alten Typs, für beide ist es ein Projekt der Selbstverwirklichung, eine Lebenschance im Vollzug eines fundamentalen Umbruchs. Zusammen mit Petraeus könnte man sie als „Cluster“ ansehen.[10]  Beide Anthropolog/Innen haben als persönlichen Hintergrund ein linkes Elternhaus, McFate sagt sogar, man könne ihre Karriere als einen massiven Akt der Rebellion gegen ihre intellektuellen Hippie-Eltern ansehen, immerhin Freunde von Jack Kerouac und Lawrence Ferlinghetti. Sie berichtet sogar, dass sie sieben Jahre in IRA-Sympathisantenkreisen gelebt habe, wo sie die große Bedeutung von Familien und sozialen Netzwerken kennen gelernt habe, ebenso wie Kilcullen dies bei seinen Studien in West Java mit Aufständen erfahren hat. Dies macht nur deutlich, dass es sich um einen neuen Typus konservativer Rebellion handelt, gegenüber den Neokonservativen früher, die trotzkistisch geprägt waren.

 

Kilcullen hat seinen PhD 2000 an der australischen Universität New South Wales gemacht, schon jetzt eingebunden in die Akademie australischer Streitkräfte. Er schloss damit Feldforschung in West Java (1994 – 1996) und in Ost –Timor (1999 – 2000) ab. Seine multidisziplinären Feldforschungstechniken mit anthropologischem Schwerpunkt galten insbesondere den sozialen und familiären Netzwerken der indonesischen Aufstandsbewegungen, die er in Ost Timor als Kommandeur einer Infanterieabteilung der UN-Interventionstruppen vertiefte. Er sagt dazu: „Ich habe außerordentlich ähnliche Verhaltensweisen und Probleme im islamischen Aufstand in West Java und der christlich separatistischen Bewegung in Ost Timor miterlebt. Nach 9/11, als eine Menge Leute sagten: „Das Problem ist der Islam“, dachte ich: "Das liegt tiefer. Es geht um menschliche soziale Netzwerke und ihre Operationsweisen." „Was mir das über Jemaah Islamya sagte, handelte nicht von Theologie. Es gibt dort Elemente im menschlichen psychischen und sozialen Apparat, die das Geschehen antreiben. Das islamische Zeug ist sekundär. Das ist menschliches Verhalten in islamischer Aufmachung. Es ist nicht islamisches Verhalten“. „Leute werden nicht von ihrer Ideologie in die Religion getrieben. sie werden von ihren sozialen Netzwerken hineingezogen.“.

 

Montgomery McFate, wie Kilcullen um die 40 Jahre alt, verarbeitete ihre Erfahrungen aus dem IRA-Umfeld zu einem PhD (Yale) und machte später noch ihren JD in Harvard. Nachdem sie in RAND’S Intelligence Policy  Center gearbeitet hatte, arbeitete sie am Büro für Marineforschung in Arlington, Virginia, und wechselte dann wenig später als Kilkullen als anthropologische Beraterin ins Pentagon. Nach dem 11. September wandte sie sich „leidenschaftlich dem Problem zu: die Regierung muss seine Gegner kennen lernen.“ Der Kampfplatz der globalen Counterinsurgency sei intim lokal und die amerikanische Regierung brauche ein „feinkörniges“ Wissen des sozialen Terrains, auf dem sie kämpft. 2004, nach Beginn ihrer Mitarbeit am marinewissenschaftlichen Institut, bekam sie einen Anruf von einem wissenschaftlichen Berater des Generalstabs. Der habe eine verzweifelte Anfrage von Bataillonskommandeuren der 4. Infanteriedivision erhalten, die im Sunni-Dreieck im Irak operierten. „Wir haben da eine harte Zeit – wir haben keine Idee, wie diese Gesellschaft funktioniert. Könnten sie uns helfen?“ Sie wollte. Im Jahr 2005 veröffentlichte McFate einige Aufsätze zur Notwendigkeit einer anthropologischen Durchdringung des „human terrain“, des menschlichen Kampffelds. 2006 wurde sie mit Kilcullen zur Zusammenarbeit mit General Petraeus bei der Herstellung eines neuen Militärhandbuchs zum „Counterinsurgency“ (COIN) eingeladen, in dem beide große Teile verfassten.[11]

 

Das Handbuch, eingeführt im Dezember 2006, sieht Counterinsurgency (COIN) ausdrücklich nicht als praktische Anwendung theoretischen anthropologischen und soziologischen Wissens, sondern als Lernprozess in der militärischen Operation im „operational environment“ „Die netzartige politisch-militärische Natur von Aufstand und COIN verlangt das Eintauchen in die Bevölkerung und in ihre Lebensweise, um siegreich zu sein... ohne das Umfeld zu verstehen, kann nachrichtendienstliches Wissen weder verstanden, noch richtig angewendet werden.... Ohne guten Nachrichtendienst sind Aufstandsbekämpfer wie blinde Boxer, die ihre Energie an unsichtbaren Gegner vergeuden und vielleicht unbeabsichtigten Schaden zuführen. Mit gutem Wissen sind Aufstandsbekämpfer wie Chirurgen, die Krebsgeschwüre ausschneiden und andere lebenswichtige Organe intakt halten. Die Operationen der Aufstandsbekämpfer selbst sind Schlüsselproduzenten von nachrichtendienstlichem Wissen. (intelligence). Ein Kampfzyklus entfaltet sich, wo militärische Operationen Wissen produzieren, das in darauffolgende Kampfzyklen eingespeist wird. (1 –125, 1 – 126) Zentral ist eine „zivilmilitärische Kompetenz“, die Folgendes beinhaltet: „Wissen, kulturelles Verstehen, Wissen von grundlegenden zivilen Funktionen wie Governance, Infrastruktur,... Ökonomie. Der Soldat muss darauf vorbereitet sein, ein Sozialarbeiter zu werden, ein ziviler Ingenieur, ein Schullehrer, Pflegepersonal, Pfadfinder.“ (2 – 41). „Bei intelligence (nachrichtendienstliches Wissen) in COIN geht es um Bevölkerung. US-Streitkräfte müssen die Bevölkerung der Gastnation verstehen, die Aufständischen.... Verlangt ist Einsicht in Kulturen, Wahrnehmungen, Werte, Glaubenshaltungen, Interessen und die Entscheidungsprozesse von Individuen und Gruppen. Kriegsrelevantes Wissen und Operationen nähren sich gegenseitig. „Verlangt ist ein Wissensfluss von unten nach oben“. (3 – 1, 3 – 5) Zentral ist das komplexe Terrain aus Familie, Stamm, Ethnien, Religion (3 – 13 f) Es gehe um das „Mapping“, das „gründliche Vermessen“ der sozialen Struktur und der Kultur als eines „Gewebes von Bedeutungen“ (3 – 36) Zugleich komme es darauf an, bei aller Belastung durch militärische Operationen und aufständische Aktionen Produktions- und Verteilungssysteme zu fördern, die die Ökonomie energisieren, Beschäftigung und Wachstum schafft. (3 – 71, natürlich in neoliberalen Strukturen). Zentral ist die Analyse sozialer Netzwerke, Verhalten, Führung, Dynamik (die immer auf dem Stand gehalten werden müsse) (B 29ff) Wissen zirkuliert nicht hierarchisch auf allen Ebenen der Operationen, diese folgen dem Auftragsprinzip. COIN enthält eine Vielzahl von Ausführungen und Beispielen, die hier nicht im Einzelnen behandelt werden können. Wissensquelle sind über zivilmilitärische Operationen hinaus Befragungen bis zur Grenze zulässiger Folter unter Beteiligung anthropologischer Experten.    

