Sie
sind aus Dörfern geflohen, in denen Töchter nichts gelten, jetzt bauen
sie Kühlschränke und Kopiergeräte und wehren sich nicht gegen
schlechten Lohn. Das Wirtschaftswunder von Shenzhen wird von jungen
Frauen gemacht - ein Ort der Träume, heißt es in der Provinz.
DPA
Sonderwirtschaftszone Shenzhen: Versuchslabor der Bereicherung
Shenzhen
liegt da auf den ersten Blick genau wie im Trailer des Lokalfernsehens,
ein jagender Videoclip über Wolkenkratzern und zehnspurigen
Expressways, ein Bilderbogen aus Festbanketten und Feuerwerken, ein
Moloch, durchglüht von Neonschriften und roten Papierlampen, zersiedelt
in Industriecluster und Messekomplexe, die Küste entlang zerfranst in
endlose Hafenanlagen und ins Land hinein staubige Suburbs: So sieht die
Stadt der Mädchen aus.
Ihnen gehört Shenzhen, sie machen den Boom, sie machen die Stadt.
Durchschnittlich 15 Prozent Wirtschaftswachstum jedes Jahr, seit 20
Jahren, das ist vor allem ihre Bilanz, die Bilanz der Frauen, der
Mädchen; ganz unten spielen ihre Geschichten und ganz oben, wenn sie
viel Glück haben, und dazwischen liegt die unübersichtliche
Wirklichkeit des neuen China.
Es sind Mädchen wie Tang Shuzhen, ein blasses Ding mit toten Augen, von
früh am Morgen bis spät in die Nacht treibt sie 2000 Bodenschrauben in
2000 Kaffeemaschinen, sieben Tage die Woche, für 500 Yuan, umgerechnet
45 Euro Monatslohn. Ihre Abende sind ein einziger Kampf um eine
Pritsche im Schlafsaal auf dem Fabrikgelände, aber Tang Shuzhen sagt:
"Es ist alles meine Schuld. Ich habe meinen Platz in der Welt noch
nicht gefunden."
Mädchen wie Nummer 109, die eigentlich Xu Wenli heißt und in einem
Massagepalast am Lo-Wu-Grenzübergang zu Hongkong sieben Tage die Woche
die "Morgenschicht" bestreitet, von acht Uhr früh bis acht am Abend,
Stundenlohn 54 Cent, und die ihr Leben mit niemandem tauschen würde,
niemals, außer mit Den Li Din vielleicht, der zarten Schlagerkönigin
Chinas, deren zuckrige Lieder traurige Herzen erwärmen.
DER SPIEGEL
Mädchen
machen Shenzhen. Sie stecken Plastikköpfe an Plastikpuppen, sie ziehen
lederne Uhrarmbänder durch Gerbsäuren, sie stanzen Profil in
Turnschuhsohlen, sie schneiden Gummileisten für Kühlschranktüren, sie
polieren Glasscheiben für Kopiergeräte, sie verkaufen im Getümmel der
Elektronik-Discounter in Hinterzimmern raubkopierte DVDs, und im
Futian-Bezirk füttern sie abends, in kleinstadtgroßen Karaoke-Schuppen,
ihren Tischherren Oliven und Salzfischchen in den Mund. Und dabei sagen
sie, nach ihrem Leben befragt: "Ich habe Glück. Ich bin hier. Ich bin
in Shenzhen. In Shenzhen!"
Im Mai 2003 meldete die chinesische "Worker's Daily", dass in Shenzhen
und seinen Industrievororten 5,5 Millionen Wanderarbeiter am Werk
seien, davon 70 Prozent Frauen. In Nanshan, dem Hightech-Revier im
Westen der Stadt, seien von 400.000 zugewanderten Arbeitern 80 Prozent
Frauen mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren. Sie sind geschickt,
geschickter als Männer. Sie konzentrieren sich gut und lange. Sie sind
fleißig. Sie mucken nicht auf. Überall sind sie am Werk.
