NZZ 09.04.05

«Slumbai» oder ein zweites Schanghai?

   Kontroverse Zerstörungen von Slums in Bombay
Von unserem Korrespondenten in Indien, Bernard Imhasly

   Bombay ist Indiens reichste und zugleich schäbigste Stadt. Die Dynamik der Wirtschaftsmetropole lockt Hunderttausende von Arbeitssuchenden an, die meist in illegalen Siedlungen leben. Nun hat der Staat mit radikalen Slumzerstörungen Staub aufgewirbelt. Diese konfrontieren Bombay mit der Frage, ob es sich wie die chinesische Metropole Schanghai entwickeln oder sozialverträgliche Alternativen suchen will.

  Bombay, im März

   Am 8. Dezember 2004, einige Wochen nach den Parlamentswahlen im indischen Gliedstaat Maharashtra, fuhren vor einem Dutzend Armensiedlungen in der Hauptstadt Bombay unter starkem Polizeischutz Bulldozer auf und begannen mit der Zerstörung der Hütten. Nicht in allen Fällen waren die Slumbewohner über die Niederwalzung orientiert worden, und viele konnten nicht einmal mehr ihren Hausrat retten. In den folgenden Wochen wurde die Aktion fortgesetzt, ohne dass es in der Öffentlichkeit zu nennenswerten Protesten kam. Im Gegenteil, die Tabula-rasa-Aktion gegen die illegalen Siedlungen stiess bei den lokalen Eliten sogar auf Sympathien. Erst Ende Januar formierte sich der Widerstand, als sich zeigte, dass für die allermeisten obdachlos Gewordenen gar keine Notunterkünfte bereitstanden. Die meisten liessen sich irgendwo auf offener Strasse nieder. Bis die Regierung die Aktion Mitte Februar «vorläufig» abbrach, waren 91 000 Hütten zerstört. Die Stadt hatte nicht weniger Einwohner, aber 350 000 Obdachlose mehr.

Die Wirtschaftsmetropole als Magnet

   Das Ziel der Aktion war nicht die Lösung des prekären Wohnungsproblems, sondern die Abschreckung neuer Zuzüger. 58 Prozent der 12 Millionen Einwohner der Stadt Bombay leben auf 13 Prozent des Lebensraums in Slums. Seit Jahrzehnten ist Indiens Wirtschaftsmetropole ein Magnet und vor allem ein Fluchtpunkt der Migration geworden. Jedes Jahr verlassen mehrere hunderttausend Menschen ihre Dörfer in Indien, Nepal oder Bangladesh, weil sie in der Landwirtschaft nicht mehr genug Arbeit finden, um zu überleben. Die enorme Wirtschaftskraft der Stadt - 40 Prozent des Steueraufkommens Indiens werden im Grossraum Bombay generiert - lässt diese Menschen dort überleben. Doch während sie Jobs bekommen, verlieren sie gleichzeitig ihr Obdach. Denn der Boom hat in der von drei Seiten vom Meer umgebenen Stadt die Bodenpreise in die Höhe schiessen lassen. Das macht jeden sozialen Wohnungsbau zum unbezahlbaren Luxus, namentlich für den schwer verschuldeten Gliedstaat. Die Bereitstellung von billigen Wohnungen ist seit Jahrzehnten Teil der «Slumzerstörungs-Politik», doch keiner der zahlreichen staatlichen und privaten Anläufe hat sich bisher durchgesetzt.

   Auch die Bulldozer-Einsätze sind bisher alle gescheitert. Der Grund liegt nicht nur in der Unfähigkeit der Behörden, den Obdachlosen Alternativen zu bieten. Das einzige Machtmittel, über das Slumbewohner verfügen, ist ihre Stimme. Politiker sorgen dafür, dass Migranten einen Stimmausweis bekommen. Für ihre Stimme versprechen sie ihnen Gebietsschutz, falls wieder einmal eine Aktion gegen die meist auf öffentlichem Land gelegenen Slums droht. Doch der Deal hat seinen Preis. Viele Slums werden von Slum-Lords beherrscht, die den Politikern die Stimmen beschaffen, aber den Zuzügern für jeden Quadratmeter entlang eines Bahndamms oder in dem schmalen Streifen zwischen Strandmauer und Meer «Mieten» abknöpfen. Die Unsicherheit bleibt. Jede Wahl, jeder Regierungswechsel kann eines Morgens plötzlich den Bulldozer vor der Blechhütte auffahren lassen.