 

Counterinsurgesey auf dem Human Terrain, dem Terrain des Menschlichen

 

„Eintauchen in die Bevölkerung“, „Vermessen der sozialen Struktur“, „Lernen in der militärischen Operation“, „Krebsgeschwüre ausschneiden“, das sind eher Schlagworte, mit denen sich die Krieger-Intellektuellen den Zugang zu der Vorstellungswelt der Militärs bahnen wollen, um sie umzuformen. Es geht um die Transformation des militärischen Selbstverständnisses in Richtung auf einen vertieften totalen Krieg ins gesellschaftliche Gewebe als langfristigen Prozess einzuleiten. Eine andere Schiene des innermilitärischen „Change-Managements“ betreibt Montgomery McFate im Wiederanknüpfen an die Rolle der Anthropologie in der amerikanischen Kriegs- und Kolonialgeschichte bzw. –forschung  (ebenso wie das Anknüpfen des SFB 700 an die Geschichte des deutschen Kolonialismus, wie wir unten sehen werden). In mehreren sehr aggressiven Artikeln in Militärzeitschriften weist sie auf die positive Rolle der militarisierten Anthropologie im zweiten Weltkrieg und Vietnamkrieg hin, verbunden mit einer scharfen Attacke gegen die Abwertung des Kolonialismus durch die kritische Wissenschaft.

 

In einem grundsätzlichen Aufriss unter dem Titel „Anthropology and Counterinsurgency ruft sie „die eigenartige Geschichte ihres merkwürdigen Verhältnisses“ auf.[12] Kulturelles Wissen sei vorrangig geworden, weil sich traditionelle Formen der Kriegführung in Irak und Afghanistan als unzureichend erwiesen hätten. Dies liege daran, dass die Streitkräfte einen komplexen Krieg gegen einen Feind führen, den sie nicht verstünden. Dessen organisatorische Struktur sei nicht militärisch, sondern stammesförmig. Ihre Taktiken seien nicht konventionell, sondern asymmetrisch. Darum müsse man anknüpfen an das lange fruchtbare Verhältnis zwischen Militär, Kolonialismus und Anthropologie. Einst sei (und dies wird affirmativ als positiv hingestellt) die Anthropologie die Magd des Kolonialismus gewesen, nun sei sie an den Universitäten im Abgrund des kritischen Postmodernismus verkommen, eingeleitet mit dem amerikanischen Versagen in Vietnam.

 

McFate erinnert an die positive Rolle der Anthropologie in der Ära des Kolonialismus, so bei der Besetzung von Kolonialverwaltungen im britischen Empire. Auch in der Spionagepolitik hätten sie im ersten und zweiten Weltkrieg eine beachtliche Rolle gespielt, wobei McFate dies zum Anlass nimmt, die Kritik der Ikone der amerikanischen Anthropologie, des deutschstämmigen jüdischen Anthropologen Franz Boas an Spionageaktivitäten zurück zu weisen. Ironisch sei nämlich, dass ausgerechnet viele von Boas StudentInnen, unter ihnen Margret Mead und Ruth Benedict eine positive Rolle im zweiten Weltkrieg gespielt hätten. Diese Rolle zeichnet McFate ausschließlich im Verhältnis des kriegerischen Subjekts anthropologischen Wissens und seines gegnerischen sozialen Objekts. Die von Ruth Benedict angeratene Schonung des japanischen Kaisers bei der Aufforderung zur unbedingten Kapitulation hebt sie als leuchtendes Beispiel heraus. Sie unternimmt es sogar, das Scheitern der amerikanischen Kriegführung in Vietnam der unzureichenden Berücksichtigung anthropologischer Kenntnisse über Motivation und soziale Organisation der vietnamesischen Land- und Dorfbevölkerung  in die Schuhe zu schieben (namentlich der anthropologischen Erfahrungen von Gerald Hickey von der Kriegsforschungsabteilung der Rand Corporation). Auch das berüchtigte „Project Camelot“ mit seiner anthropologischen Leitstrategie beim Versuch, in Entwicklungsländern, insbesondere Chile „social Change“ herbeizuführen, das dann aufgrund einer Protestwelle von McNamara 1965 gestrichen wurde, erwähnt sie als Highlight militärisch-anthropologischer Strategiebildung.

 

McFate sieht die Anthropologie in einem „Elfenbeinturm“ eingemauert, Opfer einer systematischen „Selbstgeißelung“ unter antikolonialen marxistisch geprägten Ideologien, die sich leider unter Einfluss von Leuten wie Spivak auf die Seite der Schwachen, der „Subalternen“ gestellt hätten. Sie beschwört die Wurzeln dieser Wissenschaft, die tief mit dem Militär und dem Kolonialismus verbunden seien, sie beschwört sogar die Wurzeln in den Indianerkriegen von 1865 – 1885 (Vernichtungskriege, wie wir wissen, in der amerikanischen Geschichtswissenschaft inzwischen entziffert als Frühformen des totalen Kriegs).[13]  Sie fordert ihre Kolleg/Innen auf, die Mauern des Elfenbeinturms zu sprengen und den gnadenlosen Konkurrenzkampf um eine begrenzte Anzahl unterbezahlter Universitätsjobs in Richtung gut dotierter militärischer Anwendungsfelder zu verlassen. Diese Anwendungsfelder wären auch inhaltlich interessant, denn in einer neuen Phase angewandter Forschung winke das völlige Eintauchen („total immersion“) in den Untersuchungsgegenstand. Denn: „erfolgreiche Counterinsurgency hängt vom Erlangen eines ganzheitlichen totalen Verständnisses der lokalen Kultur ab.“