Ein gewaltiges Werk: Made in Shenzhen sind nach Angaben der Stadt
mittlerweile 70 Prozent aller weltweit produzierten
Fotokopiermaschinen, 80 Prozent aller Plastikchristbäume. Die Stadt
steht für ein Drittel aller in China hergestellten Kühlschränke, die
Hälfte aller Videorecorder, 80 Prozent aller Telefone, und nimmt man
die Nachbarstädte dazu, das ganze Perlflussdelta, so ist hier die Rede
vom größten Produktionskomplex für Industrieprodukte weltweit.
In Branchen wie der Taschenindustrie, in den Spielzeugfabriken, in den
gigantischen Fälscherwerkstätten für Uhren, Schmuck, Koffer, Schuhe und
Elektronik, überall, wo es um feinere Mechanik und kleinere Handgriffe
geht, kann sich das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Arbeitern
hochschrauben auf 50 zu 1.
AFP
Arbeiterinnen in einer Näherei: Sie sind fleißig, geschickt und mucken nicht auf
Es
heißt, unter dem Strich kämen in Shenzhen sieben Frauen auf einen Mann.
Vollends verlässliche Zahlen sind das nicht. Aber der Blick in die
Straßen, in die Shopping-Malls und Fußgängerzonen, in die Fabrikhallen
und Werkstätten zeigt: Sie sind überall, und überall sind sie in der
Überzahl. Shenzhen ist die Stadt der Frauen.
Man sieht sie gehen am frühen Abend am Citic City Plaza und rund um das
Seibu-Kaufhaus mit seinem Starbucks-Kaffeeladen und der
Häagen-Dazs-Eisdiele, auf den vielfach verschlungenen Fußgängerbrücken
am Grenzbahnhof von Lo Wu, im Gewirr der nahen Ladenpassagen rund um
die 1990 eröffnete erste McDonald's-Filiale auf chinesischem Boden: Sie
gehen in kichernden Gruppen zu 10, zu 20, und manchmal, wirklich, ist
auf Spaziergängen durch die Straßen der Stadt minutenlang kein Mann zu
sehen.
Die große Sternwanderung der Mädchen auf Shenzhen begann, als Deng
Xiaoping die Bereicherung zum Dogma und 1980 Shenzhen zu Chinas
kapitalistischem Versuchslabor erklärte. Spätestens Mitte der achtziger
Jahre hatte diese Botschaft auch das letzte Bergdorf erreicht, und aus
allen Teilen des Landes, aus Hunan und Sichuan, aus Hubei, Jiangsu und
Jiangxi machten sich, wie in einem alten Märchen, die Bauerntöchter auf
ins Perlflussdelta, in die neue Sonderwirtschaftszone, in ein besseres
Leben, wo nicht überhaupt: in ein Leben.
Sie wurden geschickt von Familien, in denen Töchter nicht viel und
Söhne noch immer alles gelten. Sie kamen aus Dörfern, wo weiblicher
Nachwuchs bis heute als Katastrophe empfunden wird, weil die Söhne noch
immer als spätere Ernährer der Eltern heilig gehalten werden.
Zahlreich sind die Berichte über die grauenhaften Effekte der
Ein-Kind-Politik, zu zahlreich, um allesamt erfunden zu sein. In Chinas
endlosem Hinterland werden Töchter gleich nach der Geburt wie
überzählige Katzen ersäuft, Säuglinge mit dem falschen Geschlecht bis
zum frühen Kindstod vernachlässigt. Seit schwangere Frauen auch auf dem
Land mehr und mehr in den Genuss von Ultraschalluntersuchungen kommen,
häufen sich gezielte Abtreibungen.
So mächtig ist die Praxis der Töchtervermeidung, dass sich in China das
Geschlechterverhältnis bei den Geburten gefährlich zugunsten der Jungen
verschoben hat. Landesweit kommen auf 100 geborene Jungen nur noch 85
Mädchen, in vielen Provinzen sind es noch viel weniger. Es werden in
China, das steht schon heute fest, in Zukunft die Mütter fehlen.