 

Ohne Slumbewohner nicht lebensfähig

   Die jüngste Säuberung bot ein Beispiel dafür. Die Kongresspartei hatte im Wahlkampf versprochen, alle Siedlungen zu legalisieren, die nach 1995 entstanden sind. Sie wollte damit den politischen Gegner ausstechen, der dies nur für nach 2001 gebaute Siedlungen garantieren wollte. Die Rechnung ging auf, und der Kongress gewann die meisten Sitze in Bombay. Dies hinderte ihn aber nicht daran, einige Wochen später auch Slums niederzureissen, die nach 1995 entstanden waren.

   Die Slumbewohner mögen am Wahltag zählen, doch im Alltag zwischen den Urnengängen wirken andere Kräfte. Im Bewusstsein der Mittelklasse und der Oberschicht der Stadt werden Slums nicht als Teil der Stadt, sondern als Krankheitsherd wahrgenommen und ihre Bewohner als illegale Besetzer. Die Einsicht, dass die Stadt ohne die Slumbewohner gar nicht leben könnte, ist kaum vorhanden. Der Schneider auf Stör, die Krankenschwester im Spital, der Koch und das Kindermädchen, der Gemüseverkäufer und der Rikschafahrer - sie alle wohnen mit grosser Wahrscheinlichkeit in einem illegalen Slum. Doch wenn Geschäftsleute vor ihrer Landung im Santacruz-Flughafen über ein Meer von Plastic- und Blechdächern fliegen, sehen sie nur ein urbanes Geschwür, das ihnen den Lebensraum zuschnürt und den Traum von einem angenehmen, sicheren und gesunden Alltag zum Albtraum verkommen lässt. Als am 26. Dezember der Tsunami grosse Teile der südostindischen Küste in Tamil Nadu verwüstete, waren auch die begüterten Bürger Bombays von den Fernsehbildern zerstörter Siedlungen erschüttert und spendeten Millionen für die obdachlosen Fischer. «Doch für den menschengemachten Tsunami, die Zerstörungsaktion, die gleichzeitig unter ihren Fenstern ablief, hatten sie kein Auge», sagt ein Beamter der Slum-Behörde. «Im Gegenteil, sie begrüssten diese.»

«Bombay First», doch welches Bombay?

   Die wirtschaftliche Öffnung Indiens hat nicht nur Menschen und Kapital in das Finanzzentrum des Landes geschwemmt. Mit ihr kam auch der Ehrgeiz, anderen Weltstädten an Glanz und Reichtum nicht nachzustehen. Bombay soll, in den Worten des indischen Finanzministers Chidambaram, zu einem globalen Finanzzentrum zwischen London und Tokio werden. Schanghai - mit Bombay seit je in Handelsverbindungen - avancierte plötzlich zum Massstab. Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich die chinesische Stadt in eine moderne Weltstadt verwandelt hat, zählt dabei mehr als die Brachialgewalt, die dabei eingesetzt wurde. Selbst Premierminister Singh, sonst für seine Sorge um soziale Gerechtigkeit bekannt, liess sich noch im Januar zum Ausruf hinreissen, Bombay müsse bis 2020 Indiens Schanghai werden.

   «Bombay First», eine Lobby-Organisation von Industrieführern, Intellektuellen und Freiberuflern, bestellte bei der Beratungsfirma McKinsey eine Studie, die der Stadt nun als Entwicklungsplan dienen soll. Laut dieser «Vision Mumbai» sollen für umgerechnet rund 9 Milliarden Franken die Slums durch riesige Wohnsiedlungen nördlich der Stadt ersetzt werden. Fabrikareale sollen in Parks und Luxuswohnungen umgewandelt, die Hafenanlagen erneuert werden und bessere Transportwege den riesigen Pendlerstrom bewältigen, der bereits heute täglich 2,2 Millionen Menschen in die Züge zwängt. Doch Bombay ist nicht Schanghai. Die Säuberungen in den Slums haben den Widerstand von Nichtregierungsorganisationen und Medien gegen den Plan mobilisiert. In den Worten des Uno-Berichterstatters für Wohnungsbau, Miloon Kothari, folgt der Plan einer «brutalisierten neoliberalen Logik, die Wachstum mit der Gesundheit einer Stadt gleichsetzt». Die Journalistin Kalpana Sharma, die ein Buch über Dharavi, Asiens grössten Slum, geschrieben hat, kritisiert, dass die neuen Siedlungen in den Salzpfannen einer Meeresbucht vorgesehen sind, die alle bestehenden Umweltgesetze über den Haufen werfen würden.