 

Die Totalisierung anthropologisch-militärischer Operation bildet also den paradigmatischen Charakter des neuen intellektuellen Kriegertums dar. „Human terrain“ heißt nichts weniger als die Totalisierung des kriegerischen Zugriffs in alle menschlichen, gesellschaftlichen, mentalen, kulturellen Dimensionen. Forschung Beforschung des sich im Krieg transformierenden menschlichen „Objekts“ und Krieg verschmelzen zu einer Operationsform. Das „Mapping“, das Vermessen des menschlichen Terrains (das uns im SFB 700-Projekt wiederbegegnen wird), öffnet in der Vorstellungswelt des Zugriffs eine neue Dimension jenseits der Vorstellung militärischer Raumgewinne. „Ethnographische Intelligence soll die „terra incognita“ (das unbekannte Land) verstehen helfen....die „terra ist in diesem Fall das menschliche Feld“ (Oberstleutnant Fred Renzi[14] Das Verständnis des menschlichen Terrains bezieht sich ausdrücklich zurück auf die Aufstandsbekämpfung gegen die Black Panthers. Sie sieht die Arbeit als Laborarbeit am lebenden Objekt, ihr methodisches Selbstverständnis orientiert sich an Vorstellungen des „social profiling“ im dynamischen Prozess, in den alle im Kampf, in den Knästen, bei Interviews gewonnenen Erfahrungen mit Hilfe der modernsten Formen der Datenerhebung einfließen sollen.[15] Roberto González sieht in diesem Zugriffsfuror denjenigen des CORDS (Civil Operations Revolutionary Development Support)- und Phoenix-Projekts aus dem Vietnamkrieg im 21. Jahrhundert wiedererstehen. Die Datenerhebung der Analysten diente damals der Entscheidung, „wer ausradiert werden sollte“. „Ausradiert“ wurden durch spezielle Mordkommandos mehr als 26000 der den Viet-Cong zugerechneten „Infrastruktur“. „Menschen als zu eroberndes Territorium, als terra nullius (Niemandsland) aus Fleisch und Blut“, sagt er.[16]

 

Methode, Techniken

Kontroversen, Widerstand

 

Die aus Soldaten und Anthropologen (teilweise bewaffnet) zusammen gesetzten Human Terrain Teams (HTT) bestehen aus fünf Personen. Ihre Operationen haben zunächst weitgehend experimentellen Charakter. Die Festnahme Saddams wird ihrer Vorgehensweise in einem frühen Stadium zugeschrieben. Viel dringt derzeit nicht durch. Aber immerhin hat  die in den letzten Monaten entstandene Kontroverse einen gewissen Selbstdarstellungs- und Legitimationsdruck hinsichtlich Vorgehensweise und Effizienz produziert, der in den kommenden Monaten etwas zutage fördern wird. Die einzigen mir bekannten Berichte sind die zitierten Artikel im Christian Science Monitor aus dem Einsatzgebiet im Shabak Valley und in NewsWeek.

 

Die Kampagne gegen die Militarisierung der Anthropologie und der Sozialwissenschaften läuft seit dem Durchsickern der ersten Berichte, verstärkt seit der Veröffentlichung des Counterinsurgency Handbuchs vor 1 ½ Jahren. Sie wird kenntnisreich und mit Erbitterung von einer Reihe jüngerer Anthropologen und maßgeblich von David  Price und Roberto Gonzales betrieben. Vor allem David Price stellt die Warnungen aus der Geschichte militarisierter Anthropologie dem kühnen Wendemanöver Montgomery McFates entgegen.[17] Mit Hugh Gusterson vom MIT warnt er vor Spionage und nachrichtendienstlicher Verseuchung der anthropologischen scientific community und Gedankenkontrolle.[18] Price hat auch das Handbuch einer gründlichen Untersuchung unterzogen, nachdem er das Ausmaß der Beteiligung von McFate und Kil Cullen in Erfahrung gebracht hat und dem unerklärten Zitatraub und unwissenschaftliche Begriffserklärung kritisiert.[19] Die gründlichsten Analysen sind diejenigen von Roberto Gonzales, die ich bereits zitiert habe. Auch die Jahrestagungen der American Anthropological Association werden immer mehr zum Schauplatz erbitterter Debatten. Am 25. – 27. April dieses Jahres schließlich hat die Gruppe der widerständischen Anthropologen eine eigene Konferenz an der Universität von Chicago abgehalten mit Beiträgen und Resolutionen, die man im Internet besichtigen kann.[20] Die darin dargestellten Standpunkte waren bekannt, die Kontroverse war erbittert, wie man auch an den blogs ablesen kann.[21] Die Kontroverse macht deutlich, dass der fundamentale Umbruch in die Verwissenschaftlichung und Totalisierung des Kriegs ins „humane

Terrain“ in seiner Grundsätzlichkeit begriffen wird. Die giftige Antwort von Montgomery McFate auf den NewsWeek-Artikel macht deutlich, dass die Kontroverse um den „militärisch-anthropologischen Komplex“ erst am Anfang steht und sich wohl noch verschärfen wird.

 

Fazit ist: Schon die bisherige Anthropologie/Ethnologie ist ihrem Selbstverständnis, Kultur und Lebensweise nicht anzutasten, nie gerecht geworden. Ihre Militarisierung zielt nicht nur darauf, A/E kriegerisch zu nutzen, sondern Kultur und Lebensweise kriegsethnologisch zu transformieren. Über kriegerisches Social Engeneering hinaus Ethno-Engeneering und Ethnodesign zu betreiben. Dies korrespondiert mit dem industriellen Projekt der wissensgesellschaftlichen „knowledge creation“, wie wir es im „Cluster“-Buch beschrieben haben.