Die Staatsführung zu Peking hat im vergangenen Sommer Kampagnen
gestartet, um die ungeliebten Mädchen aufzuwerten. Länger schon
erhalten Paare, die als Erstling eine Tochter bekommen, das Recht auf
ein zweites Kind, um so die einmal geborenen Mädchen zu schützen. Aber
ländliche Traditionen und Glaubenssätze sind nicht per Dekret zu
ändern. Bis auf weiteres gilt, dass Mädchen nichts gelten. Dass Mädchen
weggeworfen werden, für behindert erklärt, von korrupten Beamten als
gestorben gemeldet, an Menschenhändler verkauft. Mädchen werden
fortgeschickt.
Mädchen gehen nach Shenzhen. Die Stadt ist für Chinas Töchter zum Ort
der Träume geworden, eine Art New York am Südchinesischen Meer. In den
Dörfern fern der Küste klingt der Name wie eine paradiesische
Verheißung. Shenzhen ist für Chinas junge Frauen ein Ort, an dem sie
gebraucht werden könnten. Wo eine Chance liegt. Wo Unmögliches möglich
wird.
Mädchen 109 aus dem Massagepalast willigt ein zu einem Abendessen. Sie
bringt zur Sicherheit auch Mädchen 28 mit und Mädchen 71, sie schlagen
eine Garküche um die Ecke vor, der Weg dorthin führt vorbei an
vermüllten Hauseingängen, vor denen alte Frauen mit schlechten Zähnen
und Fotoalben stehen. Die Fotoalben sind die Menükarten ihrer Bordelle.
Seite um Seite Passbilder von blassen Gesichtern, die von geplatzten
Träumen erzählen. Die Alten locken, sie blättern ihren Hurenkatalog
vor, sie flüstern: "Girls!", "Mister!", "Very young!", "No Aids!"
109, 28 und 71 wimmeln die Zuhälterinnen mit bösen Gesichtern und ins
Tiefe verstellten Stimmen ab. Dann entschuldigen sie sich sehr für die
Szene. Sie hätten, sagen sie, unbedingt einen anderen Weg nehmen
müssen. Sie hätten den Besucher fern halten müssen von diesem Unrat.
Sie fragen, ängstlich, ob die Einladung zum Abendessen jetzt überhaupt
noch steht.
"Girls!", "Mister!", "Very young!", flüstern Kupplerinnen und versprechen der Kundschaft: "No Aids!"
Bei Tisch, über Tellern mit Krebsen und Pfahlmuscheln, gurgelnden
Fleischtöpfen und winzigen Aalen, erzählen sie ihre Geschichten. Von
ihren Zwölf-Stunden-Tagen ohne Pause, ohne Urlaub, ohne Rast. Vom einen
freien Tag pro Monat, der meist verschoben und dann gestrichen wird.
Von ihrer Sorge, dass sie zu früh ihr Qi verlieren, ihre Lebensenergie,
ihre Kraft zur guten Massage.
Nummer 109, Xu Wenli, ist eben 19 geworden, sie ist ein dünnes Kind an
der Grenze zur Unterernährung und trägt im Gesicht noch die Spuren der
Pubertät. Mit 16 kam sie nach Shenzhen. Die Zugfahrt hierher aus ihrem
Dorf weit im Westen dauerte 37 Stunden. Sie liebt die Stadt. Sie will
nie wieder fort. Sie findet, eigentlich, dass eine Woche Jahresurlaub
genug ist.
Im Massagepalast, der die vierte und fünfte Etage eines gewaltigen
Hausblocks in Nachbarschaft zum Turm des Shangri-La-Hotels füllt,
arbeiten 300 Mädchen in drei Schichten rund um die Uhr. Es gibt für sie
einen engen Aufenthaltsraum, in dem ein Fernseher steht. Über der Tür
hängt ein Lautsprecher, aus dem ihre Nummern aufgerufen werden, wenn
Kundschaft kommt. Die Mädchen warten nervös auf diesen Ruf. Sie
verdienen nur, wenn sie arbeiten. Die Wartezeiten werden ihnen
abgezogen vom Lohn.