Genügend Land vorhanden

   Wenn es «Bombay First» wirklich um eine gesunde Stadt gehen würde, sagt auch Ujjwal Uke, der ehemalige Chef der Slumumsiedlungs-Behörde, würde die Lobby-Gruppierung anerkennen, dass es in der Stadt genügend Land gibt, um alle Slumbewohner in anständigen Kleinwohnungen unterzubringen. Tatsächlich liegen im Herzen der Stadt rund 2000 Hektaren ungenutztes Land; veraltete Hafenanlagen, leere Lagerhäuser, Bauruinen, die seit Jahrzehnten durch Rechtsstreitigkeiten lahmgelegt sind. Dazu gehören auch die grossen Landparzellen der 58 Textilfabriken, für die ein zwei Jahre dauernder Streik zu Beginn der achtziger Jahre der Todesstoss gewesen war und die seitdem langsam zerfallen. Vor 14 Jahren hatte die Regierung die Besitzer, je zur Hälfte private und staatliche Firmen, aufgefordert, das Land baulich zu entwickeln. Die vorgegebene Formel lautete: ein Drittel für staatliche Sozialwohnungen, ein Drittel für öffentliche Parks, Schulen und Spitäler, und das letzte Drittel bleibt den Besitzern für den Bau von Wohnungen, Einkaufszentren und Büros.

   Während zehn Jahren geschah nichts. Der Grund lag im städtischen Gesetz über Bodenbesitz, das verbietet, dass bei der Erschliessung der Fabrikareale bestehende Bausubstanz angerührt wird. Dann wurde im Jahr 2001 die Verordnung von 1991 plötzlich und ohne Vernehmlassung geändert. Der Verteilschlüssel betraf nun nur noch das unbebaute Gelände, während die bestehenden Bauten allein den Besitzern zufielen. Damit reduzierte sich der Anteil für öffentliche Anlagen auf 17 Prozent und jener für Sozialbauten auf beinahe null. Nun sah der Immobilienmarkt Renditemöglichkeiten und erwachte. In den letzten drei Jahren kam es in den alten Fabrikbezirken von Midtown Bombay zu einer rasanten Bautätigkeit. Die Skyline änderte sich zwar nicht so rapide und radikal wie in Schanghai, denn die Besitzer durften die Fabrikhallen weiterhin nicht abreissen. Doch nichts hinderte sie mehr daran, diese in Lofts, Büros, Galerien, Kegelbahnen, Restaurants, Hotels und Wohnungen zu verwandeln. Zusammen mit einem Bauboom in den nördlichen Vororten schien dies der Stadt plötzlich Luft zu geben. Die hohen Büropreise, die Bombay zeitweise mit Tokio wetteifern liessen und immer mehr Firmen aus der Stadt vertrieben, sanken und stabilisierten sich. Nur noch die Slums versperrten den Vertretern von «Bombay First» den Blick auf ihre «Vision Mumbai». Die Besitzer der Fabrikareale gaben keine Parzellen für billige Wohnungen her, und die Slums vermehrten sich weiter. Doch statt die Bauindustrie an ihre Verpflichtung für Sozialbauten zu erinnern, ereiferte sich die Elite über die Slumbewohner. «Als wären diese», so Ujjwal Uke, «nicht auch Bürger dieses Landes, die hier ihrer Arbeit nachgehen und Mieten zahlen, wenn auch dem Slum-Lord anstatt dem Staat.» Narinder Nayar, der Chef von «Bombay First», anerkennt zwar die Pflicht des Staats zur Unterbringung seiner Bewohner. Doch zur Abschreckung vor weiteren illegalen Siedlungen müssten die bestehenden zerstört werden. Da gebe es keine Diskussion. Diese seien illegal und dürften nicht weiter legalisiert werden. «Wenn jemand Hunger hat, gibt ihm dies denn das Recht, Brot zu stehlen?»

Eine einzigartige Chance

   Für den international renommierten Stadtplaner und Architekten Charles Correa hingegen haben die Reichen der Stadt versagt. Die Drittelformel sei eine einzigartige Chance gewesen, im historischen Zentrum der Stadt neue Wohn-, Arbeits- und Freizeiträume zu schaffen, zusammen mit Schulen, Spitälern und neuen Transportverbindungen. Nichts davon sei am Entstehen, nur Büroräume und unerschwingliche Kondominien. Dies sei eine Schande. «Falls die Mächtigen der Stadt dies nicht einsehen, gibt es wenig Hoffnung für Bombay», mahnt er. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Nach dem Stopp der Slumzerstörungen berief die Regierung eine Kommission ein, in der auch Charles Correa sitzt. Diese soll die Frage der Wiederansiedlung der Slumbewohner neu aufrollen und dabei auch die Frage der Erschliessung der Fabrikareale einbeziehen. Bombay mag nicht so schnell wie Schanghai in den Himmel wachsen. Aber wenn die Menschen dabei auf dem Boden bleiben können, ist dies nicht unbedingt eine schlechte Nachricht.