 

Sonderforschungsbereich 700: Die deutsche Variante

 

Es war nicht zu erwarten, dass der deutsche Beitrag zu dieser Totalisierung des Kriegs derart konkret auf eine Verschmelzung von Wissenschaft und Militär zielen würde. Die deutsche Initiative segelt im Windschatten und muss auf die europäische Einbindung achten. Darüber hinaus kann sie sich, belastet durch die Hypotheken aus den Barbareien deutscher Kolonialpolitik und nazistischer Bevölkerungspolitik unter Verwendung von Ethnologen nicht zu weit vorwagen. Das alles macht die Initiativen des Sonderforschungsbereichs 700 so bemerkenswert. Sie sind organisiert wie ein „Cluster“, ein energetischer Kern, der eine zukunftsgerichtete Dynamik erzeugen soll, in die sich die Energien einbringen sollen, die hier ihre Chance wittern.[22]

 

Das Projekt SFB 700 entspricht in allen wesentlichen Zügen dem US-amerikanischen Vorhaben. Es richtet sich auf die Totalität der gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse. Es zielt nicht auf ihren Schutz, sondern die Transformation, jedoch nicht im Sinn der Herstellung von Staatlichkeit und demokratischern Verhältnissen. Es betrachtet seinen Gegenstand vielmehr als Labor eines offenen Prozesses. Im Unterschied zu COIN verschmilzt es Militärisches nicht so direkt und organisatorisch mit Ethnologie. Dies hat mit der grundsätzlichen Strategie zu tun „Wissenschaft“ und Befragungen derzeit noch im Schutz des Scheins der Neutralität und Objektivität zu erhalten –sie betont den Charakter der Begleitforschung-, auch nach Innen: das Risiko wird gescheut, die Militarisierung des Zivilen angreifbar zu machen, auch ais historischen Gründen. Zum anderen spiegelt dies die Vorläufigkeit der europäischen Entwicklung, der NATO-Politik und der atlantischen Partnerschaft wider.

 

Das SFB 700 hat 16 Teilprojekte eröffnet, die in 4 Projektbereiche gegliedert sind: A(1-5) Theoretische Grundlagen, B(2-4) Herrschaft, C(1-3) Sicherheit und D(1-5) Wohlfahrt & Umwelt. Zwischen 50-60 Wissenschaftler –Professoren bis Assistenten- waren zu Beginn engagiert mit wachsender Tendenz. Projektleiter („Sprecher“ und „stellvetretende Sprecherin“) sind Prof. Thomas Risse vom Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin und Prof. Ursula Lehmkuhl vom John-F.-Kennedy-Institut der FU. Projektauftrag ist die Frage nach „Governance“ (Herrschaftsformen) in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?“[23] Aber SFB 700 ist keine Behörde, kein Amt oder Forschungsinstitut. Es stellt selbst eine neue Form des parastaatlichen Handelns dar und verrät zugleich die zukünftige ethnomilitärische Politik der BRD. Denn insgesamt ist es konzipiert als sich selbst energisierender Kern eines dynamisch-selbstorganisatorischen Projekts im Sinne eines public-private (Exzellenz)-Clusters.

 

Hinter der so harmlos formulierten Leit-Frage verbirgt sich ein Durchbruch von epochaler Radikalität. Die Frage ist nicht: wie kann Staatlichkeit, Recht, Frieden und Wohlstand in den geschundenen Regionen der Weltgesellschaft wiederhergestellt werden, wie kann der Weg zur Verwirklichung von Versprechen einer humanen und demokratischen Welt gefunden werden, in der ein menschenwürdiges Leben aller gewahrt ist. Im Gegenteil. Die weltweiten gesellschaftlichen Zerstörungen der letzten 20 Jahre werden als vollendete Tatsache genommen und zugleich als Ausgangspunkt einer Reise in eine unbekannte Zukunft, in der sich neue Formen der Gewalt und Herrschaft jenseits freiheitlicher, demokratischer Zielvorstellungen formieren.  SFB 700 konzipiert sich als Mitakteur und zugleich wissenschaftlicher Begleiter dieser Formierung, ähnlich wie COIN dies projektiert und mit kaum überraschenden Analogien. Dies soll an einigen Beiträgen hegemonialer Akteure aus dem SFB demonstriert werden: Risse, Lehmkuhl, Koehler, Zürcher, Chojnacki, Branovi´c, Schuppert.

 

Untergang der alten Welt und die Suche nach neuen Formen von Gewalt und Herrschaft im Medium des Kriegs

 

In zwei Artikeln haben Risse und Lehmkuhl die grundsätzliche Ausrichtung von SFB 700 umrissen: Programmatisch in No. 1 der SFB-Governance Working Paper Series Dez 2006 unter dem Titel: „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens“ (im Folgenden zitiert als Gov1) und in APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte) 20-21/07 (14. Mai), S. 3 unter dem Titel: „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ (zit. als Gov2).  Der radikale Ausgangspunkt ist der: die „westfälische“ Ära (vom „westfälischen Frieden“ als historischer Ausgangspunkt) staatlich gefasster Gewaltsordnung mit seinen Entwicklungen von Demokratie und Recht ist vorbei. Aus den aktuellen Kriegen und dem globalen Krieg gegen den Terror formiert sich Gewalt und Herrschaft neu uns ins historisch Offene hinein.  Das ist das Operationsfeld des SFB 700 als ins kriegerische Geschehen eingebetteter wissenschaftlicher Betrieb eines Formierungs- bzw. Herstellungsprozesses[24].

 

     „Könnte es angesichts der vielfältigen Räume begrenzter Staatlichkeit sein, dass sich    

     der moderne entwickelte und souveräne Nationalstaat letztlich als historische Aus-

     nahme erweist?...Was aber, wenn wir es weltpolitisch dauerhaft mit Räumen

     begrenzter Staatlichkeit zu tun hätten? Was wäre, wenn westliche entwickelte Demo-

     kratien nur eine mögliche Ausprägungsform guter politischer Ordnung darstellten,

     aber beileibe nicht die Einzige? Es könnte ja sein, dass die anfangs erwähnten

     weltweiten Herausforderungen (humanitäre Katastrophen, Klimaerwärmung,

     Terror, D.H.) die Folge eines Trends von Globalisierung und Transnationalisierung

     „von oben“ bei gleichzeitiger Aushöhlung klassischer Staatlichkeit „von unten“ sind,

     dass wir also das Ende moderner Staatlichkeit erleben….Auch in der entwickelten

     Welt der OECD-Länder begegnen uns Räume, in denen die staatliche

     Rechtsdurchsetzungsfähigkeit nur begrenzt gegeben ist (etwa die Pariser Vororte).