Es geht hier nicht um bezahlten Sex. Es geht um Hausfrauen, die sich
nach Einkäufen und Behördengängen die Füße massieren lassen, oder um
Reisende, die sich die Zeit bis zur Abfahrt ihrer Züge mit Hand- und
Kopfmassagen verkürzen. Drei Stunden Massage bei Mädchen 109 kosten 90
Yuan, das sind acht Euro, sie sieht davon 54 Cent die Stunde. Gute
Arbeit, sagt sie. Sklavenarbeit? Sie lacht über die Frage. Sie ist
verwundert über die Idee. Eine Sklavin? Nein. Das einzig Schlimme, sagt
sie, sei die Uniform, die sie bei der Arbeit tragen müsse.
Es gibt zwei Garnituren, eine in Türkis mit rotem Kragenfutter, eine in
Rosa mit grünen Streifen. In beiden fühlt sich Mädchen 109, Xu Wenli,
sehr hässlich. Sie möchte aussehen wie die Girls aus den Seifenopern
des Hongkonger Fernsehens. Dünn. Reich. Traurig. Immer verliebt. Und
sie möchte ein eigenes Zimmer, irgendwann. Und einen Freund. Im Moment
teilt sie sich eine Wohnung mit zwölf Kolleginnen,
eine Zweizimmerwohnung voll gestellt mit Stockbetten.
Aber das Leben kann schön sein. Es gibt Kunden aus Hongkong, die als
Trinkgeld nagelneue Handys verschenken. Oder Ausländer, die zehn Dollar
extra geben. Zehn US-Dollar! Die Mädchen, 109, 28 und 71, keines von
ihnen ist älter als 20, sie beginnen zu schnattern untereinander. Der
Übersetzer sagt: "Sie streiten sich darüber, was wichtiger ist: das
Geld oder die Liebe." Das Gespräch dauert lange. Der Übersetzer sagt:
"Sie sind sich nicht sicher."
Ganz in der Nähe, im ersten Stock über der HSBC-Bank nahe der Grenze zu
Hongkong, findet sich, hinter Rauchglasfenstern, das Restaurant
"Laurel". Es gibt im Gebäude auch eine kühl möblierte Discothek mit
bulligen Türstehern und noch weiter oben eine Bar, wo alles aussieht,
als wäre es aus Eis geschnitzt. Ins Laurel führen die Männer aus
Hongkong ihre Nebenfrauen aus Shenzhen zum Essen aus. An den Tischen
sitzen fast ausschließlich Paare, ein sehr ungewöhnliches Bild für
China, wo das Essen zu den Hochämtern des Familienlebens zählt. Das
Laurel ist kein Laden für Familien. Es ist eine Bühne für den
gepflegten Ehebruch. Zwischen den Männern und den Frauen besteht in der
Regel ein Altersunterschied von geschätzt 30 Jahren.
Manche Chefs schlagen die Mädchen, wenn sie etwas falsch machen, oder lassen sie stundenlang knien.
Hongkong-Chinesen sind leicht zu erkennen an der besseren Kleidung, an
den Haarschnitten, an der Körpersprache. Sie unterscheiden sich von den
anderen Festlands-Chinesen ungefähr so wie die Westdeutschen von den
Ostdeutschen kurz nach dem Mauerfall. Kleine, kulturelle Unterschiede
markieren großen Abstand. Und wie manche Westler damals in Deutschland,
so glauben viele Hongkonger heute in China, sie könnten Tag und Nacht
die Puppen tanzen lassen.
Im Laurel lassen sie französische Rotweine bringen, sie bestellen aus
der Karte mit "Western Food" und essen zum Auftakt, was chinesische
Köche für Spaghetti Vongole halten. Es ist leicht, die Mädchen von
Shenzhen zu beeindrucken. Ein Abendessen im Laurel kostet ungefähr
viermal so viel, wie sie in einem ganzen Monat verdienen. Das macht es
schwer, die Frage von Geld oder Liebe zu entscheiden. Es ist schwer,
einen Platz im Leben zu finden als "Dagongmei".