     Wir sollten uns also vor der Arroganz hüten, begrenzte Staatlichkeit als

     ausschließliches Problem der Dritten Welt zu sehen…“ (Gov2, S. 5)

 

Angesichts des fundamentalen Umbruchs lehnen Risse/Lehmkuhl die Orientierung am alten Modernisierungsparadigma eines Modernisierungspakets aus Wirtschaftswachstum/Demokratisierung/Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen ab, denn:

 

     „Bei der Konfrontation (!) mit Räumen begrenzter Staatlichkeit stößt dieses

     Modernisierungspaket auf systematische Probleme: Es beruht auf der Annahme,

     dass es sich bei begrenzter Staatlichkeit um ein defizitäres Übergangsphänomen statt

     um eine Ausgangsbedingung des Regierens handelt. Dadurch gerät aus dem Blick,

     dass sich in Räumen begrenzter Staatlichkeit vielleicht ganz andere Formen des

     Regierens herausbilden könnten, die Formen traditioneller Herrschaft mit den oben

     angedeuteten „neuen“ Governancemodi verbinden.“ (Gov2, S. 8)

 

Was charakterisiert die „anderen Formen“? Es sind „hybride Regime“ aus formellen und informellen („Schattenstaatlichkeit)“, öffentlichen und privaten Macht-, Gewalt- und Steuerungsformen, in die sich private Sicherheitsfirmen, Warlords, klientilistische Patronage-Netzwerke, lokale Akteure, die in Kolonien an der Herrschaftsetablierung und –sicherung beteiligt waren etc. verbinden. SFB 700 sieht den Umbruch irreversibel und will die Frage nach Macht/Herrschaft/Legitimität“Effektivität in grundsätzlicher Abkehr von den Leitvorstellungen der alten Epoche als Suchprozess ins historisch Offene formulieren:

 

     „Die hier diskutierten Beispiele machen schließlich deutlich, dass ein Teil der

     Aktuellen Governancediskussion  in der Politikwissenschaft ahistorisch angelegt ist

     und die historische Kontingenz (das ist Nichtnotwendigkeit, D.H.) moderner

     Staatlichkeit übersieht….Zur Zeit orientiert sich die internationale Gemeinschaft

     mit ihren Hilfsmaßnahmen zur (Wieder-)Herstellung von Staatlichkeit noch fast

     vollständig am Idealbild des entwickelten und demokratischen Wohlfahrtsstaates

     westlicher Prägung. Wenn wir es aber mit Räumen begrenzter Staatlichkeit als

     Regel- und nicht als Ausnahmefall zu tun haben, dann ist diese Zielvorgabe weder

     Praktikabel noch normativ geboten.“ (Gov2, S. 9)

 

Ebenso wie SFB 700 nicht demokratisch initiiert und verantwortet, sondern als sich selbst organisierendes Cluster etabliert wurde, sagt er uns: eine demokratische, rechtsstaatliche Welt der Wohlfahrt aller Menschen ist out, ade, historisch kontingent, ein Episode der Geschichte, als Projekt ein historischer Ausnahmefall. Und so geht auch das, was SFB 700 ihr „Forschungsvorhaben“ nennt und was besser „Suche“ heißen müsste nicht mehr vom demokratischen Wohlfahrtstaat als Orientierung aus:

 

     „Häufig gehen die Studien zu zerfallen(d)en Staaten sowie Good Governance-

     Programme internationaler Organisationen schon bei der Problembeschreibung

     davon aus, es gehe im Wesentlichen darum, klassische Staatlichkeit mit den

     herkömmlichen Instrumenten staatlicher Gewaltkontrolle und effektiver

     Rechtsdurchsetzung (wieder-) herzustellen. Demgegenüber halten die Teilprojekte

     unseres Forschungsvorhabens die normative Frage nach dem angemessenen

     Entwicklungspfad für Länder mit defekter Staatlichkeit bewusst offen. Vielmehr

     geht es darum, die (Dys-)Funktionalität bestehender staatlicher (Un-)Ordnung in

     diesen Räumen zu analysieren und zu untersuchen, ob und in welchem Umfang die

     „neuen“ Formen des Regierens klassische Staatsfunktionen übernehmen können“

     (Gov1, S. 11 f.)[25]

 

Unsere OECD-Welt als Kern des Gewaltprozesses

 

Es ist das Verhältnis Kern/Cluster und Umgebung, (militärischer) Akteur und Operaitionsfeld, Ethnologe und Forschungsfeld, in dem sich –ähnlich wie COIN- das Wissensprojekt SFB 700 zugleich als Projekt differentieller Gewalt und Sicherheit konzipiert –in einer neuen Form des Binnen-, vor allem aber globalen Gefälles.[26] Es lokalisiert sich in und als Projekt der „OECD-Welt“ gegenüber dem globalen Rest als „gewaltoffenen Räumen“ „begrenzter Staatlichkeit“ und Sicherheit, insgesamt etwa „zwei Drittel der Staatenwelt“. Es „konfrontiert“ sich mit diesen Räumen, wie wir oben gehört haben. Dazu werden gezählt als „zerfallen(d)e Staaten>: Afghanistan, Kolumbien, Kongo, Nigeria, Tadschikistan, als „schwache Staaten: Argentinien, Armenien, Aserbeidschan, Georgien, Indien, Indonesien, Mexiko, Pakistan, als „Schwellenländer“ Brasilien, China, Südafrika, Südkorea. (Gov1, S. 4f., 11).

 

Typus Warlord als Governanceproduzent

 

Da nunmehr die historische Periode der Staatlichkeit als kontingente, historisch nichtnotwendige Ausnahme verstanden wird und nicht mehr als Etappe eines Entwicklungspfads,  ändert sich auch das Verständnis von Geschichte. Sie wird als Forschungs- und Lernmaterial für Gewalt- und Herrschaftsformation neu erschlossen und damit zugleich als Legitimationsressource. Zunächst wird dem historischen Gewaltunternehmertum eine neue Bedeutung als historisch produktive Leitagentur und Leitbild zugewiesen. Der historische Typus des Warlords avanciert zum „Governanceakteur“, zum kriegerischen „Staatlichkeitsunternehmer“. Herfried Münkler zitierend schreibt Gunnar Schuppert im SFB-Governance Working Paper No. 22 (April 2008) unter dem Titel „Von Ko-Produktion von Staatlichkeit zur Co-Performance of Governance“:

 

     „Die für die meisten Kriege zentrale Figur des Warlords kann geradezu als

     Verbindung unternehmerischer, politischer und militärischer Logiken in einer

     Person definiert werden.“ (S. 11)

 

Und, Heinrich Lang zu den italienischen Warlords, den Condottieri „als Prototyp von kriegerischem Entrepreneurship“ zitierend:

 

     „Söldnerkapitäne waren unternehmerisch tätig un führten militärisches Handeln als

     Auftragsgeschäft im Namen der Staatsgewalt durch. Sodass die von Condottieri

     übernommene Kriegsführung einen Markt für Gewalt als Bestandteil

     zwischenstaatlicher Beziehungen generierte. Zudem überschnitten sich in der

     Figur des Condottiere unternehmerisch-ökonomisches, militärisches und politisches

     Handeln“ (S. 12)

 

Schuppert sieht in den gegenwärtigen Söldnerfirmen der Private Military/Security Companies (Blackwater, DynCorp) auf dem inzwischen entwickelten Söldnermarkt eine „Rückkehr der Condottieri“.(S. 13). Der Rückbezug auf die historischen Verkörperungen des Warlord-Typus ruft über die etwa 1500 Kriegsunternehmer des Dreißigjährigen Kriegs hinaus auch frühere deutsche Erscheinungen wie z.B. den beispielgebenden Renaissance-Warlord Frundsberg ins Lern- und Orientierungsfeld, die für die historische Fundierung des NS eine mehr als mythische Rolle gespielt haben („Frundsberg“ hieß die SS-Division, zu der sich Günter Grass gemeldet hat).

 

Kolonien als historisches „Labor“

 

In ähnlicher Weise sucht der SFB –wie auch COIN- die Kolonisierungs- und Kolonialgeschichte als Erfahrungsraum, ja geradezu als historisches Laboratorium von Gewaltoffenheit, begrenzter Staatlichkeit und „hybriden“ kooperativen Formen der Governance und der Anreizsteuerung für die neue Etappe der Governance-Formierung fruchtbar zu machen.  Risse/Lehmkuhl in ihrem schon zitierten Projektaufriss (Gov1):

 

     „Auch wenn man intuitiv im Kontext „kolonialer Herrschaft“ eher an hierarchische,

     repressive Formen des Regierens denkt, spielten gerade im Rahmen der nicht nur für

     das britische Empire charakteristischen Form der „indirekten Herrschaft“ und der

     Selbststeuerung durch in das System der Kolonialherrschaft einbezogene lokale

     Akteure „weiche“ Formen der Aushandlung eine wichtige Rolle“(S. 8) „Zum einen

     können koloniale und semikoloniale Räume als Laboratorien der europäischen

     Moderne verstanden werden…Zum anderen traf die (europäische)

     Kolonialherrschaft  auf indigene Herrschaftssysteme, die teils als Gefolgschafts-

     Beziehungen zu bezeichnen sind, teils staatlich-private Kooperationsformen auf

     lokaler Ebene als integrale Bestand teile des Herrschaftssystems etabliert hatten,

     in die teilweise auch europäische Akteure eingebunden waren. Das Aufeinander-

     prallen derart unterschiedlicher Formen des Regierens erzeugte hybride

     Governance-Formen, die u.a. charakterisiert waren durch die uns interessierenden

     „weichen“ Steuerungsformen. (S.12 f.)

 

„Nicht nur das britische Empire“ heißt: auch deutsche Kolonien, für die das Teilprojekt B4 „Wissen und Herrschaft:  Scientific Colonialism in den deutschen und Japanischen Kolonien 1884-1937“ vorgesehen ist (S. 12, 17). So wird die Verbindung zur deutschen Kolonialgeschichte über das Dritte Reich hinweg neu hergestellt. Im Wege der „mikrohistorischen“ Erschließung von Erfahrungen kolonialer Lebenswelten wird die Durchdringung der nordamerikanischen Hemisphäre auch in der Konfrontation der Governance-Strategien mit den Indianern im SFB neu erforscht, wie etwa von Dominik Nagl und Marion Stange im SFB 700-Teilprojekt „Colonial Governance und Mikrotechniken der Macht: Englische und französische Kolonialbesitzungen in Nordamerika, 1680-1750“. [27]

 

Ethnologie „vor Ort“ in Zentralasien

 

Im Teilbereich C1 „Transnationale Kooperationspartnerschaften und die Gewährleistung von Sicherheit in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ wird der Kern der ethnologischen Feldforschungsprojekte in Zentralasien und besonders in Afghanistan seit Jahren (schon vor der formellen Gründung des SFB 700) organisiert und durchgeführt –mit kaum erstaunlichen Analogien zum COIN. Federführend sind Christoph Zürcher und Ulrich Schneckener, richtungsweisend mit Informationen über bisherige zukünftige Projekte ihr oben zitierter Bericht. Es geht, ganz im Sinne der oben umrissenen Zielsetzungen nicht um die Herstellungen rechtsstaatlicher und demokratischer Verhältnisse. Ziel ist (und zwar auch „in Ergänzung von“ bzw. „zusammen mit militärischen Interventionen, S. 11, 12) die Förderung der

 

     „Bereitstellung funktionaler Äuquivalente von Staatlichkeit durch Kooperation 

     verschiedener Akteure…An solchen Kooperationen sind in den Zielräumen als

     Adressaten der Intervention NGOs, private Akteure (v.a. lokale „big men“ und

     klientelistische Netzwerke) sowie Teile von Staatsbürokratien beteiligt. Die

     Intervenierenden auf der internationalen Ebene sind Internationale Organisationen

     (IOs), INGOSs und staatliche Akteure.“(S. 2)

 

Die auf der Mikro-Ebene angesiedelten Fallstudien sind mit umfangreichen Vor-Ort-Recherchen prozessorientiert angelegt (S.13), zunächst je drei zu Tadjikistan und Pakistan, sowie zwei zu Afghanistan (S.16). Inhaltlich geht es (wie im COIN) um ein ethnologisches Vermessen, ein „Mapping der Akteure“ und ihrer Beziehungen, dann in einer zweiten Phase um die Operationalisierung und Standardisierung der Variablen und Herstellung standardisierter Interview-Fragebögen und Durchführung standardisierter Interviews, und zwar in Kooperation mit lokalen Forschergruppen.. Die Vorgehensweise bei der Erhebung des Primärmaterials orientiert sich an den gängigen Verfahren ethnographischer und mikropolitischer Feldforschung einschließlich teilnehmender Beobachtung vor Ort (S.16). Ob und wie eng die Verschränkung mit militärischen Operationen realisiert wird, wie das „zusammen mit militärischen Interventionen“ im Einzelnen aussieht, ist dem Bericht nicht zu entnehmen.