So wurden die Wanderarbeiterinnen schon bald nach dem Aufbruch in den
Kapitalismus gerufen, und es war nie besonders nett gemeint. "Mei", das
heißt so viel wie jüngere Schwester oder Mädchen. "Dagong", das heißt
seine Arbeitskraft verkaufen. Arbeitsschwestern. Arbeitsmädchen. Das
ist der Titel der Frauen von Shenzhen. Er bedeutet, erstens: Du bist
nichts und jederzeit austauschbar. Und zweitens: Vielleicht schaffst du
es trotzdem.
AP
Fußgängerzone von Shenzhen: Magnet für Millionen von Mädchen in der Provinz
Nach Pinghu ist es eine gute Stunde Fahrt von Downtown Shenzhen, der
Suburb liegt "außerhalb des Zauns", wie sie hier sagen, denn Shenzhen
ist eingehegt auf 167 Kilometer Länge, Sperranlagen, von Stacheldraht
gekrönt, begrenzen die eigentliche Sonderwirtschaftszone, und man kommt
nur mit Passkontrollen hinein. Grob gesagt liegen außerhalb des Zauns
die Fabriken und Sweatshops, und innerhalb des Zauns liegen die
Glaspaläste, in denen sie verwaltet werden.
In Pinghu stellt sich Tang Shuzhen, die eigentlich 2000 Bodenschrauben
in 2000 Kaffeemaschinen treiben müsste, für ein Foto vor das Werkstor
ihrer Fabrik. Sie steht schief und unsicher, und sie sieht sehr
unglücklich aus. Sie hat einen Todesfall in der Verwandtschaft
erfunden, um den Nachmittag frei zu bekommen, nun hat sie Angst, dass
einem Verwandten wegen ihrer Lüge wirklich etwas zustoßen könnte. Aber
sie will ihre Geschichte erzählen, sie muss. Sie mag die Stadt der
Frauen nicht.
Tang Shuzhen erreichte Shenzhen am 12. Februar 2000. Wie alle Frauen
hier kennt auch sie das genaue Datum ihrer Ankunft, keine hat den
großen Tag vergessen, den Beginn eines neuen Lebens, schnell, hart,
echt, neu und Zukunft überall. Tang Shu- zhen hatte im Gepäck zwei
Hemden in einem Stoffbeutel und große Erwartungen, sonst hatte sie
nichts.
Sie war 18. Ihr erster Job führte an eine Maschine, mit der
Kabelstränge verdrillt wurden, eine sehr gefährliche Maschine. Manchmal
sprangen die Drähte wie Peitschen aus den Halterungen und schlugen
tiefe Wunden, manchmal gerieten Mädchen mit den Haaren ins Räderwerk
und verletzten sich schwer.
Tang Shuzhen blieb unversehrt. Sie schlief in einem engen Zimmer zu
zehnt mit anderen Arbeiterinnen, auf dem Flur fanden sich für 100 Leute
sechs Waschbecken. Genug für die "Provinzkürbisse", wie der Chef, ein
Koreaner, seine Mädchen rief.
Wenn sie Fehler machten, gab es Lohnabzug. Für das Kantinenessen nahm
er 2 Yuan pro Tag, 60 Yuan monatlich, die vom Lohn, 500 Yuan, 46 Euro,
abgezogen wurden. Tang Shuzhen dachte trotzdem, sie hätte es schlechter
treffen können. Von anderen Mädchen hörte sie Geschichten, dass manche
Chefs ihre Arbeiterinnen stundenlang knien ließen als Strafe für
Fehler, und dass sie Schläge verteilten aus Lust.
Aber dann nahmen die Unfälle zu. In ihrem dritten Jahr in Shenzhen
hagelte es Unglücke, 35, 40 Mädchen in ihrer Fabrik verloren einen
Daumen, ein Ohr, ein Auge. Einen Werksarzt gab es nicht. Es gab
Erste-Hilfe-Koffer mit Pflaster und Verbandszeug. Das nächste
Krankenhaus lag zehn Kilometer entfernt.