 

Zürcher und sein Mitarbeiter Jan Köhler bringen ihre Erfahrungen im Rahmen von NGOs und IOs aus Einsätzen für die Weltbank und in Kooperation mit der GTZ ein (S.8). In Tadjikistan und Afghanistan rühmen sie sich sehr guter Arbeitskontakte mit lokal tätigen NGOs (MSDSP, GTZ, AKF). Gerade Tadjikistan habe sich „zu einem beinahe idealtypischen Beispiel für das staatsäquivalente Funktionieren von öffentlich-privaten Partnerschaften entwickelt.“ Seit 2001 hätten alle großen vor Ort tätigen NGOs und IO (darunter UNTOP, UNCHR, OSCE, USAID, Care, Mercy Corps, GTZ, MSDSP) ihre Programme auf Konfliktbearbeitung „gemeinstreamt“ –unter Kooperation mit „den Patrons vor Ort“ (S. 30). Ganz im Sinne „funktionsäquivalenter“ Staatlichkeit wird gefragt: „Trägt die Schaffung von ‚Inseln der Stabilität’, wie sie beispielsweise manche warlords anbieten oder wie sie die PRTs (Provincial Reconstruction Teams) in Afghanistan herstellen sollen, auch zur Förderung der überregionalen Sicherheit bei?“ Als Untersuchungsgegenstand der Pakistan-Studie wird auch die funktionsäquivalente Leistungsfähigkeit der parastaatlichen von Milizen und Rackets kontrollierten Netzwerke und Versorgungseinrichtungen besonders in Karatschi ins Blickfeld genommen (S. 13,35).

 

Ergebnisse einer ersten Umfrage (durchgeführt in Kooperiation mit dem Referat Evaluierung des BMZ) mit Interviews von 2034 Haushalten in 77 Gemeinden im Nordosten Afghanistans haben Köhler und Zürcher im Oktober 2007 als SFB-Governance Working Paper Series No. 7 veröffentlicht und in einer Pressekonferenz am 6.2.08 vorgestellt[28]: zur Frage des Beitrags ausländischer Truppen („so lange die Deutschen da seien, werde wenigstens nicht noch die andere Hälfte des Dorfes niedergebrannt“, aber nur 14% hatten was von den PRT gehört) und lokaler Milizkommandeure zur Frage der Sicherheit, zu den Spannungen zwischen „westlichen und traditionellen Werten“, Genderfragen, Erziehung und Ausbildung von Jungen und Mädchen, zur Entwicklungszusammenarbeit und Rolle des Staates besonders bei der Versorgung, und natürlich dem „Mapping“ von lokalen Autoritäts- und Konfliktlösungsinstanzen (auch Bedeutung der Dorfältesten und –jirga). Die Befragung war auch als Test des Befragungsverhaltens und der Ansprechbarkeit (im Sinne einer ersatzdemokratischen Steuerung durch Umfrage) und verfolgte zugleich propagandistische Ziele in Afghanistan (so nach der Bewertung des deutschen Kriegseinsatzes und seiner PRTs), aber auch in Deutschland für das Gesamtprojekt. In Anbetracht der weitgesteckten  Zielsetzungen und radikalen Orientierung des  SFB 700 erscheint es unwahrscheinlich, dass wir alles erfahren haben. Wir wissen vor allem nichts über die zivil-militärischen Informationsflüsse. So konnte MdB Nachtweih jubeln: die Studie lasse sich nicht als „Nato-Propaganda“ abtun und die FAZ vom 6.2. attestierte ein: „Gutes Zeugnis am Hindukusch“.

 

Einen Interessanten Aspekt, der sich in der Vorstellung der Ergebnisse kaum niederschlug, enthält der im Appendix der Studie behandelte Gesichtpunkt des sozialen Zusammenhalts und den Regeln und Übungen gegenseitiger Hilfe und die damit zusammenhängende Bereitschaft zur Mobilität und Selbstmobilisierung, anders: die Frage nach dem Ausmaß gesellschaftlicher Zerstörung. Befunde werden nicht diskutiert, tauchen aber in der im Juni dieses Jahres erschienenen Studie der SFB-Beteiligten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) auf. Danach hätte die Schwächung bzw. Auflösung traditioneller sozialer Bindungen als Folge des Staatszerfalls und neue Kommunikationstechnologien auch Platz für Neues geschaffen. Neue Eliten hätten sich in den als Folge massenhafter Flüchtlings- und Arbeitsmigration entstandenen Diasporagemeinden einzelner Provinzen und ethnischer Gruppen in den großen Städten herausgebildet und zugleich das Stadt-Land-Verhältnis verändert.[29]

 

Gewalt- und Governmance-Markt

 

Das Teilprojekt C2 über Privatisierung und Kommerzialisierung von Sicherheit in Räumen begrenzter Staatlichkeit –federführend Sven Chojnacki und Zeljko Branovi´c fundiert das Projekt C1  mit Studien des Funktionierens von Selbstorganisation und den Erfahrungen auf privaten Sicherheits- und Gewaltmärkten und mit den dort agierenden „Governance-Entrepreneuren“. Ganz im Credo von SFB 700 heißt es bei ihnen:

 

„Auch wenn sich die hier angeführten Überlegungen zu Sicherheitsmärkten auf Räume begrenzter Staatlichkeit konzentrieren, so hat das Konzept letztlich transhistorischen Charakter. Die Monopolisierung von Sicherheit nach innen sowie die Oligopolisierung des Sicherheitsmarktes durch den modernen Nationalstaat im internationalen System würden demnach eine historisch kontingente Marktsstruktur beschreiben, auf der Staaten und ihre Staatsvölker als zentrale Marktteilnehmer auftreten. Brechen diese Organisationsformen beispielsweise durch Staatszerfall oder bewaffnete Konflikte weg, impliziert dies auch einen Wandel der Marktstruktur und –dynamik auf lokaler Ebene….Wie privatisiert die Sicherheitsmärkte des 21. Jahrhunderts sein werden, ist dann letztlich vor allem eine empirische Frage.“[30]

 

Beide beschäftigen sich auch mit Bewertung, Kosten und Evaluierung der Effizienz des auf den Sicherheitsmärkten gehandelten Gutes „Sicherheit“. Branovi´c hat sich als Teilnehmer des SFB 700 Anfang 2008 zu diesen Themen mit einem Beitrag und Papier in die Konferenz der ISA in San Francisco eingebracht.

 

Eine neue Ära des imperialistischen Tiefenzugriffs

 

COIN und SFB 700 sprengen in einer neuen Phase des Kriegs gegen den Terror radikaler denn je die Leitvorstellungen der alten Welt auf. Sie projizieren die mit dem Strategiebegriff „Cluster“ verbundenen nach innen gerichteten Sozialtechniken in einem langfristig angelegten Projekt militärisch-ethnologischer Sozialtechniken nach außen. Sie selbst sehen dieses Projekt nicht als Vorstellung von Ordnung, sondern als Prozess zivil-militärischen „learning by doing“. Unsere Sache ist es nicht, über die Ergebnisse zu spekulieren, sondern uns mit dem zivil-militärischen Aufmarsch auseinander zu setzen. Das heißt auch, die SFB 700-Initiative in den Kontext der Schockpolitik an den Universitäten zu stellen und dort zu thematisieren.

 

Es ist zu erwarten, dass auf der Nato-Tagung 2009 auch die COIN-SFB-Achse als Dimension einer neuen atlantischen Partnerschaft (Leitvorstellung von Merkel und CAP/Bertelsmann)  angesprochen werden wird, wenn nicht institutionell, so doch zumindest inhaltlich.



[1]                      1 Zu all dem D. Rohde, Army Enlists Anthropology in Warzones, NYT, 05.10.2007

[2]              D. Ephron und S. Spring, A Gun in One Hand A Pen in the Other”, NewsWeek 12.04.2008

[3]              Siehe: http://www.sfb-governance.de/allgemein/opening/index.html (12.07.2008)

[4]              D. Hartmann, D. Vogelskamp, Irak. Schwelle zum sozialen Weltkrieg, Berlin 2003 S. 9ff, 74ff.

[5]              D. Hartmann, „Unamerican“, in: G. Hanloser (Hg.), „Sie warn die ANTI-deutschesten der deutschen Linken“, Münster 2004, S. 131, auch unter http://www.materialien.org/texte/hartmann/unamerican.pdf (12.07.08)

[6]              vgl. dazu D. Hartmann, Universal Soldier, ak....; und im Vorgriff bereits am 04.05.2002 Th. Binger, Interview mit D. Hartmann, „Sozialarbeiter mit Bewaffnung“, Junge Welt 04.05.2002 und ak 460/April 02,

[7]              Als Überblick über die wichtigsten Artikel: Th. Donnelly, New Thinking, Old Hands Take a Fresh Look at Irregular Warfare, Armed Fources Journal (AFJ) 03.06.2006, ders., Long-Distance Affair, AFJ 01.08.06, ders., A Question of Faith, AFJ 02.10.2006, ders., Why did Donald Rumsfeld Fail?, AFJ 01.01.07, auch unter AEI, Short Publications vom 27.12.06 und 05.01.07; F. W. Kagan, Choosing Victory, AEI-Papers und Studies 05.11.07; R. Gerecht, The Consequences of Failure in Iraq, The Weekly Standard, 15.01.07, vgl. auch die Überblicksartikel von M. Rüb, Weiter mit neokonservativen Rezepten, FAZ 06.01.07 und “The president’s last throw, Economist 12.01.2007. Zur unmittelbaren Vorgeschichte der Veränderung der Schwerpunkte in Militär und Generalität und die Bedeutung des AEI vgl. M. Abramowitz, R. Wright, Th. Ricks, With Iraq speech Bush to Pull Away From His Generals, NYT 10.01.2007

[8]              vgl. dazu schon W. Bergmann, Antiterrorismus – Weltkrieg gegen Migration und Armut, http://www.materialien.org/war/NeuerKrieg.pdf (12.07.2008)

[9]              R. Gonzalez, Towards mercenary anthropology? Anthropology Today Vol. 23, Nr. 3, Juni 2007, S. 14; hier: S. 17,

[10]             vgl. D. Hartmann, G. Geppard, Cluster. Eine neue Etappe des Kapitalismus, Berlin 2008

[11]             zu alldem: G. Packer, Knowing the Enemy, New Yorker, 18.12.2006; R. Gonzalez, Towards mercenary anthropology?, Anthropology Today, Vol. 23 No. 3, June 2007, S. 14; ders., Human Terrain, Anthropology Today, Vol. 24 No. 1, February 2008, S. 21.

[12]             M. McFate, Anthropolgogy and Counterinsurgency: The Strange Story of their Curious Relationship“, Military Review, März/April 2005, S. 24

[13]             vgl. vor allem auch ihren Artikel unter dem Titel „The Military Utility of Understanding Adversary Culture, JFQ 48, S. 42,

[14]             F. Renzi, Terra incognita and the case for ethnographic intelligence, Military Review, 86, 2006, 16- 23, hier: 16.

[15]             Lesenswert der Bericht von R. González, „Human terrain anthrologogy today, Vol. 24, No 1, Febr. 2008,

[16]             González, a.a.O, S. 23

[17]             D. Price, Lessons from Second World War Anthropology, Anthropology today, Vol 18 No 3, Juni 2002, S. 14; ders. Past Wars, Present Dangers, Furture Anthropologies, Anthropology today, vol 18 No 1, Febr. 2002, S. 3;

[18]             H. Gusterson, D. Price, Spies in Our Midst, www.aaanet.org/press/an/infocus/prisp/gusterson.htm;

[19]             D. Price, Pilfered Scholarship Devastates General Petraeus’s Counterinsurgensy Manual,www.counterrpunch.org/price10302007.html;

[20]             http://anthroandwar.uchicagoedu/panels. html

[21]             http//savageminds.org/2008/04/11/anthropology-and global-counter-insurgency-conf...

[22]             zu Cluster vergl. D. Hartmann, G. Geppert, Cluster. Eine neue Etappe des Kapitalismus, Berlin 2008

[23]             http://www.sfb-governance.de/ (12.07.2008)

[24]             Vergleichbar dem wissensgesellschaftlichen Prozess der „knowledge creation“ und einem Projekt des strategischen „rolling out“, wie Gerald Geppert und ich ihn in „Cluster…“ behandelt haben.

[25]             Vgl. auch: Ch. Zürcher, U. Schneckener, Allgemeine Angaben zum Teilprojekt C1, S. 3, 
http://www.sfb-governance.de/teilprojekte/projektbereich_c/c1/index.html  (12.07.2008)

[26]             Die aggressive Dynamik des Binnengefälles von Clustern und Operationsfeld, die hier nur am Beispiel der Pariser Vorstädte erwähnt wird, haben wir thematisiert in „Cluster", S. 97 ff.“

[27]             vgl. JohnF.Kennedy-Institut Newsletter Nr. 3, Dez. 2006, S. 9, s.a. http://www.jfki.fu-berlin.de/research/researchprojects/sfb700_b3/index.html; vgl. auch R.O Keohane, Governance and Legitimacy, SFB-Governance Lecture Series, No. 1 (23.2.07)

[28]             Zu finden unter www.sfb-governance.de

[29]             Th. Ruttig, Afghanistan, Institutionen ohne Demokratie, SWP S 17, Juni 2008, S. 14

[30]             S. Chojnacki, Z. Branovi´c , Privatisierung von Sicherheit, S+F Sicherheit und Frieden 4/2007, S. 163, hier: 169