Tang Shuzhen verließ die Fabrik, nachdem ein springendes Kabel ihre
Hand traf und tief in ihren Daumen schnitt. Jetzt wollte sie studieren.
Aber sie hatte kein Geld dafür. Sie verliebte sich in einen Cousin, der
als Ingenieur in einer der Fabriken arbeitete. Er nahm sie zu sich für
ein halbes Jahr, dann warf er sie hinaus.
Tang Shuzhen lernte die Stadt der Frauen hassen. Sie wusste nicht,
wohin. Sie dachte über das Leben nach. Sie las in der Zeitung, dass
China ein kommunistisches Land sei, ein Land der Arbeiter und Bauern.
Aber sie verstand nicht, was das hieß. Sie ist verwirrt. Sie fragt,
heute, vor dem Werkstor in ihrer Fabrik, ob es sein könnte, dass der
Kommunismus eigentlich im Westen herrsche und nicht in China. Die Frage
ist nicht ironisch oder klug gemeint. Tang Shuzhen sagt: "Im Westen
geht es allen gut. Das ist doch Kommunismus? Oder ist es nicht so?"
13 Jahre ist es her, dass Deng Xiaoping 1992 in Shenzhen, im 49.
Stockwerk des Büroturms namens International Foreign Trade Center
stand, 160 Meter hoch, der erste und lange Zeit höchste Wolkenkratzer
Chinas. Es war ein stolzer Moment in der Geschichte der Stadt, er ist
noch heute auf verblassten Großdias im Foyer des Drehrestaurants
festgehalten, Deng sagte, Shenzhen solle das Modell für Chinas blühende
Zukunft sein.
"Mao hat groß gedacht", sagt die Managerin. "Er gibt mir Kraft, wenn ich an meinen Träumen zweifle."
Schwer zu sagen, ob Deng ahnte, dass die Stadt zum Magneten für Mädchen
werden könnte, dass sie es sein würden, die den höchsten Preis für
Chinas Fortschritt zu zahlen hätten. Drunten lagen damals noch Hütten,
Fischteiche, enge Viertel voller Garküchen und wirrer Basare.
Heute geht der Blick von hier oben nach allen Seiten auf eine
ausufernde Großstadt. Auf 190 Hochhäuser, darunter die 384 Meter hohen
Doppeltürme des Di Wang Commercial Centers, und nur in Richtung
Hongkong, über den Shenzhen-Fluss, ist die Sicht frei in weiches
Hügelland. Von hier oben glänzt Shenzhen. Von hier oben lassen sich die
anderen Geschichten erzählen, Geschichten von Frauen, die abseits von
Fließbändern und Fabriken spielen.
Die von Pauline Li etwa, die sich durchgeschlagen hat im Existenzkampf
und die nun im 527-Zimmer-Turm des neuen Hilton an der Jiabin Road mit
20 Untergebenen die PR-Arbeit macht.
Oder die von Nicole Lee, die mit einem Laptop in der Handtasche für die
IT-Firma Openet als Betreuerin großer Geschäftskunden Südchina und
Hongkong bereist.
Es gibt auch diese Geschichten in der Stadt der Frauen, jene von Li
Tongpin, die sich hochgeschuftet hat vom Serviergirl in Discotheken an
die vornehme Nongling Road, wo ihr heute, direkt neben dem glitzernden
Büroturm der für Korruptionsfälle zuständigen Staatsanwaltschaft, einer
der großen Läden für gebrauchte Autos gehört; 80 Spitzenklassewagen
jederzeit, Mercedes, Audi, Volkswagen, und dazu zwei Empfangsdamen und
vier Verkäufer in Uniform.
Und da ist Dai Weis Geschichte, die auch ein Mädchen war, als sie ankam
1984 in Shenzhen, und die den Aufstieg geschafft hat zur Managerin, zur
Präsidentin eines Imperiums von Elitekindergärten, in denen schon
Zweijährige Englisch lernen und an Computer gesetzt werden für 1500
Yuan Monatsgebühr, drei ganze Arbeiterlöhne.
Dai Wei ist eine großgewachsene Frau von 40 Jahren mit einem sensiblen
Gesicht und einer Ponyfrisur wie mit dem Rasiermesser geschnitten. Sie
trägt eine exquisite weiße Bluse mit roter Stickerei, die ungefähr so
aussieht, als hätte Gucci die chinesische Tracht neu interpretiert. Dai
Weis Ratschläge für die Mädchen von Shenzhen lauten: "Hart arbeiten,
geduldig sein, gute Manieren haben, geben, lieben."
Zwölf Kindergärten verwaltet sie schon, eine Filiale in Shanghai hat
soeben eröffnet, bald werden weitere folgen. Regelmäßig verschickt sie
an alle Eltern und Erzieher einen Newsletter mit erbaulichen Gedanken,
die sich um das Kindeswohl drehen und sehr individualistisch, sehr
kapitalistisch, bürgerlich, insgesamt vollendet westlich klingen.
Natürlich, Dai Wei war nie eine hergelaufene Arbeitsschwester vom Land.
In Qingdao, weit im Nordosten am Gelben Meer, fiel sie auf als
brillante Literaturstudentin, eine Tochter von Beamten, und sie wurde
von den Talentsuchern der Partei für den Hoteldienst bestimmt. Und doch
war sie, als sie ankam damals in Shenzhen, nur ein chinesisches Mädchen
mit ein paar Träumen und ein paar Hoffnungen. In Shenzhens Stadtviertel
Shekou arbeitete sie sich hoch im Hotel Nan Hai von der Rezeption ins
Chefbüro. Und Anfang der neunziger Jahre nahm sie Deng Xiaoping beim
Wort und gründete ihren ersten Kindergarten.
Sie kann noch immer Shakespeare zitieren und Victor Hugo, und sie liebt
die Romane von Balzac. Aber sie kann genauso gut mit großen Ziffern
umgehen. Sie zahlt sich selbst, freimütig reden alle Chinesen übers
Geld, 1,5 Millionen Yuan Präsidentinnengehalt pro Jahr, umgerechnet
139.000 Euro oder 250-mal mehr, als eine Fabrikarbeiterin verdient. Sie
ist angekommen, ganz oben.
Ihr Büro ist dekoriert wie eine Pralinenschachtel. Auf den
Aktenschränken posieren ausgestopfte Fabeltierchen neben Seidenblumen,
an der Wand Kindermalereien und mittendrin, groß, dominant, auf blauem
Grund - ein Porträt von Mao.
"Sie wundern sich über Mao?", fragt Dai Wei. "Ich fühle, dass er mich
unterstützt. Er hat groß gedacht. Auch ich will groß denken. Ich
brauche seine Unterstützung. Er gibt mir Kraft, wenn ich an mir und
meinen Träumen zweifle." Vor der Tür, beim Abschied, hält ein weinroter
Jaguar mit Chauffeur. Er bringt Dai Weis Tochter. Sie ist neun und
trägt ein Prinzessinnenkleid aus viel Tüll. Auch ein Mädchen aus
Shenzhen.
Ein Mädchen aus dem neuen China. Sie wird Shenzhen ungefähr so kennen
lernen, wie es im Trailer des Lokalfernsehens aussieht. Als ein Märchen
aus Feuerwerken und Festbanketten, voll gestellt mit Wolkenkratzern,
zerschnitten von Expressways, durchglüht von Neonschriften und roten
Papierlampen. Sie wird nicht viel wissen von den Mädchen außerhalb
ihrer Welt, außerhalb des Zauns, sie wird ihnen kaum begegnen, den
Arbeitsschwestern, den Dagongmei, und so wird sie nie besonders viel
wissen müssen von ihren Sorgen, ihrem Heimweh, ihrer Einsamkeit in
Shenzhen, der Stadt der Mädchen.